Vorträge, Texte, Veröffentlichungen


 

1. "Die Aktivitäten der Freimaurer"

Neuburg (lm) Wer als Club mit Goethe und Mozart punkten kann, hat schon mal nicht die schlechtesten Argumente auf seiner Seite. Mozarts "Zauberflöte" gilt ja gerade als Paradebeispiel, und wohl nicht zufällig wird auch an diesem Abend auf sie verwiesen - zur Rechtfertigung der Geheimniskrämerei, die Freimaurer um sich und ihre Organisation bis heute pflegen.
Seit fünf Jahren gibt's auch eine Loge von ihnen in Neuburg, die jetzt vorsichtige Schritte in die Öffentlichkeit wagt.
Freilich ist auch das Interesse daran überschaubar. Elf Personen waren beim ersten von weiteren noch geplanten Infoabenden im Hotel am Fluss zugegen, geschätztermaßen Mitglieder und Interessierte etwa in der Waage. Mit letzter Gewissheit weiß man dies nicht: Offiziell herrscht absolute Verschwiegenheit über die Mitgliedschaft. Es gebe gegenseitige Erkennungszeichen; "aber die im Internet sind es nicht", erfährt man. Nachdem die einzelnen Ortsverbände, Logen genannt, nach dem Vereinsrecht des Bürgerlichen Gesetzbuches organisiert sind, sind mit Rüdiger Walter Hackenberg jedenfalls der Vorsitzende und ein paar weitere Vereinsvordere namentlich benannt.
Am ersten Infoabend, zu dem der ehemalige Kemptener Stuhlmeister (bedeutet Ortsvorsitzender) Wolfgang Böhm (Foto) anreiste, erfuhr man viel über den ideologischen Unterbau der Organisation, die sich nachdrücklich zu den Werten des Humanismus bekennt und in ihrer heute vorherrschenden Ausrichtung ein Kind der Aufklärung ist. Toleranz und Brüderlichkeit rangieren da ganz oben, Freimauerei versteht sich als ein letztlich lebenslanger Selbsterkenntnis-Prozess. Dabei wird die heutige Zeit durchaus kritisch beäugt, wohin "Konsum und kommerzialisierte Spaßgesellschaft führen." Ein "Immer-mehr ist nur dann gut, wenn es die Zukunftsfähigkeit nicht gefährdet", lautet dazu ein Kernsatz des bayernweit beauftragten Freimaurer-Sprechers.
In ihren Wurzeln berufen sich die Freimaurer, erklärtermaßen eben eine "diskrete Gesellschaft", auf die geheimbündlerische Wissensweitergabe im mittelalterlichen Bauhüttenwesen. Ihre dann eher intellektuelle Ausrichtung erfolgte in der Zeit der Aufklärung, im Aufbegehren gegen feudalen Absolutismus. In den geheimen Zusammenkünften konnte sich der freie Geist entfalten, weshalb immer wieder gerade auch große Gelehrte hier Mitglieder waren. Lange mit päpstlicher Bannbulle belegt und sowohl im Dritten Reich wie dann auch in der DDR verboten, gab es bis in die jüngste Geschichte gute Gründe zu der ausgeprägten Geheimniskrämerei, die andererseits Gerüchteküche und Mythenbildung bis hin zu Verschwörungstheorien immer wieder beflügelt.
Und spätestens bei ihrer Spiritualität und den ausgeprägten Ritualen ist denn auch heute rasch Schluss mit der Mitteilsamkeit. Beim Bucklwirt in Sinning hat die Neuburger Loge zwischenzeitlich einen Raum angemietet, exklusiv für ihre monatlichen Zusammenkünfte, die, so viel wird noch gesagt, nach strengem Regelwerk, unter Anwesenheit von "Meistern" stattzufinden haben und wo es um "Tiefen der Erkenntnis" gehe. Was das alles mit aufklärerischem Geist und praktischer Vernunft zu tun haben soll, bleibt zumindest in Runde eins für den Außenstehenden noch nebulös.
Das Ritual könne man mit Worten nicht erklären, das müsse man erleben, wie man Mozarts "Zauberflöte" einfach erleben müsse, (die freilich gemeinhin im Öffentlichen sich ereignet.) Anders als viele Religionen, in der Spiritualität einander gar nicht so fremd, kenne die Freimaurerei als solche kein Heils-Versprechen und auch keine höhere Macht, der die Kraft zugesprochen wird, von Schuld freisprechen zu können. Genau in dem Punkt beginne eben "die Arbeit an sich selbst."

(Gerda Enghuber, "Donaukurier Neuburg a. d. D.", 28.11.2016)

  

2.
„Garten der Illuminaten“
Eichstätt
Am Ostersamstag lädt die Tourist-Information zu einer neuen Themenführung ein. Kaum ein Geheimbund beflügelt die Fantasie der Verschwörungstheoretiker und Buchautoren mehr als der Illuminatenorden. Spätestens seit dem Weltbestseller „Illuminati“ von Dan Brown sind die Illuminaten einer breiten Öffentlichkeit bekannt – und vollkommen verkannt. Eichstätt galt als eines der Zentren der Illuminaten. Hier hat Dompropst Ludwig Graf Cobenzl einen „Garten der Begegnung“ nach den Idealen der illuminatischen Idee errichten lassen. Bei der Führung erfahren die Teilnehmer mehr über die Absichten und Ideen dieses gar nicht so geheimen Geheimbundes. Die Führung beginnt am Samstag, 26. März, um 14.30 Uhr im Hofgarten am Brunnen vor der Sommerresidenz, dauert 90 Minuten und kostet vier, ermäßigt zwei Euro. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

("Eichstätter Kurier Nr. 67", Mo., 21.3.2016, S. 19)


                                                                   

3. Freimaurerloge „Freiheit am Finkenstein“ i. O. Neuburg a. d. Donau

Einladung zum Öffentlichen Vortrag im Restaurant "Rennbahn", Vinothek                                      
Pfalzstr. 63, 86633 Neuburg a. d. Donau

am Freitag, den 25. Oktober 2019, Beginn 19.30 Uhr

Otto Killensberger und Gerhard Schmid: GOETHE - "Faust" und Balladen"

Johann Wolfgang Goethe,
(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar) deutscher Dichter, Naturforscher, Staatsrat, Kriegsminister und Theaterintendant in Weimar.
Goethe stammte aus einer angesehenen bürgerlichen Familie; sein Großvater mütterlicherseits war als Stadtschultheiß höchster Justizbeamter der Stadt Frankfurt, sein Vater Doktor der Rechte und kaiserlicher Rat. Er und seine Schwester Cornelia erfuhren eine aufwendige Ausbildung durch Hauslehrer. Dem Wunsch seines Vaters folgend, studierte Goethe in Leipzig und Straßburg Rechtswissenschaft und war danach als Advokat in Wetzlar und Frankfurt tätig. Gleichzeitig folgte er seiner Neigung zur Dichtkunst, mit dem Drama Götz von Berlichingen erzielte er einen frühen Erfolg und Anerkennung in der literarischen Welt.
Als 26-Jähriger wurde er an den Hof von Weimar eingeladen, wo er sich schließlich für den Rest seines Lebens niederließ. Er bekleidete dort als Freund, Lehrer und Minister des Herzogs Carl August politische und administrative Ämter und leitete ein Vierteljahrhundert das Hoftheater Weimar. Die amtliche Tätigkeit mit der Vernachlässigung seiner schöpferischen Fähigkeiten löste nach dem ersten Weimarer Jahrzehnt eine persönliche Krise aus, der sich Goethe durch die Flucht nach Italien entzog. Es gab Meinungen, dass er wegen einer Liebes-Beziehung zu der Frau Charlotte von Stein, sie war Hofdame der Herzogin Anna Amalia, und schwärmerische Verehrerin von Goethe. Sie lernte diesen im November 1775 persönlich kennen und wurde, fast sieben Jahre älter als er und bereits Mutter von sieben Kindern, von ihm bald glühend geliebt. In ungefähr 1700 Briefen ist Goethes Liebe zu Charlotte von Stein dokumentiert. Es gibt aber auch Theorien, dass Anna Amalie die Geliebte gewesen sei, aber wegen des Standesunterschiedes dies nicht öffentlich werden durfte und somit die Kammerzofe Frau von Stein als Mittlerin herhalten musste.
Die zweijährige Italienreise empfand er wie eine „Wiedergeburt“. Ihr verdankte er die Vollendung wichtiger Werke
Goethe als Freimaurer. Es gibt hier gute Zusammenfassungen ein Vortrag, den der Freimaurer Otto Sauer im Frühjahr 2014 in einer Berliner Loge hielt; Quelle: UFL-Mitteilungsblatt Nr. 90 vom September 2014. Und dann den Eintrag im Internationalen Freimauer-Lexikon Lennhoff-Posner aus dem Jahr 1932. Aber auf diese gehe ich jetzt nicht ein.
Was besonders auffällt: Goethe war keineswegs zeitlebens als Freimaurer aktiv. Schon zwei Jahre nach seinem Eintritt in die Weimarer Loge „Anna Amalia“ als 31jähriger ‚Shooting Star’ wurde die Loge wegen innerer Streitereien geschlossen. Goethe tat sich dann noch ein wenig in der kurzlebigen ‚Strikten Observanz’ und bei den ebenso vorübergehenden „Illuminaten“. 1776 gründete Adam Weishaupt in Ingolstadt den Bund der Illuminaten. Obwohl er nur wenige Jahre bestand, ist er heute das Sinnbild der Geheimgesellschaft schlechthin. Um, aber bei der Freimaurerei zu bleiben, hatte er ein gutes Vierteljahrhundert Pause; ja er ging sogar spürbar auf Distanz zu ihr. Erst 26 Jahre später (1808) – Goethe war jetzt 59 – wurde die „Anna Amalia“ auf Veranlassung des Weimarer Herzogs und engen Goethe-Freunds Karl August und gegen die anfängliche Skepsis Goethes wiederbelebt, und ab jetzt war er ein wirklich aktiver Freimaurer. Allerdings: An den Logenarbeiten beteiligte er sich nur wenige Jahre, doch auch danach stellte er der „Anna Amalia“ und der Freimaurerei ganz allgemein seine dichterische Schaffenskraft und wohl auch sein Netzwerk bis zu seinem Tod zur Verfügung: In dieser Zeit schrieb er viele freimaurerische Texte.
Goethe verfasste neben vielen maurerischen Gedichten u. a. auch das Einweihungs-Märchen «Die grüne Schlange», eine Fortsetzung der «Zauberflöte», das Drama «Der Grosskophta» mit Cagliostro als Hauptrolle, «Faust» und den «Wilhelm Meister» mit zahlreichen maurerischen Bezügen, er war Mitglied der Loge «Amalia zu den drei Rosen» und der Illuminaten.
Jetzt zu Faust:
Während sich in der Populärkultur ältere Vorstellungen von Faust als Narr und Scharlatan hielten, geschah seit dem 18. Jahrhundert eine literarische Aufwertung des Fauststoffs. Der menschliche Zwiespalt zwischen der Kraft des Glaubens und der Sicherheit wissenschaftlicher Erkenntnis wurde zu einem Hauptthema. Faust ist der über seine Grenzen hinaus strebende Mensch und befindet sich im Konflikt zwischen egozentrischer Selbstverwirklichung und sozialer Anerkennung in einer stets noch religiös geprägten Welt.
 
Johann Georg Faust gilt als der berühmteste Einwohner der kleinen Stadt Staufen im Breisgau. Vor rund 500 Jahren verstarb der Alchemist und Magier auf mysteriöse Weise. Die Geschichte des Doktor Johann Faust und seines Pakts mit Mephistopheles, gehört zu den am weitesten verbreiteten Stoffen in der europäischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert. Das lückenhafte Wissen über den historischen Johann Georg Faust (wohl etwa 1480–1541) und sein spektakuläres Ende begünstigten Legendenbildungen und ließ Schriftstellern, die sich mit seinem Leben befassten, einigen Spielraum. Eigenschaften des Fauststoffs, die in den unterschiedlichsten Versionen wiederkehren, sind Fausts Erkenntnis- oder Machtstreben, sein Teufelspakt und seine erotischen Ambitionen.
Goethe begann die Arbeit an seinem Faust um 1770, angeregt von dem Prozess gegen die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt (deren Hinrichtung Goethe wahrscheinlich miterlebt hat), weshalb in dieser ersten, Urfaust genannten Fassung, die Liebestragödie um Gretchen im Vordergrund steht. Der Urfaust beginnt mit Fausts Monolog im Studierzimmer. Mephisto tritt auf, aber der eigentliche Teufelspakt fehlt. Nach der Szene in Auerbachs Keller nimmt die Gretchentragödie ihren Lauf; die Hexenküche und die Walpurgisnacht fehlen. Der Text wurde 1887 im Nachlass der Luise von Göchhausen gefunden und im gleichen Jahr von Erich Schmidt unter dem Titel „Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt“ herausgegeben.
Faust. Ein Fragment – Aus dem Urfaust entwickelte Goethe die Fassung Faust, ein Fragment, die 1788 vollendet war und 1790 gedruckt wurde. Gegenüber dem Urfaust ist das Faustfragment um einen Dialog mit Mephisto erweitert, in dem der Teufelspakt jedoch noch unausgesprochen bleibt. Neu hinzugekommen ist die Szene Hexenküche, dafür fehlt Gretchens Ende im Kerker. Neben der Liebestragödie um Gretchen wird die Tragödie des zweifelnden und scheiternden Wissenschaftlers sichtbar.
Faust. Eine Tragödie – 1797 fügte Goethe dem Fragment die einleitenden Szenen Zueignung, Vorspiel auf dem Theater und Prolog im Himmel hinzu. Die endgültige Fassung der bereits im Urfaust und im Fragment enthaltenen Szenen sowie die Ausführung der Walpurgisnacht erfolgten bis 1806. Das Werk ging als Faust. Eine Tragödie. für die Ostermesse 1808 in Druck. Aus der Geschichte um ein unglücklich gemachtes Mädchen und einen verzweifelten Wissenschaftler war ein Menschheitsdrama zwischen Himmel und Hölle geworden.
Faust der Tragödie zweiter Teil:
»Die  einzelnen Akte  im Faust II sind abgeschlossene Einheiten, die auch für sich funktionieren. Es sind fünf Sätze  wie in der  Musik.  Die Dramaturgie   ist kompliziert, da nicht  einfach  die Lebensgeschichte     Fausts  beschrieben    wird. Eher  lässt sich der zweite Teil des  Dramas so fassen, dass ein Mann  versucht,   sich  mit allen  Begabungen und Möglichkeiten, die er hat, zu realisieren. Dazu treiben ihn Unrast,  Neugier, das der Neuzeit angehörige Streben, Ungeduld, Lebensgier, Geldgier, Todesgier mangelndes Beharrungsvermögen und  der unabweisbare Drang, sein  Genprogramm bis ins letzte auszuleben, was bei einem einzigen Menschen aufgrund seiner körperlichen Begrenztheit normalerweise so gar nicht möglich ist.«
Bilder:  Faust I eine Tragödie:
Orte:
1. Zueignung
2. Vorspiel auf dem Theater
3. Prolog im Himmel -
4. Nacht: Verzweiflung -
5. Osterspziergang – Rettung - Begegnung mit dem Pudel
6. Studierzimmer - Mephistopheles  tritt auf
7. Pakt mit dem Teufel -
8. Auerbachs Keller - Ausschweifungen
8. Hexenküche  - Verjüngung
9. Begegnung Gretchen – Gretchentragödie - Valentins Ermordung
10. Wald und Höhle
11. Walpurgisnacht
12. Trüber Tag -
11. Gretchen im Kerker

   

 
 
Zitate:
"Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt, // Daß Blüt und Frucht die künftgen Jahre zieren." — Prolog im Himmel
Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen // Gewöhnlich aus dem Namen lesen." — Studierzimmer
"Das also war des Pudels Kern!" — Vers 1323 / Faust
 
"Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht, // Es findet uns nur noch als wahre Kinder." — Vers 212 f. / Lustige Person
 
"Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd, // Ein braves Weib sind Gold und Perlen wert." — Garten
 
"Dass ich erkenne, was die Welt // Im Innersten zusammenhält." — Vers 382 f. / Faust
 
"Dem Hunde, wenn er gut gezogen, // Wird selbst ein weiser Mann gewogen." — Vers 1174 f. / Wagner
 
"Den Teufel spürt das Völkchen nie, // und wenn er sie beim Kragen hätte." — Vers 2181 f. / Mephistopheles
 
"Denn was man schwarz auf weiß besitzt, // Kann man getrost nach Hause tragen." — Vers 1966 f. / Schüler
 
 
"Der Worte sind genug gewechselt, // Laßt mich auch endlich Taten sehn; // Indes ihr Komplimente drechselt, // Kann etwas Nützliches geschehn." — Vers 214 ff. / Direktor
 
"Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." — Faust I , Vers 765 / Faust
 
"Die Kirche hat einen guten Magen, // Hat ganze Länder aufgefressen // Und doch noch nie sich übergessen." — Vers 2836 ff. / Mephistopheles
 
"Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder." — Vers 784 / Faust
 
"Den Teufel halte, wer ihn hält! // Er wird ihn nicht so bald zum zweiten Male fangen." — Studierzimmer
 
"Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen (Franzosen) leiden, // Doch ihre Weine trinkt er gern." — Vers 2272 f. / Brander
 
"(Ich bin) Ein Teil von jener Kraft, // Die stets das Böse will und stets das Gute schafft." — Vers 1336 / Mephistopheles
 
"Es irrt der Mensch, solang er strebt." — Vers 317 / Der Herr
 
"Es lebe, wer sich tapfer hält!" — Vers 3370 / Mephistopheles
 
"Es war die Art zu allen Zeiten, // […] // Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten." — Vers 2560 ff. / Mephistopheles
"Gefühl ist alles; // Name ist Schall und Rauch." — Vers 3456 f. / Faust
 
"Grau, teurer Freund, ist alle Theorie // Und grün des Lebens goldner Baum." — 2038 f. / Mephistopheles
 
"Habe nun, ach! Philosophie, // Juristerei und Medizin, // Und leider auch Theologie! // Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. // Da steh ich nun, ich armer Tor! // Und bin so klug als wie zuvor." — Vers 354 ff. / Faust - Anfangsverse Faust I-Tragödie
 
"Heinrich! Mir graut's vor dir." — Vers 4610 / Margarete
 
"Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" — Vers 940 / Faust
 
"Ich höre schon des Dorfs Getümmel, // Hier ist des Volkes wahrer Himmel, // Zufrieden jauchzet groß und klein, // Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!" — Vor dem Tor
 
"Nur der ist froh, der geben mag." — Vor dem Tor
 
"Ja, aus den Augen, aus dem Sinn!" — Garten
 
"Mit Worten lässt sich trefflich streiten." — Vers 1997 / Mephistopheles
 
"Sünd und Schande // Bleibt nicht verborgen." — Vers 3821 f. / Böser Geist
 
"Was du ererbt von deinen Vätern hast, // erwirb es, um es zu besitzen. // Was man nicht nützt, ist eine schwere Last; // Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen." — Vers 682 ff. / Faust
 
"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, // Die eine will sich von der andern trennen." — Vers 1112 f. / Faust
 
https://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Eine_Trag%C3%B6die.#/media/Datei:
Auerbachs_Keller_Bronzegruppe_Faust.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Faust#/media/Datei:
Bundesarchiv_Bild_183-1989-0728-005,_Weimar,_St%C3%BCck_der_Faust-Sammlung.jpg



 
FAUST I
 
DER TRAGÖDE   ERSTER Teil
 
 
Vorspiel  auf  dem  Theater
Die Szene steht vor der eigentlichen Dramenhandlung wie ein doppeltes Rufzeichen: Indem sie eine  Diskussion zwischen  Theaterdirektor, Dichter und  lustiger Person,   also  Schauspieler,     zum  Inhalt  hat,  führt sie demonstrativ augenzwinkernd  Selbstbezüglichkeit vor. Zum anderen warnt  sie durch  die diskursive  Struktur  und die dreifache   Perspektive   von  Beginn  an vor vereinfachenden,  eindimensionalen Deutungen des nachfolgenden     Dramas.
 
Prolog  im  Himmel
Der  »Prolog  im Himmel«,  in dem  Mephisto, ein Teufel,  und der  Herr,  also Gott,   einen  Disput  über  Gut  und  Böse führen, zitiert  das »morality play«  des 17. Jahrhunderts.  Jedoch   erscheinen    die beiden   Protagonisten,     die um  die Verderbung    oder Rettung   Fausts  wetten,   nicht  als feindlich   sich gegenüberstehende,       einander   aus• schließende    Mächte.   Vielmehr   sind  sie  als komplementäre      Kräfte  eines  Ganzen neuzeitlich   verschränkt.    Diese  erste  Wette   bildet  zusammen   mit  dem  Kampf  um die Seele  Fausts  und ihrer Aufnahme   in den  Himmel  am Ende des 5. Akts  eine Art metaphysischen      Rahmen   um  das gesamte   »Faust«-Drama.     Im Himmel  des "Pro• logs« ist Gott   von  drei  Erzengeln   umgeben,   die in ernster   und  leichter   Weise  die Sphärenharmonie     besingen.
 
Nacht
Faust wird in das Drama eingeführt als Wissenschaftler voller Lebensekel und Überdruss. Er ist verzweifelt bemüht, die Enge und das Einzwängende seines  Professorenlebens, das sich  in hohen   Bücherwänden und  wissenschaftlichen Geräten  materialisiert, durch  Geisterbeschwörungen aufzubrechen    und sich selbst  auf magische   Weise zu entgrenzen. Doch  die  kurzzeitige   Erscheinung    des  Erdgeists, mit der  sich das Studierzimmer weitet und öffnet,  verschwindet    sofort  wieder  und lässt  Faust  als endgültig Gescheiterten zurück. Sein Selbstmordversuch, der  am Ende  der  Szene steht, wird durch den Auftritt seines  Famulus  Wagner ein  wenig hinausgezögert.  Doch  Faust verlangt  es nach Alleinsein. In einem  langen  Monolog wendet er sich schließlich  an die Giftphiole   und ergreift sie. Bevor er aber das Gift zu sich nehmen kann, ertönen die Kirchenglocken und der  Chor der Osternacht, die ihn durch  ihre  altvertrauten  Klänge vom Selbstmord abhalten und ihn in eine elegisch-sentimentale  Stimmung versetzen. Faust ist ein hochsensibler, beinahe künstlerischer    Charakter,    der  nicht  nur  intellektuell,   sondern   auch emotional   gewaltige  Möglichkeiten hat  und gleichzeitig ständig  gefährdet ist.
Goethe hat  Faust  als einen Mann  des deutschen Spätmittelalters konzipiert und gleichzeitig   als einen  »uomo  universale«  der  Renaissance. Zusätzlich hat Goethe dieser Zeitschicht um 1500 Anspielungen an seine eigene Zeit  unterlegt.
 
Vor dem Tor
Nachdem    sich  Faust  durch  die Gesänge   und  das Glockengeläut     der  Osternacht von  seinem Selbstmord hat abhalten lassen,  macht   er sich  am  Ostersonntag zusammen mit Wagner zu einem Spaziergang  vor das Tor auf. Mit ihm drängen Handwerksburschen, Schüler,  Dienst- und Bürgermädchen, Soldaten, Bettler und Alte, Bürger   und  Bauern in die Natur, das ganze  Stadt- und Landvolk  ist also »selber auferstanden«.  Eine Stimmung sexueller Erregtheit    ist überall  zu spüren. Nur  die Bürger  schwadronieren über Politik und Weltgeschehen, und  Faust erzählt Wagner von seiner dunklen Vergangenheit. Mit der Betrachtung des Sonnenunterganges entwirft Faust  großartige Sehnsuchtsbilder, und  schließlich begegnet er erstmalig Mephisto in Gestalt eines schwarzen Pudels.
 
Studierzimmer
Nachdem    Faust  in Begleitung   des  Pudels  erquickt   vom  Osterspaziergang      in sein Studierzimmer     zurückgekehrt     ist,  macht   er sich,  um seine  bereits   wieder  aufkei­ mende   Niedergeschlagenheit       zu bekämpfen,    tatkräftig    an die  Übersetzung    des Johannesevangeliums       »Am Anfang   war das Wort«.   Doch  der  Pudel,  der  Fausts Konzentration     durch   Knurren   stört,   beginnt   sich  zu verwandeln,    er schwillt  auf, füllt  schließlich    trotz   Fausts   abwehrender     Beschwörungsversuche       den  ganzen Raum  aus,  bis Mephisto    als »des  Pudels   Kern«  hervortritt.     Um  das  Studierzim­ mer  verlassen   zu können,   muss  Mephisto    einen  Trick anwenden.     Da  Faust  ihn nicht  gehen   lassen  will, schläfert   Mephisto   ihn mittels  des  balsamischen    Gesangs seines   Geisterchores      ein  und  entweicht.    Als  Faust  wieder  erwacht,   betritt    Me­ phisto  erneut   das Studierzimmer,     diesmal  reisefertig   als »edler Junker«   gekleidet. Er  unterbreitet  Faust  das  verlockende Angebot, zusammen mit  ihm fortzugehen,  um  das  Leben  außerhalb    des  Studierzimmers kennenzulernen.  Diese Szene lebt  von der  Spannung   zwischen  dem  Versprechen des Identitätswechsels und der schmerzhaften Einsicht  in die Identitätsunentrinnbarkeit. Der Pakt  zwischen Faust  und  Mephisto   resultiert    aus  Fausts Einsicht  in seine Unfähigkeit zum  Genuss: während Mephisto bestrebt ist, Faust alle Arten körperlicher Genüsse zuteil werden zu lassen, weiß Faust  sehr genau,  dass er durch  nichts  zu befriedigen   ist. Er glaubt an keinen  Augenblick von dem er sagen könnte,  »verweile  doch!  du bist so schön!«, So ist das einzige, was er von  Mephisto verlangt,   die extreme Beschleunigung, in der  es kein Verweilen und kein Atemholen mehr gibt. Falls es Mephisto gelingen sollte, Faust einen einzigen erfüllten Augenblick zu verschaffen, wird Faust gemäß den  Bedingungen des Pakts sterben. Schließlich wird Faust von Mephisto zur Vorbereitung   auf die Reise weggeschickt,  dieser hingegen verkleidet sich als Doktor   Faust  und beginnt  einen  ratsuchenden    Schüler  über  den  Charakter   der verschiedenen  Fakultäten aufzuklären. Nach dem Abgang  des Schülers   erscheint Faust wieder, der sich,  schüchtern  wie er ist, vor dem Aufbruch in die große  Welt fürchtet. Mephisto aber breitet tatkräftig den Zaubermantel aus, und schon fliegen beide durch die Lüfte in Richtung Auerbachs Keller.
 
Auerbachs  Keller  in Leipzig
Mephisto   will Faust  ins »volle Menschenleben«     hineinstoßen,    ihn durch  das »wilde Leben«  schleppen.   Zu diesem  zweck führt  er ihn in Auerbachs    Keller. Diese  Szene gehört   noch  zur Gelehrtentragödie.      Dass  Faust  sein neues   Leben  in einer  besonders  abgeschmackten     Kneipe  beginnen   soll, wirkt  einerseits   sehr  deutsch,   macht aber  andererseits    deutlich,   wie konsequent    Mephisto bei seinem  Verführungsprogramm zunächst    mit  der  »flachen   Unbedeutenheit« beginnt.    Die Szene  »Auerbachs  Keller« hat den  Charakter    eines  Rüpelspiels.   Vier  Gäste, junge Füchse  und alte  Herren,   lungern   herum,   trinken,   pöbeln,  schubsen sich,  singen  und trinken weiter.   Wenn   Faust  und  Mephisto   erscheinen,    versuchen die eingeschworenen Kumpane,   die Fremden   zu provozieren.  Faust,  der  in den  Gästen   herabgesunkene  Zerrbilder  seiner  Universitätsmitarbeiter erkennt,   möchte gleich wieder  gehen. Mephisto hingegen zaubert ihnen  vier verschiedene Weinsorten  aus dem Kneipentisch hervor. Als der  Wein zu brennen beginnt und sich die Zecher mit Messern auf Mephisto stürzen wollen,  beendet  dieser  das »Flammengaukelspiel« und  verzaubert die vier, die sich plötzlich in Italien, inmitten von Weinbergen wähnen.  Als sie wieder  zu sich kommen, sind die beiden  Fremden längst  verschwunden,  und  die Vier bleiben verwundert und verdattert zurück.
 
Hexenküche
Mephisto   führt   Faust  in die  Hexenküche,  um  ihn dort  durch   einen  Zaubertrank zu verjüngen.    Da die  Hexe  zunächst    unterwegs    ist,  treffen   die  beiden   Besucher nur  vier Meerkatzen  zu Hause  an. Faust  entdeckt    plötzlich  in einem   Zauberspiegel das  Idealbild der  Helena. Dieses Bild schlägt  ihn in Bann und wird ihn auch  im Laufe  des  Dramas nicht  mehr  loslassen.   Schließlich kehrt  die  Hexe  zurück  und beschwört den Zaubertrank    im magischen   Kreis, indem  sie das  Hexeneinmaleins spricht.   Kaum, dass  Faust  den Saft  getrunken hat,  fallen  die Jahre  von ihm ab, und als junger   Mann,  der sich nach wie vor kaum vom  Helena-Bild losreißen kann, wird er von Mephisto   aus der  Hexenküche    gezogen  zu neuen  Abenteuern.
 
Gretchentragödie
Die Gretchentragödie, der Prozesse von Kindsmörderinnen zugrundeliegen, stammt   von 1770/75,   also aus der frühen   Zeit  des  »Faust«-  Dramas.   Bei späteren Überarbeitungen hat Goethe nur wenig ergänzt.  Die einzelnen kurzen Szenen  der Gretchentragödie greifen  zunächst Girlanden artig ineinander und entwickeln dann, in einer spannenden Aufwärtslinie der Verführung, ein sogartiges Tempo.
Faust  spricht   Gretchen    auf der  Straße   unumwunden    an und versucht   zweimal mit  Erfolg,  sie durch  anonyme   Schmuckgeschenke      in Erregung   zu versetzen,    bis es ihm  schließlich   mit  Mephistos   lügnerischer    Hilfe  gelingt,  im Garten   des  Nachbarhauses,   bei Frau  Marthe,   Gretchens    erste  Küsse zu erringen.

An dieser Stelle stoppt der Gang  der Verführung,  da Faust sich grübelnd  in den
Wald und die  Höhle außerhalb der Stadt zurückzieht. Dies  ist das erste retardierende Intermezzo der  Gretchentragödie, in dem Faust Gretchens Untergang beschließt. Dieser entwickelt sich in einer ebenso  rasch  beschleunigten    Szenenfolge nun als Abwärtsbewegung,    als sogartige  Ausrottung   von Gretchens   ganzer  Familie. Sie bricht  unter  dem Anspruch, dem Idealbild Helenas genügen zu sollen, zusammen.
Gretchen, die unruhevoll auf die Rückkehr   ihres  Geliebten wartet, verwickelt ihn in ein Gespräch über Religion, dem Faust  eine fatale Wendung gibt: um endlich eine Nacht mit Gretchen verbringen zu können, gibt er ihr ein Fläschchen, angeblich mit Schlafmittel für ihre  Mutter, diese stirbt am Gift, Gretchen wird schwanger, und der Bruder Valentin wird von Faust und Mephisto erstochen.
Nach  dem zweiten großen Intermezzo,  der Walpurgisnacht, während derer Faust  eine Vision des enthaupteten Gretchens  erscheint, befindet sich Gretchen wegen  Kindstötung im Kerker und wartet auf ihre  Hinrichtung.
 
Wald und  Höhle
Faust  zieht  sich eremitenartig in die Natur  außerhalb   der  Stadt  zurück, um seinen Gedanken   nachhängen  zu können. Diese  Szene  stellt  eine  Mischung aus retardierendem Moment und Wendepunkt in der  Gretchentragödie  dar, von dem  ab sich die Zerstörung Gretchens und  ihrer ganzen Familie  beschleunigt. Zunächst   wendet  sich  Faust  in euphorischer,  dankbarer Stimmung an den Erdgeist, der es ihm ermöglicht, die »Reihe der  Lebendigen«, die große Kette  aller Wesen in der  Natur zu schauen. Dann jedoch   schlägt   Fausts  Haltung  wieder in Destruktivität  um, da er sich seiner Unfähigkeit zum  Genuss, seines unablässigen Unbefriedigt seins bewusst  wird.  Mit dem  Auftreten    Mephistos, der  Fausts  Naturversunkenheit      persifliert, beginnt  ein Streit  zwischen  den  beiden  Protagonisten.    Mephisto   macht   Faust Vorwürfe,  dass dieser  Gretchen, die sich vor Liebe verzehrt, im Stich gelassen habe, Faust  hingegen schwankt zwischen Rückzug und leidenschaftlicher  Destruktivität. Schließlich gewinnt sein Zerstörungswille die Oberhand,    und er weiht  Gretchen absichtsvoll und begierdenhaft dem  Untergang.
 
Walpurgisnacht
Die »Walpurgisnacht«-Szene ist von schnellen Wechsel der Atmosphäre geprägt. Auf halber Höhe des  Brockens geraten Faust und Mephisto zunächst in einen turbulenten Reigen von Hexen und  Hexenmeistern, dann ziehen  sie sich auf Mephistos  Geheiß   zu einigen   älteren   Herren,   Vertretern des »Ancienregime«,   zurück, werden jedoch vom lärmenden  Hexenstrudel bald  wieder  mitgerissen. Die Protagonisten gelangen aber nicht zum  Höhepunkt    des  Festes, dem  Arsch des Satans,  der  unsichtbar bleibt. Der Satan  ist in absichtsvolle Beziehung zum Gott der
»Bergschluchten«-Szene gesetzt,  zu dem alle hinschweben und der  doch  nicht  zu sehen  ist. Fausts  Visionen,  die Phantasmagorien     von Lilith und von Gretchen,    verändern  die Atmosphäre schlagartig:   durch  die plötzliche  Stille  und die schlafwandlerischen   Bewegungen   der Visionierten   entsteht    eine atemstockend-unheimliche, zerbrechliche    Stimmung   von großer   Kraft, die in die burlesken  Tanzszenen  mit derbem  Gesang  und den Auftritt   des  Proktophantasmisten      hineinstrahlt    und diese  atmosphärisch   unterminiert.
 
Trüber Tag. Feld
Diese  Szene,  die auf den Wirbel  des »Walpurgisnachtstraums«  folgt, ist geprägt von der Verzweiflung des ernüchterten Faust. Durch seine Gretchenvision während der Walpurgisnacht ist ihm langsam  ihr bedauernswertes Schicksal  zu Bewusstsein   gekommen, für das er nun Mephisto verantwortlich machen will. Daraufhin überbieten die beiden Protagonisten    sich in gegenseitigen Vorwürfen. Faust  verlangt  von Mephisto   die Rettung Gretchens aus dem Kerker,  was dieser  ablehnt. Schließlich aber  stellt  er Faust  doch  ein Mittel  zur Befreiung Gretchens in Aussicht.
 
Kerker
Die  »Kerkers-Szene stellt als Abschluss von Faust I einen Höhepunkt dynamischer  Dramatik dar. Gretchen hat  das gemeinsame  Kind umgebracht und wartet als Kindsmörderin im Kerker auf ihre Hinrichtung.  Faust öffnet das Gefängnis, um sie zu befreien und mit ihr zu fliehen.  Gretchen erkennt ihren  Geliebten zunächst nicht wieder, dann weicht sie, nachdem sie seine Stimme erkannt hat, vor seiner Distanziertheit zurück und weigert sich mitzukommen. Gretchen spricht verwirrt, gibt Faust  Anweisungen, wo sie zu bestatten sei, wie er das  Kind noch  retten könne, sie visioniert  ihre Mutter und ihre kurz bevorstehende Hinrichtung. Da ihr ein Leben  außerhalb   des  Gefängnisses    nicht  mehr  vorstellbar   ist,  verkriecht   sie sich regelrecht    im Kerker.  Mephisto   muss  Faust  am Ende  gewaltsam   aus dem  Gefängnis ziehen,  während  eine  Stimme   »von oben«  mit dem Vers  »Ist gerettet!«  bereits auf die metaphysische Ebene der »Bergschluchten«-Szene verweist. Eine Stimme sagt: Heinrich, Heinrich.
 
Faust II
Orte:


  1. Akt: Anmutige Gegend / Kaiserliche Pfalz. Saal des Theaters / Weitläufiger Saal (Karneval) / Lustgarten / Finstere Galerie / Hell erleuchtete Säle – Rittersaal /
  2. Akt: Hochgewölbtes, enges gotisches Zimmer / Laboraorium / Klassische Walpurgisnacht /
  3. Akt: Vor dem palast des Menelas zu Sparta / Innerer urghof / Schattiger Hain (Arkadien).
  4. Akt: Hochgebirg /Auf dem Vorgebirg / Des Gegenkaisers Zelt /
  5. Akt: Offene Gegend / Palast tiefe Nacht / Mitternacht / Großer Vorhof des Palasts
 

 


4. „Die Bedeutung des geschriebenen Wortes“

Der technische Fortschritt der Menschheit war Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht ganz so weit gediehen, wie wir es uns heutzutage wünschen würden.
 
Die ersten Fotografien entstanden nämlich erst im Jahre 1826 (Joseph Nicéphore Niépce), die erste Tonaufzeichnung gelang 1877 dem US-Amerikaner Thomas Alva Edison, und die ersten Filmaufnahmen wurden im Jahr 1870 vom Briten Eadweard Muybridge realisiert.
Wir hätten somit keinerlei Belege für wichtige Ereignisse, wenn nicht vor bereits etwa 6000 Jahren in Mesopotamien die Schrift erfunden worden wäre: Ein Anfang wurde damals mit der Keilschrift gesetzt.
Welch großes Glück und welch noch größeres Glück, dass der Mainzer Bürger Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts den Buchdruck technisch total revolutionierte!
Damit wurde ein völlig neues Kapitel in der Kulturgeschichte der Menschheit aufgeschlagen:
Das Buch - somit das geschriebene, nunmehr das genormte, gedruckte Wort - eroberte innerhalb von etwa vier Jahrhunderten die Welt!
  
Parallel zu den Büchern entstanden in der Folgezeit in Windeseile alle möglichen Varianten und Ableger, und dies in einer absolut unvorstellbaren Menge:
Flugblätter, Zeitungen, Zeitschriften, Comics, Telegramme, Telexe, Faxe, emails, SMS-Nachrichten, etc.
 
Die Menschheit hatte eine neue Lieblingsbeschäftigung entdeckt: das Lesen.
Es wurde weltweit nicht nur zur Grundlage der Wissensvermittlung par excellence, sondern auch zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen.
 
„Wikipedia“, die Online-Enzyklopädie,  schreibt dazu:
 
„Die Erfindung und Etablierung des Letterndrucks bildet einen bedeutenden kulturhistorischen Einschnitt, der eine grundlegende Informationsverarbeitung einleitete. (…) Das Lesen veränderte sich: Während Bücher zuvor laut (vor-) gelesen wurden, entwickelte es sich zum heutigen Stilllesen. Eine allgemeine Alphabetisierung begann und leitete  eine Bildungsrevolution ein. (…) Wissen wurde allgemein zugänglicher, da gedruckte Bücher preiswerter als die handschriftlich kopierten waren, da es mehr Exemplare eines Buches gab.“
 
Diese phantastische Entwicklung lief so lange und so intensiv, dass niemand ernsthafte Zweifel an einer Fortsetzung bis in alle Ewigkeit hegte.
Aber dann begann – heimlich, still und leise – eine neue Revolution: die der audiovisuellen Medien und des Computers:
 
Seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts erobern Fernsehen, Film, Videos, CDs, DVDs, Hörbücher, Computerspiele, nicht zu vergessen das Mobiltelefon, speziell bei der jungen Generation den Markt.
Sie versetzen dem Medium Buch einen empfindlichen Schlag nach dem andern und haben einen gewaltigen Schrumpfungsprozess eingeleitet, der begleitet wird von fast inflationär steigenden Buchpreisen.
 
Dazu kommt noch ein völlig neues Phänomen:
 
Immer mehr Menschen haben heutzutage richtiggehend Angst vor dem geschriebenen Wort:
Entweder weil sie ihre eigene Muttersprache nicht mehr richtig beherrschen, weil ihnen eine Rechtschreib- oder Leseschwäche mehr oder weniger schwer zusetzt, weil die audiovisuellen Medien sie vom Lesen von Büchern oder Zeitungen/Zeitschriften entwöhnt haben oder aber – was schlimmer ist - , weil sie den unschätzbaren Wert des geschriebenen Wortes nicht mehr erkennen können / wollen.
 
In Ray Bradburys utopischem Roman „Fahrenheit 451“ (erstmals veröffentlicht im Jahr 1953) ist den Bürgern der Besitz von Büchern oder ähnlichen Druckerzeugnissen streng verboten. Jeder, der Druckwerke besitzt, muss mit einer Feuerwehr-Razzia rechnen: Alle Bücher werden aufgespürt, konfisziert und an Ort und Stelle öffentlich verbrannt. Der Buchbesitzer wird festgenommen und muss sich einer psychiatrischen Spezialbehandlung unterziehen.
Lebensnotwendige Informationen jeglicher Art erhalten die Bürger dieses totalitären Staates – natürlich stark gefiltert – ausschließlich über das Staatsfernsehen:
Eine Bildwand ist Teil eines jeden Privathaushalts. „Durch das Familientheater wird Partizipation und Familiarität der Bevölkerung inszeniert. Die Bindung an das (totalitäre) System und die Indoktrination von dessen Werten und Normen erfolgt … unter dem Deckmantel von harmloser Unterhaltung.“ (Zitat von der Website der Uni Magdeburg: Filmanalyse „Fahrenheit 451“)
Das Staatsfernsehen bringt nur Propagandameldungen (z.B. über den Krieg, in welchem sich das Land befindet) bzw. seichte Unterhaltungssendungen.
Die Parole lautet: „Die Menschen wollen glücklich sein. Das ist es, wofür wir alle leben … für das Vergnügen, den Nervenkitzel …“
Jeder, der sich gegen diese Parole wendet, wer die anderen Bürger durch Konflikttheorien und tiefschürfende Gedanken in einem Sturzbach von Melancholie und trübsinniger Philosophie ertränken möchte, wird unnachsichtig als Staatsfeind bekämpft (Zitat übersetzt aus Originaltext)
Die Romanfigur Clarisse McClellan – eine junge Frau – ist das Paradebeispiel dafür:
Sie will nämlich nicht wissen, wie etwas getan wird, sondern warum.
Captain Beatty, der Dienstvorgesetzte des Romanhelden Guy Montag, stellt dazu lakonisch fest, dass die Menschen zu viele Fragen stellen und sich in ein großes Unglück stürzen, wenn sie nicht schnell damit aufhören.
Clarisse – nach Beattys Ansicht eine Zeitbombe für die Gesellschaft – wird von der Staatsgewalt eliminiert, d.h. ermordet, bevor sie größeren Schaden anrichten kann.
 
Guy Montag lehnt sich gegen das Verbot des Buchbesitzes auf, verschafft sich illegal eine Reihe von Büchern, welche er nachts heimlich liest, und wird schließlich von seiner Ehefrau Linda denunziert, die ihn aus Angst vor Strafe wegen Mitwisserschaft verlässt.
Als Captain Beatty mit seiner Mannschaft und dem Flammenwerfer anrückt und Montag verhaften will, sieht letzterer – ganz im Sinne von Albert Camus - den Zeitpunkt zum Handeln endgültig gekommen und revoltiert:
Er verweigert den Gehorsam und richtet die tödliche Waffe kompromisslos gegen Beatty.
 
Nach einer abenteuerlichen Flucht vor der Polizei gelingt es dem Staatsfeind Montag, in ein Niemandsland zu fliehen, wo sich die Menschen damit beschäftigen, Werke der Weltliteratur wortwörtlich zu memorieren. An diesem Projekt nimmt er dann auch selbst teil.
 
„Fahrenheit 451“ ist mehr als ein utopischer Roman:
 
Er erinnert uns stets daran, welch ungeheure Bedeutung das geschriebene, das gedruckte Wort für die Kultur der Menschheit besitzt:
Ohne schriftliche Aufzeichnungen aus der Vergangenheit wären wir nichts als eine geist- und hirnlose, schwammige Masse des Vergessens, des Verdrängens: eine Juxgesellschaft!
Ohne Bücher wären all unsere unschätzbaren philosophischen, naturwissenschaftlichen, historischen, soziologischen, literarischen, sprachlichen, künstlerischen Erkenntnisse der letzten paar Jahrtausende längst unwiederbringlich verloren.
 
1971 startete der US-Amerikaner Michael Hart das „Project Gutenberg“, bei dem bislang ca. 20.000 Werke der Weltliteratur eingescannt und somit digitalisiert worden sind. Ähnliche Projekte für praktisch alle Sprachen der Welt laufen seit mehreren Jahrzehnten.
Man kann sich diese Texte im Internet gratis herunterladen, auf der Festplatte eines Computers oder auf einem anderen, relativ widerstandsfähigen Datenträger (CD, DVD) speichern und nach Belieben darauf zurückgreifen.
 
Aber:
Schutz vor verrückten Attentätern, vor indoktrinierten Feuerwehrmännern wie in „Fahrenheit 451“  bieten auch diese Sicherungskopien nicht: 
 
CD- und DVD-Rohlinge sind zwar aus Metall, der Gewalt des Feuers können jedoch auch sie nicht widerstehen.
 
Vielleicht wäre es deshalb gar keine so schlechte Idee, wenn in Zukunft möglichst viele Menschen dieser Welt möglichst viele erhaltenswerte Werke der Weltliteratur in möglichst vielen Exemplaren memorieren würden – so wie die „lebenden Bücher“ am Ende von Ray Bradburys utopischem Roman.
 
Um ganz sicher zu gehen.     
 
(Peter Krauß, Ingolstadt, Vortrag am 19.01.2008)    
 


 

5. "Die Illuminaten"

Der Stifter des Illuminatenordens, Adam Weishaupt, Professor des Naturrechts und des Kanonischen Rechts an der Universität in Ingolstadt, Sohn des Universitätsprofessors Johann Georg Weishaupt, war weder Priester noch ein Apostat, und alles, was ihn mit der katholischen Geistlichkeit verband, war die Tatsache, dass er seine klassischen Studien in einem Jesuiten-Kollegium absolvierte.
Ja, die Mathematiker entdeckten eine kuriose Tatsache: Wer etwas sehr genau beobachtet, sieht weniger, als wenn er eine Brille hat, die ihm das Geschehen leicht unscharf zeigt.
Die Anfangs- und Endbuchstaben von Illuminaten sind I und N, ergo IN, sollte das ein Zufall sein?
Also jetzt wirklich: die Fakten.
Weishaupt, Johann Adam Joseph * 06.02.1748 in Ingolstadt, ~ 18.11.1830 in Gotha ~ mit 1) 11.07.1773 Afra Sausenhofer *ca. 1755 in Eichstätt ~ 08.02.1780 in Ingolstadt. Mit 2) Anna Maria Sausenhofer *ca. 1757 in Eichstätt. ~ 28.11.1843 in Gotha.
Vater von Adam Weishaupt war der Professor an der Universität Ingolstadt Johann Georg Weishaupt *24.04.1716 in Brilon (Westfalen) ~ 20.09.1753 in Heiligenthal bei Würzburg.
Seit dem frühen Tod des Vaters nahm sich der Universitätsdirektor Johann Adam von Ickstatt, bei dem auch der Vater bereits studierte, seines Patenkindes an. Er formte den frühreifen und begabten Schüler und Studenten im Geiste des Rationalismus und einer philanthropisch-eudä-monistisch-utiliaristischen Aufklärung.
Kann ich jetzt auch nicht so genau erklären, aber macht doch nichts. Oder?
Weishaupt besuchte 1755-62 das Jesuitengymnasium und absolvierte 1764 glanzvoll das phil. Univ.biennium. Ich sollte wirklich Nachhilfe in Fremdwörtern nehmen.

 

Während des anschließenden Studiums der Rechte zählte er zum engsten Schüler- und Freundeskreis des jungen Professors für Natur- und Völkerrecht: Peter von Ickstatt, eines Neffen des Universitätsdirektors. Nach erfolgreicher Promotion (1768) wirkte Weishaupt als Repetitor bei Peter von Ickstatt; in dessen Todesjahr (1771) erschien seine erste juristische Publikation. Im folgenden Jahr verschaffte Johann Adam von Ickstatt seinem Schützling Weishaupt gegen starken Widerstand der Fakultät ein Extraordinariat für Natur-und Völkerrecht.
Die Societas Jesu wurde im Jahre 1773 aufgehoben, besser bekannt als Jesuiten oder auch als die Gesellschaft Jesu. Die Jesuiten hatten von ihrem Ursprung an das Studium der Philosophie als unentbehrliche Grundlage der theologischen Ausbildung betrachtet und dementsprechend gefördert. Im süddeutschen Raum war, seit Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Aufhebung des Ordens der Jesuiten, wie bereits gesagt im Jahre 1773, die Ingolstädter Universität, aus der übrigens die heutige Ludwig-Maximilians-Universität München hervorgegangen ist, ihr wichtigstes philosophisch-theologisches Studienzentrum. Ingolstadt lag zu dieser Zeit exakt im Wegkreuz zu den wirklich wichtigen geistigen Zentren, den Universitäten, in der Nord – Süd- und Ost – Westachse: ein Wegkreuz, Symbolik hin oder her. Alle die von einer Universität zur anderen reisen wollten, mussten erst einmal über Ingolstadt hinweg. Der geistige Austausch war in diesem Knotenpunkt natürlich besonders gegeben.
Schon 1549 kam Petrus Canisius mit zwei anderen Jesuiten nach Ingolstadt und las dort drei Jahre lang Theologie. Seit 1561 lehrten an der Ingolstädter Philosophischen Fakultät mit kurzer Unterbrechung regelmäßig Jesuiten.

 

1588 wurde die Philosophischen Fakultät von Herzog Wilhelm V. ganz dem Orden übertragen. Von Ingolstadt aus hatte man 1573 in München ein eigenes philosophisches Studium auch für Jesuitenstudenten errichtet, das so als erster Vorläufer der heutigen Form der Hochschule angesehen werden kann. Von München kehrte es allerdings wenige Jahre darauf nach Ingolstadt zurück, wo die Vorlesungen der Jesuiten denen an der Universität gleichgestellt waren. Die kraftvolle Entwicklung der Ordensstudien in Ingolstadt wurde durch die Aufhebung des Ordens im Jahre 1773 hart abgebrochen. Im Jahre 1773 erreichte er, der Johann Adam von Ickstatt, sogar die Berufung von Weishaupt auf den bisher von Jesuiten besetzten Lehrstuhl für Kanonisches Recht in der juristischen Fakultät. Daneben lehrte Weishaupt auch in der Philosophischen Fakultät Kirchengeschichte (1774 - 1777), praktische Philosophie und Naturrecht (1775 - 1784), Moralphilosophie (1777 - 1784) und Geschichte der Philosophie (1784/85). Er, der Weishaupt, Johann Adam Joseph, war 1775/76 Dekan der juristischen Fakultät und 1777/ 78 Rector Magnificus.
Die Urteile der Zeitgenossen über Weishaupt klingen zwiespältig. Durch zynische Arroganz, ruheloses und jähes Temperament, Streit-und Prozesssucht schreckte Weishaupt auch Gleichgesinnte ab.
Bei den Professoren der „Antijesuitenpartei von 1773, derer er sich zunächst angeschlossen hatte, galt er schon bald als unzuverlässiger Querulant und Karrierist. Zeitweise verband er sich um 1775 sogar mit den Exjesuiten um Benedikt Stattler und brach damals selbst mit seinem Protektor Ickstatt. Andererseits war Weishaupt erfolgreicher und angesehener Rektor, ein eindrucksvoller und beliebter akademischer Lehrer, auch Verfasser wirkungsvoller Denkschriften im Universitäts- wie im Eigeninteresse. Erneuten Plänen für einen Umzug der Universität nach München trat er 1779 scharf entgegen. War er doch in Ingolstadt geboren und somit Lokalpatriot.
Mit einigen älteren Studenten gründete Weishaupt am 01 .05.1776 in Ingolstadt den pseudo-freimaurerischen Geheimbund der „Perfektibilisten, bald schon „Illuminaten genannt. Die Gründung des Bundes der Perfektilibisten war übrigens schon lange vorbereitet worden, fand dann trotzdem überstürzt statt, da ein geflissentlicher Akquisiteur der Gold- und Rosenkreuzer ihm die akzeptabelsten Kandidaten abzuwerben drohte.

 

Ach übrigens, Mitglied in einer Loge zu sein, war zu dieser Zeit eher ein Volkssport als eine innere oder äußere Auszeichnung. Von den Jesuiten übernahm Weishaupt die hierarchische Struktur, rigorose Moral und Disziplin, Überwachungsmethoden, ausgefeilte Systeme für Selbst- und Kollektiverziehung. Doch Inhalte und Ziele waren radikal – aufklärerisch und im Grunde revolutionär.
Emanzipation von traditionellen religiösen wie politischen Bindungen, gewaltfreie Okkupation von Staat, Gesellschaft, Kirche auf dem Weg umfassender Unterwanderung der Schaltzentren in Politik und Verwaltung, Erziehung und Bildung. Publizistik, auch der
Freimaurerei.
Die ursprünglich langsame Steigerung der Mitgliederzahlen: Februar 1778: 9,
Juli des gleichen Jahres: 25,
Dezember: 40 und
ein Jahr später: 60 Mitglieder
war durchaus in der Absicht Weishaupts, der die Qualität des Bundes nicht um den Preis der Quantität opfern wollte.
Bereits um 1780 hatte sich der Geheimbund in München und anderen bayerischen Städten fest etabliert. Ungeahnten Aufschwung nahm er zwischen 1781 und 1784, nachdem sich Weishaupt eng mit dem norddeutschen Publizisten und Juristen Adolf Freiherr von Knigge verbunden hatte. Knigge war zu der Zeit Freimaurer in der Frankfurter Loge „Zur Einigkeit, nachdem er übrigens 1773 in Kassel Freimaurer geworden war, also 3 Jahre vor der Gründung der Illuminaten ).
In rein äußerlicher Anlehnung an Formen ritterlich-esoterischer Hochgradfreimau rerei entwarf Knigge ein attraktives Illuminatensystem. Weishaupt wollte seinen Orden dagegen absolut geheim halten, das heißt nicht nur seinen Zweck, die Namen der Mitglieder und seine Handlungen, sondern sogar überhaupt seine Existenz, was ihm, bis zur Denunziation durch abgespaltene Mitglieder, auch gelang.
Freiherr Adolph von Knigge (vor nunmehr 250 Jahren geboren) war also seinerzeit Freimaurer in der Frankfurter Loge „Zur Einigkeit, galt als einer der besten Kenner der Freimaurerei mit weitreichenden Beziehungen.

 

So konnte er nach seiner Anwerbung durch den Marquis v. Constanzo nach eigenen Angaben innerhalb kürzester Zeit aus Freimaurerkreisen über 500 Mitglieder für den Illuminatenbund werben. Im Übrigen hatten die Illuminaten Ihren Schwerpunkt inzwischen nach München (genannt „Athen) verlegt.
Knigge und Weishaupt hatten eine Verbindung im Geiste.
Weishaupts Vater starb früh und er hatte da so seine Defizite. Knigge war nicht sehr viel besser dran. Verbinden tat sie der schwärmerische Gedanke der Aufklärung. Doch dies ist ein anderes Thema.
1781 beendete von Knigge die Streitigkeiten zwischen Weishaupt und dessen engsten Vertrauten, die auf Weishaupts autoritären und streitsüchtigen Führungsstil zurückzuführen waren , und gab dem Orden im Jahre1782 eine neue innere Struktur, die sich in 3 Klassen und darin jeweils mehrere Stufen gliederte.
Die mittlere -Maurerklasse genannt- enthielt als erste Stufen die 3 Grade der Johannismaurerei -Lehrling, Geselle, Meister-. Ziel war zum einen die Unterwanderung von Freimaurerlogen, die Weishaupt und sein engster Vertrauter Zwack zuerst bei der Münchner Loge „Karl Theodor zum guten Rath mit großem Erfolg praktizierten, zum anderen diente dies der Geheimhaltung, die Weishaupt sehr viel strenger als die Logen seiner Zeit ausübte und als wichtigste Voraussetzung seiner Arbeit ansah. Daher kannten auch nur die Mitglieder der höchsten Mysteriengrade die Person des Ordensgründers, die anderen leitenden Mitglieder und den eigentlichen Sinn des Ordens.
Bei dem 1782 in Wilhelmsbad bei Hanau stattfindenden Konvent, dem bedeutendsten Kongress deutscher und europäischer Freimaurer in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, bei dem die bisherige Grundlage der Strikten Observanz (und damit der Hochgradsysteme), nämlich die Templertheorie, aufgegeben wurde, gelang es Knigge über Mittelsmänner (er selbst weilte in Frankfurt) einige der wichtigsten Köpfe der Strikten Observanz, ja sogar ihren Großmeister, für den Illuminatenorden anzuwerben und die Strikte Observanz damit auszuhöhlen und zu unterwandern.
Diese starke Verbreitung war aber der von Weishaupt gewünschten und als Voraussetzung für politische Veränderungen betrachteten internen Solidarität abträglich, da sich viele Mitglieder untereinander gar nicht kannten.

 

Da eine so starke Persönlichkeit wie die des Freiherrn von Knigge den Einfluss Weishaupts verringerte, kam es bereits 1784 zur Trennung zwischen den beiden.
Binnen kurzem verbreitete sich aber der Orden fast über ganz Deutschland und die Habsburger Lande als auch ins Ausland aus. Zentren im Reich wurden insbesondere Residenz- und Universitätsstädte. Lediglich Ingolstadt („Eleusis der illuminatische Deckname) blieb als ihr Sitz des Ordensoberhauptes Weishaupt bewusst im Hintergrund. Doch auch hier gewannen Illuminaten Einfluss auf Statthalterei, Stadtverwaltung und innerhalb der Universität vor allem auf die philosophische und die juristische Fakultät, auf Universitätsbibliothek und -archiv sowie auf das Stipendienwesen. Mit seiner überernährten Ausdehnung hatte der Illuminatenorden seine Kräfte fatal überspannt. Seit 1783/84 setzte der Niedergang ein: gekennzeichnet durch den Bruch zwischen Weishaupt und Knigge, die Abspaltung „patriotisch“ - bayerischer Mitglieder und publizistische Enthüllungen. Noch waren Zugehörigkeit und Rolle von Weishaupt unbekannt.
Seine Entlassung vom Ingolstädter Lehrstuhl zu Ende des Sommer - Semesters 1785, ausgesprochen am 11.02.1785, erfolgte zunächst aus anderen Gründen. Weishaupt verzichtete sofort auf Professur und Pension, floh,
seine Ehefrau war derzeit hochschwanger,
am 16.2.1785 nach Nürnberg und bald schon in die Reichs- und Reichstagsstadt Regensburg.
Am 02.03.1785 erging Kurfürst Karl Theodors erstes Verbot gegen die Illuminaten und auch die Freimaurer. Doch erst nach der Entdeckung zahlreicher Illuminatenschriften ab Juli 1785 wurde Weishaupt. als Gründer als auch Oberhaupt des Geheimbundes entlarvt. i
Weishaupts Nachfolger, Graf Stolberg, verfügte die Einstellung der Ordenstätigkeit; 1785 erlosch der Orden. Ein kleiner Einschub: 1906 gründete auf Initiative von Theodor Engel, dem Historiker, der über den Illuminaten-Orden geschrieben hatte, ein gewisser Theodor Reuss den Neuen Illuminaten-Orden und schuf dessen Lehrplan und Organisation. Zunächst wurde das Brauchtum vom alten Illuminaten-Orden übernommen, doch gründete Theodor Engel schon bald unabhängige, sogenannte frei arbeitende Illuminaten-Logen, etwa die Loge Adam Weishaupt zur Pyramide in Berlin-Schöneberg.

 

Diese Logen hatten mit Freimaurerlogen nichts zu tun. In die höheren Grade wurden allerdings nur Freimaurermeister aufgenommen. Ein abgespaltener, nordamerikanischer Zweig des Ordens lehnte jede Verbindung mit Freimaurerorganisationen ab.
Ordenssitz war Berlin mit Theodor Engel als Ordensmeister. 1933 wurde der Illuminaten-Orden aufgelöst. Heute bearbeitet noch eine Gruppe in der Schweiz die Illuminatengrade.<ii
Aber zurück zum Lebensweg des Ordengründers
Als Legationsrat mit Sitz Gotha genoss Weishaupt in Regensbur Immunität und entfaltete ungewöhnliche publizistische Aktivitäten zu Erhellung und Rechtfertigung des Ordens wie der eigenen Rolle un Person. Im philosophischen Streit um Kant bezog er damals klar eudämonistisch - utilitaristische Gegenpositionen. Hab ich es nicht bereits gesagt, dass ich Nachhilfe in Fremdwörtern bedarf?
Der kategorische Imperativ nach Kant geht übrigens so: „Handle so dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip eine allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“iii
Neue bayerische Auslieferungsforderungen ließen ihn im Augus 1787 bei Herzog Ernst dem II., einem treuen Illuminaten, in Goth Schutz suchen. Von hier aus suchte er in die heftigen publizistische Auseinandersetzungen um den Illuminatenorden einzugreifen Hoffnungen auf einen mitteldeutschen Universitätslehrstuh zerschlugen sich. Nach Karl Theodors Tod im Februar 1799 ernannte Kurfürst Max IV. Joseph den einstigen Illuminate Maximilian von Montgelas zum leitenden Minister. Zahlreiche Ex - Illuminaten wurden rehabilitiert und nach Maßgabe ihrer Fähigkeite sogar in Schlüsselpositionen, auch auf Lehrstühle der Universitä Ingolstadt/Landshut, berufen.
Weishaupt allerdings blieb persona ingrata und jede geheimgesellschaftliche Tätigkeit in Bayern verboten. Weishaupt und seine Familie erhielten jetzt jedoch finanzielle Hilfe aus München; di vier Söhne durften sogar in bayerische Dienste treten.
Die      Zuwahl      als       korrespondierendes    Mitglied     in     die
BayerischeAkademie der Wissenschaften verdankte Weishaupt 1807
deren neuem Generalsekretär, dem Gothaer
Altertumswissenschaftler Friedrich Schlichtegroll.

 

In den folgenden Jahren empfahl sich Weishaupt der bayerischen Regierung immer wieder vergeblich als wirtschafts- und außenpolitischer Berater und Mentor. Jedoch lief seine, dem Weishaupt, Johann Adam Joseph seine, der pro -österreichischen Haltung, der Politik Montgelas’ klar zuwider.
So blieben 1811 Schlichtegrolls Bemühungen um eine Berufung von Weishaupt, dem Weishaupt, Johann Adam Joseph seine Berufung, nach München an die Akademie in den Ansätzen stecken. Ein Aufsatz vom „Johann Adam Joseph“, nämlich mit dem Titel „Erinnerungen auf die Äußerungen eines denkenden Mannes über die Hindernisse der baierischen Industrie und Bevölkerung“ für Lorenz von Westenrieders neunten Band der „Beyträge zur vaterländischen Historie, Geographie und Statistik“ wurde 1812 von der Regierung unterdrückt.
Weishaupt verbrachte auch seine letzte Lebensspanne als Privatmann in Gotha, wo er am 18.11.1830 verstarb.
Soviel also zu den Fakten. Kommen wir zu den Fiktionen.
Nein! Fiktionen ist ein eigenes Fremdwort, was ich deroselbst sogar buchstabieren kann!
Nahezu alle Endzeitmystiker bedienen sich der Begriffe – Illuminaten – Freimaurer – Weltherrschaft.
Aber woher beziehen sie dieses Wissen, dieses tiefgreifende Urwissen über die Dinge, die unsere Welt beherrschen?
Sicherlich nicht aus meinen gerade erzählten Fakten, die so gesehen, ziemlich genaue Fakten sind.
Hier wird wild Fakt und Fiktion (oder auch Wunsch nach Innerem oder nach Äußerem) durcheinandergewürfelt und so lange passend aneinandergereiht, bis es passt. Und zwar jeweils genau so, wie es der lieben Seele Ruh im Augenblick bedarf.
Das Auge in der Pyramide auf dem 1 Dollar – Schein! „Nur weil Du nicht paranoid bist, brauchst du doch nicht denken, dass sie nicht hinter dir her sind!“ iv

 

Wenn man weiß, dass die überwiegende Anzahl der Verfassungsgebenden US - Abgeordneten Freimaurer waren, nebst George Washington selbst, und dass das Auge in der Pyramide nichts anderes als ein Symbol für Gott, oder wie wir Freimaurer sagen, für ein höheres Wesen ist, tja, dann fällt schon mal hier die Erkenntnis von der geheimen Weltregierung in sich selbst zusammen. Die Verfassung der USA mit ihrer Verankerung der Menschenrechte und Gewaltenteilung ist das Werk englischer, französischer und deutscher Freimaurer - die Namen Benjamin Franklin, George Washington, der Marquis de Lafayette und Friedrich Wilhelm von Steuben mögen hier stellvertretend genannt werden. Die meisten Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung waren ja Freimaurer. Diese Grundsätze gelangten später dann über die Französische Revolution, die Paulskirchenversammlung von 1848 und die Nationalversammlung von 1919 bis in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unter aktiver Mitwirkung von Freimaurern. Freiheitskämpfer auf allen Kontinenten, wie Simon Bolivar, Lajus Kossuth, Giuseppe Garibaldi, Gebhardt Leberecht Fürst von Blücher, Gerhard Scharnhorst, Graf Neidhart von Gneisenau und der Freiherr von Stein gehörten ebenso zu ihnen, wie zahllose Vertreter des Geisteslebens von Mozart über Lessing, Goethe, Fichte, Herder, Wieland, Claudius und Chamisso bis hin zu Carl von Ossietzky und Tucholsky.
Aber die Illuminaten regieren doch im Geheimen die Welt! Auch falsch. Der Orden der Illuminaten hat sich selbst überlebt und deswegen auch sang- und klanglos aufgelöst. Selbst ein Herr Goethe hatte im Alter nur noch Spott und Häme übrig für seine, wenn auch zweifellos schwärmerischen, Gedanken zu seiner eigenen Mitgliedschaft bei den Illuminaten auf Zeit.
Was bleibt? Ist es nicht ein Zeichen für uns, liebe Zuhörer, die sie mir so intensiv gefolgt sind
„Und das will ich hoffen!
dafür, dass wir uns, wenn wir nur wollen, uns regelrecht verrennen in Hirngespinste, die umso nachvollziehbarer werden, je intensiver wir uns darauf versteifen, oder einlassen wollen.

 

Ach ja die Zahl 23! Robert Anton Wilson und Robert Shea haben 1975 mit ihrer Illuminatus -Trilogie den Grundstein gelegt. In einer schrillen bekifften Mischung aus Science-Fiction - Roman und Polit-Thriller schufen die beiden Autoren den Illuminaten-Mythos vom Geheimbund, der die ganze Welt unterjochen will. Ein Mythos, der zum Kult und zu einem Bestandteil der modernen Pop-Kultur wurde. Andere Autoren zogen nach: Larry Burkett ("Die Illuminaten") oder Claus Ritter ("Kampf um Utopolis"). Dan Brown.
Ingolstadt Theresienstrasse Nummer 23. Eine Gedenktafel an der Fassade, rechts, erinnert daran, dass sich hier einmal der Versammlungsraum der Illuminaten befunden hat. Hier hat er übrigens auch gewohnt, Sie wissen schon, wen ich meine. Später war hier dann einmal eine jüdische Synagoge. Vielleicht bezieht ein sogenannter Herr Jan van Helsing ja sein, in Anführungszeichen, detailliertes Wissen über die sogenannten, im Internet viel verbreiteten, Gedanken über die Weltherrschaft der Illuminaten hiermit. Seine publizierten Gedanken gehen nicht zuletzt mit der herbeigeredeten Weltherrschaft derer von Rothschild einher.
Unter dem Pseudonym Jan van Helsing, angelehnt an Bram Stokers Dracula-Jäger, veröffentlicht er seine Bücher. 1995 veröffentlichte er das Buch "Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert". Ein Bestseller, der sich über 100 000 Mal verkaufte, bis er hierzulande wegen Volksverhetzung indiziert und verboten wurde. Ein Gericht sah es als erwiesen an, dass Jan Udo Holey, wie der Autor im bürgerlichen Leben heißt, in seine abenteuerliche Mixtur aus machtgierigen Geheimbündlern, außerirdischen und historischen Gestalten auch unverhohlen antisemitische Theorien hatte einfließen ließ.v
Allerdings bestreitet just dieser Jan van Helsing ebenso die jüngste deutsche Vergangenheit. Literatur zur Ausschwitzlüge wird ebenso unter dem gleichen Markennamen Jan van Helsing verbreitet, wie ebensolche recht rechts orientierte Hassliteratur gegenüber der Freimaurerei und jedem Freimaurer. Die Pop-Gruppe „Die Ärzte hat mit Ihrem Song – Schrei nach Liebe – ein würdiges Hörbeispiel zu diesem Thema abgegeben. Textauszug:
„...Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe
Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit
Du hast nie gelernt dich zu artikulieren
und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit
Ohhoho !!! Arschloch...“vi

 

Auch ein gewisser Herr Leo Taxil, eigentlich mit richtigem Namen Gabriel Jogand – Pagès, soll hier erwähnt werden.
TAXIL, Leo, geboren am 21. März 1854 in Marseille und in einer Korrektionsanstalt von den Jesuiten erzogen, dann extrem radikaler Agitator und Publizist, gründete zahlreiche Freidenkervereine und trat 1881 dem Freimaurerbunde bei, aus dem er bald schon im allerersten Grad, als Lehrling, wegen Streitigkeiten wieder ausschied. Heute würde man sagen hinausgeschmissen wurde. Taxil leistete bis zum 23. April 1885 in der Bekämpfung des Klerikalismus ganz Unglaubliches, unter vielfacher Hervorhebung des Schlüpfrigen. Am genannten Tage vollzog er zur Verwirklichung einer Mystifikation der katholischen Kirche seine angebliche Bekehrung, die als solche eines Freimaurers (wie gesagt, er war nur abgebrochener Lehrling) von den Klerikalen als Triumph gefeiert wurde und ihm eine Audienz beim Papst erwirkte, den er vorweg für seinen Plan gewinnen musste, wenn der Plan gelingen sollte. Sich an die "Enzyklika Humanum genus" anlehnend, fasste er die klerikalen Gegner und die großgezogene Leichtgläubigkeit bei ihrem Hass gegen die Freimaurerei und mit der Würze gläubig - frommer Redensarten.
Sein erstes Werk, die "Drei - Punkte - Brüder" (1885), in dem, wie in den späteren, Wahres mit Falschem gemischt war, erregte ungeheures Aufsehen und warf ihm reichlichen buchhändlerischen Gewinn ab. Nachdem der Weg gebahnt schien, setzte Taxil, unterstützt von einer 'Anzahl von Mitarbeitern, in einer Anzahl von Schriften die unglaublichsten Dinge in die Welt, "frei aus dem Handgelenk erfunden", die wie ein Evangelium geglaubt und von der Jesuitenpresse in der ganzen Welt weiterverbreitet wurden, hinter ihm her Legionen von Anhängern, Laien und Abbes, Bischöfe und Kardinäle. Von anderen Fabeln niederer Art abgesehen hatte Taxil einen ganzen Roman erfunden, in dem zwei Frauen eine Rolle spielten -Sophie Walder -, ein Ausbund von Schlechtigkeit, die einen Teufel zur Mutter hatte, und eine Miss Vaughan, eine Luciferianerin und Großmeisterin der Palladisten (gemeint sind die Freimaurer, was aber so nicht stimmt. Der Orden vom Palladium ist ein eigenes Thema).
Diese bekehrte sich nachher und veröffentlichte die "Memoiren einer Expalladistin", unter deren Firma sich die Taxilsche Ware, darunter auch pornographische, in christliche Familien und Klöster, auch in Frauenklöster, und die katholische Welt mit den saftigsten Teufelsgeschichten erbaute.

 

Diese Miss Diana Vaughan hat sich angeblich nach ihren Bekenntnissen zur römischen Kirche bekehrt, weil sie empört war über den von den Freimaurern (Palladisten) getriebenen Satanskult, der schon in einem Hirtenwort des Regensburger Bischofs spukte, sowie über die Entweihung von Hostien. In diesen Memoiren regte Taxil einen internationalen Kongress zur Zerschmetterung der Freimaurerei an, eine Idee, die mit Begeisterung aufgenommen wurde. Zahlreiche Geistliche in Frankreich, in Italien und anderswo bildeten Ausschüsse zur Vorbereitung des –Antifreimaurer - Kongresses 1896 in Trient, der ein klägliches Ende nahm. Vorher hatte nämlich Margiotta, ebenfalls ein angeblich bekehrter Freimaurer, ein in vielen Auflagen erschienenes Buch veröffentlicht, von dem unter dem Titel "Die zentrale Leitung der Freimaurerei und ihr derzeitiges Oberhaupt" in Paderborn eine deutsche Übersetzung erschien. Dagegen trat Findel in der Gegenschrift "Katholische Schwindel" (Leipzig 1896) auf, worin er die Behauptung einer Zentralleitung des Bundes zurückwies, indem er den Palladismus­und Vaughanschwindel aufdeckte. Enthüllungen, die der Jesuitenpater Gruber, der Übersetzer der "Drei- Punkte-Brüder", weiterführte und ergänzte. Schließlich gestand Taxil am 19. April 1897 in Paris unter dem Lärm seiner getäuschten Zuhörer, dass er nur den Versuch gemacht habe, der Welt zu zeigen, wozu die katholische Leichtgläubigkeit und die grenzenlose Dummheit fähig ist. Die Rolle der Miss Vaughan musste seine Schreiberin (heute umgangssprachlich Sekretärin) spielen. Diese Selbstenthüllu ng erfolgte früher, als es beabsichtigt war, weil er nach eigenem Geständnis die Mystifikation nach dem Erscheinen von Findels Schrift nicht gut weiterführen konnte. Man hatte indes selbst versucht, die ganze Sache als eine freimaurerische Mystifikation darzustellen, und ganz ist der Glaube an die Wahrheit der Taxilschen Schwindeleien nicht geschwunden, wird vielmehr in klerikalen Kreisen noch vielfach aufrechterhalten und genährt, trotzdem Taxil nachträglich mit dem großen Bannfluch vom Papst belegt worden ist.vii
Sie sehen, dass ich zwar zugegebener Maßen von den Illuminaten im zweiten Teil meines Vortrags etwas ausschweifig abgewichen bin. Aber mir war das mal wichtig, auch etwas über das Missverhältnis im Verständnis Illuminaten zu den von den Illuminaten zeitweise unterwanderten Freimaurern zu berichten. Und wie sich dieses Missverhältnis dann auch noch schön weitergesponnen hat.


Übrigens trage ich einen sehr rechtschaffenen Namen. Norbert (bekannt im Norden), Friedrich (der friedensreiche), Lorenz (der mit Lorbeeren gekränzte), Zepter. Der Name Zepter kommt nicht nur in der Bibel überaus häufig vor, am liebsten ist mir das Bibel - Zitat: „...Sein eisernes Zepter wird sie zerschlagen, und wie Töpfe wird Er sie zerschmeißen, dass auch ihr Gedächtnis von der Erde verschwinden muss....“. viii Nein so was! Selbst unser großer Dichter Herr Schiller konnte in seinem Werk „Kabale und Liebe nicht hinfort, das Wort Zepter sogar zweimal zu erwähnen.
Wie auch immer. Glauben Sie nach diesem Vortrag, was Sie wollen. Mein Opa hieß übrigens Adam mit Vornamen und auch nicht Zepter, sondern Henrich. Und ich selbst habe mit zwei Freunden anlässlich des 750 Jahre Umzuges in Ingolstadt den Adam Weishaupt und die Illuminaten dargestellt. Das können Sie jederzeit im entsprechenden Bildband verifizieren. Der Fotograf hat zwar vergessen, das entsprechende Bild während des Umzugs von uns zu erstellen, aber nach freundlicher Bittstellung seitens des Fotografen konnte ich aus privaten Beständen das später veröffentlichte Foto beisteuern. Meine zwei Weggefährten auf diesem Bild haben übrigens, wie Sie in dem Bildband sehen können, Ihre Brillen die ganze Zeit des Umzugs aufbehalten. Obschon es seitens der Organisatoren strikt verboten war. Aber ätsch, doch nicht für uns.
Ich werde mich jetzt kurz entmystifizieren und stehe Ihnen, meine werten Zuhörer, für eine hoffentlich fruchtbare Diskussion zur Verfügung.
>Hand übers Gesicht< Augenzwinkern >Hand übers Gesicht<ix
 

(Norbert Zepter, Öffentlicher Vortrag, Ingolstadt 11.12.2002)

QUELLEN:
i Biographisches Lexikon
der Ludwig- Maximilians- Universität München
Herausgegeben von
Laetitia Boehm, Winfried Müller Wolfgang J. Smolka, Helmut Zedelmaier
Teil I: Ingolstadt-Landshut 1472 -1826
Mit einem Beitrag von Christoph Schöner; Die "magistri regentes" der Artistenfakultät 1472-1526
Redaktionelle Bearbeitung: Winfried Müller und Michael Schaich
Duncker & Humblot . Berlin
ii www.freimaurer.org
iii Kant, I.: Kritik der praktischen Vernunft. Werkausgabe in 12 Bänden, Hrsg. V. W. Weischedel. Bd. 7. Fran kfurt am Main 1989, S. 140.
iv DAS LEXIKON DER VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN, Titel der Originalausgabe: Everything is under Control. ROBERT ANTON WILSON mit Miriam Joan Hill. ISBN 3-821 8-1595-7
v www.freimaurerei.ch
vi DIE ÄRZTE, Schrei nach Liebe, Produziert von Hoffmann und den Ärzten, Artwork von Scharwel, 1993 Metronome Musik GmbH, Hamburg
vii Die verborgene Welt der Geheimbünde
Ulrich Rausch, Lizenz - Ausgabe 2002
ISBN 3-8289-0414-9
viii Jes. 37,22
ix Norbert F.L. Zepter Menzelstr. 2 a
D - 85049 Ingolstadt GERMANY

6. „Der Preis der Freiheit“

Dublin, Ostermontag, 24. April 1916:
Militante irische Republikaner versuchen, die Unabhängigkeit Irlands von der Kolonialmacht Großbritannien gewaltsam zu erzwingen. Sie wehren sich – wieder einmal - gegen die jahrhundertelange Unterjochung und Versklavung ihres Volkes. Sie erheben sich gegen permanentes Unrecht, das im Jahr 1171 seinen Anfang nahm. In jenem Jahr landete der englische König Henry II mit einem großen Heer auf der irischen Insel und begann mit der sogenannten Eroberung eines Landes, das ihm nicht gehörte. Die Briten beuteten das irische Volk systematisch aus und zwangen ihm ihre Sprache und Kultur auf. Es gab zwar immer wieder Versuche, das Joch abzuschütteln, aber im Endeffekt blieben diese erfolglos. Das „British Empire“ konnte nicht besiegt werden. Das Unrecht blieb bestehen.
Beim Osteraufstand von 1916 erobern ein Teil der „Irish Volunteers“ unter Patrick Pearse und eine Gruppe der „Irish Citizen Army“ unter James Connolly verschiedene Gebäude in Dublin – speziell das Hauptpostamt – und proklamieren die unabhängige irische Republik. Gleichzeitig werden die verschiedenen Widerstandsgruppen zur „Irish Republican Army“ verschmolzen.
Am Freitag, den 28. April findet in der King’s Street ein letztes großes Gefecht statt. 5000 britische Soldaten, ausgestattet mit gepanzerten Fahrzeugen und Artillerie, benötigen 28 Stunden, um knapp 150 Meter gegen 200 Rebellen vorzurücken. Das britische „South Staffordshire Regiment“ ersticht Zivilisten und erschießt Menschen, die sich in Kellern verstecken.

Am Morgen des 29. April ist der Aufstand zu Ende: Pearse und Connolly ordnen die bedingungslose Kapitulation ihrer Kämpfer an, da sie den Tod von weiteren Zivilisten vermeiden wollen.
Die Zahl der Opfer des Aufstandes sind schwer abzuschätzen:
Ca. 500 britische Soldaten  und ca. 1000 irische Aufständische (einschließlich Zivilisten) sind eine realistische Zahl.
Die Innenstadt von Dublin wird zum Großteil zerstört.
Als die gefangenen Rebellen am Sonntag, den 30. April von einem Gefängnis in ein anderes verlegt werden, führt man sie zu Fuß durch Dublin. Vor allem in den ärmlichen Gegenden werden sie verspottet und beschimpft.
Insgesamt werden ca. 3000 sog. „Verdächtige“ verhaftet. Viele von ihnen bringt man in Internierungslager in Wales.

Auf direkten Befehl des Kabinetts in London geschieht die Bestrafung der 15 Haupträdelsführer (unter ihnen alle sieben Unterzeichner der Osterproklamation) schnell, geheim und brutal:
Ein Kriegsgericht verurteilt sie zum Tod durch Erschießen. Die Exekutionen finden in der Zeit vom 3. bis 12. Mai statt.
Die harten Maßnahmen der Briten verstärken die antibritische Stimmung in Irland erheblich.
Bei den Wahlen zum britischen Unterhaus im Dezember 1918 erlangt die von Sinn Féin getragene Unabhängigkeitsbewegung 73 der 106 irischen Sitze.
Im Januar 1919 treten in Dublin irische Abgeordnete zu einem Nationalparlament (Dáil Éireann) zusammen.
Sie erklären die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien und richten eine Regierung unter Eamon de Valera ein. (Er war zwar am Osteraufstand 1916 beteiligt, aber als amerikanischer Staatsbürger der Exekution knapp entkommen.)
Großbritannien akzeptiert weder die Unabhängigkeitserklärung noch die  irische Regierung.
Es kommt somit zum Irischen Unabhängigkeitskrieg, einem erbitterten Guerillakrieg, der von 1919 bis 1921 dauert. Wie viele Menschenleben er auf beiden Seiten fordert, weiß man nicht. Aber die Schätzungen bewegen sich in der Größenordnung von knapp 2000.
Am 11. Juli 1921 gibt es endlich einen Waffenstillstand und in den Folgemonaten Verhandlungen, die am 6. Dezember 1921 in den Anglo-Irischen Vertrag münden.
Eine knappe Mehrheit des irischen Parlaments nimmt am 7. Januar 1922 den Vertrag an, und am 6. Dezember 1922 kann die Verfassung des „Irischen Freistaates“ in Kraft treten.


Der Preis für die Freiheit: Tausende von  Menschenleben und unsägliches Leid für die Angehörigen der Opfer.
Hat sich das wirklich gelohnt? 
Ich selbst war vor vielen Jahren für ein Trimester als Austauschlehrer an einer High School in Dublin tätig, interessiere mich seitdem sehr für irische Geschichte und konnte damals mit vielen Menschen über den anglo-irischen Konflikt sprechen.
Ich habe keinen einzigen Iren getroffen, der meine Frage verneint hat.

(Peter Krauß, „Der Preis der Freiheit“, Sinning 12.03.2019)
 


7. "Das Vorurteil"

 

In jeder maurerischen Arbeit kommt dieser Begriff auffordernd vor. Davon frei zu sein. Von etwas frei zu sein drängt die Wahrnehmung in eine Blickrichtung. Da ist etwas, wovor ich mich hüten soll. Schlecht ist es. Böse sogar und verhängnisvoll. Woher kommt diese negative Neben­schwingung? Es klingt nach voreilig, unfertig. Es unterliegt einer urtei­lenden Macht. Einer selbsternannten Macht. Eigene Gedanken sind un­erwünscht. Gefährlich.
 
Es wird Zeit, dass ich mal wieder zum Gedankenaustauschplatz gehe. Freilieb, mein freundlicher Gedanke dritten Grades half mir oft weiter. Mal sehen, ob er am Straßenschild des Platzes auf mich wartet. Verspro­chen hat er es mir jedes Mal, wenn unser Gespräch zu einem fruchtbaren Ende gekommen war.
 
Bevor ich mich mit warmen Socken auf den Weg mache, blättere ich im Brockhaus. Sinnvolle Gespräche setzen klare Definitionen voraus. Es führt schneller zum Punkt, wenn jeder weiß, wovon der andere spricht. Wenn er den Mund aufmacht und dem Luftstrom seiner prallgefüllten Lunge eine hörbare Struktur aufzwingt. Gesteuert durch ein Organ in der Hirnschale. Beim Menschen soll das besonders hochentwickelt sein. Klingt verdächtig nach Vorurteil.
 
„Vorurteil ist eine kritiklos übernommene Meinung, die einer sachlichen Begründung nicht standhalten kann.“ Da haben wir den Salat!  Wer be­stimmt, was Sache ist? Alle rufen zur Sache, wenn es kritisch wird.  Eine Sache ist ein Ding, ein lebloser Gegenstand. Materie. Tot. Fest, flüssig oder gasförmig. Elektrizität ist vor dem Gesetz keine Sache. Gehirne ar­beiten elektrisch.
 
Im regennassen Dschungel schwirrender Wortungeheuer bahne ich mei­nen Weg zum Gedankenaustauschplatz. Es wird heller. Licht lenkt mei­ne Schritte. Ich schaue nach vorne und wundere mich, dass das hinter mir Liegende mich hierher gebracht hat. Es war wohl wichtig. Doch der sehnsuchtsvolle Blick vieler Menschen in die bessere Zukunft wirft die Vergangenheit wie ein Tempotaschentuch auf den Müllhaufen der Geschichte.
 
Leben findet hier und jetzt statt. Gegenwart ist ewig. Fordern Anführer uns immer auf, etwas für die Zukunft zu tun, weil sie unfähig sind, die Gegenwart zu verbessern? Handeln kann ich nur in der Gegenwart. Wovon soll ich abgelenkt werden? Ob mir Freilieb weiterhelfen kann?
 
Dichtes Gedränge auf der Straße zum Gedankenaustauschplatz. Alle streben in eine Richtung. Anders als sonst üblich. Kein Gedanke bleibt stehen. Keiner sucht Blickkontakt zu seinen Nebengedanken. Alles so ordentlich. Kein Querläufer. Kein Rückblicker. Starre Blicke nach vorne. Es ist kalt. Graue Nebelschleier kriechen zwischen den steifen Gestalten hin­durch. Sehr eigenartig. Ungewohnt. Anders. Was geht hier vor sich? Transposition? Kontrolle?
 
Ein Gedicht von Michel Houellebecq:
 
„Die Gesellschaft ist dasjenige, das für Unterschiede sorgt
Und für Kontrollprozesse
Ich lasse mich kurz im Supermarkt sehen,
Ich spiele meine Rolle sehr gut.
 
Ich stelle meine Unterschiede heraus
Ich beschränke meine Ansprüche
Und ich klappe den Kiefer auf,
Meine Zähne sind ein bisschen schwarz.
 
Der Preis der Dinge und der Wesen wird durch einen
transparenten Konsens definiert
An dem Zähne,
Haut und Organe mitwirken,
Die verblühende Schönheit.“
 
Schrecklicher Gedanke. Zukunft ist die verblühte Gegenwart. Wird sie je reif sein? Läuft sie ewig um wie das Glied einer Panzerkette?
 
Die Gedankengestalten stauen sich. Bewegungen werden langsamer. Ab­stände verringern sich. Erste ungewollte Berührungen ereignen sich. Bli­cke starr nach vorn. Weiter so. Moderne Kunst?
 
Ein Gedicht von Michel Houellebecq:
 
„Friedliche Stimmung im Hof
Schwarzhandel mit Videos vom Krieg im Libanon
Und fünf westliche Männchen
Diskutierten über Humanwissenschaften.“
 
Da ist was dran. Woran erinnert mich das? Einer handelt mit dem Kör­per. Schafft Tatsachen. Vernichtet. Einer handelt mit dem Geist. Schafft Utopien. Vernichtet auch.
 
Die Gedankenmassen stehen still. Von hinten werden sie enger aneinan­dergedrängt. Starrer Blick nach vorne. Kleine Bewegungen ausnützend erreiche ich eine Gasse. Leer. Niemand zu sehen. Vorsichtig gehe ich weiter. Ein kleiner Laden mit Bildern in der Auslage. Er verspricht auf seinem rostigen Schild „Schönheit für Alle“.
 
Schönheit. Da war doch was. Ein aufgeschlagenes Buch im Schaufenster. Überschrift: Schönheit rettet. Ich lese in einem Bildband von Ulrich Schaffer:
 
„Manchmal rettet mich die Schönheit vor mir selbst,
vor der Enge, in die ich gelaufen bin.
In ihrer befreienden Größe wachse ich.
 
Auf der Breitwand des Meeres
reisen zwölf Kormorane auf einem Baumstamm
durch das Graublau des Wassers und der Luft.
 
Am Horizont lässt ein schmaler gelber Streifen die Sonne durch.
Plötzlich ist Licht auf allem,
und niemand muss erleuchtet sein, um zu leuchten.
 
Die Adler suchen mit stechendem Blick
das Meer nach Fischen ab.
Dann steigen sie in immer größeren Kreisen auf
und verwandeln den Himmel zu einem Gewölbe mit ihrem Flug.
 
Große Wolken bilden Kontinente, die sich ineinander schieben,
ohne Grenzen, ohne Kontrollen, ohne Feindschaft,
leichte und luftige Tiere, die auf blauen Wiesen grasen.
 
Ich reise mit den Kormoranen,
ich werde unbeschreibliches Licht,
ich wohne in der Wölbung des Himmels,
ich lege den Kampf ab, werde leicht
und erkenne meine Fähigkeit zur Schönheit.
Ich betrachte meine Hand,
die in ihrem Mut zuzupacken schön ist.
Ich muss nicht suchen.
Heute bin ich gesegnet, zu finden.“
 
Ein ausgestopfter Adler sticht mir mit seinen Glasaugen ins Gehirn. Freundlich aufmunternd erzeugt er einen Gedanken: „Oh, du Wurm. Umwickle dich mit schönen Gedanken und reife zu einem wunderbaren Schmetterling. Erfreue dich am Besuch vieler Blüten. Achte auf dich und respektiere jene, welche sich wundern, im Sumpf kriechend um liebevol­le Zuwendung betteln zu müssen. Gehe du deinen Weg. Sie haben einen anderen gewählt. Mehr als deine Schönheit zu zeigen ist müßig. Den Weg macht jeder selbst zu seinem eigenen.“
 
An meinem rechten Ärmel zupft es. Nach rechts drehend wende ich mei­nen Kopf und blicke in das freundlich lächelnde Antlitz von Freilieb.
 
„Was machst du denn hier?“, frage ich ihn erstaunt.
 
„An deinem Ärmel zupfen und fragen, was du hier machst“, lacht er mich an.
 
„Ich bin auf dem Weg zum Gedankenaustauschplatz. Ich wollte dich was fragen.“
 
„Da komme ich her. Es wurde mir zu eng.“
 
„Wie das?“
 
„Von allen Straßen drängen die Gedanken auf den Platz. Alle so steif im Nacken und starr im Blick. Seltsame Geschichte.“
 
„Das fiel mir auch auf. Fast unheimlich diese starre Vorwärtsbewegung. Ich habe mich rechts rausschieben lassen und hatte eine aussagekräftige Begegnung mit diesem Vogel.“ Ich nicke über die Schulter nach links zum Schaufenster. „Und worum ging es?“ frage ich weiter.
 
„So viel ich mitbekommen habe, soll ein Nobelpreisträger einen Vortrag über schnelles und langsames Denken halten. Vielleicht sind alle deswe­gen so angespannt, um einen guten Zuhörplatz zu ergattern. Schließlich sind wir ja alle Betroffene.“
 
„Da hast du recht“, pflichte ich ihm bei und füge hinzu: „Ich habe sein Buch schon gelesen und wollte mich mit dir darüber unterhalten.“
 
„Was für ein Zufall“, meint Freilieb fröhlich und blinzelt mir zu.
 
„Suchen wir uns doch einen gemütlichen Platz, wo wir ein wenig plau­schen können“, schlage ich vor und zeige die Gasse hinauf, wo ein paar Tische und Stühle einladend auf uns warten.
 
Wir bestellen uns einen Tee und ich versuche zusammenzufassen, was Daniel Kahneman in vielen Jahren psychologischer Forschungsarbeit über die Funktionsweise menschlicher Gehirne herausgefunden hat.
 
„Im Menschenhirn arbeiten zwei kognitive Systeme. System 1 arbeitet automatisch und schnell, weitgehend mühelos und ohne willentliche Steuerung. System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Tätigkeiten, die auf sie angewiesen sind, darunter auch komplexe Berechnungen. Zum Beispiel 71 mal 37. Das Ergebnis fordert Zeit. Die Operationen von System 2 gehen oftmals mit dem subjektiven Erleben von Handlungsmacht, Entscheidungsfreiheit und Konzentration einher.“
 
Wir trinken einen Schluck Tee.  Ich fahre fort.
 
„Beispiel. Den Gesichtsausdruck eines Menschen nehme ich wahr und ordne ihn ein als heiter gelöst, angespannt konzentriert, wütend, traurig oder was es sonst noch geben mag. Gehört zum System 1. Habe ich gera­de nichts Besseres vor, meldet sich vielleicht System 2 und macht sich Gedanken darüber, warum das Gesicht so aussieht, wie es auf mich wirkt. Oder ein Krokodil schnappt sich mit seinem System 1 meinen Arm und drückt mich mit System 2 so lange unter Wasser, bis ich verzehrge­eignet ertrunken bin.“
 
Freilieb unterbricht mich: „Pass auf! Jetzt stehst du an der Abzweigung zum Vorurteil.“
 
„Darüber wollte ich mich ja mit dir austauschen. Unser System 1 schickt mich oft an der Kreuzung mühelos automatisch in die Straße des Vorur­teils. Ich habe das Gesicht und das Krokodil nicht sachlich untersucht. Es ist ja schon vorbei. Vergangenheit. War es wichtig für mich? Eher nicht. Oder doch?“
 
„Sage das nicht,“ meint Freilieb und fährt fort: „Alles, was dir begegnet und auf sich aufmerksam macht, ist erst einmal wichtig. Ob es wirklich wichtig ist, entscheidet dann nach angeborenen und angelernten Filtern dein System 2. Du brauchst keine Angst haben. Die Masse von Ein­drücken landet sofort auf dem Müll. Keine bekannten Muster vorhan­den. Aber ein verdächtiger Rest wandert in einen Speicher. Dieser Inhalt hilft dann deinem System 1 bei der nächsten Begegnung schneller zu handeln und das Krokodil hat das Nachsehen.“
 
Lange atme ich aus. „Wenn ich dich richtig verstehe, mache nicht ich mir einen Gedanken. Gedanken sind da und ich nehme sie durch einen äußeren Reiz angestachelt erst wahr.“
 
„Richtig.“ Stolz - Klammer auf – Vorurteil – Fragezeichen – Klammer zu – und lächelnd schaut mir Freilieb in die  Augen. Weil eine Katze miaut, dreht mein System 1 meinen Kopf zu ihr hin. Da ist es wieder. Das spiegelnde Dreieck von meiner ersten Begegnung mit Freilieb und dem Kind auf dem Gedankenaustauschplatz vor einigen Jahren. Verwundert wandern die Katzenblicke zu Freilieb und mir hin und her. Unsere Blicke treffen sich. System 1 greift ein und schließt zeitgleich unsere Lider. Klirrend fällt der Spiegel zu Boden und zerbirst mit hochtönendem Kreischen. Das Rückenfell der Katze stellt sich auf, ihr Schwanz verdoppelt seinen Durchmesser, sie rennt los. System 1 im Einsatz. Sys­tem 2 sieht die Lücke im Zaun. Gerettet vor den herum hüpfenden Glas­splittern verschwindet die Katze im Vorgarten.
 
(Dieter E. J. Soller, Sinning 03.03.2018)