Hans-Hermann Höhmann: "Freimaurerei (1)"

Hans-Hermann Höhmann
Freimaurerei
Analysen, Überlegungen, Perspektiven (Teil 1)
© Edition Temmen 2011
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Gesamtherstellung: Edition Temmen
ISBN 978-3-8378-4028-5
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.
Umschlaggestaltung: LEAD COMMUNICATIONS GmbH & Co. KG, Köln
Zum Andenken an
Rudolf Friebe
Hermann Höhmann
Friedrich Heller
Inhalt
Vorwort 9
Zur Einführung
Freimaurerei in Deutschland: Ein Überblick im Kontext 12
von Geschichte, internationalen Entwicklungen und
freimaurerischen Konzeptionen
Zur neueren Geschichte der Freimaurerei in Deutschland
Europas verlorener Friede, die national-völkische 51
Orientierung innerhalb der deutschen Freimaurerei
und die »freimaurerische Erinnerungspolitik« nach
dem Zweiten Weltkrieg
Deutsche Freimaurerei nach 1945 – Wiederaufbau zwischen 88
Neuorientierung und alten Strukturen
Sozialwissenschaftliche Analysen zur Freimaurerei
Habitus, soziales Feld, Kapital – Freimaurerei im Lichte 115
der Soziologie Pierre Bourdieus
»The Means of Conciliating true Friendship« – 132
Freimaurerei als Sozialkapital
Diskurse und Betrachtungen zum Verhältnis zwischen Freimaurerei,
Politik, Kultur und Gesellschaft
Der deutsche Freimaurerdiskurs der Gegenwart: 152
Was ist, was will, was soll die Freimaurerei?
»Von Gott und der Religion« – Zum Religionsdiskurs 179
in der deutschen Freimaurerei
Vom Vorurteil zum Urteil: Der freimaurerische Bildungsweg 198
Bürgerliches Selbst- und Wertebewusstsein 209
als Zukunftsfaktor Europas
Analysen und Überlegungen zum Ritual der Freimaurer
Die Allgegenwart des Rituellen. Rituale, Ritualforschung, 224
Freimaurerei
»Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben …« – 232
Überlegungen zur Symbol- und Ritualwelt der
Freimaurerei
Plädoyer für die Säule der Schönheit – 240
Zur ästhetischen Dimension der Freimaurerei
Begleiter der Zeit: 248
Engagement und Reflexion 1971–2010
Vier Thesen zur Erneuerung der Freimaurerei (1971) 249
Plädoyer für eine verantwortliche Freimaurerei – 254
Hat die Freimaurerei öffentliche Aufgaben und wie sollen
sie wahrgenommen werden? (1971)
Eine Großloge wird vorgestellt: Leitgedanken zu Standort 262
und Identität der Großloge der Alten Freien und
Angenommenen Maurer von Deutschland (1986)
1737–1987: Vergangene Hoffnungen einlösen! 266
250 Jahre Freimaurerei in Deutschland (1987)
Lessing und die Freimaurerei der Gegenwart (1991) 270
Herausforderung Deutschland. Überlegungen nach 276
der deutsch-deutschen Vereinigung (1991)
Enthusiasmus und Verantwortung – Zum 230. 281
Stiftungsfest der Loge »Anna Amalia zu den
drei Rosen« in Weimar (1994)
Regularität und Humanität: Freimaurerei vor 285
dem Jahr 2000 (1995)
Kulturpreis Deutscher Freimaurer: Kultur des 290
Erinnerns – Kultur der Kommunikation (1998)
Quatuor Coronati: neue Leitung – alte Aufgaben (1999) 296
Toleranz als politisches Prinzip und persönliche Tugend – 300
die Sicht eines Freimaurers (2000)
Lob eines Brückenbauers: 306
Dr. Alois Kehl zum 80. Geburtstag (2003)
»Ver Sacrum« – junge Loge in veränderter Zeit (2005) 311
Bürgerlicher Bund in nachbürgerlicher Gesellschaft (2008) 317
Dan Browns »Verlorenes Symbol«: 323
Freimaurerei zwischen Fiktion und Wirklichkeit (2010)
9
Vorwort
Seit 1958 gehöre ich dem Freimaurerbund an. Er hat mich durch mein erwachsenes Leben
begleitet, ich verdanke ihm menschliche Begegnung, moralische Orientierung, spirituelle
Bereicherung und immer wieder Anstöße für die Suche nach dem Weg zu mir selbst.
Ich bin immer ein aktiver Freimaurer gewesen und habe mich oft und gern einbinden
lassen in das brüderliche Mitgestalten meiner Loge »Ver Sacrum«, der »Großloge der Alten
Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland«, der »Vereinigten Großlogen von
Deutschland« und der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft (Forschungsloge) »Quatuor
Coronati«. Mit besonderer Freude habe ich nach der deutsch-deutschen Vereinigung im
Jahre 1990 am Wiederaufbau der Freimaurerei in den neuen Bundesländern mitgewirkt.
Für all diese Handlungsfelder habe ich immer wieder versucht, Überlegungen anzustellen,
Gedanken zu formulieren und Konzepte zu erarbeiten, einmal, um mir selbst über
mein Grundverständnis der Freimaurerei als eines ethisch orientierten Bundes mit einer
symbolischen Einübungs- und Erfahrungsmethode klar zu werden, zum anderen, um
brauchbare Grundlagen für das Gespräch mit meinen Mitbrüdern und den Repräsentanten
der Öffentlichkeit zur Verfügung zu haben. Denn Freimaurerei entfaltet sich im Diskurs,
und »nichts geht über das laut denken mit einem Freunde« (Lessing).
Zu diesen »Überlegungen« und »Kommentaren« sind im Laufe der Jahre immer mehr
»Analysen« hinzugekommen. Als »gelernter« Sozialwissenschaftler mit einer ausgeprägten
Affinität zu historischer Betrachtung habe ich insbesondere die Zeit nach dem Ausscheiden
aus Forschungsinstitut und Universität genutzt, um analytische Beiträge zum Verhältnis
von Freimaurerei und Gesellschaft in Deutschland zu erarbeiten.
Drei Problemkreise haben mich dabei besonders beschäftigt:
• die Voraussetzungen, die eine Freimaurerei zu erfüllen hätte, die auch in der heutigen Gesellschaft
attraktiv sein und verstanden werden will,
• das spezifische Verhältnis zwischen Freimaurerei und gesellschaftlichem Wandel, das diese
Attraktivität offenbar nicht so recht zustande kommen lässt, sowie
• die problematische Geschichte der deutschen Freimaurerei in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts und ihre unzureichende Aufarbeitung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Hier ließ mich das kollektive Wegschauen großer Sektoren der deutschen Freimaurerei gegenüber
mancherlei völkischen Verirrungen nicht ruhen, und ich empfand es zunehmend
schlicht als peinlich, unbequeme historische Wahrheiten immer nur von externen Wissenschaftlern,
also Nicht-Freimaurern, beschrieben und analytisch erörtert zu sehen.
So sind im Laufe der Jahre weit über 100 Texte zur Freimaurerei entstanden, die verstreut,
teilweise auch im Ausland, veröffentlicht wurden. Der vorliegende Band, um dessen
Zusammenstellung ich von vielen Freunden und auch von externen Kollegen immer
wieder gebeten wurde, enthält eine Auswahl dieser Veröffentlichungen. Die Beiträge sind
aus einer prinzipiell zustimmenden Haltung heraus geschrieben, sie sprechen aber auch
manchen blinden Fleck, ja manches Tabu an, denn wer es gut meint mit der Freimaurerei,
darf darüber nicht hinwegsehen. Alle analytischen Beiträge des Bandes wurden gründlich
10
überarbeitet und größtenteils wesentlich erweitert, sodass sie nicht mehr mit den ersten
Fassungen identisch sind.
Der Verweis auf »Perspektiven« im Untertitel des Buches ist gewählt worden, um zweierlei
zum Ausdruck zu bringen:
Zum Ersten geht es um die Perspektive des Autors selbst, der seine brüderliche Heimat
in einer ethisch-orientierten, der Aufklärung verpflichteten, in den Basisgraden der Freimaurerei
beschlossenen, zugleich symbolisch-rituell fundierten und auf spirituelles Erleben
ausgerichteten Freimaurerei gefunden und bewahrt hat. Viele Beiträge sind aus dieser eigenen
konzeptionellen Perspektive heraus verfasst, zumal es meine Überzeugung ist, dass nur
mit einem überzeugenden Konzept ethisch-orientierter Freimaurerei die Integration des
Bundes in die Gesellschaft und eine widerspruchsfreie Kommunikation mit der Öffentlichkeit
gelingt, bei der nicht Teile des Bundes als schwer vermittelbar verborgen werden
müssen.
Zum anderen geht es um die vielen Perspektiven der »anderen« bezüglich der Freimaurerei,
auf die jeder Beobachter stößt, der sich mit dem Freimaurerbund beschäftigt.
Seit ihrer Begründung zu Beginn des 18. Jahrhunderts existierte ja immer nicht allein
nur eine Freimaurerei (Singular). Es gab stets viele Freimaurereien (Plural), sowohl in der
gesellschaftlichen Realität als auch in den Vorstellungen und Perzeptionen der Mitglieder
im Inneren des Bundes und bei den vielen, die ihn teils freundlich, teils unfreundlich,
teils durch Verschwörungsparanoia verzerrt seit Beginn von außen betrachtet haben. Von
Anfang an war Freimaurerei immer auch ein Produkt unterschiedlicher gesellschaftlicher
Wahrnehmung, sie war ein »Raum, in dem vieles möglich war«, wenn dieser Raum auch
durch »wieder erkennbare Strukturen und Regeln« (Monika Neugebauer-Wölk) gekennzeichnet
wurde.
Zu den unterschiedlichen Perspektiven hinsichtlich der Frage, »was Freimaurerei eigentlich
ist«, kommen Phänomene von Bedeutungsvergrößerung in den Innen- und Außensichten
hinzu. Von innen erscheint Freimaurerei nicht selten als Inbegriff des Humanen,
als Bund, der – wie es dann gern heißt – umgehend begründet werden müsste, wenn es ihn
nicht schon lange gäbe. Von außen haben sich die Blow-up-Effekte der Verschwörungsvorstellungen
perpetuiert, die die Freimaurerei von Anfang an über ihre natürliche Größe
hinaus dämonisierten – notfalls unter Zuordnung mächtiger Kampfgenossen wie der Juden
und der Jesuiten – und die den Bund über die Ludendorffs und Rosenbergs bis in die
Feuilletons heutiger großer Tageszeitungen hinein begleitet haben.
Für einen freimaurerischen Autor, der sich der unterschiedlichen Formen der Freimaurerei
und der Ambivalenz der Perzeptionen bewusst ist, bleibt nur, sich zur eigenen
Perspektivität zu bekennen und zugleich zu versuchen, eigenen Vorurteilen nicht allzu
sehr zu erliegen und analytisch möglichst nahe an die »Freimaurereien der Wirklichkeit«
heranzukommen.
Herzlich danke ich Christian Meier, Marcus Meyer, Norbert Mülleneisen und Günter
Wolf, die das Manuskript oder Teile davon kritisch gelesen und mir bei der Materialbeschaffung
geholfen haben. Ihre Kritik und Vorschläge waren hilfreich für mich, doch es
versteht sich von selbst, dass die Verantwortung für den endgültigen Text voll beim Autor
verbleibt. Dem Verlag Edition Temmen danke ich für die Aufnahme des Buches in sein Verlagsprogramm
und der Forschungsloge »Quatuor Coronati«, die in einem ganz besonderen
11
Sinne meine brüderliche Heimat und maurerische Inspirationsquelle ist, für die nachhaltige
Förderung der Publikation.
Gewidmet ist dieser Band der Erinnerung an drei Brüder, die meinen Weg in die Freimaurerei
wesentlich geprägt haben: an meinen Großvater Rudolf Friebe, dessen zugewandte
Mitmenschlichkeit mich beeindruckt hat, lange bevor ich wusste, dass er ein engagierter,
gesinnungstreuer und mutiger Freimaurer war, an meinen Vater Hermann Höhmann, mit
dem ich viel über Freimaurerei gesprochen habe, der dennoch nie versucht hat, Einfluss
auf die Entwicklung meiner eigenen Vorstellungen auszuüben und dessen fast ausschließlich
freimaurerischer Freundeskreis mir viele prägende und anhaltende Eindrücke von der
spezifischen Lebenskultur des Bundes vermittelte, sowie an meinen Freund und Bürgen
Friedrich Heller, den späteren VGLvD-Großmeister, der mich in den Bund aufgenommen
hat und mit dem das »Laut denken mit dem Freunde« bereits vor meiner Aufnahme begann.
Köln, im Januar 2011
Hans-Hermann Höhmann
12
Freimaurerei in Deutschland:
Ein Überblick im Kontext von Geschichte,
internationalen Entwicklungen und
freimaurerischen Konzeptionen
»Sieh, Konstant, so steht es mit dem Orden, dessen Geheimnis Du ergründen willst; über
den Verfolgung und Spott, Unwissenheit und Verrat nichts vermögen. So wie man zuweilen
im Spaß gesagt hat: Das größte Geheimnis der Freimaurer ist, dass sie keins haben; so
kann man mit Recht sagen: das offenbarste und dennoch geheimste Geheimnis der Freimaurer
ist, dass sie sind und fortdauern. Denn – was ist es doch, was kann es doch sein,
das alle Menschen von der verschiedensten Denkart, Lebensweise und Bildung zusammen
verbindet und unter tausend Schwierigkeiten, in dieser Zeit der Erleuchtung und
Erkaltung, beieinander erhält?«
Johann Gottlieb Fichte: Philosophie der Maurerei. Briefe an Konstant
Vorbemerkung
Freimaurerei ist ein weltweiter Freundschaftsbund, und gilt – so die Internetseiten vieler USamerikanischer
Großlogen – als »the largest and oldest fraternity in the world«.1 Freimaurerei
stellt aber auch eine spezifische symbolisch-rituelle Lehr- und Erfahrungsmethode dar,
die von Anfang an auf Einübung einer ethisch fundierten Art und Weise der Lebensführung
angelegt war: »A Mason is oblig’d, by his Tenure, to obey the moral Law« hieß es bereits in
den »Andersons Konstitutionen« von 1723, und eine spätere, viel zitierte Definition, ebenfalls
aus der englischen Freimaurerei, nahm diesen Gedanken auf: »Freemasonry is a peculiar
system of morality, veiled in allegory, and illustrated by symbols«. Freimaurerei versucht
dabei, die gesellige, die intellektuelle und die emotionale Seite des Menschen gleichermaßen
anzusprechen. Verstand und Gefühl werden nicht getrennt, und insbesondere die in den Logen
geübte Ritualpraxis soll dazu beitragen, Einsichten in Lebenswirklichkeiten gleichzeitig
denkend und fühlend zu gewinnen.
Freimaurerei stellt allerdings keine Einheit dar. Von Beginn an gab es unterschiedliche
Erscheinungsformen des Freimaurerbundes, die sich – mit der Entwicklung von Hochgradsystemen
– vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter ausdifferenziert
haben. Viele damit verbundene Forschungsfragen sind bisher unbeantwortet, doch
hat besonders seit den 1950er Jahren eine intensive multidisziplinäre wissenschaftliche
Beschäftigung mit der Freimaurerei eingesetzt, an der in zunehmendem Maße auch Wissenschaftler
an Universitäten und Forschungsinstituten teilnehmen, die selbst nicht dem
Freimaurerbund angehören. In Deutschland sind die wichtigsten dieser Forscherinnen und
1 So z.B. Grand Lodge of Michigan, www.gl-mi.org.
13
Forscher am »Netzwerk Freimaurerforschung« beteiligt, das im Jahre 2001 in Anlehnung
an die Universität Bielefeld begründet wurde.2
Der folgende einleitende Beitrag des Bandes soll die historisch-analytische Basis für die
folgenden Untersuchungen und Überlegungen schaffen. Er verbindet zentrale Gesichtspunkte
der freimaurerischen Geschichte und Ritualistik mit analytischen Gesichtspunkten
und Hypothesen zum Verständnis der sozialen Struktur des Freimaurerbundes und einem
Aufriss von Selbstverständnis, Problemen und Entwicklungstendenzen der deutschen Freimaurerei
am Beginn des 21. Jahrhunderts.
Zentrale Aspekte der Geschichte des Freimaurerbundes
Der folgende Abschnitt beansprucht nicht, die Geschichte des Freimaurerbundes zusammenfassend
oder gar detailliert zu beschreiben. Er ist vielmehr auf ein Aufzeigen und Erörtern
von Aspekten angelegt, die mir für die Beurteilung von Entstehung und Entwicklung
der Freimaurerei wichtig erscheinen. Der Freimaurerbund ist ein Produkt der Moderne. Entwicklungsanstöße
und Strukturmaterial aus der älteren Geschichte aufnehmend, entstand
er als soziale Gruppierung von Gewicht zu Beginn des 18. Jahrhunderts in England und
blickt inzwischen auf eine Entwicklung von fast 300 Jahren zurück. Die Vorgeschichte des
Bundes reicht weiter zurück und beginnt mit den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
Steinmetzbruderschaften und deren Bauhütten, aus denen (und unter Bezug auf die) sich
nach 1717, dem Jahr der ersten Großlogengründung, fast explosionsartig die modernen Freimaurerlogen
entwickelten. Die Einzelheiten dieser »großen Transformation« von den Bauhütten
der Steinmetze zu den Logen der »Gentlemen Masons« liegen immer noch im Dunkel
der Geschichte und sind Gegenstand wissenschaftlicher Hypothesen sowie vielfältiger
Spekulationen. Insbesondere ist noch nicht hinreichend geklärt, ob und inwieweit es sich
bei dem, was später als »Esoterik der Freimaurerei« bezeichnet werden sollte, um das Ergebnis
eines allmählichen, durch die Bauhütten des Mittelalters und der frühen Neuzeit vermittelten
Einfließens alter Denkformen und Symbole in die Freimaurerei hinein handelt oder
ob das zunehmende Gewicht der Esoterik in der Maurerei der zweiten Hälfte des 18. und
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Resultat eines großen Prozesses des Einsammelns hermetischer,
symbolischer und gedanklicher Elemente aus der Kultur- und Religionsgeschichte
des Abendlandes gewesen ist und insofern mehr mit Rückprojektionen als mit Kontinuitäten
zu tun hat.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der freimaurerischen Vergangenheit wird nicht nur
durch die oft spärliche Quellenlage erschwert, vor allem, was die Praxis der frühen Freimaurerei
betrifft. Hinzu kommt, dass quellengestützte Forschungsergebnisse nicht selten durch
Entstehungslegenden überlagert werden, die aus der Freimaurerei selbst stammen. John
2 Das Netzwerk Freimaurerforschung wurde im Rahmen des Forschungsprojekts »Deutsche Freimaurerei
der Gegenwart – Zur Wechselwirkung von (post)moderner Geselligkeit und bürgerlicher Gesellschaft«
an der Universität Bielefeld eingerichtet und von folgenden Forscherinnen und Forschern initiiert: Prof.
Dr. Jörg Bergmann (Bielefeld), Prof. Dr. Klaus Hammacher (Aachen), Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann
(Köln), Dr. Stefan-Ludwig Hoffmann (Bochum), Dr. Florian Maurice (München), Prof. Dr. Monika
Neugebauer-Wölk (Halle-Wittenberg), Prof. Dr. Linda Simonis (Köln) und Prof. Dr. Jan Snoek
(Heidelberg). Homepage: http://www.freimaurerforschung.de/.
14
Hamill unterscheidet in seiner Geschichte der englischen Freimaurerei3 »authentische«
(wissenschaftliche) Schulen, die sich auf die Analyse überprüfbarer Fakten stützen, von
»nicht-authentischen« Schulen. Letztere setzen die Freimaurerei unzulässigerweise durch
Rückschlüsse aus dem, was später – insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
– zur Freimaurerei, vor allem zur Freimaurerei von Hochgradsystemen, geworden ist,
in eine direkte Beziehung zu Religionen, Mysterien, Kulten und hermetisch-esoterischen
Traditionen vergangener Jahrhunderte. Generell sind die Freimaurer immer in der Versuchung
gewesen, die Wurzeln der von ihnen in der jeweiligen freimaurerischen Gegenwart
gewollten Form der Freimaurerei in der Vergangenheit zu entdecken, um sie hierdurch zu
legitimieren.
Fest steht jedoch, dass die Symbole und Rituale der Freimaurer, die bis auf den heutigen
Tag in den Logen zur Anwendung kommen, in erster Linie den Formen- und Ideenwelten
der europäischen Bautradition, ihren organisatorischen Zusammenschlüssen, ihren Legenden
(Salomonischer Tempelbau, Baumeister Hiram, Märtyrerlegende der »Quatuor Coronati
«) sowie den Verfahren der Mitglieder der Bauhütten, sich gegenseitig als Maurer zu
erkennen, entstammen und damit insgesamt der Vorgeschichte der Freimaurerei angehören.
Dabei sind neben den englischen vor allem die schottischen Traditionen von besonderer
Bedeutung gewesen. David Stevenson hat in seiner grundlegenden Studie zu den Ursprüngen
der Freimaurerei darauf hingewiesen, dass wesentliche Elemente des Bundes – die
vor der Öffentlichkeit verborgenen Rituale, die geheimen Modalitäten der gegenseitigen
Erkennung als Maurer, die feierlichen Initiationen neuer Mitglieder sowie die Aufnahme
von Nichtmaurern in die Logen – neben praktischen Regeln für die Ausübung des Gewerbes
und sozialen Einrichtungen – bereits Mitte des 17. Jahrhunderts für die schottischen
Logen nachweisbar sind.4 Stevenson hat weiter deutlich gemacht, dass innerhalb der Rituale
neben der Bausymbolik auch esoterische Vorstellungen an Bedeutung gewannen, die
auf hermetische Traditionen der Renaissance zurückzuführen sind. Nicht zuletzt deshalb
stieß die Freimaurerei schon in ihrer Formierungsphase auf Widerstand von Vertretern
und Institutionen der etablierten christlichen Kirchen. Es ist allerdings wohl anzunehmen,
dass die frühe Hermetik in den Logen der schottischen Freimaurer nicht direkt zu den
mit allerlei zusätzlicher Symbolik rituell aufgefüllten Hochgradsystemen führte, die in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts populär wurden.5 Einmal war die Hermetik in den
frühen schottischen Logen Bestandteil einer organisatorisch einfachen, noch nicht einmal
dreigradigen Freimaurerei gewesen, zum anderen hatte sie sich über längere historische
Perioden hinweg entwickelt und war insofern überlieferungsverbunden und nicht bewusst
angeeignet. Deshalb kann sie auch als wesentlich authentischer gelten als die nicht selten
gesuchte und willkürlich anmutende Esoterik in den Symbol- und Ritualkreationen der
Hochgradsysteme des späten 18. Jahrhunderts. Hermetik und Alchemie, Wahrheitssuche
3 Hamill, John: The Craft. A History of English Freemasonry, Great Britain Crucible 1986, S. 15–25. Great
Britain Crucible 1986.
4 Stevenson, David: The Origins of Freemasonry, Cambridge 1998.
5 »In der Freimaurergesellschaft scheint Hermes Trismegistos in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
noch keine bedeutende Rolle zu spielen. Salomons Tempel oder die Tempelritter sind die wichtigsten
historischen Bezüge. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ändert sich das grundsätzlich.« Ebeling,
Florian: Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Geschichte des Hermetismus. Mit einem Vorwort
von Jan Assmann, München 2005, S. 161.
15
in religiösem Eklektizismus, Hoffnung auf einen »Consensus der Religionen«, all das hatte
ja für die Intellektuellen der Spätaufklärung eine beträchtliche Faszinationskraft, nicht als
feste dogmatische Lehre, sondern als »Sammelbecken unterschiedlicher nichtorthodoxer
Bild- und Gedankenfiguren«,6 die an die Stelle eines orthodoxen Christentums treten konnten.
In diesem Kontext schreibt etwa Goethe im achten Buch seiner Erinnerungsschrift
»Dichtung und Wahrheit«:
»Ich studierte fleißig die verschiedenen Meinungen, und da ich oft genug hatte sagen
hören, jeder Mensch habe am Ende doch seine eigene Religion, so kam mir nichts
natürlicher vor, als dass ich mir auch meine eigene bilden könne, und dieses that ich
mit vieler Behaglichkeit. Der neue Platonismus lag zum Grunde; das Hermetische,
Mystische, Kabbalistische gab auch seinen Beitrag her, und so erbaute ich mir eine
Welt, die seltsam genug aussah.«7
Es kann wohl auch davon ausgegangen werden, dass es den Übergang von der »operativen«
(bauhandwerklichen) zur »spekulativen« (symbolisch-philosophischen) Freimaurerei in der
bisher angenommenen Form als einer, vor allem auf das 17. Jahrhundert datierten zeitlichen
Abfolge nicht gegeben hat. Die Bauhütten waren bereits lange vor dem Entstehen der Freimaurerei
als moderner Sozialform »spekulativ«, und gerade dies hat die berufsfremden Außenstehenden,
die in zunehmender Zahl als »Angenommene Maurer« (»accepted masons«)
hinzukamen, stark angezogen. Ernst Bloch etwa hat auf die Bedeutung der über Rohstoffe,
Technik und Zwecke der Bauten, insbesondere auch der sakralen Bauten, hinausgehenden
Bauideen und Bausymbole, das in den Bauhütten lebendige »Kunstwollen«, im Architekturkapitel
(»Bauten, die eine bessere Welt abbilden, architektonische Utopien«) seines monumentalen
Werkes »Das Prinzip Hoffnung« hingewiesen:
»Damals war ein anderes Kunstwollen am Werk als das der sogenannten Zweckkunst,
und weil es ein Kunst-Wollen war, zeigte es außer Rohstoff, Technik, Zweck die wichtigste
Bestimmung: die der Phantasie. Es war hier diejenige der kanonischen Bauvollkommenheit,
im Hinblick auf ein geglaubtes symbolisches Vorbild. Dieses Vorbild
leitete gerade die Ausführung des Werks, nicht nur, wie der Archetyp, seinen Traum
und Plan ante rem, es gab den Meisterregeln selber die Regel. Daher war das jeweilige
große architektonische Kunstwollen das gleiche wie die jeweilige Symbolintention,
die in der Ideologie des alten Bauhandwerks traditionell wirksam war. Diese Intention
aber suchte mit Dreieck und Zirkel ›den Maßen eines als vorbildlich imaginierten
Daseins-Baus überhaupt abbildlich näherzukommen‹« (Hervorhebung von
E. Bloch).8
6 Hermetik, Eklektik, Consensus, www.jgoethe.uni-muenchen.de/…/hermetik.html, download 17.03.2011.
7 Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Zweiter Teil, Achtes Buch, in:
Heinemann, Karl: Goethes Werke, Zwölfter Band, Leipzig und Wien o.J., S. 387.
8 Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Zweiter Band, Frankfurt am Main 1982, S. 837. Blochs Verhältnis
zur Freimaurerei ist ambivalent: »Wie bekannt, gebraucht die Maurerei sowohl die Abzeichen des Baugewerks
wie vor allem: sie phantasiert ihre Geschichte durch die gesamte Baugeschichte hindurch. Es
ist höchst unwahrscheinlich, daß diese bürgerlich-edelmännische Verbrüderung selber … aus der Werkmaurerei
hervorgegangen ist. Aber es ist noch unwahrscheinlicher, daß sie die grundlegende architektonische
Gleichnis-Spielerei, die sie gebraucht, rein aus sich heraus erfunden hat.« Ebenda, S. 838f.
16
Die Tatsache, dass bereits im 17. Jahrhundert Logen im späteren Sinne existierten, deutet
darauf hin, dass der Bund aus historischen Kontinuitäten hervorgegangen ist, und dass es
insofern nur bedingt zutreffend ist, den meist genannten Stichtag für den Übergang von
der Vorgeschichte zur Geschichte der Freimaurerei, den 24. Juni 1717, als sich vier Londoner
Logen zur ersten Großloge der Welt zusammenschlossen, als Gründungsdatum der modernen
Freimaurerei herauszustellen, ganz abgesehen davon, dass kaum belastbare Quellen für
Datum und Ereignis vorhanden sind.9 Dennoch war die Londoner Gründung von großer, ja
ausschlaggebender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Freimaurerei. Denn mit der
Großloge von London und Westminster begann die logenübergreifende Institutionalisierung
und inhaltliche Ausrichtung der Freimaurerei, die die organisatorischen und konzeptionellen
Grundlagen für die nun einsetzende dynamische Entwicklung der Freimaurerei in
England und sehr bald auch über England hinaus geschaffen hat. Die Londoner Großloge
gab sich 1723 ihre erste Verfassung, die nach ihrem Verfasser, dem aus Schottland stammenden
presbyterianischen Geistlichen James Anderson, die »Andersonschen Konstitutionen
« genannt werden, konzeptionell aber sehr wesentlich auf den eigentlichen Vater der
modernen Freimaurerei, John Theophilius Desaguliers (1683–1744) zurückgehen.10 Desaguliers
wurde 1719 zum dritten Großmeister der Londoner Vereinigung gewählt. Er war französischer
Emigrant und protestantischer Geistlicher, gehörte zum Freundeskreis von Isaac
Newton, war als Naturphilosoph Mitglied der Londoner »Royal Society« und führte dem
Freimaurerbund mit dem Herzog John von Montague den ersten bedeutenden Vertreter des
englischen Hochadels zu, der dann selbst 1721 Großmeister wurde.
In Deutschland sind die »Andersonschen Konstitutionen« als die »Alten Pflichten«
bekannt und richtungweisend geworden.11 Programmatisch ist vor allem die erste dieser
Pflichten mit der Überschrift: »Von Gott und der Religion«:
»Der Maurer ist als Maurer verpflichtet, dem Sittengesetz zu gehorchen; und wenn
er die Kunst recht versteht, wird er weder ein engstirniger Gottesleugner, noch ein
bindungsloser Freigeist sein. In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Land zwar
verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute
jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle
Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu
belassen. Sie sollen also gute und redliche Männer sein, Männer von Ehre und Anstand,
ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie
sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und
zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst
ständig fremd geblieben wären.«
Die »Alten Pflichten« enthalten tatsächlich die bis in die Gegenwart gültigen Grundlagen
der Freimaurerei: Die moralische Verpflichtung des Maurers, den von ihm geforderten Ha-
9 Hinweise finden sich in der zweiten Ausgabe der »Konstitutionen« von 1738.
10 Vgl. hierzu und zum folgenden Voges, Michael: Aufklärung und Geheimnis. Untersuchungen zur Vermittlung
von Literatur- und Sozialgeschichte am Beispiel der Aneignung des Geheimbundmaterials im
Roman des späten 18. Jahrhunderts, Tübingen 1987, S. 24.
11 Eine Wiedergabe der »Alten Pflichten« findet sich in: Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar/Binder, Dieter
A.: Internationales Freimaurer Lexikon, München 2000, S. 16–23.
17
bitus von Ehre und Anstand, den Verzicht auf trennende religiöse Festlegungen und die Praxis
der Toleranz als Grundlage von Einigkeit und Freundschaft.
Nach der Gründung der ersten Londoner Großloge im Jahre 1717, zu der 1751 eine
zweite, die »Grand Lodge of Ancients« hinzukam12, erfolgte eine stürmische Entwicklung
der Freimaurerei. In England, Schottland und Irland – als den Heimatländern der modernen
Freimaurerei – wuchs die Zahl der Logen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auf über
1000 an.13 Schnell griff die Freimaurerei auf die überseeischen Gebiete Großbritanniens
über, insbesondere auf die amerikanischen Kolonien, die späteren Vereinigten Staaten. 1733
wurde von England aus die Provinzial-Großloge von Massachusetts in Boston eingesetzt.
Wenige Jahrzehnte später sollten Freimaurer in der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung
sowie der Verfassungsgeschichte der USA eine führende Rolle spielen.14
Auch auf dem europäischen Kontinent breitete sich die Freimaurerei rasch aus. Wie in
England fanden die Ideen, Organisationsformen und Symbole des Bundes eine große Resonanz.
Selbst der schon früh einsetzende Widerstand der katholischen Kirche konnte seine
Ausbreitung nicht verhindern, zumal die päpstlichen Verurteilungen nicht in allen Bistümern
veröffentlicht wurden und viele hochrangige katholische Geistliche dem Freimaurerbund
angehörten. Das erste Land außerhalb Großbritanniens, in dem die Freimaurerei
auf breiter Basis Fuß fasste, war Frankreich. Spuren von Logengründungen in Paris lassen
sich bis in das Jahr 1725 zurückverfolgen. Aufklärerische Diskursfreude, später aber auch
die Neigung zu phantasievollen Hochgradsystemen, waren kennzeichnend für die weitere
Entwicklung der französischen Freimaurerei. Bedeutsam war auch die Entwicklung der
Freimaurerei in den Niederlanden, wo nach 1731 zahlreiche Logen entstanden. In diesem
Jahr war im Haag Herzog Franz Stephan von Lothringen, später Ehegatte Maria Theresias
und als Franz I. römisch-deutscher Kaiser, von einer Deputation hochrangiger englischer
Freimaurer in den Freimaurerbund aufgenommen worden.
Die erste Loge in Deutschland entstand 1737 in Hamburg (Loge en Hambourg, seit
1743 »Absalom«, heute »Absalom zu den drei Nesseln«). Bald folgten Logengründungen in
Dresden, Berlin, Bayreuth und Leipzig. Der preußische Kronprinz Friedrich (der spätere
Friedrich der Große) wurde bereits 1738 in die Freimaurerei aufgenommen. Die quantitative
Dynamik der deutschen Freimaurerei war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
hinein beträchtlich. In Deutschland, im »alten Reich«, wurden in den ersten 50 Jahren der
Existenz
von Logen, d.h. von 1737 bis 1787, rd. 400 Logen gegründet, in denen ca. 25.000
Mitgliederaufnahmen stattfanden. Zu einer weiteren Gründungswelle kam es im (neuen)
Deutschen Reich nach 1871. So entstanden zwischen 1871 und 1925 weitere 300 Logen,
und die Zahl der Mitglieder aller deutschen Logen erreichte Mitte der 1920er Jahre ihren
Höchststand mit über 80.000. Dabei dominierten die »altpreußischen« Großlogen mit
annähernd 70 Prozent der deutschen Freimaurer. Zwar hatte der Zusammenbruch der
12 Die Großloge der »Ancients« beanspruchte die größere freimaurerische Legitimität für sich und nannte
die Gründung von 1717 abwertend Großloge der »Moderns«. Im Jahre 1813 schlossen sich beide Großlogen
zur »United Grandloge of England« zusammen, in der die Tradtion der »Ancients« dominierte.
13 Vgl. Clark, Peter: British Clubs and Societies 1580–1800. The Origins of an Associational World, New
York 2000, S. 309–349.
14 Vgl. Bullock, Steven C: Revolutionary Brotherhood – Freemasonry and the Transformation of the American
Social Order 1730–1840, Chapel 1996; Hodapp, Christopher: Solomon’s Builders: Freemasons,
Founding Fathers and the Secrets of Washington D.C., Berkeley CA 2007.
18
Hohenzollern-Monarchie kaum negativen Einfluss auf die Expansion der Großlogen – der
Zustrom zu den Logen war vielmehr nach 1918 besonders stark –, doch führte die Loyalität
mit den untergegangenen königlichen Protektoren bei einer generell vorwiegend nationalkonservativen
Einstellung der meisten deutschen Freimaurer zu einer oft feindlichen,
bestenfalls abwartend indifferenten Einstellung zur Weimarer Republik.15 Gleichzeitig war
das deutsche Großlogensystem stark zersplittert. 1933 – vor dem Untergang in der NS-Zeit
– bestanden in Deutschland elf Großlogen, von denen allerdings zwei – der Freimaurerbund
zur Aufgehenden Sonne und die Symbolische Großloge von Deutschland – von den
anderen nicht als regulär anerkannt wurden.16
Die soziale Zusammensetzung der deutschen Logen war durch den dominierenden
Anteil des »gehobenen Bürgertums« bestimmt (Beamte und – oft ehemalige – Offiziere;
Wissenschaftler, Lehrer, Künstler; Unternehmer, Banker, leitende Angestellte). Die religiöse
Struktur war vorwiegend protestantisch: Die Loge »Apollo« in Leipzig z.B. hatte im
Jahre 1906 89,2 Prozent evangelisch-lutherische, 3,2 Prozent katholische und 6,0 Prozent
jüdische Mitglieder.17 Die jüdischen Mitglieder in »humanitären« Großlogen beliefen sich
– so ermittelte und schrieb der »Verein deutscher Freimaurer« in einer Erwiderungsschrift18
auf Ludendorffs Antifreimaurerpamphlet »Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung
ihrer Geheimnisse« – Ende der zwanziger Jahre auf ca. 3000. Bei 24.000 Mitgliedern der
»humanitären« Großlogen in Deutschland würde dies einen beträchtlichen jüdischen Anteil
bedeuten und unterstreichen, wie sehr sich deutsche Juden vor der Nazi-Katastrophe
als deutsche Bürger fühlten und an Assoziationen des deutschen Bürgertums Anteil hatten.
Freimaurerei als gesellschaftliches Erfolgsmodell – warum?
Die für die dynamische Entwicklung der modernen Freimaurerei in den ersten Jahrzehnten
nach ihrer Begründung bestimmenden Faktoren lassen sich mit den Stichworten »historische
Erinnerung« und »gesellschaftlicher Wandel« umschreiben. »Historische Erinnerung«
bedeutet vor allem Erinnerung an die europäischen Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts,
die zu einem hohen Toleranzbedarf und zur Sehnsucht nach gesellschaftlichen Brückenschlägen
zwischen den religiös zerstrittenen Parteien geführt hatten. »Gesellschaftlicher
Wandel« meint zunächst den vieldimensionalen Prozess der Säkularisierung, Individualisierung
und Autonomisierung, der im 18. Jahrhundert mit Macht einsetzte. Dieser Wandel von
Sinnstrukturen und Weltdeutungen ging mit tiefgreifenden Veränderungen der sozialen und
ökonomischen Verhältnisse einher. Die zunehmende standesmäßige und berufliche Differenzierung
der Gesellschaft, die sozio-politischen Funktionsverlagerungen auch beim Adel,
das allmähliche Entstehen von Bürgertum und modernen kapitalistischen Wirtschaftsformen,
das erhöhte Bildungsangebot, die Urbanisierung und die – unter dem Vorzeichen
15 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Europas verlorener Friede, die national-völkische Orientierung innerhalb
der deutschen Freimaurerei und die »freimaurerische Erinnerungspolitik« nach dem Zweiten Weltkrieg,
in diesem Band, S. 51–87.
16 Vgl. Steffens, Manfred: Freimaurerei in Deutschland. Bilanz eines Vierteljahrtausends, Flensburg 1964.
17 Hoffmann, Stefan-Ludwig: Die Politik der Geselligkeit, a.a.O., S. 368.
18 Die Vernichtung der Unwahrheiten über die Freimaurerei durch 116 Antworten auf 116 Fragen, herausgegeben
vom Verein deutscher Freimaurer, Leipzig 1928, S. 33.
19
des europäischen Kolonialismus – sich auch international, ja interkontinental verstärkende
räumliche Mobilität: all das führte dazu, dass Menschen aus ihren traditionellen Bindungen
und sozialen Verankerungen gelöst wurden und auch in der Wahrnehmung ihres eigenen
Selbst über Generationen hinweg praktizierte Deutungsmuster ablegen mussten.19 Diese Veränderungen
führten nicht nur zu Verunsicherungen, ja Krisen. Sie ließen auch eine ausgeprägte
Neigung entstehen, neue Einstellungs-, Bindungs- und Verhaltensoptionen aufzuspüren
und zu nutzen. Es entwickelte sich eine Nachfrage nach neuen Formen von gesellschaftlichen
Vernetzungen – modern ausgedrückt nach neuen Formen von »sozialem Kapital«
– und so wurde das 18. Jahrhundert zur Epoche der Assoziationsbildung und Geselligkeit.
Die Freimaurerei erwies sich offensichtlich als eine besonders attraktive Form neuer gesellschaftlicher
Einbindung. Dies resultierte ebenso aus der breiten Nutzbarkeit des Bundes
für die Befriedigung vieler sozialer, weltanschaulicher, religiöser und politischer Bedürfnisse
wie aus der Möglichkeit, die Logen und Logensysteme durch Veränderungen weiterzuentwickeln
und an konkrete Bedürfnisse anzupassen. Es waren vor allem vier Funktionen, oder
besser: Funktionsgruppen, welche die Freimaurerei rasch zu einer gesamteuropäischen sozialen
und kulturellen Bewegung werden ließen:
• die soziale Funktion, Menschen über Standesgrenzen hinweg als »bloße Menschen« (Lessing),
als Mitmenschen, als Menschenbrüder zusammenzuführen und ihnen neue gesellschaftliche
Netzwerke, neue Geltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten sowie
neue Formen von Geselligkeit und Unterhaltung anzubieten;
• die ideell-geistesgeschichtliche Funktion, Menschen dazu aufzufordern, sich der eigenen
Vernunft zu bedienen, sich am autonomen Gewissen zu orientieren und im Sinne eines
»nichts geht über das laut denken mit einem Freunde« (Lessing) nach dem jeweiligen freimaurerischen
Grundverständnis den Diskurs über die Ideen der Aufklärung und andere,
vor allem das Ritual und die als »Hieroglyphen« verstandenen Symbole20 betreffende
Themen zu führen;
• die religiöse Funktion, Menschen durch ein neues, aber auf alten Wurzeln beruhendes,
zunehmend esoterisch ausgerichtetes Symbolsystem eine optimistisch-positive Einstellung
zu sich selbst, zum Kosmos und zur Transzendenz zu vermitteln und die im 18.
Jahrhundert weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem etablierten Kirchentum zu kompensieren,
und
• die politische Funktion, Menschen in den Logen der absolutistisch verfassten Gesellschaft
einen unabhängigen »Moralischen Innenraum« (Reinhart Koselleck) zu bieten, in dem
das »Geheimnis der Freiheit« als »Freiheit im Geheimen« erlebt werden konnte, in dem
es später aber auch – etwa im Falle der »Strikten Observanz« und der mit der Freimaurerei
verbundenen Illuminaten – zu politischen Instrumentalisierungen der Freimaurerei
kommen konnte.
Es kann nicht überraschen, dass dieses ja durchaus nicht homogene Bündel von Motiven
bald zu mannigfaltigen Veränderungen und Verzweigungen der Freimaurerei geführt hat.
Adolph Freiherr Knigge, Zeitzeuge und Mitgestalter als Freimaurer, Illuminat und kritischer
19 Vgl. van der Loo, Hans/van Reijen, Willem: Modernisierung. Projekt und Paradox, München 1992, S. 62f.
20 Vgl. Maurice, Florian: Freimaurerei um 1800. Ignaz Aurelius Feßler und die Reform der Großloge Royal
York in Berlin, Tübingen 1997, S. 31f.
20
Geist, beschrieb die masonische Landschaft im kontinentalen Europa der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts folgendermaßen:
»Man weiß, dass es Freymaurer-Systeme gibt, deren ganze Verfassung auf politische
Pläne und Einwirkung in die Staaten beruht; man weiß, dass es andere gibt, die dergleichen
Operationen als schädlich und unerlaubt verbannen.
Man weiß, dass es Systeme gibt, welche die Einführung einer natürlichen allgemeinen
Religion zum Endzweck haben, und selbst die Lehre Jesu nach dieser Art erklären;
man weiß, dass es andere gibt, welche die Aufrechterhaltung der geoffenbarten
christlichen Religion zum Grundpfeiler machen.
Man weiß, dass es Systeme gibt, welche speculative Wissenschaften zum Gegenstand
des Ordens machen; man weiß, dass andere die Grenzen der Maurerey auf mögliche
Tätigkeit zum Guten einschränken.
Man weiß, dass jene besondere Überlieferungen in der Hieroglyphen-Sprache (zu
entdecken glauben), wo diese nur nach conventionellen Zeichen zu Beförderung
grösserer Vereinigung suchen, folglich jene in den Geheimnissen die Hauptsache,
diese
(in ihnen) nur (einen) Mittelzweck finden.
Man weiß, dass einige Systeme, alles was gut und edel ist, als einen Gegenstand des
Ordens ansehen; andere hingegen nur einen einzigen, bestimmten, speciellen Zwecke
nachzustreben (für) rathsam halten; dass einige die möglichste Ausbreitung suchen;
andere sich auf eine kleine bestimmte Zahl einschränken.
Jedes dieser Systeme muss natürlicherweise in der Art, ihre Zöglinge zu bilden, in ihren
Aufnahmen, in der Wahl der Mitglieder, in ihren Reden, Handlungen und in den
Mitteln, welche sie wählen, einen Weg einschlagen, der oft dem schnurgerade entgegen
ist, worauf andre wandeln.
Wie werden sie je in einem Punkt zusammentreffen?«21
Auf dem Hintergrund dieser Entwicklung muss auch die gern betonte Beziehung der Freimaurerei
zur Aufklärung problematisiert werden. Freimaurerlogen konnten durchaus im
Sinne der Aufklärung Modelle bürgerlicher Gesellschaft sein, in denen sich bürgerliche
Moral diskursiv erarbeiten und im Miteinander der Brüder praktisch verwirklichen ließ.
Geheimnis und Geheimhaltung dienten dabei als Schutz, weil die politischen Verhältnisse
ein öffentliches Verfolgen derartiger Absichten noch nicht zuließen.22 Dies bedeutet jedoch
nicht, dass die Mitglieder der Logen, die Logen selbst oder gar die sich im Verlauf des 18.
Jahrhunderts herausbildenden freimaurerischen Systeme durchweg und generell »Beförderer
der Aufklärung«23 waren. Aufklärung war eine Möglichkeit unter vielen. Aufklärer »konnten
die Freimaurerlogen als Möglichkeit des lokalen Zusammenkommens nutzen«, doch
21 Versuch über die Freymaurerey, oder Von dem wesentlichen Grundzwecke des Freymaurer-Ordens; von
der Möglichkeit einer Vereinigung seiner verschiedenen Systeme und Zweige; von derjenigen Verfassung,
welche diesen vereinigten Systemen die zuträglicheste seyn würde; und von den Maurerischen gesetzen.
Aus dem Französischen des Br. B. *** übersetzt durch den Br A.R. v. S. 1785 (5785), S. VI—VIII.
22 Vgl. hierzu und zum folgenden Vierhaus, Rudolf: Aufklärung und Freimaurerei in Deutschland, in:
ders.: Deutschland im 18. Jahrhundert. Politische Verfassung, soziales Gefüge, geistige Bewegungen, Göttingen
1987, S. 110–125, hier S. 118.
23 Vgl. die Beiträge in: Balász, Éva, H./Hammermayer, Ludwig/Wagner, Hans/Wojtowicz, Jerzy: Beförderer
der Aufklärung in Mittel- und Osteuropa. Freimaurer, Gesellschaften, Clubs, Berlin 1979.
21
umgekehrt waren »die Logen nicht auf die Aufklärung als Inhalt angewiesen«, und auch die
Betrachter, die gern einen durchgehend engen Zusammenhang zwischen Freimaurerei und
Aufklärung feststellen würden, müssen der Feststellung von Rudolf Vierhaus zustimmen,
dass auch ganz andere als Aufklärungsgedanken in die Freimaurerei eingeströmt sind, selbst
solche, die direkt anti-aufklärerischen Charakter hatten. Für Vierhaus wurde dieser Einstrom
durch diejenige Tendenz der Freimaurerei begünstigt, »die neben dem Versinken in bloße
Honoratiorengeselligkeit ihre größte Gefahr ausmacht: die Anfälligkeit für Esoterik, Pseudomystik
und Geheimnistuerei als Ausdruck einer selbst beigelegten, nach außen nicht rechtfertigungsbedürftigen
Bedeutsamkeit«.24
Freimaurerei und Freimaurereien: Gemeinsamkeiten und
Unterschiede
Die Geschichte der Freimaurerei ist immer auch die Geschichte ihrer Veränderungen und
Differenzierungen gewesen, die sich teilweise »von unten«, aus den Logen heraus, evolutionär
und allmählich, nach Orten und Systemen unterschiedlich vollzogen, teilweise aber
auch historisch gebündelt, im Kontext gesellschaftlich-politischer Veränderungen, in Schüben
größerer und kleinerer Reformen erfolgten. In Deutschland kam es vor allem in der
Mitte und im späten 18. sowie an der Wende zum 19. Jahrhundert zu bedeutenden Veränderungsprozessen,
als im Verlauf von Krise und Zusammenbruch der »Strikten Observanz«,
eines Freimaurerritterordens, der sich – wie sich zeigte, vergeblich – auf den Templerorden
zurückzuführen versuchte, mit Johann Wilhelm Zinnendorf, Ignaz Aurelius Feßler und
Friedrich Ludwig Schröder Reformer wirkten, die für die weitere Entwicklung (und Differenzierung)
der deutschen Freimaurerei prägend geblieben sind. Reformen erfolgten auch
in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als Reformgroßlogen (Freimaurerbund zur
aufgehenden Sonne und Symbolische Großloge von Deutschland) entstanden, und schließlich
auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als durch (und während der Großmeisterschaft
von) Theodor Vogel und Hans Gemünd eine neue Struktur zumindest der »humanitären
« Freimaurerei in Deutschland geschaffen wurde.
Doch mit der erwähnten Flexibilität verbanden sich feste, unterscheidbare Merkmale,
die den besonderen Charakter der Freimaurerei und ihrer Logen durch die Geschichte
hindurch begründeten. Zwar blieb Freimaurerei immer ein »Raum, in dem Vieles möglich
war«, aber dieser Raum »war nicht undefiniert, er enthielt wiedererkennbare Strukturen
und Regeln«.25
Zu diesen Merkmalen der freimaurerischen Grundstruktur gehörten und gehören insbesondere
die folgenden vier:
• Die abgeschlossene, durch verschwiegene Rituale geschützte, in der Regel männerbündische
Gruppe, kurz das »maurerische Geheimnis«, das die Grenzen der Logengruppe
bestimmt, wobei die Ableistung eines Eides der Verschwiegenheit bzw. eines feierlichen
24 Vierhaus, Rudolf: a.a.O., S. 120.
25 Neugebauer-Wölk, Monika: »Einführung« zu Maurice, Florian: Freimaurerei um 1800, a.a.O., S. XVIII.
22
Gelöbnisses als Abschluss eines verbindlichen und bei Verletzung durch Ausschluss aus
dem Bund sanktionierten »Gruppenvertrages« fungiert.
• Der initiatische Charakter der Rituale: Die Einführung des neuen Mitglieds und seine
Wanderung durch die verschiedenen Grade erfolgt in rituellen Formen, die seit Arnold
van Gennep als »Übergangsriten« (rites de passage)26 beschrieben werden und Ausdruck
eines bestimmten, auf innere Weiterentwicklung des Menschen angelegten Menschenbildes
der Freimaurerei sind.
• Die Bausymbolik, in deren Mittelpunkt die einem »Großen Baumeister« symbolisch verpflichtete
Idee von Sein und Zeit als sinnvoll zu gestaltenden Bauwerken steht, die später
allerdings in Verbindung mit der Entstehung von Hochgradsystemen durch esoterischhermetische
Elemente, durch Alchemie und durch Ritterreminiszenzen beträchtlich erweitert
wurde.
• Ein Kanon von Werten, der um unterschiedliche, teils aufklärerisch-humanitär, teils religiös
geprägte Begrifflichkeiten wie Menschenliebe, Brüderlichkeit, Duldsamkeit (Toleranz)
und Gottesfürchtigkeit kreist, auf »Einübung« dieser Werte im verschwiegenen Milieu
der Loge setzt und die Logengruppe hierdurch als positive innere Gegenwelt zu den
verschiedenen »profanen« äußeren Welten konstituiert und abgrenzt.
Dieser freimaurerische Wertekanon war inhaltlich von Anfang an breit interpretierbar, vor
allem in seiner Bedeutung für politisch-gesellschaftliche und philosophisch-religiöse Kontexte,
innerhalb deren sich die Logen und Logensysteme definierten. Dies bedeutet, dass die
Freimaurerei in ihrer historischen Entwicklung mit sehr verschiedenen politischen Strukturen
vereinbar war, zunächst (und vor allem) mit den sich im 18. Jahrhundert etablierenden
Strukturen der Bürgergesellschaft, als die Freimaurerei zumindest phasenweise fortschrittsadäquat
war und zum Katalysator zukünftiger politischer Reformen, ja tiefgreifender Veränderungen
im Sinne von bürgerlicher Gleichheit, Demokratie und nationaler Unabhängigkeit
wurde. Doch wegen der für die Freimaurerei konstitutiven Trennung von Innenraum
und Außenraum, von inneren (privaten) Tugenden und äußeren (öffentlichen) Tugenden
erwies sich der freimaurerische Wertekanon als auch mit vordemokratisch-absolutistischen
und – dies zeigte sich insbesondere an der Wende zu den 1930er Jahren – mit nichtdemokratischen,
politisch-autoritären sowie nationalistischen Strukturen vereinbar.
Das »freimaurerische Geheimnis«
Das große Gemeinsame der verschiedenen »Freimaurereien« blieb durch die Zeiten hindurch
die brüderliche Gemeinschaft, die geübte Verschwiegenheit, das Setzen von Gruppengrenzen,
die Trennung von innen und außen – kurz das »maurerische Geheimnis«. Es hatte
und hat verschiedene Funktionen für die freimaurerische Gruppenbildung und ist damit
von großer Relevanz auch für die Frage nach Veränderungen und Reformen der Freimaurerei.
Unter diesen (auch heute noch) partiell bewusst gesetzten, partiell implizit praktizierten
26 Van Gennep, Arnold: Übergangsriten, übers. v. S. Schomburg-Scherff, Frankfurt a.M. 1986 (frz. Orig.
Les rites de passage, 1909).
23
Funktionen des maurerischen Geheimnisses können – teilweise anschließend an Michael
Voges – bis in die Gegenwart hinein vor allem die folgenden sieben unterschieden werden:27
• Die schützende Funktion: Ursprünglich war die Geheimhaltung der Logentreffen – wie
auch der Aktivitäten vieler anderer Aufklärungsgesellschaften – Bedingung für eine von
staatlichen und kirchlichen Eingriffen und Kontrollen freie Sphäre, die dazu diente, ein
neues soziales Gruppenmodell zu praktizieren und aufklärerische Diskurse zu führen.
Um die bereits angesprochene Feststellung des Bielefelder Historikers Reinhart Kosellecks
zu variieren: Das »Geheimnis der Freiheit« war nur als »Freiheit im Geheimen« zu
antizipieren.28 Später wurde das Geheimnis mehr und mehr zur Voraussetzung eines anderen
Schutzes: der Bewahrung der – im Falle der Veröffentlichung störanfälligen – Integrität
des rituellen Geschehens.
• Die soziale Funktion: Die Teilhabe am gemeinsamen Geheimnis dient der Stiftung von
Freundschaft und der Bildung von Netzwerken unter Menschen, die sich sonst nicht als
Freunde begegnen würden. Auf der im Ritual symbolisch konstituierten »Winkelwaage«
konnten Menschen unterschiedlicher sozialer Stände, Schichten und Milieus miteinander
kommunizieren. Die Begegnung als »bloße« Menschen im Rahmen des freimaurerischen
Rituals hob die gesellschaftlichen Unterschiede zwar nicht auf, überwand sie jedoch
im Innenraum der Loge und schwächte ihre Bedeutung auch außerhalb der Loge
zumindest ab: »Er ist Prinz«, gibt der Priester in Mozarts und Schikaneders Freimaureroper
»Zauberflöte« vor der Aufnahme Taminos zu bedenken, und Sarastro antwortet:
»Noch mehr, er ist Mensch«.
• Die integrative Funktion: Das Geheimnis und die Teilnahme daran binden die generell
eher unbestimmten Zwecksetzungen der Freimaurerei durch Stiftung von emotional erlebter,
wert- und symbolüberhöhter Gemeinsamkeit zusammen. Das freimaurerische Geheimnis
wirkt als emotionale Heimat, als Attribut, das zum gemeinsamen Heim gehört:
»Niemand wird es je erschauen, was einander wir vertraut, denn auf Schweigen und Vertrauen
ist der Tempel aufgebaut«, hat der Freimaurer Goethe dazu gedichtet.
• Die pädagogische Funktion: Die unter dem Schutz der Verschwiegenheit hergestellte Offenheit
und Bereitschaft für persönliche Veränderung (»Selbstvervollkommnung«, »Arbeit
am rauhen Stein« des eigenen Selbst) dient der Einübung von Tugenden,29 die sich auch
im »profanen« Umfeld des Freimaurers bewähren sollen. Die Absicht, im Sinne einer moralischen
Entwicklung des Menschen auf den Habitus des Logenmitglieds einzuwirken,
findet sich in vielen Texten und Ritualen seit Beginn der modernen Freimaurerei.30
27 Vgl. Voges, Michael: Aufklärung und Geheimnis, a.a.O., S. 79–82.
28 »Scheinbar ohne den Staat zu tangieren, schaffen die Bürger in den Logen, diesem geheimen Innenraum
im Staate, in eben diesem Staat einen Raum, in dem – unter dem Schutz des Geheimnisses – die bürgerliche
Freiheit bereits verwirklicht wird. Die Freiheit im geheimen wird zum Geheimnis der Freiheit.« Koselleck,
Reinhart: Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Freiburg/München
1979, S. 60.
29 Vgl. Hammacher, Klaus: Einübungsethik. Überlegungen zu einer freimaurerischen Verhaltenslehre,
Schriftenreihe der Forschungsloge Quatuor Coronati Bayreuth, Nr. 45/2005.
30 Vgl. Hasselmann, Kristiane: Die Rituale der Freimaurer. Performative Grundlegungen eines freimaurerischen
Habitus im 18. Jahrhundert, Bielefeld 2008.
24
Das freimaurerische Geheimnis besaß (und besitzt) jedoch auch Funktionen, die mehr oder
weniger in Widerspruch zu den erklärten Zielvorstellungen der Freimaurerei gerieten, dennoch
aber bis heute ihre Wirksamkeit behielten. Hierunter sind zu nennen:
• Die illusionsstiftende Funktion: Das maurerische Geheimnis dient (zumindest auch) der
Schaffung und Sicherung eines Raums zum Ausleben mannigfaltiger »Selbstverwirklichungs-
und Selbsterhöhungsambitionen«. Hierzu dienen die rituelle Konstruktion einer
besonderen, von der Welt des Profanen abgehobenen, wert- und empfindungssteigernden
Atmosphäre, die Vergabe von Ämtern, Würden und Orden, die gegenseitige Beimessung
einer besonderen persönlichen Bedeutsamkeit31 sowie die Durchführung aufwendiger Zeremonien,
insbesondere, wenn Großlogen internationale Veranstaltungen durchführen
und sich Repräsentanten der verschiedenen nationalen Freimaurereien begegnen.
• Die Lockfunktion: Das Geheimnis mit dem ihm eigenen Einhüllen des Bundes in einen
»Mantel des Geheimnisvollen« kann die Attraktivität der Freimaurerei erhöhen und wird
gelegentlich gar als eines der Hauptwerbemittel des Bundes gepriesen.
• Die Funktion der »inneren Hierarchisierung«: Eine Vermehrung der Grade der Freimaurerei
über die traditionellen Stufen »Lehrling«, »Geselle« und »Meister« hinaus im Sinne
einer »Hierarchie von Einweihungen« schafft nicht nur erweiterte Erlebnis-, Geltungsund
Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, sondern auch Abschottungen und Binnendifferenzierungen,
die sich nicht selten als Element der Generierung von Konflikten innerhalb
und zwischen den Logen und Großlogen erwiesen haben und erweisen.
Schließlich muss auf eine Praxis hingewiesen werden, die in direktem Widerspruch zu allen
freimaurerischen Zielvorstellungen und Prinzipien steht: die Instrumentalisierung freimaurerischer
Formen für politisch agierende Eliten, die nichts (oder nichts mehr) mit der Freimaurerei
zu tun haben, woran dann aber Verschwörungsvorstellungen gern anknüpfen (Beispiel:
die Organisation Propaganda Due, P2, die an eine ehemalige italienische Freimaurerloge
anknüpfte und – ohne Beziehung zur regulären italienischen Freimaurerei – in den 1970er
Jahren zur politischen Geheimorganisation wurde).
Das freimaurerische »Geheimnis« verhinderte jedoch weder die Kommunikation mit
Öffentlichkeit und Gesellschaft noch den Aufbau regionaler und internationaler Netzwerke
sowie – vor allem durch sich überschneidende Mitgliedschaften – ein Zusammenwirken mit
anderen Assoziationen.32 Das für die Logen typische Verhältnis von Geschlossenheit und
Öffnung machte die Freimaurerei – wie zuerst von Georg Simmel aufgezeigt wurde – zu
einer »geheimen Gesellschaft« spezifischen und von Anbeginn stark eingeschränkten Typs.
In seiner »Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung« von 1908
schreibt Simmel:
»Das Freimaurertum betont, dass es die allgemeinste Gesellschaft sein will, der ›Bund
der Bünde‹, der einzige, der jeden Sonderzweck und mit ihm alles partikularistische
Wesen ablehnt und ausschließlich das allen guten Menschen Gemeinsame zu sei-
31 Hierzu ausführlich Höhmann, Hans-Hermann: Habitus, soziales Feld, Kapital – Freimaurerei im Lichte
der Soziologie Pierre Bourdieus, in diesem Band, S. 115–131.
32 Vgl. Zaunstöck, Holger: Die vernetzte Gesellschaft. Überlegungen zur Kommunikationsgeschichte des
18. Jahrhunderts, in: Berger, Joachim/Grün, Klaus-Jürgen: Geheime Gesellschaft. Weimar und die deutsche
Freimaurerei, München/Wien 2002, S. 147–153.
25
nem Material machen will. Und Hand in Hand mit dieser, immer entschiedener werdenden
Tendenz wächst die Vergleichgültigung des Geheimnischarakters für die Logen,
seine Zurückziehung auf die bloßen formalen Äußerlichkeiten … Der Freimaurerbund
konnte seine neuerdings stark betonte Behauptung, dass er kein eigentlicher
›Geheimbund‹ wäre, nicht besser stützen, als durch sein gleichzeitig geäußertes Ideal,
alle Menschen zu umfassen und die Menschheit als ganze darzustellen.«33
Freilich hat diese Ablehnung »jedes Sonderzwecks« die Folge, dass die Freimaurerei auf konkrete
politisch-gesellschaftliche Programme verzichten muss. »Die Menschheit als ganze
darzustellen« heißt, das freimaurerische Ideal dadurch exoterisch zu machen, dass es im Innenraum
der Loge überzeugend praktiziert wird. Oft ist der Freimaurerbund allerdings den
entgegengesetzten Weg gegangen: In der Auseinandersetzung um einen vermeintlich zu verfolgenden
äußeren Zweck wurden die Möglichkeiten einer Annäherung an die inneren Ideale
und eigentlichen Wirkungsmöglichkeiten der Loge (Charakterformung, Einübung ethischen
Verhaltens, praktische Mitmenschlichkeit) immer wieder beeinträchtigt.
Auch Michael Voges weist auf den ambivalenten Charakter des freimaurerischen Geheimnisses
hin.34 Einerseits sei es ein wichtiges Element der freimaurerischen Organisationsstruktur
gewesen, andererseits sei es stets durch Elemente kontrastiert worden, »die einen
betont öffentlichen Charakter hatten«. Dabei verweist Voges auf mannigfaltige Formen
freimaurerischer Repräsentation in der Öffentlichkeit und betont die öffentliche Wahrnehmung
der bald ausufernden freimaurerischen Publizistik. Es sei diese »Halböffentlichkeit«
gewesen, die die Freimaurerei von Anfang an von den Geheimbünden im strengeren Sinne
unterschied. Der »halböffentliche« Charakter der Freimaurerei zieht sich durch die gesamte
Geschichte des Bundes und spielt auch in der Gegenwart eine bestimmende Rolle für den
Charakter der Kommunikation zwischen der Freimaurerei und ihrem gesellschaftlichen
Umfeld.35
Reformen der Freimaurerei
Die voneinander abweichenden Interessen der Mitglieder der Freimaurerlogen, der unterschiedliche
Grad, in dem die Logenwirklichkeit den Wertvorstellungen und Ambitionen der
einzelnen Freimaurer entsprachen und die unterschiedliche Intensität, mit der »deutungsmächtige
« Brüder Übereinstimmungen oder Abweichungen von der »eigentlichen, echten,
ursprünglichen Freimaurerei« postulierten, hatten Auswirkungen auf Mitgliedschaft und
Entwicklung des Bundes.36 Einerseits veranlassten mannigfaltige Enttäuschungen immer
wieder prominente Brüder, die Freimaurerei zu verlassen, in der sie oft sehr aktiv tätig gewe-
33 Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe
Band 11, Frankfurt am Main 1992, S. 434, 447.
34 Voges, Michael: Aufklärung und Geheimnis, a.a.O., S. 82.
35 Ausführlich hierzu Höhmann, Hans-Hermann: Der deutsche Freimaurerdiskurs der Gegenwart: Was ist,
was will, was soll die Freimaurerei?, in diesem Band, S. 152–178.
36 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Entwicklung, Reflexion, Wissenschaft. Anmerkungen zum Wechselspiel
zwischen freimaurerischer Geschichte und Geschichte der Freimaurerforschung, in: Quatuor Coronati
Jahrbuch für Freimaurerforschung, Nr. 41/2004, S. 229–239.
26
sen waren.37 Andererseits entwickelten sich unterschiedlich intensive und verschieden ausgerichtete
Reformen, die sich an verschiedenen »Modellen« orientierten.
In Zeiten von Krisen freimaurerischer Systeme und der Suche nach neuen Formen wurde
der Bedarf an Modellen und ihrer analytischen Begründung besonders dringlich. Für
die Krise der »Strikten Observanz« in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Versuche
des Wilhelmsbader Konvents von 1782, die Krise zu überwinden, hat Ernst Traugott
v. Kortum, Teilnehmer in Wilhelmsbad, den Zusammenhang zwischen Fehlentwicklungen
und Deutungserfordernissen anschaulich beschrieben: Die Freimaurerei als
»diejenige Gesellschaft, welche, so alt sie auch seyn mag, doch erst itzt seit etlichen
zwanzig Jahren in mancherley Bezug besonderes Aufsehen macht, die nicht nur von
Fremden, sondern auch von ihren Mitgliedern selbst so verschiedentlich beurtheilt
wird, die würklich seit langen Zeiten unter eben so verschiedenen Gestalten erschienen,
alle Augenblicke eine andere Seite gezeigt, und auch den aufmerksamsten Beobachter
hintergangen hat, wird nun, da sie anfängt, sich ihrer Entwicklung oder
Auflösung zu nähern, erst ein öffentlicher Gegenstand kritischer Untersuchungen,
Geschichts-Vergleichungen und historischer Nachspürungen, nachdem sie fast ein
ganzes Jahrhundert von einer Seite gepriesen, von der anderen verdammt, und ihr
Ursprung hier von Gott, dort von dem Teufel hergeschrieben worden ist, ohne sich
für beides auf historische Beweise einzulassen.«38
Auch an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert39 waren sich führende Freimaurer wie
Feßler, Fichte, Krause, Schröder und Herder sowie ihre mehr oder weniger bedeutenden Gefolgsleute
wohl bewusst, dass kein Versuch, die Freimaurerei »in ihrer ursprünglichen Form«
wiederherzustellen, ohne »kritische Untersuchungen, Geschichts-Vergleichungen und historische
Nachspürungen« auskommen konnte. Der Dreischritt Gestalten, Reflektieren, Forschen
war endgültig zum freimaurerischen Entwicklungsprinzip geworden und kennzeichnet
die Geschichte der Freimaurerei bis in die Gegenwart hinein.
Es dürfte lohnend sein, insbesondere den Erörterungen, die an der Wende vom 18.
zum 19. Jahrhundert mit, um und im Abschluss an Gotthold Ephraim Lessings »Ernst und
Falk. Gespräche für Freymäurer«40 (1778, 1780) geführt wurden, erneut nachzugehen. Vier
37 Prominentes Beispiel ist Adolph Freiherr Knigge, der nach prägendem Wirken als Freimaurer und insbesondere
Illuminat im Abschnitt Ȇber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
derselben« seines Buches »Über den Umgang mit Menschen« (1788/1790) skeptisch feststellte und riet:
»Ich habe mich lange genug mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung zu reden und jedem jungen
Mann, dem seine Zeit lieb ist, abraten zu können, sich in irgendeine geheime Gesellschaft, sie mögen
Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht im gleichen Grade,
aber doch alle ohne Unterschied zugleich unnütz und gefährlich.« Knigge, A. v.: Über den Umgang mit
Menschen, Hannover 2001, S. 391.
38 Ernst Traugott v. Kortum: Beiträge zur philosophischen Geschichte der heutigen geheimen Gesellschaften,
Wien 1786, S. 8f., zitiert nach Hammermayer, Ludwig: Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent
von 1782, Heidelberg, 1980, S. 5.
39 Zu Situation und Tendenzen der deutschen Freimaurerei zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
vergl. die Beiträge in: Reinalter, Helmut (Hrsg.): Freimaurerische Wende vor 200 Jahren: 1798
– Rückbesinnung und Neuanfang, Bayreuth 1998.
40 Die interessanteste Edition ist: Gotthold Ephraim Lessing, Ernst und Falk mit den Fortsetzungen Johann
Gottfried Herders und Friedrich Schlegels, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Ion Con27
Autoren vor allem sind von herausragendem Interesse: Lessing selbst, Johann Gottfried
Herder, Karl Christian Friedrich Krause und Johann Gottlieb Fichte, und das »laut Denken
« dieser vier sowie die Rezeptionsgeschichte um sie herum kennzeichnet beinahe schon
im Alleingang die gleichsam »goldene Epoche« der Freimaurerdiskurse in Deutschland,
deren Niveau kaum je wieder erreicht wurde. (Eine »silberne Epoche« der Freimaurerdiskurse
stellt dann die Zeit vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert dar, als in der
deutschen Freimaurerei ein gleichfalls beachtliches Erörterungsniveau anzutreffen war, das
sich forschend aufzuarbeiten lohnt.)
Der »klassische Freimaurerdiskurs« hat mindestens vier übereinstimmende Bezugspunkte:
• erstens die Faszination der Freimaurerei, die alle Autoren nicht loslässt,
• zweitens die Vielfalt, ja der desolate Zustand der Freimaurerei in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts, der den Bund vor die Alternative Untergang oder Neukonzeption und
Reform stellt,
• drittens das Gefühl der Formbarkeit der Freimaurerei (mit Fichtes Worten: der Wunsch
»auf die tabula rasa der Freimaurerei etwas zu schreiben, was ihrer würdig ist«41) und
• viertens das Bestreben, Freimaurerei in den Kontext des jeweils eigenen Denkens einzufügen.
Die Teilnehmer am Diskurs geben nun unterschiedliche Antworten in Bezug auf Institution
und Funktion der Freimaurerei: Fichte – mitten im Reformprozess formulierend – bleibt am
stärksten der institutionellen Freimaurerei verhaftet. Ihm geht es um die Frage, ob es einen
überzeugenden Zweck für die Loge gibt, und er antwortet mit dem Hinweis auf den Auftrag
der Loge, »durch Ausgehen von der Gesellschaft und Absonderung von ihr … die Nachteile
der Bildungsweise in der größeren Gesellschaft wieder aufzuheben und die einseitige
Bildung für den besonderen Stand in die gemein menschliche Bildung, in die allseitige des
ganzen Menschen, als Menschen zu verschmelzen«42. Herder geht (zunächst) am weitesten
über die institutionelle Freimaurerei hinaus: »Alle solche Symbole mögen einst gut und notwendig
gewesen sein, sie sind aber, wie mich dünkt, nicht mehr für unsere Zeiten. Für unsere
Zeiten ist das Gegenteil ihrer Methode nötig, reine helle offenbare Wahrheit«43, verändert
seine Position allerdings in der Zusammenarbeit mit Schröder bei dessen Ritualreform und
postuliert jetzt, dass »eine Gesellschaft tausendfach mehr (vermag), als zerstreute Einzelne
auch bei der edelsten Wirksamkeit zu thun vermögen«44. Krause vertritt mit der Auffassung,
»nach der Reinigung von einigen zunftmäßigen und kritikwürdigen Bestandteilen«45 könne
tiades, Frankfurt am Main 1968, S. 9–57. Vgl. auch Dziergwa, Roman: Lessing und die Freimaurerei. Untersuchungen
zur Rezeption von G. E. Lessings Spätwerk »Ernst und Falk. Gespräche für Freymäurer
in den freimaurerischen und antifrei-maurerischen Schriften des 19. und 20. Jahrhunderts (bis 1933),
Frankfurt am Main u.a. 1992.
41 Fichte, Johann Gottlieb: Philosophie der Maurerei. Briefe an Konstant, hrsg. von Thomas Held, Düsseldorf
und Bonn 1997, S. 21.
42 Ebenda, S. 41.
43 Herder, Johann Gottfried: Gespräch über eine unsichtbar-sichtbare Gesellschaft, in: Ion Contiades
(Hrsg.): a.a.O., S. 72.
44 Zitiert nach Maurice, Florian: Freimaurerei um 1800, a.a.O., S. 49.
45 Hörn, Reinhard: Der Einfluß freimaurerischer Ideen auf Krauses »Urbild der Menschheit«, in: Kodalle,
Klaus-M.: Karl Cristian Friedrich Krause (1781–1832). Studien zu seiner Philosophie und zum Krausis28
das ganze überlieferte Gebrauchtum in den von ihm entworfenen »Menschheitsbund« eingearbeitet
und damit zugleich aufbewahrt und überwunden werden46, wiederum eine andere
Variante des »Stufenmodells« der Freimaurerei. Für Lessing bleibt Freimaurerei auch als
Institution von Bedeutung, doch ihre Funktion geht über die Institution hinaus und ist bei
Weitem wichtiger, beruht Freimaurerei für Lessing doch »im Grunde nicht auf äußerlichen
Verbindungen, die so leicht in bürgerliche Anordnungen ausarten; sondern auf dem gemeinschaftlichen
Gefühl sympathisierender Geister«.47 Auch Lessing ist von der Faszination der
Freimaurerei gefesselt. Auch er kritisiert die konkrete Form des Bundes, dessen »heutiges
Schema ihm gar nicht zu Kopfe« will. Auch ihn fordert heraus, die Wesenheit der Freimaurerei
auf den bestimmten Begriff einer wahren Ontologie zu bringen und aufzuzeigen, »was
und warum die Freimaurerei ist, wenn und wo sie gewesen, wie und wodurch sie befördert
oder gehindert wird«. Er tut dies – vor allem, aber nicht nur in »Ernst und Falk« – als Anwalt
einer Kultur der Vermittlung, die Grenzen überschreitet, deren Medium und Ziel Freundschaft
und Menschenliebe sind und die sich in einem offenen Prozess der Wahrheitssuche
realisiert.
Die Veränderungsprozesse innerhalb der Freimaurerei und die daraus resultierenden
Unterschiede zwischen den verschiedenen Typen von Freimaurerei lassen sich vor allem
auf Faktoren zurückführen, die mehr außerhalb als innerhalb der Freimaurerei lokalisiert
waren, jedoch nachhaltig auf den Entwicklungsprozess des Bundes, seine Dynamik und
seine Differenzierungen zurückwirkten.
Zu diesen Faktoren gehören – um nur die wichtigsten zu nennen –:
• die Veränderungen der politischen Rahmenbedingungen, innerhalb deren sich die Entwicklung
der Freimaurerei vollzog und die den freimaurerischen Gruppierungen hier
eine stärker selbstbestimmt-demokratische Existenz erlaubten, während sie sie dort in
starkem Maße zu politischer Loyalität und Anpassung veranlassten;
• der sich wandelnde »Zeitgeist«, d.h. die jeweiligen kulturellen und religiösen Besonderheiten
nationaler oder regionaler Art, etwa die an Mystizismen, Hermetik, Alchemie,
Tempelrittern und ägyptischen Mysterientraditionen orientierte vorromantische Erinnerungskultur
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die zum Entstehen der schier zahllosen
Hochgradsysteme beitrug, oder die sich im 19. Jahrhundert durchsetzende »Bürgerkultur
«, mit der viele Reformen der Freimaurerei einhergingen,
sowie
• die Veränderungen der gesellschaftlichen Struktur:
– im 18. Jahrhundert etwa der Abstieg des Adels durch Veränderungen innerhalb der absolutistischen
Herrschaftsordnung bei gleichzeitiger Formierung und allmählichem Aufstieg
des Bürgertums (hier liegt das besondere Momentum des Hochgradrittersystems
der »Strikten Observanz«48),
mo, Hamburg 1985, S. 132.
46 Krause, Karl C. F.: Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft, Dresden 1820, S.
CLXXVI, zitiert nach: Hörn, Reinhard: Der Einfluß freimaurerischer Ideen auf Krauses »Urbild der
Menschheit«, a.a.O., S. 132.
47 Lessing, G. E.: a.a.O., S. 36ff., S. 11.
48 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Der Konvent von Wilhelmsbad und die Neuorientierung der deutschen
Freimaurerei, in: TAU. Zeitschrift der Forschungsloge »Quatuor Coronati«, II/2008, S. 46–51, hier S. 48f.
29
– im 19. Jahrhundert die Entwicklung eines selbstbewussten, national eingestellten und
religiös – sprich protestantisch – eingebundenen Bürgertums als Basis sowohl der »altpreußischen
« als auch der »humanitären« Freimaurerei in Deutschland.
Inhaltlich können die zahlreichen Umgestaltungen des Freimaurerbundes insbesondere im
Hinblick auf das freimaurerische Geheimnis als Inbegriff der zuvor erörterten freimaurerischen
Grundstruktur interpretiert werden. Dann lassen sich vier typische Ansätze unterscheiden:
• Die »Relativierung des Geheimnisses«, die dem von Georg Simmel beschriebenen und
besonders in den Reformen Friedrich Ludwig Schröders und ähnlichen Umgestaltungen
verwandter Großlogen (»Große Mutterloge des Eklektischen Freimaurerbundes« in
Frankfurt, Großloge »Zur Sonne« in Bayreuth) Ausdruck findenden Weg einer »Vergleichgültigung
des Geheimnischarakters für die Logen« folgt. Hier ging und geht es
nicht mehr um ein in den Ritualinhalten verborgenes »wahres« Geheimnis, es geht um ein
»eigentliches Geheimnis« der Freimaurerei, das menschliche Begegnung zwischen Freunden,
das Erlebnis der Bruderliebe sowie eine spezifische »freimaurerische Geisteshaltung«
als Ausdruck bürgerlicher Moral in das Zentrum des Bundes rückte.
• Die schon genannte »Hierarchisierung des Geheimnisses«: Hier wurde und wird das freimaurerische
»Geheimnis« (oder zumindest ein wesentlicher Teil davon) in den Ritualen
neuer Systeme, Grade und Erkenntnisstufen gesucht, die über die »klassischen« Grade
Lehrling, Geselle und Meister hinausgehen und ein zunehmendes Maß an »Binnendifferenzierung
« innerhalb der freimaurerischen Gruppen bewirken. Die »weiterführenden
Grade« verstehen sich als »Vertiefung« der freimaurerischen Basisgrade, geraten aber in
Gefahr, mehr oder weniger von deren Grundaussagen und Organisationsprinzipien abzuweichen
und lediglich jene Freimaurerei zu vertiefen, die sie zuvor in ihren neuen Ritualen
selbst geschaffen haben.
• Die Verstärkung des religiösen Charakters der Freimaurerei (»Verchristlichung des Geheimnisses
«). Hauptbeispiel hierfür ist die – hierzulande von der Großen Landesloge
der Freimaurer von Deutschland vertretene – »Schwedische Lehrart«, als deren Fundament
die »reine Lehre Jesu« gilt, welche die Bibel nicht als bloßes religiöses Symbol,
sondern als das »größte aller Lichter« versteht, sich als christlicher Ritterorden »in der
Nachfolge Jesu Christi als Obermeister« konstituiert hat und ihre christliche Ideenwelt
in einem vielstufigen Ritualsystem von großer Geschlossenheit entfaltet, das in den höheren
Graden als dezidiert religiöser Kult den Charakter einer kirchennahen Christologie
annimmt.
• Die »Radikalisierung des Geheimnisses« durch den Übergang zum politisch orientierten
Geheimbund, wofür – zunächst und eingeschränkt die »Strikte Observanz« – dann aber
vor allem die Illuminaten49 mit ihrem Bestreben, durch die Erfassung einer kulturell-gesellschaftlichen
Elite grundlegende Reformen in der Wirtschaft, im Bildungswesen und
im religiös-kirchenpolitischen Bereich in Gang zu setzen, die wichtigsten historischen
Beispiele bieten.
49 Vgl. Hammermayer, Ludwig: Der Geheimbund der Illuminaten und Regensburg, in: Verhandlungen des
Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, 110, 1970.
30
Zweierlei ist allerdings hinzuzufügen: Einmal sind die einzelnen Reformansätze nicht klar
voneinander zu trennen und können sich, wie etwa im Falle der »Verchristlichung« und
 
»Hierarchisierung«, durchaus miteinander verbinden. Zum anderen verlaufen sie nicht gradlinig
und können auf den jeweiligen »Reformachsen« Gegenentwicklungen auslösen (gegen
Hierarchisierung etwa das Wirken des Eklektischen Bundes und des Schröder’schen Systems
(Große Loge von Hamburg), gegen Metaphysierung z.B. die Positionen des Grand Orient
de France und des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne, gegen Relativierung schließlich
die verstärkte Rückkehr zur Esoterik als Material und Perzeptionsweise freimaurerischer
Rituale).
Jedenfalls entstanden durch den beschriebenen Differenzierungsprozess zumindest drei
große (in sich wiederum teilweise beträchtlich differenzierte) Typen von Freimaurerei:
• Die ethisch-symbolische Freimaurerei, die in der Welt dominiert und vor allem von der
englischen und amerikanischen Freimaurerei sowie von vielen kontinentaleuropäischen
Großlogen, darunter auch von der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer
von Deutschland (GL AFuAM vD) repräsentiert wird. Zu dieser Gruppe gehören von
den gegenwärtig insgesamt 2,5 bis drei Millionen Freimaurern weltweit (die immer noch
übliche Angabe von sechs Millionen ist deutlich überhöht, da die Zahl der Freimaurer
seit den 1970er Jahren vor allem in den USA sowie in England, Australien/Neuseeland
und Kanada um mehr als drei Millionen zurückgegangen ist) ungefähr 95 Prozent der Logenmitglieder.
Die Freimaurerei dieser Gruppe ist religiös offen, setzt als Bedingung für
die Mitgliedschaft allerdings die Anerkennung eines »Großen Baumeister aller Welten«
sowie die Präsenz eines »Heiligen Buches« (im christlichen Kulturkreis die Bibel) als Symbole
für den transzendenten Bezug des Menschen voraus. Innerhalb der ethisch-symbolischen
Freimaurerei gibt es freilich beträchtliche Differenzierungen, und es lassen sich
zumindest Gruppierungen mit einer stärker aufklärerisch-ethischen Orientierung von
solchen mit einer stärker hermetisch-esoterischen oder einer stärker traditionell-religiösen
Orientierung unterscheiden.
• Die christliche Freimaurerei, die das Bekenntnis zur Lehre Jesu Christi zur Voraussetzung
der Mitgliedschaft gemacht hat und die vor allem in den skandinavischen Ländern
(Schweden, Norwegen, Dänemark, Island) sowie hierzulande von der Großen Landesloge
der Freimaurer von Deutschland (GL FvD) vertreten wird.50 Insgesamt gehören zur Gruppe
der christlichen Freimaurerei weltweit gut zwei Prozent aller Freimaurer.
• Die säkular-liberale Freimaurerei, die vor allem durch den Grand Orient de France repräsentiert
wird. Der Grand Orient definiert sich in seiner Satzung als »philosophische, philanthropische
und fortschrittliche Institution«, hat das Symbol des »Großen Baumeisters
« in seinen Ritualen aufgegeben, nimmt auch Atheisten als Freimaurer auf, ergreift
Partei in gesellschaftlichen und politischen Fragen und erwartet auch ein gesellschaftspolitisches
Engagement von seinen Mitgliedern. Ihm gehören in Frankreich ca. 47.000
Freimaurer an. Die Freimaurerei des Grand Orient de France (und einiger gleich struktu-
50 Auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Letzterer und dem skandinavischen Original verweist
der Schwedische Freimaurerorden (Schwedisch: Svenska Frimurare Orden) auf seiner Homepage:
»The Swedish Rite is worked in Sweden/Finland, Norway, Denmark and Iceland. In Germany a Grand
Lodge, Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, is working rituals based on Carl Friedrich
Eckleff’s documents from 1760, but otherwise have few similarities to the Swedish Rite.«
31
rierter Großlogen in anderen Ländern) wird von den meisten Großlogen der Welt nicht
als regulär anerkannt.
Es ist darauf hinzuweisen, dass es neben diesen männerbündisch organisierten Gruppierungen
der Freimaurerei auch eine Freimaurerei der Frauen gibt, die sich gegenwärtig sehr
dynamisch entwickelt. In zahlreichen Ländern sind auch Systeme »gemischter« Logen (Logen,
die Männer und Frauen aufnehmen) vorhanden, von denen der Droit Humain die
wichtigste Gruppierung ist.
An der Schwelle zum 19. Jahrhundert
Bisher wurde vor allem aufgezeigt, wie sich die Brüche und oft gegenläufigen Tendenzen
des 18. Jahrhunderts – in mancherlei Hinsicht den labilen Strukturen der Postmoderne vergleichbar
– in einem bunten Gemisch verschiedenartiger Freimaurereien spiegelten. Eine
Konsolidierung der Freimaurerei trat erst in der Periode der eigentlichen Bürgergesellschaft
ein, als sich auf dem Markt sozialer Einbindung gleichermaßen Nachfrage und Angebot stabilisierten.
Unter den Tendenzen, die die Weiterentwicklung der Freimaurerei im langen 19. Jahrhundert
kennzeichneten, waren die folgenden von besonderer Bedeutung:
1. Im Hinblick auf die nationale Rahmensetzung entstanden oder festigten sich Großlogen
in den europäischen Nationalstaaten. Dies bedeutete, wenn nicht das Ende, so doch eine
erhebliche Abschwächung des kosmopolitischen Selbstverständnisses der Freimaurerei.51
2. Es kam zur Dominanz des bürgerlichen Elements in der Freimaurerei. Die führende Rolle
des Adels in der Freimaurerei nach dem Modell der »Strikten Observanz« fand ihr
Ende.
3. In Deutschland kam es sowohl zu einer langfristig wirksamen Konsolidierung der christlichen
»altpreußischen« Freimaurerei (Große National-Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln
«, Große Landesloge und Große Loge Royal York zur Freundschaft) als auch zu einer
Renaissance der englisch geprägten und von England bestätigten »eigentlichen« Freimaurerei
der drei Grundgrade (»humanitäre« Großlogen, vor allem Eklektischer Bund,
Große Loge von Hamburg, Große Loge »Zur Sonne« sowie prominente Einzellogen, von
denen »Archimedes zu den drei Reißbretern« in Altenburg aufgrund ihrer hochbeachtlichen
publizistischen Produktion besonders hervorzuheben ist). Damit entstanden in
der deutschen Freimaurerei tiefverwurzelte, bis heute weiterwirkende konzeptionelle und
organisatorische Unterschiede zwischen »humanitärer« und »christlicher« Freimaurerei.52
4. Schließlich änderte sich die konfessionelle Struktur der deutschen Freimaurerei. Die Zahl
katholischer Mitglieder ging rasch und gründlich zurück, einerseits durch die sich verschärfende
antifreimaurerische Haltung der katholischen Kirche, andererseits durch die
Sympathie der zumeist protestantischen Brüder Freimaurer mit der später im »Kultur-
51 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Europas verlorener Friede, die nationalvölkische Orientierung innerhalb
der deutschen Freimaurerei und die »freimaurerische Erinnerungspolitik« nach dem Zweiten Weltkrieg,
in diesem Band, S. 51–87.
52 Auf diese Unterschiede ist im zweiten Teil dieses Beitrags noch einmal ausführlicher zurückzukommen.
32
kampf« kulminierenden antikatholischen Einstellung großer Teile des deutschen, insbesondere
des norddeutsch-preußischen Bürgertums.
Insbesondere zwischen der Mitte des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts fungierten
die deutschen Logen – unabhängig davon, ob sie den altpreußischen oder den humanitären
Großlogen angehörten – als stabile Assoziationsformen der bürgerlichen Mittel- und
Oberschichten.53 Sie verstanden sich als Übungsstätten von Bürgertugenden wie Anstand,
Respekt, Hilfsbereitschaft und Vaterlandsliebe, spielten – nicht zuletzt aufgrund obrigkeitlicher
Protektion – eine anerkannte Rolle in der deutschen Gesellschaft und ordneten sich
ihrerseits loyal in die bestehende politische Ordnung ein. Thomas Manns Charakteristik
einer »machtgeschützten Innerlichkeit« deutscher Gesellschaft und Kultur kennzeichnete
weithin auch Selbstverständnis und logeninterne Praxis der freimaurerischen Vereinigungen.
54
In weiteren Beiträgen dieses Bandes werden die in meiner Sicht besonders wichtigen
Phasen der neueren freimaurerischen Geschichte in Deutschland ausführlich behandelt.55
Gegner der Freimaurerei
Seitdem es die moderne Freimaurerei gibt, ist sie zum Objekt mannigfaltiger Ablehnungen,
Gegnerschaften, Vorurteile, Verurteilungen und Verbote geworden. Offenbar forderte die
Freimaurerei durch ihre Ideenwelt und Sozialstruktur sowie den raschen Expansionsprozess
der Logen und das große Interesse der gesellschaftlichen Eliten an einer Mitgliedschaft in ihnen
in besonderem Maße zu Ängsten, Verurteilungen und Verboten heraus. In katholischen
Ländern war diese Ablehnung von Beginn an besonders ausgeprägt. Vor allem in Krisensituationen,
die der Erklärung bedurften und in denen die eigentlich Verantwortlichen nach
Entschuldigungen suchten (Französische Revolution, Verlust des Ersten Weltkriegs), wurde
immer wieder auf die Freimaurerei und die von ihr ausgehenden Gefahren für die bestehenden
politischen Ordnungen sowie die hergebrachten Formen von Religion und Glauben
verwiesen.
Bereits im Jahre 1698 – 20 Jahre vor Gründung der ersten Großloge – zirkulierte in
London ein Pamphlet, in dem »alle frommen Menschen vor den Freimaurern gewarnt werden.
Diese seien eine teuflische Sekte die durch einen Eid der Verschwiegenheit geschützte
geheime Zeremonien abhielten und der wahre Antichrist seien«.56
53 Vgl. Hoffmann, Stefan-Ludwig: Die Politik der Geselligkeit. Freimaurerlogen in der deutschen Bürgergesellschaft,
1840–1918, Göttingen 2000, insbes. S. 128–202.
54 Mann, Thomas: Leiden und Größe Richard Wagners, Gesammelte Werke, Bd. IX, Frankfurt/Main 1990,
S. 419.
55 S. insbesondere Europas verlorener Friede, die nationalvölkische Orientierung innerhalb der deutschen
Freimaurerei und die »freimaurerische Erinnerungspolitik« nach dem Zweiten Weltkrieg, in diesem
Band, S. 51–87, sowie Deutsche Freimaurerei nach 1945 – Wiederaufbau zwischen Neuorientierung und
alten Strukturen, in diesem Band S. 88–114.
56 Zitiert nach Neugebauer-Wölk, Monika: Geheimnis und Öffentlichkeit in masonischen Systemen des
18. Jahrhunderts, in: Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung, Nr. 43/2006, S. 280.
33
Haltung der Kirchen
Die Kirchen – beginnend mit der ersten Verurteilung durch Papst Clemens XII. im Jahre
1738 (Bulle »In eminenti apostolatus specula«) – fürchteten das maurerische Geheimnis, die
vorrangige Betonung moralischer Werte, das »Gutsein ohne dezidierten Glauben« und die
esoterische Religiosität der Freimaurer. In den folgenden Jahrzehnten wurde die ablehnende
Haltung der katholischen Kirche immer wieder verschärft und neu akzentuiert, bis sie
im Jahre 1884 durch Papst Leo XIII. (Bulle »Humanum genus«), der die Freimaurer gar dem
»Reich des Satans« zuordnete, auf die Spitze getrieben wurde.57 Die Kernaussage der Bulle
lautet:
»Nachdem das Menschengeschlecht durch den Neid des Teufels von Gott, dem
Schöpfer und dem Spender der himmlischen Güter, so kläglich abgefallen war, hat
es sich in zwei geschiedene und einander entgegengesetzte Lager geteilt: das eine
kämpft unausgesetzt für Wahrheit und Tugend, das andere für alles, was der Wahrheit
und Tugend widerstreitet. Das eine ist das Reich Gottes auf Erden, das andere ist
das Reich des Satans … In der Gegenwart … scheinen sich die Anhänger des Bösen
zu verabreden und in ihrer Gesamtheit mit vollen Kräften anzustürmen: geleitet und
gestützt von der weitverbreiteten und fest gegliederten Gesellschaft der sogenannten
›Freimaurer‹. Diese Sekte ist … ihrem ganzen Wesen und ihrer innersten Natur nach
Laster und Schande: darum ist es rechtens nicht erlaubt, ihr beizutreten und ihr in
irgendeiner Weise Beihilfe zu leisten.«58
Wenn auch der Ton der Angriffe im 20. Jahrhundert maßvoller wurde, so ist die Einstellung
der katholischen Kirche zur Freimaurerei doch weitgehend ablehnend geblieben. Zwischen
Vertretern der katholischen Kirche und der Freimaurerei fanden zwar seit den 1960er Jahren
Gespräche und Annäherungen statt, doch machte die »Unvereinbarkeitserklärung« der deutschen
Bischofskonferenz von 1980 die Hoffnung der Freimaurer auf eine Überwindung alter
Feindseligkeiten zunichte. Das negative Urteil über die Freimaurer bleibt weiterhin bestehen,
da deren weltanschauliche Grundlagen mit der Lehre der katholischen Kirche für unvereinbar
gehalten werden. Genannt werden dabei der Relativismus, das (vermeintlich) deistische
Gottesbild und nicht zuletzt der (ebenfalls vermeintlich) sakramentsähnliche Charakter der
Rituale. Im Ergebnis stellte die Glaubenskongregation unter ihrem damaligen Präfekten Kardinal
Joseph Ratzinger in einer von Papst Johannes Paul II. bestätigten Erklärung vom 26.
November 1983 fest:
»Das negative Urteil der Kirche über die freimaurerischen Vereinigungen bleibt also
unverändert, weil ihre Prinzipien immer als unvereinbar mit der Lehre der Kirche
betrachtet wurden und deshalb der Beitritt zu ihnen verboten bleibt. Die Gläu-
57 Vgl. zu Leo XIII. die sehr kritische Stellungnahme des katholischen Theologen Herbert Vorgrimler in:
Appel, Rolf/Vorgrimler, Herbert: Kirche und Freimaurer im Dialog, Frankfurt/Main 1975, S. 44–47.
58 http://www.kathwahrheit.de/Downloads/Humanum_genus.pdf, download 2.3.2011.
34
bigen, die freimaurerischen Vereinigungen angehören, befinden sich also im Stand
der schweren Sünde und können nicht die heilige Kommunion empfangen.«59
Trotz dieser »offiziellen« Verhärtungen zeigen sich in der katholischen Kirche doch auch
immer wieder Tendenzen, die Einstellung zur Freimaurerei zu verändern. Besonders aufschlussreich
ist die Schrift »Die Freimaurer und die Katholische Kirche« von Klaus Kottmann,
die im Sommersemester 2008 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-
Universität Bochum als Dissertation angenommen wurde und in deren Zusammenfassung
es heißt:
»Einzelne Katholiken, die Mitglied einer Freimaurerloge sind, wie zahlreiche Logen
selbst, verneinen eine entsprechende (glaubensfeindliche, H.-H. H.) Ausrichtung ihrer
Loge. Viele katholische Freimaurer halten das erlassene Verbot daher für nicht
rechtmäßig. Auch sehen sie sich in einer Situation, in der ihnen die Mündigkeit zur
eigenen Beurteilung nicht zugestanden wird.
Zu bedenken ist vor diesem Hintergrund, ob hinsichtlich der Bewertung der Freimaurerei
seitens der katholischen Kirche nicht die gleichen Argumente Platz greifen
könnten, die maßgeblich waren für die Aufhebung des Bücherverbots durch das Dekret
der Glaubenskongregation vom 15. November 1966.
Dabei wurde das Bemühen um eine Schärfung des Gewissens der Gläubigen für
wichtiger erachtet als der Erlass eines Verbotes. An die Stelle rechtlicher Vorschriften
trat das mündige Gewissen der Gläubigen, ohne die Pflicht und Aufgabe der kirchlichen
Autoritäten zu desavouieren, auf konkrete Abweichungen von der Glaubensund
Sittenlehre hinzuweisen.«60
Hier zeichnet sich zumindest eine Tendenz ab, die sich langfristig im Sinne einer Überwindung
bisheriger Barrieren auswirken könnte. Allerdings wäre hierfür wohl auch erforderlich,
dass sich die Freimaurerei ihrerseits um die Klärung ihrer Einstellung zu Glaube, Religion
und Kirche bemüht, wie dies ja auch von evangelischer Seite erwartet wird.
Auch in den evangelischen Kirchen gibt es eine Tradition mannigfaltiger Vorbehalte, ja
heftiger Ablehnung. Exemplarisch genannt seien nur die vehementen Angriffe, die durch
Ernst Wilhelm Hengstenberg, Professor der Theologie in Berlin und Begründer der »Evangelischen
Kirchenzeitung«, Mitte des 19. Jahrhundert auf die Freimaurerei geführt wurden. Seine
Schrift »Die Freimaurerei und das evangelische Pfarramt« enthält u.a. folgende Feststellung:
»Der Kampf gegen die Freimaurerei, in den wir ohne unsere Absicht und durch die
Gewalt der Umstände hineingeführt worden sind, verspricht erfreuliche Resultate.
Wir dürfen hoffen, daß diese Bewegung, die sich auch vielfach schon den Gemeinden
mitteilt, nicht ruhen wird, bis zuletzt die anstößige Tatsache der Beteiligung der
Geistlichen an dem Orden vollständig beseitigt ist. Schon dadurch wird die Freimaurerei
überhaupt einen bedeutenden Stoß erleiden. Die Geistlichen sind dem Orden
schon als Redner unentbehrlich. Gelingt es uns aber, den Hauptgrund, den wir ge-
59 http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19831126_
declaration-masonic_ge.html, download 6.8.2010.
60 Kottmann, Klaus: Die Freimaurer und die katholische Kirche, Frankfurt am Main 2009, S. 306.
35
gen die Teilnahme der Geistlichen am Orden geltend gemacht haben, die Christo
und seiner Kirche abgewandte deistische und humanistische Tendenz des Ordens zur
allgemeinen Anerkennung zu bringen, so wird das geradezu seine Fundamente wankend
machen.«61
Die Angriffe Hengstenbergs stießen auf zahlreiche Erwiderungen, insbesondere seitens »altpreußischer
« Autoren aus den Reihen der Berliner Großlogen.62
Für die Gegenwart kommt den Gesprächen zwischen Vertretern der evangelischen Kirche
in Deutschland und der Vereinigten Großlogen von Deutschland besondere Bedeutung
zu, die Beginn der 1970er Jahre geführt wurden. In einer abschließenden Erklärung der
Kirche vom Oktober 1973 wurde festgestellt, dass »ein genereller Einwand gegen eine Mitgliedschaft
evangelischer Christen in der Freimaurerei … nach Meinung der evangelischen
Gesprächsteilnehmer nicht erhoben werden (könne)«63, doch blieb in kirchlicher Sicht
offen, wie die christliche Rechtfertigungslehre »allein aus dem Glauben« mit den Ritualen
der Freimaurer und der ihnen eigenen Betonung der Bedeutung einer »Arbeit am eigenen
Selbst« zu vereinbaren sind.64 Schließlich wurden die Freimaurer gebeten, »in geeigneter
Weise dazu beizutragen, dass ein höheres Maß von Information vermittelt wird, um Vorurteile
abzubauen«.65 Die Fragen, die die evangelische Kirche bis heute interessieren, wurden
von Mathias Pöhlmann, dem stellvertretenden Leiter der Evangelischen Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen in Berlin, in der Jubiläumsschrift der »Vereinigten Großlogen von
Deutschland« im Jahre 2009 folgendermaßen formuliert:
»Aus kirchlicher Sicht ist besonders von Interesse, wie und in welcher Form der
Bruderbund seine Haltung zur Religion und zu den Kirchen jetzt und zukünftig
bestimmt. Ist die Freimaurerei ausschließlich der Aufklärung verpflichtet – oder erblickt
man im Logenwesen einen Mysterienbund mit esoterischen oder christlichmystischen
Konnotationen? Oder interpretiert man sie vom Kultus her als religiöse
Vereinigung? Besteht in manchen Richtungen nicht doch die Gefahr, dass man in
der jeweiligen Richtung und ihrer Ritualistik mehr erblickt als einen reinen Diesseitsbund?
Hier besteht innerhalb der Freimaurerei weiterhin Klärungsbedarf.
Zum anderen stellt sich auch die Frage nach dem Menschenbild der Freimaurerei:
Wie gelingt der Balanceakt zwischen den hohen Idealen und den tatsächlichen
menschlichen Schwächen? Welchen zukünftigen Weg wählt die Freimaurerei in der
Spannung zwischen Geheimnis und Öffentlichkeit? Gelingt es ihr, die freimaure-
61 Hengstenberg, Ernst Wilhelm: Die Freimaurerei und das evangelische Pfarramt, 1854, zitiert nach: Neumann,
Otto: Die Gegner der Freimaurerei, Berlin 1908, S. 14.
62 Vgl. z.B. Zur Beurtheilung der Hengstenbergschen Schrift: Die Freimaurerei und das evangelische Pfarramt,
von einem Freimaurer mit Zustimmung seiner Ordensbehörde, Berlin 1854.
63 Quenzer, Wilhelm: Königliche Kunst in der Massengesellschaft. Freimaurerei als Gruppenphänomen,
EZW-Information 58, Stuttgart XII/1974, S. 18f.
64 Pöhlmann, Mathias: Verschwiegene Männer. Freimaurer in Deutschland, EZW-Texte 182, Berlin 2007, S. 188.
65 Pöhlmann, Mathias: Jeder nach seiner Fasson? Freimaurerei aus evangelischer Sicht, in: Vereinigte Großlogen
von Deutschland (Hrsg.): 50 Jahre Vereinigte Großlogen von Deutschland. Bruderschaft der Freimaurer,
Berlin 2009, S. 61–70, hier S. 61.
36
rischen Werte über die Loge hinaus in die öffentliche Diskussion einzubringen? Wie
gelingt letztlich der Spagat zwischen Traditionsbewahrung und Reform?«66
Diese Fragen müssen nachdenklich stimmen. Denn sie bezeichnen ja nicht nur das Informationsinteresse
evangelischer Christen. Es handelt sich zugleich auch um die grundsätzlichen
Entwicklungsfragen der Freimaurer. Fragen werden immer dann erforderlich, wenn befriedigende
Antworten fehlen. Und dies weist auf erhebliche Klärungs-, ja mehr noch auf Gestaltungsdefizite
auf Seiten der Freimaurerei hin. Bei einem »Vorhang zu und alle Fragen offen«
wird es da kaum bleiben dürfen.
Volksaberglaube
Verbunden mit den Ablehnungen durch Religion und Kirche entwickelte sich seit der Wende
zum 19. Jahrhundert ein in der Volksreligiosität verankerter Aberglaube, welcher der Freimaurerei
(und insbesondere ihren Ritualen) Dimensionen des Unheimlichen und Dämonischen
zuschreibt, wie zum Beispiel: »Bevor ein Freimaurer aufgenommen wird, muss ein
anderer sterben« oder »Aufnahmegesuche sind mit eigenem Blut zu unterzeichnen«. Dieser
Aberglaube ist auch heute noch wirksam, wenn er sich auch oft von seiner religiösen Basis
entfernt hat, und trägt zumindest unterschwellig zu den diffusen Bildern bei, die sich Außenstehende
von der Freimaurerei machen.
Politische Verbote, Verschwörungstheorien
Kaum war der Freimaurerbund am Anfang des 18. Jahrhunderts gegründet, kam es zu politisch
motivierten Verboten sowohl in den mehrheitlich katholischen Staaten des alten deutschen
Reiches als auch in primär lutherischen Städten wie Hamburg. Absolutistische und
autoritäre politische Systeme fühlten sich durch die freimaurerischen Postulate der sozialen
Gleichheit und des Vorrangs der Moral gegenüber der Politik herausgefordert und fürchteten
auch die Gefahren, die ihrer Herrschaft von konkurrierenden Eliten drohten, wie sie vor
allem die Illuminaten darstellten. Diese Ängste wurden nicht zuletzt durch die Französische
Revolution verstärkt, die – nicht selten, wenn auch unbegründeterweise – dem Wirken der
Freimaurerei zugeschrieben wurde.
Die generellen Verbote der Freimaurerei in den faschistischen Systemen des 20. Jahrhunderts
erfolgten im Kontext einer weiteren Verschärfung der Anti-Freimaurerbewegung
unter der Einwirkung von Verschwörungsvorstellungen. Für deren meist im extrem rechten
Spektrum der Politik angesiedelten Vertreter war und ist der Freimaurerbund nicht nur
religionsfeindlich und politisch gefährlich, sondern langfristig und strategisch auf Vernichtung
des Glaubens, auf Aushöhlung der gesellschaftlichen Ordnung, ja auf Weltherrschaft
angelegt. Dabei wird die Freimaurerei oft in eine Verbindung mit anderen Gruppierungen
gerückt, wobei die Behauptung einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung vor allem im
Deutschland der Weimarer Republik eine besonders verhängnisvolle Rolle spielte. Aufsehen
erregte zunächst das 1919 veröffentlichte Buch des österreichischen Nationalratsabgeordneten
Friedrich Wichtl – »Weltmaurerei, Weltrevolution, Weltrepublik. Eine Untersu-
66 Ebenda, S. 69.
37
chung über Ursprung und Endziele des Weltkrieges«67–, das gleichsam das Modell weiterer
antifreimaurerischer Kampfschriften der folgenden Jahrzehnte darstellte. Bei Wichtl findet
sich auch die Auffassung von der »Verwobenheit« der Freimaurerei mit den Juden, was er
vor allem am Beispiel Englands exemplifiziert:
»Freimaurerei und Judentum sind dort derartig miteinander verwoben, daß ein englischer
Schriftsteller allen Ernstes erklärt: Der Freimaurer ist nichts als ein künstlicher
Jude … Die gegenwärtige Lage der Juden in England (werde) am sinnfälligsten dadurch
gekennzeichnet …, dass sie die Vorherrschaft in den geheimen Gesellschaften
errungen haben, namentlich in der Freimaurerei.«68
Mitte der 1920er Jahre erfolgten Erich Ludendorffs massive Angriffe auf die deutsche Freimaurerei,
die den Bund sehr erschütterten, weil sich die meist national eingestellten Freimaurer
völlig zu Unrecht angegriffen fühlten. »Das Geheimnis der Freimaurerei ist überall
der Jude« heißt es im populärsten Pamphlet des Generals – »Vernichtung der Freimaurerei
durch Enthüllung ihrer Geheimnisse«69 – von 1927. Die Freimaurer seien »künstliche Juden«
(so schon Wichtl), das Streben nach einem »Menschheitsbund« nach »Humanität« und
»menschlicher Glückseligkeit« sei gleichbedeutend mit der »Verjudung« der Völker und der
Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft. Der NS-Ideologe und spätere NSDAP-Reichsleiter
Alfred Rosenberg war es dann, der nicht zuletzt durch die von ihm betriebene Popularisierung
der sogenannten »Protokolle der Weisen von Zion«70 dafür sorgte, dass die Gegnerschaft
zur Freimaurerei in zeitlich wechselndem Ausmaß zum festen Bestandteil der nationalsozialistischen
Ideologie geworden war, die der erzwungenen Auflösung der Logen in
Deutschland (endgültig 1935) zugrunde lag.
Heutiges Selbstverständnis der deutschen Freimaurerei – eine
»humanitäre« Sicht
Im folgenden Teil dieses Beitrags zur Freimaurerei in Deutschland geht es weniger um Analysen
als um die – im Titel dieses Buches ja auch angekündigten – Überlegungen und Perspektiven,
und so bringen die folgenden Abschnitte keine Sichtweise zum Ausdruck, die
für die gesamte deutsche Freimaurerei der Gegenwart kennzeichnend wäre. In den »Vereinigten
Großlogen von Deutschland. Bruderschaft der Freimaurer«, die die in Deutschland arbeitenden
Logen seit 1958 in einem Vertragswerk zusammenfasst, werden ja durchaus unter-
67 Wichtl, Friedrich: Weltfreimauererei, Weltrevolution, Weltrepublik. Eine Untersuchung über Ursprung
und Endziele des Weltkrieges, Wien/München 1919.
68 Ebenda, S. 61.
69 Ludendorff, Erich: Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse, München 1927.
70 Zutreffend heißt es in »Wikipedia. Die freie Enzyklopädie«: »Die Protokolle der Weisen von Zion sind
ein seit Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitetes antisemitisches Pamphlet, das eine jüdische Weltverschwörung
belegen soll. Es wurde von unbekannten Redakteuren auf der Grundlage der satirischen
Schrift Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu von Maurice Joly und weiteren
fiktionalen Texten zusammengestellt. Trotz mehrfach erbrachter Beweise, dass es sich bei den Protokollen
um Fälschungen handelt, findet sich der Glaube an ihre Authentizität oder Wahrheit noch
heute unter Antisemiten und Anhängern von Verschwörungstheorien in der ganzen Welt.«
38
schiedliche freimaurerische Traditionen fortgesetzt. Als Mitglied der weitaus größten der die
VGLvD bildenden Großlogen, der »Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer
von Deutschland« (GL A.F.u.A.M. v. D.), stehe ich bewusst und überzeugt in der »humanitären
« Tradition der deutschen Freimaurerei. Wenn dies nun auch keinesfalls bedeutet,
dass alle Freimaurer dieser Großloge meine, zunächst einmal ja sehr persönlichen Perspektiven
und »Annäherungen an Freimaurerei« teilen würden oder gar teilen sollten, so gehe ich
doch davon aus, einen nicht unbeträchtlichen Konsens dieser Freimaurer zum Ausdruck
zu bringen.
In der gesellschaftlichen Realität von heute sind sich die Brüder und Logen der Großloge
A.F.u.A.M. bewusst, dass die Freimaurerei ein neues, »offenes« Verhältnis zur Öffentlichkeit
herzustellen hat. Die Bruderschaft versteht sich als Bestandteil der demokratisch-pluralistischen
Gesellschaft. Dies bedeutet zugleich, sich ihres Platzes in eben dieser Gesellschaft
zu versichern und sich ihrer sozialen Umwelt verständlich zu machen. Denn je mehr sich
die deutsche Freimaurerei zur Gesellschaft öffnete, desto häufiger wurde und wird sie auf
ihr Selbstverständnis und ihre Wirklichkeit hin befragt. Legitimitätsbegründungen durch
Berufung auf die Geschichte der Freimaurerei reichen nicht mehr aus. Auch Hinweise
auf »bedeutende Freimaurer« können nicht genügen. Die Fragen, was Freimaurerei in der
modernen Gesellschaft ist und sein will und was das »freimaurerische Geheimnis« heute
bedeutet, müssen auf eine klarere Weise beantwortet werden.71
Eine präzise Antwort auf diese Fragen ist jedoch schwierig. Gewiss herrscht Übereinstimmung
unter den deutschen Freimaurern in Bezug auf historische Entwicklungslinien
und strukturelle Grundelemente, doch die Perspektiven, Formen und Farben dieses Freimaurerbildes
variieren ebenso wie seine Einordnung in gesellschaftlich-historische Bezüge
und die Begrifflichkeit seiner Vermittlung. Dies ist einmal darauf zurückzuführen, dass
Großgruppen wie die Freimaurerei generell nie nur ein Selbstverständnis aufweisen und
griffig-eindeutige Formulierungen für ihre Corporate Identity immer subjektive Konstruktionen
sind, die nicht selten den Verdacht ertragen müssen, primär als Führungsinstrumente
nach innen und als reglementierte Kommunikationscodes nach außen zu fungieren.
Dazu kommen der unterschiedliche historische Hintergrund der einzelnen deutschen Logen
– schließlich ist auch die GL A.F.u.A.M. aus dem Zusammenschluss von Logen aus
früheren, durchaus unterschiedlichen Großlogen hervorgegangen72 – sowie der Umstand,
dass auch die deutsche Freimaurerei der Gegenwart keine »Grundsatzkommissionen« kennt
und die einzelnen Freimaurer zudem in der Regel strikt auf einer ganz individuellen Deutungshoheit
bezüglich dessen beharren, was unter Freimaurerei zu verstehen ist.
Dennoch gibt es Übereinstimmungen, die in Satzungen, Stellungnahmen der Großlogenleitungen,
Positionspapieren, Logen- und Großlogendiskussionen und neuerdings den freimaurerischen
Internetseiten ihren Ausdruck finden.73 Diese Übereinstimmungen haben klä-
71 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Freimaurerei und gesellschaftliche Gegenwart: Umfeld, Identität, Perspektiven,
in: Berger, J./Grün, K-J. (Hrsg.), Geheime Gesellschaft. Weimar und die deutsche Freimaurerei,
München/Wien 2002, S. 343–350.
72 Hierzu ausführlich Höhmann, Hans-Hermann: Deutsche Freimaurerei nach 1945 – Wiederaufbau zwischen
Neuorientierung und alten Strukturen, in diesem Band, S. 88–114.
73 Siehe z.B. die Seite der Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland,
www.freimaurerei.de.
39
rende Funktionen nach innen, sollen jedoch auch einer die eigene freimaurerische Identität
vermittelnden Öffentlichkeitsarbeit dienen. Einer solchen Öffentlichkeitsarbeit werden etwa
in den Leitgedanken zur Freimaurerei,74 die innerhalb der GL A.F.u.A.M. Mitte der achtziger
Jahre (u.a. vom Verfasser dieses Textes75) erarbeitet und inzwischen immer wieder veröffentlicht
wurden, drei Aufgaben zugesprochen:
• Abbau von Vorurteilen und Verbesserung des Informationsstandes der profanen Umwelt;
• Herstellen einer fruchtbaren, Logen und Großloge geistig und sozial belebenden Kommunikation
mit Außenstehenden sowie
• Anknüpfen von Beziehungen zu Männern, die für die Logen als »Suchende« in Frage
kommen.
Als Kernaufgabe des Freimaurerbundes in der Gegenwartsgesellschaft kann die Suche nach
einer unverwechselbaren, kraftvollen freimaurerischen Identität verstanden werden. Hinter
dieser Feststellung steht die – teils gefühlte, teils bewusst gemachte – Einsicht, dass Freimaurerei
ohne Wissen darum, was sie ist und sein kann, sowie ohne immer neue Versuche, den
Möglichkeiten der Freimaurerei durch Wirken innerhalb der Logen und nach außen, d.h.
in die Gesellschaft hinein, gerecht zu werden, auf Dauer nicht bestehen kann. Meistens beruft
sich die Freimaurerei auf ihre Geschichte, wobei das aus heutiger Sicht Positive der Vergangenheit,
insbesondere der um die Begriffe Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz
kreisende Wertekanon des Bundes, in aller Regel in den Vordergrund gerückt wird, während
negative und diffuse Erscheinungsbilder verschwiegen oder verdrängt werden. Ein ethischer
Bund, der sich selbst ernst nimmt und der von der Gesellschaft ernst genommen werden
will, darf jedoch nicht so verfahren. Er muss sich Gedanken über sich selbst machen und
sich in seiner Selbstreflexion von den hohen Maßstäben leiten lassen, die er für sich selbst
beansprucht, kurz: Er muss sich auf die Tragfähigkeit seiner Identität in Konzeption und
Wirklichkeit befragen lassen.
Nach Identität als einem selbstbewussten Einssein mit sich selber kann sowohl für den
einzelnen Freimaurer als auch für die verschiedenen freimaurerischen Gruppen (Logen,
Großloge, Leitungsgremien etc.) gefragt werden. Was zunächst die individuelle freimaurerische
Identität betrifft, so hat ein Freimaurer als Maurer (»by his tenure«, wie die Alten
Pflichten sagen) unabhängig von seinen individuellen Wertvorstellungen und seinem spezifischen
Selbstverständnis als Mensch, Mann, Berufstätiger, gläubiger oder nichtgläubiger
Mensch etc. dann Identität, wenn er überzeugend, fundiert, redlich und erkennbar hinter
seinen freimaurerischen Vorstellungen steht und wenn sich seine freimaurerischen Auffassungen
auch im Alltag bewähren. Je größer die Zahl der Brüder mit überzeugender freimaurerischer
Identität ist, desto besser lassen sich die Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben
des Bundes lösen. Die Freimaurer müssen sich folglich um diese individuelle maurerische
Identität bemühen, auch wenn sie immer wieder scheitern und der »Rauhe Stein« ein
treffliches Symbol für sie bleibt. Über die Werkzeuge zur Identitätsfindung verfügt die
Freimaurerei in reichem Maße, sei es die tolerante Mitmenschlichkeit in der Loge, sei es
74 Leitgedanken der Freimaurerei, http://www.freimaurerei.de/index.php?id=9.
75 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Eine Großloge wird vorgestellt: Leitgedanken zu Standort und Identität
der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, in diesem Band,
S. 262–265.
40
der kritisch-selbstkritische Diskurs der Brüder, sei es das Ritual, in dem es ja im Grunde
um nichts anderes geht als um Bestimmung, Einübung und Verinnerlichung von Identität.
Unter freimaurerischer Gruppenidentität sollen Selbstverständnis und Ausdruck, Konzeptionen
und Weisen ihrer Umsetzung verstanden werden, wie sie für eine Gruppe von
Freimaurern (Logen, Großloge) in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort kennzeichnend
sind. Wie bei den einzelnen Freimaurern gibt es bei freimaurerischen Gruppen
solche mit einer starken und solche mit einer schwachen Identität. Die Identität freimaurerischer
Gruppen setzt sich jeweils aus zwei Komponenten zusammen: aus inhaltlichen Elementen
wie Zielvorstellungen und Formen (Organisation, Brauchtum und Rituale) sowie
aus der Art und Weise, wie diese inhaltlichen Elemente in der Gruppenpraxis umgesetzt
werden, d.h. aus der Qualität des Gruppenprozesses. Hier sind menschliche Atmosphäre,
intellektuelle und emotionale Lebendigkeit, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit, Diskursqualität,
Ausstrahlung (Charisma) etc. wichtige Stichworte.
Beide Eigenschaften, Inhalte und Gruppenqualität, müssen zusammenkommen. Eine
schwache Gruppenidentität (und damit unzureichende Wirkung nach innen und außen)
liegt dann vor, wenn sich verschwommene Inhalte mit mäßiger oder keiner Ausstrahlung
verbinden; eine starke Gruppenidentität und intensive Wirkung nach innen und außen
kann dagegen da angenommen werden, wo klare Inhalte und überzeugende Umsetzung
vorhanden sind. In der freimaurerischen Diskussion wird im Allgemeinen die Notwendigkeit
betont, an der Profilierung der konzeptionellen Inhalte der Freimaurerei (Wertvorstellungen,
Ziele) zu arbeiten. Auch aus meiner Sicht ist es wichtig, ein konzeptionell klares
Bild des Bundes zu entwickeln. Auf der anderen Seite wäre es gefährlich, bei der Formulierung
programmatischer Plattformen zu weit zu gehen und der Gefahr einer Ideologisierung
zu erliegen. Dies würde intellektuell aufgeschlossene Männer nur abstoßen. Diese kommen
ja gerade deshalb und dann zur Freimaurerei, weil und wenn diese bei aller Wertgebundenheit
geistig offen ist. Wer als geistig offener Mann Kontakt zur Freimaurerei sucht, ist
wohl eher an toleranten Such- und Orientierungsprozessen als an verbindlich vorgegebenen
Positionen interessiert. Daher ist es so wichtig, jedem Fundamentalismus abzusagen, die
Gruppenqualität der Freimaurerei zu verbessern sowie dafür zu sorgen, dass inhaltliche
Abklärungen auf jedes dogmatische Ausformulieren verzichten und sich mit einem hohen
menschlichen Niveau sowie mit intellektueller Redlichkeit verbinden.
Zur inhaltlichen Bestimmung freimaurerischer Identität wurden von mir einige
Eckpunkte herausgearbeitet, die mittlerweile ihren Weg durch die Bruderschaft der GL
A.F.u.A.M. gemacht haben und gern verwendet werden. Auch die Großloge macht auf
ihrer Webseite von ihnen Gebrauch.76
Mir ging es dabei darum, Anhaltspunkte dafür zu bestimmen, was Freimaurerei ist und
was sie nicht ist bzw. nicht sein will. Die einzelnen Charakterisierungen reichen für eine
Beschreibung des freimaurerischen Selbstverständnisses selbstverständlich nicht aus. Sie
mögen aber dazu geeignet sein, nach innen und außen klarer zu machen, durch welche
unterschiedlichen Erscheinungsweisen und Strukturelemente der Freimaurerbund gekennzeichnet
und welchen Fehlbeurteilungen und Vorurteilen er ausgesetzt ist.
Zunächst die positiven Setzungen:
76 http://www.freimaurerei.de/index.php?id=5.
41
Freimaurerei als Freundschaftsbund
Als Gemeinschaften freundschaftlich verbundener Menschen wollen die Freimaurerlogen der
Gefahr einer Isolierung des Einzelmenschen in der modernen Konsum- und Industriegesellschaft
entgegenwirken. Sie folgen damit ihrer speziellen Tradition, Trennendes zu überwinden,
Gegensätze abzubauen, Verständigung und Verständnis zu fördern sowie Menschen zu
verbinden, die sich nach Herkunft und Interessenlage sonst nicht begegnen würden. Gerade
in der heutigen Zeit sind durch Spezialisierung und Funktionsteilung der modernen Berufsund
Arbeitswelt, durch die Aufspaltung der Gesellschaft in Menschen, die Arbeit haben, und
solche, die arbeitslos sind, durch die vielfältigen Migrationsprobleme sowie durch die Ausdifferenzierung
des Konsum- und Freizeitverhaltens neue Schranken zwischen den Menschen
entstanden. Demgegenüber sollen die auf Freundschaft gegründeten Logen Stätten menschlicher
Begegnung über alle sozialen und politischen Schranken hinweg sein.
Logen engagieren sich sozial und kulturell. Logen und die Menschen in ihnen wollen
sich miteinander und mit anderen Menschen vernetzen, denn nur durch eine solche Vernetzung
von Mensch zu Mensch können in modernen komplexen Gesellschaften mit ihrer
Tendenz zu diffuser Anonymität und Aggressivität übersichtliche und humane Lebenswelten
geschaffen und erhalten werden. Dass Freimaurerei bis heute meist als Männerbund
verstanden und praktiziert wird, ist auf die männerbündische Tradition der Freimaurerei
zurückzuführen, soll die Homogenität der Logengruppe festigen und ist mit keinerlei Diskriminierung
von Frauen verbunden. Deshalb ist Freimaurerei heute auch bewusst ein
»offener« Männerbund, der Partnerin und Familie weitgehend in das Gemeinschaftsleben
der Logen einbezieht.
Zudem hat die deutsche Freimaurerei in den letzten Jahrzehnten durch die Entstehung
und erfolgreiche Entwicklung von Frauenlogen eine wesentliche Bereicherung erfahren, und
die Tatsache, dass es heute immer mehr Logen freimaurerisch arbeitender Frauen gibt, stellt
die weitere Existenz der Loge als Männerbund keineswegs infrage. Im Gegenteil: Sozialform,
Ideenwelt und rituelle Praxis erfahren hierdurch eine größere gesellschaftliche Relevanz.
Durch eine zunehmende Kooperation zwischen den Logen der Männer und den Logen der
Frauen können die freimaurerischen Diskurse gehaltvoller und das Gewicht der Freimaurerei
in Kultur und Öffentlichkeit gestärkt werden, ohne dass die Logen der Männer und die
Logen der Frauen als Initiationsgemeinschaften ihren jeweils spezifischen Gendercharakter
verlieren. Freundschaft und spirituelles Erlebnis unter Männern wie Freundschaft und Spiritualität
unter Frauen sind in modernen pluralistischen Gesellschaften ohne jede Verletzung
von freiheitlich-demokratischen Prinzipien möglich und von jeweils großem menschlich-sozialen
Wert. Zusammenführen, ohne durch Niederreißen von Grenzen bewährte Strukturen
zu zerstören: Hierin liegt eine große Entwicklungschance der gegenwärtigen Freimaurerei.
Freimaurerei als ethisch orientierter Bund
»Im Geiste ihrer freiheitlich-humanitären Tradition« bekennen sich die Freimaurer der
»Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland« in ihrer Verfassung
zu ethischen Werten und Überzeugungen, die u.a. in folgenden »freimaurerischen
Grundsätzen« Ausdruck finden:
42
»In den Mitgliedslogen der Großloge arbeiten Freimaurer, die in bruderschaftlichen
Formen und durch überkommene rituelle Handlungen menschliche Vervollkommnung
erstreben. In Achtung vor der Würde jedes Menschen treten sie
ein für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und für Brüderlichkeit, Toleranz und
Hilfsbereitschaft und Erziehung hierzu … Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit
sind den Freimaurern höchstes Gut … Die Freimaurer sind durch ihr gemeinsames
Streben nach humanitärer Geisteshaltung miteinander verbunden; sie bilden keine
Glaubensgemeinschaft.«77
Der Freimaurerbund entwickelt zwar kein eigenes ethisches System und versucht schon gar
nicht, ethische Überzeugungen in politische Programme zu übertragen. Dennoch gibt die
Freimaurerei mit ihren Wertpositionen Humanität, Brüderlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit,
Friedensliebe und Toleranz Orientierungen und Maßstäbe für das Denken und Handeln ihrer
Mitglieder vor. Im Vergleichen von Realität und Wertmaßstab, im gemeinsamen Nachdenken
und in kritischer Selbstaufklärung sollen Verhaltensweisen und Umgangsstile eingeübt
werden, die ein Umsetzen ethischer Überzeugungen in die moralische Lebenspraxis des
einzelnen Freimaurers bewirken. Die Allgemeinheit dieser Wertvorstellungen darf nicht irritieren,
auch nicht die Tatsache, dass die Freimaurerei diese Werte mit anderen Gruppen teilt.
Das Spezielle im Freimaurerbund ist die Methode der Umsetzung. Dabei kommt dem brüderlichen
Gespräch große Bedeutung zu, denn »Nichts geht über das laut denken mit einem
Freunde« (Lessing). Ein solcher Diskurs soll Möglichkeiten schaffen, sich zu informieren,
sich zu orientieren, eigene persönliche und freimaurerische Identitäten zu entwickeln und
sich gemeinsam aus Vorurteilen herauszudenken.
Vor allem kommt es darauf an, eine neue Sensibilität zu schaffen. Freimaurer gehen davon
aus, dass richtiges Fragen wichtiger ist als vorschnelles, zu kurz gegriffenes Antworten.
Damit dies gelingen kann, ist freilich eine Verpflichtung zu kritischer Haltung erforderlich.
Eine solche fällt nicht leicht. Doch auch hier kann an Traditionen der Aufklärung und an
älteres freimaurerisches Denken angeknüpft werden, an die Erkenntnis nämlich, dass auch
das Bekenntnis zu Menschlichkeit und Brüderlichkeit zum Dogma erstarren kann, wo die
Bereitschaft fehlt, auf kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen. Es
geht um die von K. R. Popper empfohlene Einsicht, dass zur Lösung vieler Probleme eine
Einstellung gehört, »die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst, und
dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden«; eine Einstellung,
welche die Hoffnung nicht aufgibt, »durch Argumente und sorgfältiges Beobachten zur
Übereinstimmung zu kommen, und daß es sogar dort, wo verschiedene Intereressen und
Forderungen aufeinanderprallen möglich ist, … einen Kompromiß zu erreichen, der wegen
seiner Billigkeit für die meisten, wenn nicht für alle annehmbar ist«.78 Hier ist auch abermals
an ein Wort und eine Warnung Lessings zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern
die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, »denn nicht der Irrthum,
sondern der sektirische Irrthum, ja sogar die sektirische Wahrheit, machen das Unglück der
Menschen; oder würden es machen, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte«.79
77 Verfassung der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, Bonn 1994.
78 Popper, K. R.: Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde, Zweiter Band, Bern 1958, S. 276.
79 Gotthold Ephraim Lessings Sämtliche Schriften, Bd. 18, Leipzig/Stuttgart 1904, S. 109, zitiert nach:
Vierhaus, Rudolf: Deutschland im 18. Jahrhundert, a.a.O., S. 122.
43
Freimaurerei als Initiationsgemeinschaft und symbolischer Werkbund
Zur Festigung der zwischenmenschlichen Beziehungen, zur gefühlsmäßigen Vertiefung und
Verankerung ihrer ethischen Überzeugungen, zur Vermittlung spiritueller Erfahrungen und
als Anleitung zur Selbsterkenntnis bedienen sich die Logen alter, vor allem aus der Tradition
der europäischen Dombauhütten stammender Symbole und symbolhafter Handlungen (Rituale),
in deren Mittelpunkt die feierliche Aufnahme (Initiation) des neuen Mitglieds in die
brüderliche Gemeinschaft steht.
Die Zugänge des einzelnen Freimaurers zu Symbolen und Ritualen können durchaus
unterschiedlich sein: Diesen mag vor allem die kontemplative Seite des Brauchtums ansprechen,
das Ruhefinden, das Zu-sich-Kommen im geschlossenen Logenraum, der Bauhütte,
dem Tempel, in dem Freimaurer einen Teil ihrer Veranstaltungen abhalten. Jenen mag
die Bedeutung der rituellen »Arbeit« als Ordnung der Zeit ansprechen, als Atempause im
Strom der unruhigen Zeit, als »Moratorium des Alltags« (Odo Marquard80). Ein weiterer
mag in erster Linie vom spirituellen Gehalt des Brauchtums angezogen werden, vom behutsamen
Ansprechen der Beziehungen Mensch – Welt, Mensch – Kosmos, Immanenz –
Transzendenz. Ein anderer schließlich schätzt vor allem die ethisch-erzieherische Qualität
des Rituals: tauglicher zu werden als »moralischer Baustein« in seiner ganz konkreten Lebenswelt.
Daraus folgt, dass auch im Umgang mit Symbolen und Brauchtum »Offenheit«
eine zentrale Kategorie der Freimaurerei ist.
Auch die Frage, inwieweit die Symbole und Rituale der Freimaurerei als »esoterisch«
verstanden werden sollen, muss letztlich vom einzelnen Freimaurer und der freimaurerischen
Gruppe entschieden werden. Esoterisch im Sinne eines durch Absonderung schutzbedürftigen
Gruppenprozesses des Intimen und Internen sind die Rituale sicherlich.81
Doch können die in der Symbolik präsenten hermetischen Traditionen für die einzelnen
Freimaurer durchaus unterschiedlich wichtig sein, und dem Ritualverständnis des Bruders –
d.h. seinem ganz persönlichen »freimaurerischen Geheimnis« – ist respektvoll zu begegnen.
Dies gilt allerdings nur so lange, wie nicht für die freimaurerische Esoterik der Charakter
eines Geheimwissens beansprucht wird, das nur im Bund vermittelt wird und außerhalb
der Freimaurerei nicht zu erlangen ist. Von solchen Esoterikvorstellungen hätte sich die
Freimaurerei um ihrer selbst willen strikt abzugrenzen.
Die freimaurerische Ritualpraxis soll – insbesondere durch die drei großen Sinnbild-
Komplexe der Symbolik des Lichtes, der Symbolik des Wanderns und der Symbolik des
Bauens, die das der Freimaurerei eigene Menschenbild und ihr Selbstverständnis zusammenfassen
und die immer wieder in verschiedenen Formen ästhetisch-rituell gestaltet werden82
– Empfinden und Bewusstsein des Freimaurers für ein erweitertes Blickfeld öffnen.
»Schau in dich – schau um dich – schau über dich«, so lauten drei alte bezeichnende Aufforderungen.
Die »Öffnung« der Loge durch den leitenden Meister am Beginn des Rituals
80 Marquard, Odo: Moratorium des Alltags. Eine kleine Philosophie des Festes, in: ders.: Skepsis und Zustimmung.
Philosophische Studien, Stuttgart 1994, S. 59–69.
81 Vgl. hierzu und zum Folgenden Kehl, Alois: Meinen Schwestern und Brüdern im freien Geist. Aufsätze,
Vorträge, Zeichnungen zur Freimaurerei, herausgegeben von der Freimaurerloge »Ver Sacrum«, Köln
2003, S. 98f.
82 Ausführlich hierzu Höhmann, Hans-Hermann: »Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben …« –
Überlegungen zur Symbol- und Ritualwelt der Freimaurerei, in diesem Band, S. 232–239.
44
bedeutet vor allem die Öffnung der Wahrnehmung der Ritualteilnehmer für die Vorgänge
des Rituals. Die formelhafte Öffnung der Loge ist nur einer von zahlreichen performativen
Sprechakten, die wichtige Einübungselemente des freimaurerischen Rituals sind. Auch die
sich in »Werklehren« wiederholenden Wechselgespräche zwischen dem leitenden Meister
und den Aufsehern der Loge stellen performatives Sprechen dar. Sie fordern in der Erwartung
zum Nachvollzug auf, dass der Sprechakt bewirkt, wovon er spricht. Wenn etwa der
Meister fragt: »Warum nennen wir uns Freimaurer?« und die Antwort des Ersten Aufsehers
lautet »Wir bauen den Tempel der Humanität«, so soll diese Beschreibung eines moralischen
Arbeitsvorhabens der Einübung in die Bereitschaft eines tatsächlichen, moralisch
orientierten und ethisch begründeten Handelns dienen. Deshalb wird die rituelle Feier von
den Freimaurern auch Arbeit genannt.
Ganz wesentlich ist, dass das freimaurerische Ritual bildhaftes Erleben menschlicher
Entwicklung vermittelt. »Rites de Passage«, Übergangsriten, symbolische Reisen verdeutlichen
menschliche Entwicklung, zeigen die Gefährdung des Menschen, seine Einsamkeit,
ja seinen Tod, seine Verwiesenheit auf Gemeinschaft und die Pflicht der Gemeinschaft zu
helfen. Auch die drei freimaurerischen Grade des Lehrlings, des Gesellen und des Meisters
symbolisieren menschliche Entwicklungspotentiale, um deren Nutzung und Erweiterung
sich der Freimaurerbund bemüht. Dabei versinnbildlichen die Wanderungen durch die
Grade mit den entsprechenden Initiationen die Veränderungen des Menschen, die erforderlich
sind, um Fortschritte auf dem Weg zu mehr Selbsterkenntnis, Mitmenschlichkeit und
ethischer Verpflichtung zu erreichen.
Die genannten drei konstitutiven Grundelemente der Freimaurerei – Freundschaftsbund,
ethische Orientierung und rituelle Praxis – erfassen gleichermaßen die soziale, intellektuelle,
moralische und emotionale Seite des Menschen. Sie können allerdings nur
dann nach innen wie nach außen wirksam werden, wenn zwischen ihnen ein ausreichendes
Maß an Gleichgewicht und Gleichklang herrscht, d.h. wenn kein Element überbetont oder
vernachlässigt wird. Wo das Gewicht zu sehr auf bloße soziale Kommunikation, auf »Gesellschaftsleben
« gelegt wird, droht Abgleiten in Vereinsmeierei und »Event-Geselligkeit«.
Wo die Diskussion um Prinzipien oder gar die Suche nach Programmen im Vordergrund
steht, wird aus der Loge ein menschlich steriler und bald zerstrittener Debattierklub. Wo
der Akzent überwiegend auf das Ritual gesetzt wird, besteht die Gefahr, sich in eine esoterische
Sekte zu verwandeln.
Die gleichzeitig vorgenommenen Abgrenzungen (»Freimaurerei ist nicht«) kreisen
schwerpunktmäßig um folgende Feststellungen:
Freimaurerei ist nicht Partei und Interessenverband
Die Logen und die Großloge formulieren keine politischen Programme, nehmen nicht teil
an parteipolitischen Auseinandersetzungen und vertreten nicht die Interessen bestimmter
gesellschaftlich organisierter Gruppen.83 Dennoch beabsichtigt die Freimaurerei eine politische
Wirkung: Als »Gemeinschaft toleranter Ungleichgesinnter« will sie einen Beitrag zur
Überwindung der schädlichen Auswirkungen politischer Konflikte zwischen Menschen,
83 Ausführlich dazu Höhmann, Hans-Hermann: Der deutsche Freimaurerdiskurs der Gegenwart: Was ist,
was will, was soll die Freimaurerei?, in diesem Band, S. 152–178, insbesondere S. 174–178.
45
politischen Gruppen und Nationen leisten; gemäß ihres Bekenntnisses zur Toleranz zielt
sie darauf ab, die politische Kultur zu verbessern, und durch das Erörtern wichtiger Zeitfragen
in den Logen will sie zur politischen Urteilsbildung ihrer Mitglieder beitragen. Auf der
Grundlage persönlicher Überzeugung verantwortlich zu handeln, ist dann Aufgabe des einzelnen
Freimaurers.
Freimaurerei ist nicht Geheimbund oder gar Verschwörung
Der Freimaurerbund und seine Mitglieder bekennen sich zu Demokratie und offener Gesellschaft,
zu deren Verwirklichung viele Freimaurer wesentlich beigetragen haben. Zweck,
Organisation und Vorstände von Logen und Großloge sind jedem Interessenten zugänglich.
Viele Veranstaltungen der Freimaurer sind heute öffentlich, und viele der im Auftrag der
Großloge herausgegebenen Publikationen können auch von Nichtmitgliedern des Bundes
bezogen werden.
Die von den Freimaurern geübte Verschwiegenheit bezieht sich nur auf einige Einzelheiten
des freimaurerischen Brauchtums und ist Symbol für den in jeder Gemeinschaft
notwendigen Schutz von Freundschaft und persönlichem Vertrauen. Das »freimaurerische
Geheimnis« kann heute nur noch im Sinne eines solchen Vertrauensschutzes verstanden
und praktiziert werden. Es dient heute nicht mehr dazu, Freimaurerei und Gesellschaft
zu trennen. Es soll aus der Sicht der Logen angesichts des weit verbreiteten, gleichermaßen
von den Medien wie ihren Konsumenten zu verantwortenden, oft schon suchthaften
Dranges zur Indiskretion vielmehr als konstruktives und stabilisierendes Wirkungselement
einer offenen und zugleich humanen Gesellschaft verstanden und vermittelt werden.
Freimaurerei ist weder Nebenkirche noch Ersatzreligion
Für die humanitäre Freimaurerei, die in Deutschland durch die GL A.F.u.A.M. vertreten wird,
ist Freimaurerei keine Religion und auch kein Ersatz für eine Religion.84 Die Freimaurerei versteht
sich als offen für Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen, wenn
diese mit den ethischen Überzeugungen und moralischen Prinzipien der Freimaurerei übereinstimmen.
Die Freimaurerei vermittelt kein Glaubenssystem. Sie kennt kein Dogma, keine
Theologie und keine Sakramente. Die Freimaurer haben auch keinen gemeinsamen Gottesbegriff.
Die symbolische Präsenz eines »Großen Baumeisters aller Welten« im Ritual der
Freimaurer darf folglich nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen
verwechselt oder gar gleichgesetzt werden. Die freimaurerische Symbolik begründet – wie gelegentlich
missverstanden wird – auch keine religiösen Minimalanforderungen an den Freimaurer.
Das Symbol des »Großen Baumeisters« stellt vielmehr das umfassende Sinnsymbol
des Bundes dar und ist als solches vom Freimaurer zu respektieren, denn ethisch orientiertes
Handeln setzt in masonischer Sicht die Anerkennung eines übergeordneten sinngebenden
Prinzips voraus, das Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich
rückbezogen ist. Auf dieser Grundlage hat sich der Freimaurer moralisch, nicht religiös
zu verpflichten. Ein guter und redlicher Mann soll er sein, ein Mann von Ehre und Anstand,
84 Ausführlich hierzu: Höhmann, Hans-Hermann: »Von Gott und der Religion«. Zum Religionsdiskurs in
der deutschen Freimaurerei, in diesem Band, S. 179–197.
46
ohne Rücksicht auf Bekenntnis und Überzeugung: Diese Forderung der »Alten Pflichten«
von 1723 gilt nach wie vor und bedarf keiner Ergänzung durch religiöse Überzeugungen.
Logenpraxis
Die Aktivitäten einer Loge sind durch verschiedene Arbeitsfelder gekennzeichnet. Diese ergeben
sich aus den vielen Facetten der Loge und entsprechen auf unterschiedliche Weise
dem Interessenspektrum der Mitglieder. Zum Zwecke des Überblicks ist es sinnvoll, zumindest
folgende sechs Komponenten zu unterscheiden:85
• die rituelle Komponente, durch die die Freimaurerei von anderen ethisch orientierten
Bünden unterscheidbar wird und die insbesondere den »initiatischen Kern« des Freimaurerbundes
beinhaltet (»Tempelarbeit«);
• die diskursive Komponente, die sich auf die »geistige Arbeit« in der Loge bezieht (Gespräche
vor allem über ethische Orientierungen und ihre Umsetzung im Rahmen der
spezifisch freimaurerischen »Einübungsethik«86, Erörterungen der Beziehungen zur Gesellschaft);
• die gesellige Komponente: Geselliges Beisammensein, oft mit Lebenspartnerinnen
(»Schwestern«) und Gästen, Festtafeln, kulturelle Veranstaltungen;
• die karitative Komponente: Aufbringen und Einsetzen von Mitteln für Unterstützungen
und andere soziale Zwecke, oft organisiert in spezifischen Wohlfahrtseinrichtungen (Stiftungen)
der Logen und Großlogen;
• die administrative Komponente: Leitung von Logen und Großlogen in besonderen Gremien,
administrative Abstimmungen mit anderen Logen und Großlogen sowie schließlich
• die repräsentative Komponente: Repräsentation der Freimaurerei im Inneren und Vertretung
der Freimaurerei nach außen gegenüber der Weltfreimaurerei und der Öffentlichkeit.
Die verschiedenen Komponenten im Spektrum der Logenaktivitäten bieten vielfältige Ansatzpunkte
für unterschiedliche Interessen der Logenmitglieder. Sie entsprechen dem Bedürfnis
nach Geselligkeit, »guten Gesprächen« und rituellen Erfahrungen ebenso wie dem
Ausleben von Tätigkeitsdrang, der Festigung des Selbstgefühls und der Bedienung von Statusbedürfnissen.
Andererseits liegt hier auch die Ursache von Konflikten, mannigfaltigem
Reformbedarf und der Forderung, dass sich die Freimaurerei einem permanenten Prozess
kritischer Selbstaufklärung zu stellen habe. Eine systematische sozialwissenschaftliche Aufarbeitung
der Logenpraxis steht noch aus. Grund dafür ist sowohl eine begreifliche Scheu
Außenstehender, einer geschlossenen, werthaltigen Gruppe mit analytischen Werkzeugen
möglicherweise »zu nahe zu treten«, als auch eine Abwehrhaltung vieler Freimaurer. Andererseits
hat die allgemeine Sozialforschung die Freimaurerlogen noch nicht als interessanten
Forschungsgegenstand entdeckt, so dass die »Delegation von Selbstaufklärung« nach außen
(die im Falle der Aufarbeitung der »völkischen Freimaurerei« gelungen ist) vorläufig nur be-
85 Unter Weiterführung von Dosch, Reinhold: Deutsches Freimaurer Lexikon, Bonn 1999, S. 31ff.
86 Hammacher, Klaus: Einübungsethik, a.a.O.
47
dingt möglich ist, obwohl der Erkenntnisgewinn – insbesondere für mikrosoziologische Fragestellungen
in Bezug auf die Logen – beträchtlich sein könnte.
In Anbetracht der bisher geringen Aussagekraft partieller Einsichten in die Logenpraxis
kommt einer Repräsentativerhebung größere Bedeutung zu, die Ende der 1990er Jahre unter
dem Titel »Sinn-Dimensionen der Freimaurerei« im Rahmen der Freimaurer-Akademie
der Großloge von Österreich durchgeführt wurde.87 Dabei wurden in 42 Logen Befragungen
durchgeführt und 800 Fragebögen in die Analyse einbezogen. Es sollte u.a. ermittelt werden,
in welcher Abfolge »Freimaurerische Sinn-Dimensionen« festzustellen sind (verstanden
als der einer Mitgliedschaft in der Loge beigemessene subjektive »Sinn«). Die Befragungen
belegen, dass sich die zuvor genannten Arbeitsfelder der Logen bzw. die innerhalb von ihnen
unterschiedenen Komponenten nicht einfach aus der Funktionsstruktur der Logen ergeben,
sondern durch persönliche Wahl gemäß den unterschiedlichen Schwerpunkten individueller
Interessen und persönlicher Sinnsuche bestätigt werden. Nach der Häufigkeit ihrer
Nennung in den Befragungen geordnet, sah die Rangordnung möglicher Sinndimensionen
wie folgt aus: Soziale Nähe, Lebenssinn, Esoterik, Selbstentfaltung, Bildung.
• Die an erster Stelle genannte Sinndimension »Soziale Nähe« wird im Wesentlichen als
»Erlebnis von Freundschaft und menschlichen Beziehungen im Gespräch und anderen
sozialen Kontakten zu gleichgesinnten, interessanten Menschen« verstanden. Sie wurde
von einer »überwältigenden Mehrheit« aller Befragten als wesentlich genannt.
• Die Sinndimension »Lebenssinn« steht an zweiter Position: »Von über 80 Prozent wurden
eigene Charakterbildung und die Befassung mit allgemeinen Sinnfragen oder mit der
Lebensphilosophie als wichtig genannt«, gefolgt von »Optimismus und positiver Weltsicht
«.
• Der Bedeutung nach an dritter Stelle (in 70 Prozent der Nennungen) folgt die Sinndimension
»Esoterik«: Sie bezieht sich auf einen eher weit gefassten Esoterikbegriff, der auf eine
»generelle Identifikation mit rituellen und symbolischen Werten« abzielt, aber auch psychologische
Effekte wie »Entspannung und Beruhigung, die durch rituelle Arbeit empfunden
wird«, weniger dagegen »mystische Ergriffenheit« einschließt.
• Schwächer in der Verbreitung und nur für weniger als die Hälfte der Befragten von direkter
Bedeutung ist die Sinndimension »Selbstentfaltung«, verstanden als »Gewinnung
von Kreativität und Selbstausdruck sowie von Selbstwertgefühlen in der Bruderkette«.
• Die Sinndimension »Bildung« schließlich (ca. 50 Prozent der Nennungen) bezieht sich
nicht so sehr auf »neuere wissenschaftliche Erkenntnisse« als vielmehr auf »Einsicht in
gesellschaftliche Zusammenhänge und Verständnis für die Entwicklung unserer Gesellschaft
«.
• Schließlich ist interessant, dass die Wahrnehmung eines »direkten Einflusses gesellschaftlicher
Natur« nur von einem kleinen Anteil der Befragten, etwa einem Zehntel, als sinnvolles
Aktivitätsfeld der Freimaurerei verstanden wird.
Insgesamt belegt die Befragung auch für die Gegenwart ein eher breit als speziell angelegtes
Interesse an der »Sozial- und Kulturform Freimaurerei«. Sie scheint damit das Vorhanden-
87 Gehmacher, Ernst/Russ, Kurt: Sinn-Dimensionen der Freimaurerei. Eine Studie zur Katalysator-Wirkung
der Freimaurerei in Österreich, Schriftenreihe der Freimaurer-Akademie der Großloge von Österreich,
Wien 1999, vor allem S. 5ff.
48
sein historischer Kontinuitäten zu bestätigen. Aus der Häufigkeit der Optionen für die
einzelnen Sinndimensionen wurden Identitätstypen für Logenmitglieder abgeleitet, wobei
»Esoteriker«, »Grübler« (Sinnsucher, Gesinnungsethiker), »Aufklärer«, »Praktiker«, Vertreter
des »Club-Typs« und »Allrounder« unterschieden wurden, die dann wieder (unveröffentlicht)
zu unterschiedlichen Logenprofilen zusammengefasst wurden.
Probleme und Perspektiven
Logen unterscheiden sich nicht nur nach Sinn- und Aktivitätsmustern sowie nach Mitgliederprofilen,
sondern auch nach Dynamik und Erfolg ihrer »Arbeit«. Aktiven Logen mit deutlich
wahrnehmbarer sozialer und kultureller Ausstrahlung, wachsenden Mitgliederzahlen, Verjüngung
der Mitglieder und einem beträchtlichen Maß von sozialer Anerkennung im öffentlichen
Umfeld (insbesondere seitens der kommunalen Öffentlichkeiten) stehen Logen gegenüber,
deren Mitgliederbestand rückläufig und in besonderem Maße überaltert ist und in denen
die Partizipation an Logenveranstaltungen überdurchschnittlich gering ausfällt.
Neben Entwicklungsproblemen, die mit niedrigen Aktivitätsniveaus von Logen zusammenhängen,
sind allerdings auch solche auszumachen, die auf die vielfältigen gesellschaftlichen
und kulturellen Wandlungsprozesse der Moderne sowie die daraus inzwischen
entstandenen Strukturen der gegenwärtigen Gesellschaft zurückzuführen sind. Das freimaurerische
Selbstverständnis versteht die Loge als Lebensbund und strebt soziale Bindung zumindest
auf längere Dauer an. In den modernen westlichen Gesellschaften scheint jedoch
das Niveau des Engagements der Bürger in formellen Vereinigungen tendenziell abzunehmen.
Ob hieraus auf einen generellen Rückgang sozialer Bindungsfähigkeit geschlossen
werden kann oder ob sich lediglich die Formen und Zeitspannen sozialer Einbindung
verändern, ist beim gegenwärtigen Stand der sich mit solchen Fragen beschäftigenden Sozialkapitalforschung
noch nicht entscheidbar. Jedenfalls scheint evident, dass die formellen
Mitgliederzahlen nicht nur für Parteien, Gewerkschaften und Sportvereine rückläufig sind,
sondern auch für die Kirchen und andere (traditionelle) religiöse Vereinigungen sowie für
die ethisch orientierten Bünde. Auch in der deutschen Freimaurerei sind die Mitgliederzahlen
in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen – wenn auch zuletzt (2010) bei der größten
deutschen Großloge, der GL AFuAM, eine leichte Zunahme der Mitgliederzahlen festzustellen
ist – und auch international sind (mit einigen Ausnahmen, darunter Frankreich)
Rückgangstendenzen festzustellen, teilweise in beträchtlichem Ausmaß. So sind die Zahlen
der Freimaurer zwischen 1970 und 2008 in den USA von 3,8 auf 1,4 Millionen, in England
von 600 Tausend auf 250 Tausend und in Kanada von 240 Tausend auf 93 Tausend regelrecht
abgestürzt, was Hauptgrund für den Rückgang der Weltfreimaurerei von ca. sechs auf
2,5 bis 3,0 Millionen Mitgliedern im gleichen Zeitraum ist.
Absolute Zahlen allein vermitteln allerdings ein verzerrtes Bild von der unterschiedlichen
Repräsentation des Freimaurerbundes in einzelnen Ländern, und es ist aussagekräftiger,
sogenannte »Mitgliederraten« zu ermitteln, bei denen die Zahl der Freimaurer auf 1000
49
Männer im Alter von über 20 Jahren bezogen werden.88 Die so ermittelte »Mitgliederrate«
beträgt für Deutschland 0,4, für Österreich 0,9, für die Niederlande 1,0, für Rumänien
(höchst erstaunlich89) 1,0, für die Schweiz 1,3 und für Frankreich 4,5. Trotz beträchtlicher
Rückgänge liegen die entsprechenden Werte für die USA mit 13,4 und England (als Teil des
Vereinigten Königreichs) mit 13,8 beträchtlich höher.
Die sehr niedrige »Mitgliederrate« in Deutschland – auch im Vergleich zu seinen unmittelbaren
europäischen Nachbarn – ist ebenso auf Strukturschwächen der deutschen
Logen und Großlogen zurückzuführen – von denen (mit erforderlichen Differenzierungen)
in diesem Buch noch ausführlicher die Rede ist – wie auf Folgen des langen Verbots der
Freimaurerei in den östlichen Bundesländern und eine hierzulande offenbar besonders
hartnäckige Vorurteils(un)kultur, in der sich religiöse und politische Vorbehalte (Verschwörungsvorstellungen)
gegenüber dem Freimaurerbund mischen.
Doch wie immer der generelle Trend beschaffen ist bzw. interpretiert wird: Er ist nicht
ohne Gegentendenzen. Es wird Bindung gesucht, Wertorientierungen haben Konjunktur,
Nachdenklichkeit gewinnt an Attraktivität, philosophische Praxen und Seminare erfreuen
sich steigender Nachfrage. Gleichzeitig wird angesichts des durch Tempo und Beschleunigung
von Ereignissen und Wahrnehmungen unverkennbar bedingten »Verschwindens
der Gegenwart« (so der Historiker Christian Meier90) nach Innehalten, Stille und »Langsamkeit
« und auch nach »Beheimatung in der Geschichte« gesucht. Die Formel »Zukunft
braucht Vergangenheit«91 ist fast schon zu einem Gemeinplatz historisch-kultureller Reflexion
geworden.
Die Freimaurerei, die sich seit jeher nicht nur als horizontales Netzwerk der Gesellschaft,
sondern auch als (symbolische) Brücke zwischen (weitester) Vergangenheit und
Zukunft verstanden hat (Lessing: »Freimaurerei war immer«), findet so Entwicklungsbedingungen,
die trotz aller Schwierigkeiten nicht generell als negativ einzuschätzen sind. Im
Gegenteil: Es zeigt sich ein zunehmendes Interesse bei der jüngeren Generation (meist über
Internetkontakte vermittelt), zahlreiche Logen können sich »verjüngen« und die Zahl der
Freimaurer ist – wie bereits zuvor erwähnt – 2009/2010 leicht angestiegen, jedenfalls bei
den Logen der GL A.F.u.A.M. vD. Diese hatte auf dem Großlogentag 2006 ein expansionsorientiertes
»Ziel 10.000« vorgegeben, dem die verbesserte Wachstumslage möglicherweise
zumindest teilweise zugeschrieben werden kann.
Entscheidend für seine Zukunft wird sein, ob es der Freimaurerbund versteht, seine vielfältigen
Ressourcen einzusetzen, bewährte Traditionen zu bewahren und zugleich für Innovationen
offen zu sein. Dazu gehören Offenheit für den Kontakt mit Menschen und der
Mut zu menschlicher Begegnung im Freundschaftsbund Loge. Dazu gehört eine Ritualpraxis,
die den Reichtum alter Formen bewahrt und die »archaischen Ritualkerne« der gültig
bleibenden Thematisierung des Verhältnisses Mensch – Mitmensch, Mensch – Kosmos und
88 Hier folge ich Putnam, Robert: Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community,
New York 2000, S. 438f.
89 Die »Nationale Großloge von Rumänien« wurde nach langer Verbotszeit am 24. Januar 1993 wieder gegründet,
besteht aus ca. 300 aktiven Logen und hat gegenwärtig (2010) 7800 Mitglieder, um ein Vielfaches
mehr als jede andere Großloge in einem vormals kommunistisch regierten Land (Angabe nach:
List of Lodges 2010, hrsg. von der American Canadian Grandlodge A.F.& A. M., United Grand Lodges
of Germany, S. 327).
90 Meier, Christian: Das Verschwinden der Gegenwart. Über Geschichte und Politik, München 2001.
91 Marquard, Odo: Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays, Stuttgart 2003.
50
Immanenz – Transzendenz im Mittelpunkt hält. Und dazu gehört schließlich auch, sich –
ohne Überforderung eigener Möglichkeiten – an den wichtigen Diskursen der Gegenwart
zu beteiligen. Viele davon haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition, mögen sie
auf die Weiterentwicklung der Aufklärung im Sinne einer »reflexiven Aufklärung«92, auf die
»Ethosproblematik« (»Weltethos« war auch immer schon ein freimaurerisches Projekt), auf
die Aneignung und Umsetzung von Werten (»Einübungsethik« ist eine alte freimaurerische
Tugend)93 beziehen oder auf die Reflexionen über Lebenskunst94 – denn Freimaurerei verstand
sich ja immer auch – gerade im Sinne von Lebenskunst – als eine »Königliche Kunst«.
Apropos Langsamkeit: Freimaurer müssen sich Zeit lassen – ja den Mut zur Umständlichkeit
haben –, wenn es um das Erklären dessen geht, was Freimaurerei ist. Freimaurerei
lässt sich nicht im Schnellkurs vermitteln. Vorsicht scheint mir insbesondere geboten mit
den – im Bunde sehr beliebten – eindimensionalen Kurzdefinitionen wie »Freimaurerei
ist eine Geisteshaltung«, »Freimaurerei ist angewandte Aufklärung« oder »Freimaurerei ist
eine religiöse Vereinigung«. Dies ist oft falsch und immer missverständlich. Wenn Kurzdefinitionen
erforderlich scheinen, dann sollten solche gewählt werden, die bei aller Kürze
hinreichend komplex und durch Erläuterungen ausbaufähig sind. Ich arbeite in meinen
Vorträgen gern mit folgender vorläufigen Beschreibung:
»Freimaurerei versteht sich als eine Lebenskunst, die menschliches Miteinander und
ethische Lebensorientierung durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft
der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar macht.«
Die durch die Geschichte der Freimaurerei hindurch identifizierbaren Grundelemente des
Bundes, die in ihrer Gesamtheit den Reichtum der Freimaurerei ausmachen: Freundschaft
und Geselligkeit, ethische Orientierung und Wertediskurs sowie der rituelle Rahmen einer
Initiationsgemeinschaft mit der Stiftung von Freundschaft als dem Kern der kultischen
Handlung sind hierdurch ebenso thematisiert wie der Charakter der Freimaurerei als einer
Lebenskunst, die sich um die Einübung von Umgangsstilen bemüht: Stilen des Umgangs
mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit den Dingen der Welt und mit Transzendenz,
d.h. mit der Frage der Rückbindung des Menschen an einen tragenden und Sinn gebenden
Grund.
Zum Schluss:
Freimaurerische Geschichte ist bis in die Gegenwart hinein nicht zuletzt die Geschichte des
Widerspruchs zwischen den Gestaltern und den Verwaltern der Freimaurerei gewesen. Die
Freimaurer leben bis heute vom kreativen Erbe der Gestalter. Dass dieses Erbe nicht von den
Verwaltern aufgezehrt wird und lebendiger Bestandteil der Gegenwartsfreimaurerei bleibt, ist
eine lohnende Aufgabe für jeden Freimaurer, der es gut meint mit seinem alten, oft arg gebeutelten
und doch so erstaunlich vitalen Bund.
92 Reinalter, Helmut: Die Freimaurer, a.a.O., S. 128ff.
93 Hammacher, Klaus: Einübungsethik, a.a.O.
94 Schmid, Wilhelm: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, Frankfurt am Main 2000.
51
Europas verlorener Friede, die nationalvölkische
Orientierung innerhalb der
deutschen Freimaurerei und die
»freimaurerische Erinnerungspolitik«
nach dem Zweiten Weltkrieg
1. Weltbürger und Patrioten
Dass der Friede in Europa und der Welt insgesamt zwischen 1870 und 1945 in drei sich an
Brutalität und Zerstörungswirkung steigernden Kriegen so gründlich verloren gegangen war,
hat die Freimaurer in Handeln, Argumentieren und Reflektieren immer wieder intensiv beschäftigt.
Denn die Friedensproblematik war von Anfang an Bestandteil ihrer eigenen Entwicklung.
Freimaurer – so lehrten es die Alten Pflichten – als Männer »von allen Nationen,
Zungen, Geschlechtern und Sprachen« sollten sich zwar aus politischen Streitigkeiten, insbesondere
aus internationalen Konflikten heraushalten. Aber sowohl ihre Utopien als auch die
Arten und Formen ihrer Einbettung in konkrete gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungsprozesse
von Nationen ließen sie bald (erst auf indirekte, dann immer mehr auf direkte
Weise) politisch aktiv werden.
Ihrer Utopie nach waren die Freimaurer kosmopolitisch eingestellt. Sie verstanden
sich als Weltbund der Brüderlichkeit, als »moralische Internationale« (Reinhart Koselleck).
Dies gilt mit unterschiedlicher Akzentuierung für alle frühen Ausprägungen der
Freimaurerei. Die ersten deutschen Freimaurer waren anglophil und frankophon, und
auch im »klassischen Freimaurerdiskurs«1 der deutschen Spätaufklärung stehen kosmopolitische
Anschauungen im Vordergrund: »Der Freimaurer als solcher ist als Bürger ein
Weltbürger« rief Christoph Martin Wieland in seinem Vortrag »Über das Fortleben im
Andenken der Nachwelt« seinen Brüdern in Weimar zu.2 Lessing wünschte sich in seiner
Schrift »Ernst und Falk. Gespräche für Freimäurer«, dass es in jedem Land Männer
gäbe, »die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüssten, wo
Patriotismus Tugend zu sein aufhöret«.3 »Ehrwürdig in der größten aller Gesellschaften,
der Welt« leitet den wahren Maurer »der Wunsch, der Welt tugendhafte Bürger zu erziehen
«, hieß es in einer Logenrede des Berliner Freimaurers Christian Karl Süßmilch.4
Karl Christian Friedrich Krause veröffentlichte 1814 nach dem Sieg über Napoleon eine
Reihe von Aufsätzen, die danach auch zusammengefasst unter dem programmatischen
Titel »Entwurf eines europäischen Staatenbundes als Basis des allgemeinen Friedens« veröffentlicht
wurden. Die diesbezüglichen Wirkungsmöglichkeiten der Freimaurerei hatte
1 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Entwicklung, Reflexion, Wissenschaft. Anmerkungen zum Wechselspiel
zwischen freimaurerischer Geschichte und Geschichte der Freimaurerforschung, in: Quatuor Coronati
Jahrbuch für Freimaurerforschung, Nr. 41/2004, S. 229–239, hier S. 233f.
2 Zitiert nach Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar: Internationales Freimaurerlexikon, Wien 1932, Spalte 865.
3 Lessing: Ernst und Falk. Gespräche für Freimäurer, sammlung insel, Frankfurt am Main 1968, S. 27.
4 Christian Karl Süßmilch: Der wahre Freimaurer, in: Gerlach, Karlheinz (Hrsg.), Berliner Freimaurerreden
1743–1804, Frankfurt am Main 1996, S. 226–235.
52
Krause schon einige Jahre zuvor umrissen: »Sofern die Freimaurerbrüderschaft ihrem
in ihrer eigenen Geschichte deutlich ausgesprochenen wesentlichen Begriffe gemäß ist,
erkenne ich sie in ihrer Grundlage und ihrem reinen Geiste nach für einen nach Zeiten
und Orten beschränkten und bis jetzt bewußtlosen, dennoch aber für den bis jetzt einzig
bestehenden geselligen Versuch an, die Ideen der Menschheit, des Menschheitslebens und
des Menschheitsbundes zur Anschauung zu bringen, in rein menschlichem Geiste zu
leben und den offenen Menschheitsbund in abgesonderten Hallen von Vernunftinstinkt
geleitet vorzubereiten.«5
Die Rhetorik dieser kosmopolitischen Ausrichtung der deutschen Freimaurerei hielt –
wenn auch nicht ohne Unterbrechungen und Einschränkungen – bis in die Jahre vor dem
deutsch-französischen Krieg von 1870/71, ja teilweise noch darüber hinaus, an.
»Nicht enge Grenzen sind’s. O, nein! / Die ganze Erde soll es sein«,
so hieß es 1866 in einer freimaurerischen, den Nationalismus des Originals überwindenden
Umdichtung des Vaterlandlieds von Ernst Moritz Arndt »Was ist des deutschen Vaterland?«.6
Unter »Entwicklung zur Humanität« verstand noch 1889 ein Autor des »Bundesblattes« der
Großen National-Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln« »die Entwickelung des einzelnen
Menschen, des Volkes und der Menschheit zur möglichsten Vollkommenheit«, und er folgerte
daraus: »Auf diese Weise sind wir Brüder der Sauerteig, der die Menschenseelen aller
Völker und aller Religionen durchdringt, nicht um diese zu zerstören, sondern zu veredeln;
nicht um etwas ihnen Fremdes hineinzutragen und so sie äusserlich zu einförmiger Gestaltung
zu zwingen, sondern um sie geistig und sittlich
zu befreien, indem wir das Wesen derselben
zu vertiefen suchen.«7
In der Realität freilich identifizierten sich die deutschen – wie generell die europäischen
– Freimaurer mehr und mehr mit den Strukturen und Interessen des sich im 19. Jahrhundert
entwickelnden und etablierenden bürgerlichen Nationalstaats. Auch dieser Nationalstaat
hatte etwas mit der freimaurerischen Utopie zu tun. Denn er bot die organisatorische
Klammer und das motivierende Pathos für die Umsetzung von Demokratie, Freiheit und
Gerechtigkeit, woraus sich ja auch die Beteiligung vieler Freimaurer an der europäischen
Demokratie- und Parlamentsgeschichte erklärt.8
Doch als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Spannungen zwischen den
europäischen Nationalstaaten verschärften, als es 1864, 1866 und 1870/71 gar zu Kriegen
kam, an denen Freimaurer – ihrer sozialen Stellung nach – oft in Offiziersrängen beteiligt
waren, nahm der Grad der Identifizierung mit dem Nationalstaat auch im Sinne einer
sich von anderen Nationen abgrenzenden, ja diesen gegenüber aggressiven Einstellung
beträchtlich zu.
5 Zitiert nach Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar: a.a.O., Spalte 873f.
6 Zitiert nach Hoffmann, Stefan-Ludwig: Politik der Geselligkeit. Freimaurerlogen in der deutschen Bürgergesellschaft
1840–1918, Göttingen 2000, S. 289.
7 Steimmig, Paul: Gedanken über die Darstellung des Humanitätsprinzips der Freimaurerei im äusseren
Leben, in: Bundesblatt, Dritter Jahrgang 1889, H. 14, S. 357–363, hier S. 357, 361.
8 Hoede, Roland: Die Paulskirche als Symbol. Freimaurer in ihrem Wirken um Einheit und Freiheit 1833–
1999, Bayreuth 1999.
53
Wiederum ins Poetische gewendet, hieß es jetzt:
»Als letztes Ziel der Weltenbund / der Brüder auf dem Erdenrund,
doch jetzt schon als des Maurers Band / die Liebe zu dem Vaterland.«9
Die deutschen Freimaurer verstanden sich dabei als Bewahrer einer ihnen wohl vertrauten
konzeptionellen Tradition. Hatte doch bereits Fichte für den deutschen Freimaurer am Beginn
des 19. Jahrhunderts auf prägnante, über die folgenden Jahrzehnte hinweg in vielen
Logenreden zitierte Weise festgestellt: »Vaterlandsliebe ist seine Tat, Weltbürgersinn sein Gedanke.
« Dass bei diesen Zitierungen der ursprüngliche Sinn gelegentlich verkürzt wurde – so
zum Beispiel, wenn es hieß »Weltbürgersinn ist zwar sein Gedanke, doch Vaterlandsliebe seine
Tat« –, zeigt der volle Text Fichtes, in dem es vom Freimaurer heißt: »In seinem Gemüte
sind Vaterlandsliebe und Weltbürgersinn innigst vereinigt; und zwar stehen beide in einem
bestimmten Verhältnis. Vaterlandsliebe ist seine Tat, Weltbürgersinn ist sein Gedanke; die
erstere die Erscheinung, die zweite der innere Geist dieser Erscheinung, das Unsichtbare in
dem Sichtbaren (kursiv im Original).«10
Bekenntnisse zu Nation und Welt, patriotische und kosmopolische Einstellungen
blieben – wie Stefan Ludwig Hoffmann in seinem schönen Buch über die Freimaurerlogen
in der deutschen Bürgergesellschaft hervorgehoben hat – auch im weiteren Verlauf
des 19. und im frühen 20. Jahrhundert bestehen. Die Gewichte auf dem Spannungsbogen
zwischen »Vaterland« und »Weltenbund« verschoben sich jedoch immer mehr ins Nationale,
wobei zunehmend die Auffassung vertreten wurde, gerade das als für das eigene
Vaterland typisch Erachtete sei Inbegriff einer übernational anzustrebenden zukünftigen
Humanität.
So sahen deutsche und französische Freimaurer auch nach 1871 ihre jeweils eigene Nation
als »Vaterland der Menschheit«. Hoffmann hat hierzu eindrucksvolle Belege aufbereitet.11 So
zitiert er eine französische Logenrede aus dem Jahr 1889, in der es hieß, dass es Frankreichs
Aufgabe gewesen sei, für die Welt die Idee des Menschheitsfortschritts zu entwickeln und
»dass Frankreich zu lieben, ihm zu dienen, und, falls nötig, dafür zu sterben bedeute, die
Menschheit zu lieben, ihr zu dienen und für sie zu sterben«. Denselben Inbegriff des Menschheitsfortschritts
beanspruchten deutsche Freimaurer ihrerseits für die deutsche Nation:
»Der Menschheit wird durch dich zu Theil / dereinst der wahren Freiheit Heil!«
Mit solchen Versen ließ sich im Jahre 1880 der Leipziger Freimaurer Oswald Marbach auf einer
Festveranstaltung der Loge »Balduin zur Linde« vernehmen, womit er den Grundgedanken
aufnahm, den Emmanuel Geibel zwei Jahrzehnte zuvor in seinem Gedicht »Deutschlands
Beruf« in die fatalen Verse gefasst hatte:
9 Zitiert nach Hoffmann: a.a.O., S. 320.
10 Fichte, Johann Gottlieb: Philosophie der Maurerei. Briefe an Konstant (1802/03), Düsseldorf und Bonn
1997, S. 82.
11 Hoffmann: a.a.O., S. 303.
54
»Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen.«12
Hoffmann gibt auch beredte Beispiele dafür, wie jede Seite der anderen einen überspannten
Nationalismus
vorwarf, wie er für Freimaurer, die doch Weltbürger sein wollten, zutiefst
unwürdig sei. Diejenige Nation sei hingegen die gebildetste – so zitiert er einen deutschen
Freimaurer –, »welche neben der entschiedensten Ausprägung
ihres eigenen Charakters
und der höchsten Entwickelung ihrer eigenen
Kräfte am meisten Elemente fremder
Nationen in sich aufgenommen und derart in sich verarbeitet habe, dass diese fremden
Elemente selbsteigenes und eigenthümliches Element dieser Nation werden«.13 In dieser
Lage sei aber allein die deutsche Nation. Ein anderer Freimaurer meinte analog: »Im Großen
und Ganzen hat die deutsche Nation, wie es die vergleichende Geschichte nachweist,
sich stets human vor allen anderen gezeigt. Frei von jener systematischen Grausamkeit,
welcher sich z.B. die Spanier in Amerika gegen die Eingeborenen, zu Haus vorher gegen
die Mauren und ›Ketzer‹, die Engländer in Irland, die Franzosen gegen die Hugenotten
schuldig gemacht, ist im Charakter der Deutschen ein starker Zug von Gerechtigkeitsgefühl
vorhanden, das sie drängt, den Standpunkt der Gleichberechtigung zu bewahren und
gerecht, wie gegen sich, so gegen andere zu sein. In dieser Eigenschaft des Volkscharakters
ist die civilisatorische Aufgabe der Deutschen vorzugsweise begründet, welche sie, ausser
unter sich, auch als Individuen in fremden Ländern, so wie als Volk im Völkerleben
erfüllen.«14 Ein »engherziger, fanatischer Nationalhaß« sei hingegen – so das »Bundesblatt«
der GNM 3WK in einem anderen Beitrag – dem französischen Volk, insbesondere den
dortigen Freimaurern eigen.15
Das Fatale an der in Europa vor dem Ersten Weltkrieg weit verbreiteten Sichtweise, die
eigene Nation als Inbegriff einer weltweit zu verwirklichenden Humanität aufzufassen, liegt
nun insbesondere darin, dass der Begriff einer übergeordneten Humanität als kritischer
Maßstab für das eigene nationale Handeln außer Kraft gesetzt worden war. War das Nationale
identisch mit dem Humanen, so war vom Humanen her das Nationale nicht mehr
kritisierbar und korrigierbar. Im Gegenteil: Im faktischen Wahrnehmen und ideologischen
Rechtfertigen nationaler Interessen erfüllte sich geradezu die weltbürgerliche Mission der
Freimaurerei.
12 Im Ersten Weltkrieg nimmt August Horneffer diese Sendungsidee im Hinblick auf die zukünftige internationale
Rolle der deutschen Freimaurerei in der Nachkriegszeit wieder auf: »Wie die deutschen Kaufleute
und Gelehrten, müssen auch sie (die deutschen Freimaurer, H.-H. H.) nach dem Kriege wieder
hinaus, müssen zerrissene Fäden neu knüpfen, müssen Aufräumungsarbeiten leisten und alles, was in
ihren Kräften steht, tun, um den Fluch der Verirrung, der die feindlichen Völker gebannt hält, wieder
aufzuheben … Dann werden sie kommen und schauen und an ihren eigenen Tempeln mit verdoppeltem
Eifer arbeiten, um nicht zurückzubleiben. Das ist der rechte Weg zur ›Verständigung‹«. Horneffer, August:
Deutsche und ausländische Freimaurerei, München 1915, S. 57, 58; S. 45, 46.
13 Hoffmann: a.a.O., S. 303 mit Angabe der Originalquelle.
14 Ebenda mit Angabe der Originalquelle.
15 Unsere nächsten Ziele, in: Bundesblatt, Jg. 1, 1887, S. 12–29, hier S. 14, zitiert nach Hoffmann: a.a.O., S. 303.
55
2. Den Frieden retten: Pazifistische Aktionen europäischer
Freimaurer
Bei dieser Ausgangslage hinsichtlich der politischen Einstellungen und ideologischen
Grundmuster der Freimaurer als Teil der bürgerlichen Eliten in Europa – und insbesondere
in Deutschland und Frankreich – könnte nun gleich geschlossen werden, dass die Freimaurer
Europas seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer und insgesamt kräftig daran
mitwirkten, dass der europäische Friede verloren ging.
So einseitig darf freilich nicht gewertet werden, und es müssen auch die pazifistischen
Tendenzen und Aktivitäten, die von der Freimaurerei bzw. von Freimaurergruppen und
einzelnen Freimaurern ausgingen, in die Betrachtung einbezogen werden, gab es doch innerhalb
der Geschichte der europäischen Freimaurerei im 19. und 20. Jahrhundert Phasen
mit stärkerer Friedensorientierung, die durchaus auch in Deutschland Resonanz fanden.
Die Leipziger Freimaurer um Clemens Thieme etwa, anstoßgebend und umsetzend
beteiligt an Bau und Ausführung des Völkerschlachtdenkmals, wollten – auch dies wird
von Hoffmann überzeugend dargelegt16 – für das Jubiläumsjahr 1913 eher einen Ort der
Erinnerung und ernster Anmahnung von Frieden schaffen als ein Fanal nationalen Überschwangs,
weshalb sich der fast schon depressive Charakter des Denkmals ja auch deutlich
von der in Stein gehauenen aggressiven Euphorie anderer deutscher Denkmale abhebt wie
dem Hermannsdenkmal, dem Kyffhäuserdenkmal oder der über den Rhein hinüber nach
Frankreich drohenden Germania im Niederwald.
Es gab – insbesondere bei den »humanitären« und reformistischen deutschen Großlogen
(Letztere repräsentiert durch den »Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne« und,
ab 1930, die »Symbolische Großloge von Deutschland«) – Friedensinitiativen, und es gab
das friedens- und freiheitsorientierte Wirken einzelner Freimaurer, deren Zahl weit größer
ist als die Zahl der von mir jetzt genannten Beispiele: Gustav Stresemann (der es freilich
infolgedessen in seiner altpreußischen Großloge, der Großen National-Mutterloge »Zu den
drei Weltkugeln«, nicht leicht hatte17), Wilhelm Leuschner und Carl von Ossietzky. Manchmal
standen sich Repräsentanten nationalistischer und pazifistischer Positionen im selben
Beruf und am gleichen Ort oppositionell gegenüber, wie der Bremer Historiker Marcus
Meyer am Beispiel der beiden Bremer Pastoren Otto Hartwich (»Große Landesloge der
Freimaurer von Deutschland«) und Emil Felden (»Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne
«) anschaulich beschreibt.18
Im Gegensatz zur pazifistischen Einstellung der »Großloge von Wien« war nach dem
Ersten Weltkrieg in Deutschland allerdings ein Trend vorherrschend, der die Freimaurerei
immer stärker mit den Hauptlinien nationalistischer Politik und teilweise auch mit Elementen
völkischer Ideologie identifizierte, ja, der Freimaurerei eine tonangebende und
führende Rolle dabei zuschrieb. Helmut Neuberger hat diese Entwicklung in seinem Buch
»Freimaurerei und Nationalsozialismus« zutreffend beschrieben:
16 Vgl. Hoffmann: a.a.O., S. 317–322.
17 Vgl. Markner, Reinhard: Der Freimaurer Stresemann im Visier der Nationalsozialisten, in: Quatuor Coronati
Jahrbuch für Freimaurerforschung, Nr. 42/2005, S. 67–75, hier insbesondere S. 68.
18 Meier, Marcus: Zwischen Volksgemeinschaft und Weltbruderkette: Die Bremer Pastoren Otto Hartwich
und Emil Felden im politischen Kampf um die Grundlagen der Freimaurerei in den 20er Jahren, in:
Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung, Nr. 44/2007, S. 91–108.
56
»Je mehr die Vertreter des extremen Nationalismus an politischem Einfluss gewannen,
desto krampfhafter versuchten die deutschen Großlogen aller Lehrarten,
ihre nationale Gesinnung unter Beweis zu stellen.«19
Eine pazifistische, auf Versöhnung und internationale Kooperation angelegte Haltung
vertraten als Großlogen nur die als »irregulär« erachteten Reformgroßlogen »Freimaurerbund
zur aufgehenden Sonne« (FzaS) und »Symbolische Großloge von Deutschland«.
Auch letztere – 1930 gegründet – ließ von Anfang an keinen Zweifel an ihrer prinzipiell
pazifistischen Einstellung: So betonte ihr Großmeister, Dr. Leo Müffelmann, in der
ersten Nummer der Großlogenzeitschrift, die programmatisch den Namen »Die alten
Pflichten« trug, »Internationale Zusammenarbeit in der allgemeinen Weltenkette, Bruderliebe
aller Freimaurer der ganzen Welt« als »Wesensinhalt moderner Freimaurerei«.20
Doch hob sich die Einstellung des FzaS nicht nur aufgrund der längeren Tradition der
Großloge, sondern auch wegen der besonders konsequenten pazifistischen Orientierung,
des hohen Niveaus freimaurerischer Veröffentlichungen sowie der Einbettung ihrer
Einstellung zu internationalen Fragen in ein politisch-gesellschaftliches Gesamtkonzept,
das an einem linken, sozialen Liberalismus orientiert war, in besonderem Maße
klar und fortschrittlich hervor. Charakteristisch für die weltanschaulich-politische Orientierung
innerhalb des FzaS dürfte Dr. Rudolph Penzig gewesen sein, der von 1919 bis 1926
Großmeister war und seit 1903 zum linken Flügel der Fortschrittspartei, ab 1917 zur SPD
gehörte. Penzig war in Berlin-Charlottenburg Stadtrat und von Beruf Moralpädagoge. Er
wirkte u.a. leitend im Bruno-Bund, in der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur, im
Deutschen Bund für weltliche Schule und Moralunterricht und im Vorstand des Bundes
freireligiöser Gemeinden.21
Inhalt und Stimmung friedensorientierter Kundgebungen des FzaS lassen sich an einer
öffentlichen Veranstaltung exemplifizieren, die im Rahmen des Großlogentages 1928 in
Stuttgart stattfand. Beteiligt waren Vertreter beider mit dem FzaS befreundeten französischen
Obedienzen, des Grand Orient de France und der Grande Loge de France. In
der Stadt waren Anschläge folgenden Inhalts angebracht: Öffentliche Kundgebung für die
Verständigung der deutschen und französischen Völker: Sind sie Erbfeinde oder Brüder?
– Französische Redner: Major Gaston Moch, Charles Bernardin, Jean Dohm. Deutsche
Redner: General Günther von Bresler, Major Franz Carl Endres, Fr. W. Wagner. Das Mitteilungsblatt
der Grande Loge de France berichtete über die Veranstaltung. Ein Auszug daraus
vermittelt einen lebendigen Eindruck von Tendenz und zeitgeschichtlichem Kolorit:
»Die Veranstaltung wurde durch ein Gedicht von Br. Endres, das von Herrn Elwenspoek
vorgetragen wurde, eröffnet. Die Ansprachen
waren durch verschiedene Gesänge,
die von dem Chor wundervoll vorgetragen wurden, umrahmt. Die Ansprachen
der Brr. Bernardin und Dohm wurden durch Br. Schoettke, Saarbrücken,
über-
19 Neuberger, Helmut: Freimaurerei und Nationalsozialismus. Das Ende der deutschen Freimaurerei,
Hamburg 1980, S. 258.
20 Zitiert nach Steffens, Manfred: Freimaurer in Deutschland. Bilanz eines Vierteljahrtausends, Frankfurt
1966, S. 419.
21 Vgl. zu Penzigs freimaurerischen Anschauungen: Penzig, Rudolph: Logengespräche über Politik und Religion,
Leipzig o.J. (1923), ders.: Freimaurer-Lehrbuch, Oldenburg o.J.
57
setzt, während Br. Moch deutsch sprach. Der Empfang der französischen Redner
durch das Publikum war absolut begeistert. Eine einzige Unterbrechung ereignete
sich, sie war aber nicht an die französischen Redner gerichtet, sondern galt dem deutschen
General von Bresler. Sie war hervorgerufen durch zwei junge Mitglieder der nationalistischen
Hitler-Organisation,
die sehr ruhig aufgefordert wurden, sich zurückzuziehen.
Nach Schluß stimmten ca. 2 Dutzend Mitglieder dieser Organisation,
die
sich auf dem Platz vor dem Gebäude eingestellt hatten, chauvinistische Gesänge an,
die Polizei hat sie sehr schnell zerstreut.«22
Insgesamt ist wohl festzustellen, dass Friedensbemühungen, insbesondere Bemühungen um
Annäherungen im deutsch-französischen Verhältnis, trotz der Ausnahmestellung des FzaS
und (später) der Symbolischen Großloge mehr von französischer als von deutscher Seite ausgingen.
Sie fanden nur beim humanitären und Reformflügel der deutschen Freimaurerei Resonanz
und stießen beim innerhalb des Bundes dominierenden Sektor der altpreußischen
Großlogen23 weitgehend auf Ablehnung.
Als Beispiele für pazifistische Bemühungen sind insbesondere die »Freimaurerischen
Manifestationen«24, die auf Initiative prominenter kontinentaleuropäischer Freimaurer
zwischen 1907 und 1913 jährlich in einer anderen europäischen Stadt stattfanden, um
für Weltfrieden und Weltbrüderlichkeit, insbesondere aber für die Verständigung zwischen
Deutschland und Frankreich zu »manifestieren«. Für den Sommer 1914 war eine Manifestation
in Frankfurt/Main vorgesehen, die wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht
stattfinden konnte. Die erste Nachkriegsmanifestation auf alter Grundlage fand im August
1925 in Basel statt. In der Folgezeit wurden übernationale freimaurerische Kongresse mit
pazifistischem Programm von der Allgemeinen (Universellen) Freimaurerliga veranstaltet,
einer auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg (1909/1913) zurückgehenden, aus der Esperanto-
Bewegung hervorgegangenen Vereinigung von pazifistisch eingestellten, an Völkerverbindung
interessierten Einzelmitgliedern regulärer Großlogen vieler Länder – parallel zu
den »Manifestationen«, die von einem neuen, vom Grand Orient und der Grande Loge
de France gemeinsam mit dem FzaS gebildeten Komitee mit Veranstaltungen in Verdun
(1928), Mannheim (1929), Besançon (1939) und Freiburg (1932) durchgeführt wurden.25
Hervorzuheben sind weiter die Aktivitäten der Association Maçonique Internationale
(A.M.I.)26, einer internationalen masonischen Vereinigung von Großlogen mit dem Sitz
22 Der Convent der aufgehenden Sonne, in: Das neue Freimaurertum. Zeitschrift des Freimaurerbundes
zur aufgehenden Sonne, 22. Jg., H. 10, 1928, S. 290.
23 Das Internationale Freimaurerlexikon von Lennhoff/Posner (Ausgabe 1932, Spalte 340) gibt die Gesamtzahl
der Mitglieder »regulärer« deutscher Großlogen für 1930 mit ca. 76.000 an. Davon entfielen
ca. 54.000 (ca. 70 %) auf die drei »altpreußischen« Großlogen: Große National-Mutterloge »Zu den drei
Weltkugeln« (22.000), Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland (20.000) und Große Loge von
Preußen, genannt »Zur Freundschaft« (12.000). Zur Gruppe der Reformfreimaurer (FzaS und Symbolische
Großloge, zu Letzterer traten 1930 etwa 600 ehemalige FzaS-Mitglieder über) dürften zur gleichen
Zeit etwa 2500 Freimaurer gehört haben.
24 Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar/Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon, München 2000,
S. 542.
25 Vgl. Berger, Joachim/Grün, Klaus-Jürgen: Weimarer Republik und Nationalsozialismus, in: Geheime Gesellschaft.
Weimar und die deutsche Freimaurerei, München/Wien 2002, S. 310 (HDM).
26 Lennhoff/Posner/Binder: a.a.O., S. 70–72.
58
in Genf, die 1921 auf Initiative der Schweizerischen Großloge »Alpina« gegründet wurde
und bis 1932 eine Reihe von Konventen durchführte, auf denen neben allgemeinen Fragen
zu Struktur und Aufgaben der Freimaurerei auch Menschenrechts- und Friedensfragen
erörtert wurden. Die A.M.I. war in ihrer Wirkung von Anfang an dadurch begrenzt, dass
die englische und nordamerikanische Freimaurerei (mit Ausnahme der Großloge von New
York) nicht daran teilnahmen. Insbesondere die Vereinigte Großloge von England (UGLoE)
befürchtete, dass sich die Einigungsbemühungen der kontinentalen Großlogen gegen
die Aufrechterhaltung der traditionellen Regularitätslandmarken (»belief in a supreme
being, renouncement of the political, and exclusion of women«) auswirken könnten, und
bemühte sich, vor allem auf Initiative des langjährigen Präsidenten des Board of General
Purposes der UGLoE, Sir Alfred Robbins, um die Etablierung einer »Masonic League of
Nations«, deren Ziel es war, die »English-speaking Masonry« gegenüber der kontinentaleuropäischen
Freimaurerei (im damaligen englischen Sprachgebrauch »Latin Masonry«)
abzugrenzen, die im Verdacht stand, Prinzipien der Regularität in Frage zu stellen.27 Doch
auch gegenüber der »altpreußischen« Freimaurerei gab es seitens der »English-speaking Masonry
« Mitte der 1920er Jahre prinzipielle Abgrenzungen. So heißt es etwa als Erläuterung
zur ersten der Alten Pflichten (Concerning God and Religion) im Masonic Text Book der
Grandlodge of Maine im Anschluss an eine Zurückweisung der rituellen Eliminierung des
Großen Baumeisters aller Welten durch den Grand Orient de France:
»Attempts have also been made in the opposite direction. In Prussia, Isrealites have
bee excluded. This is equally a violation of the landmark: while a belief in the Fatherhood
of God and the Brotherhood of Man is absolutely essential, any additional reqirements
are innovations.«28
Im Kontext des englischen Abgrenzungsverhaltens gegenüber der A.M.I. ist auch darauf hinzuweisen,
dass die Bekanntgabe der Basic Principles of Grandlodge Recognition seitens der
UGLoE durch das Board of General Purposes unter der Leitung von Alfred Robbins am 4.
September 1929 erfolgte.
Die erste offizielle Zusammenkunft zwischen »regulären« deutschen und französischen
Freimaurern fand am 27. Februar 1927 in Frankfurt/Main statt.29 Angeregt wurde die »Frankfurter
Begegnung« von zwei führenden französischen Freimaurern, Senator Brenier, dem
Präsidenten des Ordensrats des Grand Orient de France, und Maurice Monier, dem Großmeister
der Grande Loge de France, die sich im Januar 1927 mit gleichlautenden Schreiben
an den Großmeister der Großen Mutterloge des Ekklektischen Freimaurerbundes, Ludwig
Ries, wandten und diesem eine Zusammenkunft zwecks Erörterung der Möglichkeiten
einer Aussöhnung zwischen den deutschen und französischen Freimaurern vorschlugen.
Ries akzeptierte, informierte die übrigen deutschen Großmeister über das vorgesehene
Treffen und stellte ihnen bzw. von ihnen benannten Vertretern eine Teilnahme anheim.
Eine solche Mitwirkung kam jedoch nicht zustande. Der altpreußische Großmeisterverein
lehnte eine Beteiligung ab, u.a. mit der Begründung, Verhandlungen mit französischen
27 Vgl. Harland-Jacobs, Jessica L.: Builders of Empire. Freemasons and British Imperialism, 1717–1927,
Chapel Hill 2007, S. 289f.
28 The Maine Masonic Text Book for the Use of Lodges, 1923, S. 164.
29 Lennhoff/Posner/Binder: a.a.O., S. 292.
59
Freimaurern seien nicht möglich, »solange Deutschland nicht frei ist von der ihm zu Unrecht
aufgebürdeten Last, die Schuld am Weltkrieg zu tragen, und solange noch Teile des
deutschen Reiches unter dem Druck fremder Besatzung stehen«. So führten die Vertreter
des Eklektischen Bundes das Gespräch allein und sprachen die zwischen Deutschland
und Frankreich bestehenden Spannungen offen an. Die französischen Vertreter zeigten ein
begrenztes Entgegenkommen. Wirkliche Ergebnisse konnten aufgrund des Schwergewichts
der Probleme und der auf beiden Seiten unzureichenden Autorisierung der Gesprächspartner
jedoch nicht erreicht werden. Immerhin bestätigte auch die Frankfurter Begegnung
von 1927, dass das »Rapprochement franco-allemand« aus freimaurerischer Sicht mehr ein
Anliegen der französischen als der deutschen Freimaurer gewesen ist.
3. Deutsch-nationale Radikalisierung mit »völkischen«
Elementen
Die nachfolgenden Feststellungen bedürfen einer Vorbemerkung. Sie implizieren für einen
großen Teil der deutschen Freimaurerei, insbesondere die »altpreußische«, erhebliche Abweichungen
von dem, was durch die Geschichte der Freimaurerei hindurch das freimaurische
Ideal der Weltoffenheit und Toleranz genannt worden ist. Diese Abweichungen müssen
im Rahmen einer Geschichte – einer »ganzen« Geschichte – der deutschen Freimaurerei
im 20. Jahrhundert sichtbar gemacht werden. Dabei sind Fakten quellenmäßig zu belegen,
Aussagen haben sich um Objektivität zu bemühen, Differenzierungen sind vorzunehmen.
Die Objektivität des Betrachters und sein Bemühen um ein »Verständnis aus der Zeit heraus
« verlangt allerdings keineswegs den Verzicht auf moralisch begründete Urteile über das
Gewesene.30 Gewiss gilt für den Betrachter immer ein »Ich weiß nicht, wie ich mich in der
damaligen Situation verhalten hätte«. Doch derartige Überlegungen sollten verhaltenskritischen
historischen Reflexionen nicht im Wege stehen. Einmal bedeutet, nicht zu wissen,
wie man sich selbst verhalten hätte, keineswegs, dass man nicht wüsste, wie man sich hätte
verhalten sollen. Zum anderen haben sich andere Teile der deutschen Gesellschaft und auch
der deutschen Freimaurerei anders, nämlich ablehnend gegenüber aggressiven, judenfeindlichen
und zuletzt völkischen sowie nazistischen Strömungen verhalten. Und schließlich zeigen
auch die Beispiele einer Reihe anderer, ebenfalls von Kriegsfolgen und Weltwirtschaftkrise
betroffenen europäischen Länder, dass Krisenüberwindung ohne Verzicht auf Demokratie,
gesellschaftlichen Pluralismus und Friedensorientierung möglich war und wohl auch
in Deutschland möglich gewesen wäre, wenn das deutsche Bürgertum über Kraft und Konzeptionen
verfügt hätte, dies wirklich zu wollen.
Die Gründe für die verbreitete Abwehrhaltung gegenüber friedens- und versöhnungspolitischen
Aktivitäten innerhalb der deutschen Freimaurerei sind leicht zu identifizieren.
Sie hängen zunächst und vor allem mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs zusammen,
der von der Mehrheit der deutschen Freimaurer – wie von der Mehrheit des deutschen
Bürgertums insgesamt – als nationale Schande empfunden wurde, wobei für das Gefühl von
Verletzung und Schmerz freimaurerseits zuweilen auch sehr übersteigerte Formulierungen
30 Vgl. hierzu und zum Folgenden Busche, Jürgen: Rezension zu Frei, Norbert: 1945 und Wir – Das Dritte
Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005, in: Deutschland Radio, 4.3.2005.
60
gewählt wurden. So beschloss Ernst Horneffer seine nach Kriegsende publizierte Schrift
»Erkenntnis. Die Tragödie des deutschen Volkes« mit folgendem Aufschrei:
»Wir haben das Recht und die Pflicht, diesen Ausgang des Weltkrieges als Unsinn,
Wahnsinn, als gänzliche Umkehrung aller natürlichen, gerechten, heilbringenden
Ordnung Europas aufzufassen, als Fälschung der Weltgeschichte.
Auf ein derartiges ungeheures Geschehen aber, das uns um unsere Berufung und
Bestimmung, um unser idealstes Recht, das Recht unseres Seins und Lebens betrogen
hat, können wir nicht nur mit der Erkenntnis und mit dem Urteil antworten.
Das muß auch ein Gefühl in uns auslösen. Letzte, schwerste furchtbarste Gefühle
aber können keine Worte finden. Sie brechen schließlich nur in einem Schrei empor.
Der Schrei des Schmerzes ist es, wenn Mensch es nicht mehr trägt. Und so
rufe ich denn als Einziges, Letztes der gequälten Seele hinaus den Schrei – o möchte
er alle Deutschen erreichen! – den einen Schrei: Mord, Mord an einem großen
Volke! Und solange ich lebe, bis auf mein Totenbett, oder wo mich die Sichel des
Todes ereilen wird, bis zum letzten Blick und Atemzug werde ich rufen: Mord,
Mord!«31
Als unmittelbar nach Ende des Krieges in zunehmendem Maße Kriegsschuldbehauptungen
den politischen Diskurs bestimmten, in denen die vermeintliche »jüdisch-freimaurerische
Verschwörung« eine dominante Rolle spielte, sahen sich die meisten deutschen Freimaurer
in noch stärkerem Maße veranlasst, patriotische Treue zu bekunden und nationale Standpunkte
zu vertreten. Als es Mitte der 1920er Jahre zu einem heftigen Angriff des »Nationalverbandes
deutscher Offiziere« auf die Freimaurerei kam, wurde aus dem Kreis der Freimaurer
u.a. folgendermaßen poetisch repliziert:32
»Auch für den deutschen Freimaurer gilt, was der junge Dichter B. v. Selchow sagt:
Ich bin geboren, deutsch zu fühlen, / Bin ganz auf deutsches Denken eingestellt, / Erst
kommt mein Volk, dann all die andern, vielen, / Erst meine Heimat, dann die Welt.«
Der Autor des Beitrags in der Zeitschrift »Am rauhen Stein« (von der Redaktion vorgestellt
als Professor, Oberstleutnant a.D. und Direktor der deutschen Heeresbücherei) schloss seinen
Beitrag mit folgenden Worten:
»Freimaurer und Offiziere, werdet zu rechten Führern unseres Volks … und wenn der
Tag kommt, der das letzte von Euch fordert, dann soll er Männer finden, begeistert
und einig, kraftvoll und opferwillig und würdig der großen Ahnen, der herrlichen
deutschen Männer der Freiheitskriege.«33
31 Horneffer, Ernst: Erkenntnis. Die Trägödie des deutschen Volkes, Kassel o.J. (1919?), S. 207.
32 Klefeker, Siegfried: Freimaurerei und Offizierskorps. Eine Entgegnung auf die Angriffe des Nationalverbandes
deutscher Offiziere, in: Am rauhen Stein, Maurerische Zeitschrift der Großen Loge von Preußen
genannt »Zur Freundschaft«, Jg. 21, 1924, H. 4, S. 49–57, hier S. 52.
33 Ebenda, S. 57.
61
Die Redaktion setzte hinzu:
»Der vorliegende Aufsatz eignet sich vortrefflich zur Verbreitung in weiteren Kreisen.
Insbesondere den früheren und jetzigen Angehörigen des Offizierskorps sollte er in
die Hände gegeben werden.«34
Sehr wesentlich hingen die Positionen der deutschen Freimaurer aber auch mit ihrem Platz
in der deutschen Gesellschaft und mit der politischen Kultur dieser Gesellschaft selbst zusammen.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fungierten die deutschen Logen – unabhängig
davon, ob sie den altpreußischen oder den humanitären Großlogen angehörten – als stabile
Assoziationsformen der bürgerlichen Mittel- und Oberschichten.35 Sie verstanden sich
als Übungsstätten von Bürgertugenden wie Anstand, Respekt, Hilfsbereitschaft und Vaterlandsliebe,
spielten – nicht zuletzt aufgrund obrigkeitlicher Protektion – eine anerkannte
Rolle in der deutschen Gesellschaft und ordneten sich ihrerseits loyal in die bestehende
politische Ordnung ein. Die Logen waren fest im gehobenen Bürgertum verankert, wobei
die Anteile der Funktionselite (Beamte, Militärs), der kulturellen Elite (Professoren, Lehrer,
Wissenschaftler, schaffende und ausführende Künstler) und der ökonomischen Elite (Unternehmer,
Bankiers, leitende Angestellte) von Loge zu Loge unterschiedlich ausfielen. Ausschlaggebend
hierfür waren sowohl die spezifischen Milieus der einzelnen Logen als auch
der Charakter der Logenstandorte.
Wenn auch festgestellt werden kann, dass »Bürgerlichkeit« weltweit ein Grundzug der
Freimaurer gewesen ist, so unterschieden sich doch die bürgerlichen Gesellschaften Europas
und Nordamerikas, in denen die Freimaurerei als Assoziationsform der Geselligkeit
weithin vertreten war, in ihrem gesellschaftlichen Selbstverständnis nicht unwesentlich voneinander.
Maßgebend war dabei vor allem der Grad, in welchem in ihnen die »westlichen«
Werte von Demokratie und gesellschaftlichem Pluralismus vertreten waren, und hieran
gemessen war die deutsche Gesellschaft weniger »westlich« geprägt als die Gesellschaften
Frankreichs, Englands oder der Vereinigten Staaten.36 Gewiss, die deutsche Tradition der
Aufklärung und des Liberalismus vermittelte bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele
Impulse in andere Länder, und Deutschland war gewiss kein Land, das dem Westen kulturell
nicht verbunden gewesen wäre und nicht an seiner Entwicklung teilgenommen hätte.
Gleichwohl: Der politischen Wertegemeinschaft westlicher Länder gehörte Deutschland
in politisch entscheidenden Phasen der jüngeren Geschichte nicht an – nach 1918 noch
weniger als vor 1914, und schon gar nicht nach 1933.
Insbesondere seit dem Ersten Weltkrieg wurden den »Ideen von 1789« in Theorie und
Praxis die »Ideen von 1914« entgegengesetzt. Eigene Beiträge zur Tradition von Aufklärung
und Toleranz traten in den Hintergrund oder wurden gar verleugnet, lange bevor die Nazis
Lessings Nathan von den deutschen Bühnen verbannten. »Machtgeschützte Innerlichkeit«
(Thomas Mann37) trat an die Stelle demokratischer Offenheit, westliche Zivilisation wurde
34 Ebenda, S. 49.
35 Vgl. Hoffmann, Stefan-Ludwig: Die Politik der Geselligkeit, a.a.O., insbes. S. 128–202.
36 Vgl. Winkler, August Heinrich: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806–1933, Bonn
2002; ders.: Der lange Weg nach Westen II. Deutsche Geschichte 1933–1990, Bonn 2005.
37 Mann, Thomas: Leiden und Größe Richard Wagners, Gesammelte Werke, Bd. IX, Frankfurt/Main 1990,
S. 419.
62
gegenüber deutscher Kultur abgewertet, Gemeinschaft wurde verklärt, Gesellschaft verdammt.
Der Historiker Heinrich August Winkler hat das Verhältnis Deutschlands zum
Westen in seiner Berliner Abschiedsvorlesung im Februar 2007 folgendermaßen zusammengefasst:
»In keinem Land des Okzidents stießen die demokratischen Ideen des Westens, und
das heißt auch: der europäischen Aufklärung, auf so hartnäckigen Widerstand wie
in Deutschland. Es bedurfte der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, des
Zweiten Weltkriegs, des Holocaust und des ›Zusammenbruchs‹ von 1945, der zweiten
Niederlage Deutschlands im 20. Jahrhundert, um den antiwestlichen Vorurteilen
von Eliten und breiten Schichten der Bevölkerung allmählich den Boden zu
entziehen.«38
Die später folgenden Beispiele (Erster Weltkrieg, Antisemitismus, Nationalsozialismus) sollen
jeweils spezifische Facetten freimaurerischer Identifizierung mit den Hauptlinien der
Orientierung nach Rechts innerhalb des deutschen Bürgertums verdeutlichen und aufzeigen,
dass in einige Gruppen der Freimaurerei zunehmend auch völkisches Gedankengut Eingang
fand, wenn diese Gruppierungen auch kein Bestandteil der völkischen Bewegung gewesen
sind.39 Die Beispiele sind begrenzt, reichen aber aus, um verhängnisvolle Tendenzen zu
veranschaulichen. Die Positionen, die dabei innerhalb der deutschen Freimaurerei vertreten
wurden, waren nicht einheitlich. Jedoch wurde im Verlauf der 1920er Jahre deutlich, dass die
nationalistischen Tendenzen bei den »altpreußischen« Großlogen besonders ausgeprägt waren,
insbesondere seitdem diese mit dem 1922 erfolgten Austritt aus dem Deutschen Großlogenbund40
eindeutige Signale in Richtung nationale Orientierung, Ablehnung der Weimarer
Republik, Absage an alle pazifistischen Tendenzen und Trennung vom internationalen
Freimaurerkonsens der »Alten Pflichten« gesetzt hatten. Lennhoff/Posner kommentierten
im Jahre 1932:
»Der Austritt war also sichtlich vom Bestreben geleitet, der völkischen Zeitströmung
Rechnung zu tragen und die Scheidung in ein christliches und ein humanitäres Lager
deutlich zu markieren«.41
In mancherlei Hinsicht beachtenswert war die Festansprache, die Obr. Rudolf Rosbach anlässlich
der Festarbeit zum Johannisfest der GNML »3WK« am 24. Juni 1924 in Berlin gehalten
hat und in der es u.a. hieß:
38 Winkler, Heinrich August: Der Westen braucht den Streit. Was heißt westliche Wertegemeinschaft?,
Abschiedsvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität, zitiert nach Kölner Stadtanzeiger, ksta.de/
html/artikel/1171445238540.shtml, Download 26.2.2007.
39 Vgl. Puschner, Uwe: Völkisch. Plädoyer für einen »engen« Begriff, in: Ciupke, Paul/Heuer, Klaus/Jelich,
Franz-Josef/Ulbricht, Justus H. (Hrsg.): »Erziehung zum deutschen Menschen«. Völkische und nationalkonservative
Erwachsenenbildung in der Weimarer Republik. Geschichte und Erwachsenenbildung, Bd.
23, Essen 2007.
40 Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar: Internationales Freimaurerlexikon, Wien 1932, Spalten 346, 347.
41 Ebenda.
63
»Es geht eine gewaltige geistige Bewegung durch unser Volk, die auch die christliche
deutsche Freimaurerei … nicht unberührt gelassen hat, eine Bewegung, die man kurz
als die völkische zu bezeichnen pflegt.
Auch die völkische Bewegung geht davon aus, dass der Abfall vom deutschen Geist
unser Unglück verschuldet habe und daher nur die Rückkehr zu ihm uns wieder aus
unserem Unglück befreien könne. Die völkische Bewegung ist nicht, wie viele glauben,
in unseren Tagen künstlich entfacht worden, sondern sie ist sie natürliche Reaktion
des deutschen Geistes gegen die Überfremdung unseres staatlichen und geistigen
Lebens.«
Über den Inhalt der Rede hinaus bemerkenswert ist einmal, dass der am Johannisfest teilnehmende
Reichsaußenminister Gustav Stresemann, Mitglied einer 3WK-Loge, einen Tag später,
am 25. Juni 1924, in einem Brief an den National-Großmeister Karl Habicht über Inhalt
und Tenor der Festrede engagiert Beschwerde führte:
»Ich verwahre mich … dagegen, dass in der Weise, in der es geschehen ist, völkisches
Denken nach außen und innen so gepredigt wird, dass der Eindruck entstand, als befände
man sich in einer Wahlversammlung der Deutschvölkischen Freiheitspartei.«42
Bemerkenswert ist weiter, dass das nunmehr von der GNML »3WK« und der »Großen Loge
von Preußen« gemeinsam herausgegebene »Ordensblatt« in der Novemberausgabe 1934 –
also kurz vor der erzwungenen Einstellung – die Rede Rosbachs mit folgender Einleitung
abdruckte:
»Die Festrede, die Obr. Rudolf Rosbach hielt, hat diese Feier … zum Erlebnis gemacht
… Damals schien die von Adolf Hitler getragene Bewegung fast erledigt zu
sein, denn der Führer und seine Mitkämpfer waren … in Haft, und niemand konnte
im Juni 1924 voraussehen, dass eine Amnestie dem Führer und seinen Mitkämpfern
im Dezember die Freiheit geben und den Aufschwung der Bewegung einleiten werde.
Um so höher ist diese Rede zu werten als Zeugnis für den deutschen Geist, wie er in
den altpreußischen Logen gepflegt wird. Sie widerlegt schlagend die Leute, die seit
Jahren und heute mehr denn je nicht müde werden, die christlichen altpreußischen
Logen als undeutsch und international zu verlästern. Wäre dieser Geist damals in allen
deutschen Kreisen des Volkes lebendig und gleich stark gewesen – Deutschland
hätte nicht neun weitere Jahre auf den Aufbruch warten müssen.«43
Bei der nun immer mehr zunehmenden nationalen und zugleich völkischen Orientierung
der altpreußischen Freimaurerei spielten der »Bielefelder Ring« und der »Wetzlarer Ring«, die
beide 1925 von Logen der Großen National-Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln« gegründet
wurden, eine besondere Rolle. So beschloss der »Wetzlarer Ring« bereits auf seiner Grün-
42 Wiedergabe des Briefes in: Große National-Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln« im Verband der Vereinigten
Großlogen von Deutschland, Bruderschaft der Freimaurer: 1933–2000. Versuch einer Standortbestimmung,
3 Bände, Berlin 2002, hier Band III, S. 895–898.
43 Editorial »Vom rechten deutschen Geist«, Wiedergabe ebenda, S. 900.
64
dungsversammlung am 4. Juli 1925, den 3WK-Logen für ihre Satzungen folgende Formulierung
zur Regelung der Mitgliedschaft vorzuschlagen:
»Mitglied unserer Loge kann nur werden, wer deutscher Abstammung ist und sich
zur christlichen Weltanschauung bekennt. Suchende, deren Eltern oder Großeltern
jüdischer Abstammung sind oder deren Frauen jüdischer Abstammung sind, können
nicht aufgenommen werden. Für Annahme ständig Besuchender gilt dasselbe.«44
Dass die nationalistische Haltung einschließlich mancher völkischer Elemente insbesondere
der »altpreußischen« Freimaurerei keineswegs eine taktische Orientierung zur Überlebenssicherung
im »Dritten Reich« gewesen ist – wie später gern behauptet wurde –, sondern
eine langfristige konzeptionelle Grundhaltung, bringt auch der »Johannisfestgruß 1930« der
»Großen Landesloge« zum Ausdruck, in dem es u.a. heißt:
»Wir jedenfalls weisen jeden Humanitätsdusel in jeglicher Form und unter jeglichem
Namen, wie Internationalismus, Pazifismus oder wie sonst immer, weit von
uns, nicht etwa, weil es unerreichbare Ideale, sondern weil es überhaupt keine erstrebenswerten
Ideale sind. Ihre tatsächliche Erreichung würde nicht zum Aufstieg der
Menschheit führen, sondern zu ihrem Verderben ausschlagen, weil diese ›Ideale‹ naturwidrig
und gegen jede menschliche und göttliche Ordnung sind.«45
Diametral entgegengesetzte, sich gegenseitig bekämpfende Interessen stünden sich gegenüber.
Dies gelte auch für die Freimaurerei:
»In ihr bekämpfen sich die Gegensätze der Volkscharaktere: ›germanisch‹ oder ›romanisch‹,
der Zwecke: ›politikfrei oder politisch‹, der Grundsätze: ›vaterländisch oder
vaterlandslos‹, der Mittel: ›Vertiefung des Innenlebens oder Betonung der Geselligkeit‹,
und darum wäre eine internationale oder ›Weltfreimaurerei‹ ein Unding, ein
Widerspruch in sich, eine den Gedanken und die Ziele der Freimaurerei aufhebende
Missgeburt, nicht aber ein erstrebenswertes Ideal.«46
Auch hier wird deutlich, wie sehr der Denk- und Wahrnehmungsrahmen großer Teile des
deutschen Bürgertums – und als Sektor davon der Freimaurerei – die Ausbreitung des Nationalsozialismus
begünstigte und wie sehr er verhinderte, diese »Bewegung« rechtzeitig als
das zu erkennen, was sie war: ein tödlicher Anschlag auf Frieden, Freiheit und Demokratie –
soweit dies überhaupt erkannt werden sollte. Denn Demokratie war, was in diesem Kontext
nur gestreift werden kann, für große Teile der deutschen Freimaurer kein politisches Leitbild.
Die »nationale« Freimaurerei stand der Weimarer Republik weitgehend ablehnend gegenüber,
verunglimpfte ihre Farben als »schwarz, rot, gelb«47, verspottete den »Parteienstreit«
44 Gründungsprotokoll des Wetzlarer Ringes, GNML »3WK« vom 4. Juli 1925, Wiedergabe ebenda, S. 911–916.
45 Zirkelkorrespondenz, 1930, S. 267f., zitiert nach: Große Landesloge: Im Ordenshause der Großen Landesloge
der Freimaurer von Deutschland, Deutsch-Christlicher Orden, Berlin 1935, S. 7.
46 Ebenda.
47 Zur Aufklärung, Informationsblatt der Ordensgruppe (früher Loge) »Zu den drei Balken« in Münster,
Archiv der Großloge AFuAM, Altenburg, A – 0006.
65
und sehnte sich nach Volksgesamtheit und Führerprinzip. Fenner und Schmidt-Sasse fassen
die im freimaurerischen Schrifttum vertretenen Positionen zusammen und bilanzieren:48
»Die Einheit des Volkes im Deutschtum soll den Grundstein der Erneuerung
bilden:49 Gegen die Parteienvielfalt setzen die nationalen Freimaurer die Vorstellung
vom Volk als einem homogenen Block, gefasst in das Bild vom Dom aus winkelgerechten
Steinen. Die berufenen Führer sollen die Massen zu einem Vaterland neuer
deutscher Größe führen.50 Als Errungenschaften eines solchen neuen Vaterlands werden
als erstrebenswert genannt: wirtschaftliche Sanierung und Wiedergewinnung der
früheren Wehrhaftigkeit und Stärke51 sowie Abkehr von der sozialen Gesellschaft und
Schaffung eines Gemeinschaftsstaates. Voraussetzung dieser deutschen Wiedergeburt
ist die ›Abwehr alles Undeutschen‹52. Der ›verniggerten Unkultur‹53 soll der Geist
deutscher Sittlichkeit entgegen gehalten werden.«
3.1 Stichwort Erster Weltkrieg
Als patriotische Bürger identifizierten sich die meisten deutschen Freimaurer unmittelbar
nach Kriegsausbruch sowohl mit der vorherrschenden Charakterisierung des Kriege
(»Ein furchtbarer, auf die Vernichtung unseres teuren Vaterlandes gerichteter Kampf ist
uns aufgedrängt worden«54), als auch mit der begeisterten Stimmung weiter Kreise der Bevölkerung
(»In den Reihen der begeistert für die Ehre und Freiheit der heimischen Lande
eintretenden deutschen Männer befinden sich zahlreiche Brüder unseres Bundes«55) und
nahmen an den Maßnahmen zur materiellen Unterstützung des Krieges teil. Die »Große
National-Mutterloge ›Zu den drei Weltkugeln‹« rief für den 15. August 1914 eine außerordentliche
Versammlung der Großloge ein mit dem einzigen Tagesordnungspunkt »Bewilligung
von Mitteln zur Unterstützung von Kriegsteilnehmern und deren Familien«.56
Am 22. August fand eine »gemeinsame patriotische Arbeit« der Berliner 3WK-Logen statt.
Großmeister Wegner und Großredner Kleiber hielten die Ansprachen, die die Frontstellungen
des Krieges klären sollten:57 Auf der einen Seite standen die Deutschen, deren »kai-
48 Fenner, Wolfgang/Schmidt-Sasse, Joachim: Die Freimaurer als »nationale Kraft« vor 1933, in: Koebner,
Thomas (Hrsg.): Weimars Ende. Prognosen und Diagnosen in der deutschen Literatur und politischen
Publizistik 1930–1933, Frankfurt 1982, S. 223–244, hier S. 228.
49 »Wahre deutsche Volksgemeinschaft« schreibt August Horneffer in: Was erwarten wir von Nationalsozialismus,
in: Am rauhen Stein, Monatsschrift der großen Loge von Preußen genannt zur Freundschaft,
Jg. 29, 1932, H. 8/9, S. 226–236, hier S. 230.
50 A. Horneffer: Wer soll uns führen? In: Am rauhen Stein, Jg. 28, 1931, S. 315ff.
51 »Verbreitet den Geist der Wehrhaftigkeit in unserem Volke«, in: Kundgebung der Großloge an die gesamte
Bruderschaft, in: Am rauhen Stein, Jg. 29, 1931, S. 3.
52 Vgl. Fußnote 38 bei Fenner und Schmidt-Sasse: a.a.O., S. 240.
53 Die Säulen deutscher Weisheit, Stärke und Schönheit, in: Am rauhen Stein, Jg. 26, 1929, S. 171.
54 Bundesblatt, herausgegeben von der Großen National-Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln«, Sonderausgabe,
10. August 1914, S. 465.
55 Ebenda, S. 465–466. Dieselbe Sonderausgabe berichtet von der bevorstehenden »Einberufung zum Feldheer
« des National-Großmeisters Br. Wegner.
56 Ebenda, S. 465.
57 Niederschrift der 1143. Sitzung der Großen National-Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln«, in: Bundesblatt,
1914, H. 15, S. 486, 489, 490.
66
serlicher Herr alles versucht hat, unserem Volk einen ehrenhaften Frieden zu erhalten«,
auf der anderen Seite standen Russland (»Ansturm halbasiatischer Barbarenhorden«),
Frankreich (»Zorn und Haß und Rachedurst wegen seiner Niederlage in einem Krieg, den
einst gallischer Übermut in frevelhafter Leichtfertigkeit gegen uns vom Zaune brach«) sowie
das Deutschland vordem doch so nahe stehende England als der eigentliche Drahtzieher
des Krieges: »Daß wir so viele Feinde haben in der Welt, das ist zum weitaus größten
Teil die Folge ihrer systematischen Verhetzung durch unsere lieben Vettern in England.«
Derartige Positionen nationalen Aufbegehrens, die auch seitens »humanitärer« Großlogen
vertreten wurden und die keinen Unterschied zu den gemeinhin im deutschen Bürgertum
vertretenen Auffassungen erkennen ließen, zogen sich durch den Ersten Weltkrieg
hindurch bis in die Nachkriegszeit, in der sie dann – verstärkt durch den in der Tat
verhängnisvollen Frieden von Versailles (»Wir werden jahrhuntertelang den Schand- und
Schmachvertrag von Versailles nicht vergessen«, hieß es z.B. in der Zeitschrift »Am rauhen
Stein«58 ) – an Intensität und bald auch an antisemitischer Einfärbung gewannen.
Als der Verein Deutscher Freimaurer 1920 seine erste Nachkriegshauptversammlung abhielt,
bilanzierte sein Vorsitzender, Diedrich Bischoff, die Entwicklung seit der letzten
Vorkriegstagung u.a. mit folgenden Worten: »Dann kam die Erhebung von 1914, und es
rang sich dieses maurerische Wollen empor in unserem deutschen Volk.«59 Die gewählte
Formulierung vom »maurerischen Wollen« zeigt, dass für Bischoff und viele andere maurerische
Autoren die »Ideen von 1914« durch und durch freimaurerisches Gedankengut
waren. Betrachtet man die in acht (reguläre) Großlogen aufgefächerte deutsche Freimaurerei
als Gesamtheit, so zeigen sich argumentative und emotionale Grundlinien, die weitgehend
übereinstimmen.
Es werden jedoch auch bezeichnende Unterschiede sichtbar, die oft, aber keineswegs
immer, mit der Trennlinie »altpreußisch« – »humanitär« zu erfassen sind. Diesen Unterschieden
detailliert nachzugehen, ist im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich. Es soll
nur an einem Beispiel auf die Art und Weise eingegangen werden, wie Freimaurer des
FzaS mit der Weltkriegsproblematik umgegangen sind. Zwar findet sich auch hier das
Bekenntnis zum Zusammenschluss der Deutschen: »Denn wenn je, so ist der Grundsatz
›Right or wrong, – my country!‹ hier ein Prinzip von höchster Sittlichkeit, und das
Gegenteil wäre verwerf lich, weil es dem Verrat am eigenen Volke und an der Sache der
Kultur gleich käme.« Doch zuvor hatte es im gleichen Beitrag fernab jeder Euphorie
geheißen: »Freimaurerei und Weltkrieg! Man kann sich wohl keine zwei Begriffe vorstellen,
die zueinander in schärferem Gegensatz stünden! Die größte, den ganzen Erdball
umspannende geistige Bewegung zur Verbreitung und Vertiefung des Humanitätsgedankens
und der grausame, völkermordende und entmenschende Weltkrieg mit allen seinen
Greueln!«60
58 Jänisch, Oskar: Marxismus und Freimaurerei, in: Am rauhen Stein, Maurerische Zeitschrift der Großen
Loge von Preußen genannt Zur Freundschaft, Jg. 22, 1925, H. 2, S. 36–41, hier S. 36.
59 Bischoff, Diedrich, 1920: Eröffnungsrede zur Jahresversammlung in Nürnberg, in. Jahrbuch. Mitteilungen
aus dem Verein Deutscher Freimaurer 1929/21, S. 5–22, hier S. 5.
60 Wegner, Julius: Der Weltkrieg und die Freimaurerei, in: Sonnenstrahlen, Bundes–Organ des »F. Z. A. S.«,
8. Jg., Oktober 1914, Nr. 3/4, S. 87–94, hier S. 88, 87.
67
3.2 Stichwort Antisemitismus
Als Mitte der 20er Jahre rassistische Ideen im deutschen Bürgertum an Boden gewannen,
schrieb der Radeberger Freimaurer Paul Wagler: »Wer den ewigen inneren Kern der Seele
des deutschen Volkes als die Freimaurernatur des Geistes erlebt und die deutsche Entstehung
der Freimaurerei erkannt hat, der muss auch Freimaurerei als germanischen Rassegeist
empfinden.«61 Es ist interessant, zum Stichwort Antisemitismus die Diskussionsbeiträge
durchzugehen, die 1924 in der »Großen Loge von Preußen genannt zur Freundschaft«62
vorgetragen wurden. Auf Antrag einer Münchener Loge, der vor allem von August Horneffer,
dem Großsekretär63 der Großloge, propagiert und unterstützt worden war und dann
Zustimmung und Umsetzung in der Großloge fand, sollte für die Mitgliedschaft zum
»christlichen Prinzip« zurückgekehrt, d.h. jüdischen Bürgern die Mitgliedschaft zukünftig
verwehrt werden.64
Gewiss gab es Gegenstimmen und Warnungen, so etwa seitens des Berliner Freimaurers Julius
Jaeckle:
»Rückt man in der deutschen Freimaurerei den Humanitätsgedanken zu Gunsten des
nationalen an die zweite Stelle, so ist die deutsche Kultur um eine ihrer schönsten
Blüten ärmer. Dann lasset uns den Menschheitsgedanken begraben gehen – und die
Königliche Kunst mit.«65
Ein anderer Diskussionsteilnehmer war um die Klärung des in seiner Sicht eigentlich Gemeinten,
nämlich einer rassischen Ausgrenzung, bemüht:
»Die Münchner Forderung einer national-christlichen Einstellung, die ganz unzweideutig
auf die Juden hinzielt, gibt nichts anderes als eine Verwischung des Problems.
Wenn man in einer Änderung des Grundgesetzes dieses zum Ausdruck bringen will,
so kann einzig die Forderung des Rassenproblems zur Grundlage gemacht werden.«66
Der antisemitische Hintergrund der im Juni 1924 in Kraft gesetzten Satzungsänderung wird
von August Horneffer neun Jahre später bestätigt: Der Beschluss habe darauf abgezielt,
»daß unsere Großloge ein ganz enger, vertrauter Kreis von unbedingt heimattreuen
und
61 Wagler, Paul: Freimaurerei als germanischer Rassegeist, in: Jahrbücher des Vereins deutscher Freimaurer,
1929–30, S. 57.
62 Die Großloge hatte ihren alten Namensbestandteil »Royal York« zu Beginn des Ersten Weltkriegs abgelegt.
63 Diese Funktion nahm Horneffer de facto wahr. Seine offizielle Amtsbezeichnung war »Großschriftführer
und Archivar«.
64 Vgl. aus der Perspektive einer einzelnen Loge: Niemeier, Dirk in Zusammenarbeit mit Papenheim, Martin:
Die Freimaurerloge »Friedrich zum weißen Pferde« in Hannover in Weimarer Republik und Nationalsozialismus,
in: Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung, Nr. 42/2005, S. 77–98.
65 Jaeckle, Julius: Die Freimaurerei am Scheidewege, in: Am rauhen Stein, Maurerische Zeitschrift der
Großen Loge von Preußen genannt Zur Freundschaft, Jg. 21, 1924, H. 1, S. 5–6, hier S. 5.
66 Trommsdorf, H.: Die Forderung der Zeit, ebenda, S. 8.
68
gottestreuen Männern sein soll, daher wir volks- und artfremde Elemente nicht brauchen
können«.67
Doch auch hier gab es Gegenentwicklungen, für die das folgende Beispiel stehen mag:
Als die Große Loge von Preußen zum christlichen Prinzip zurückkehrt war, mussten auch
die jüdischen Brüder der Kasseler Royal-York-Loge »Zur Eintracht und Standhaftigkeit
« den
Freimaurerbund verlassen. Eine Reihe tolerant orientierter nicht-jüdischer Brüder verließ
darauf hin unter Leitung des Bauunternehmers und Kasseler Stadtrats Rudolf Friebe mit
den jüdischen Brüdern die Loge. Sie schlossen sich der Leipziger Loge »Apollo« an, die
– unter der Obhut der (humanitären) Großen Loge von Sachsen – die Deputationsloge
»Herder zu den alten Pflichten« in Kassel gründete, die dann bald als Mitgliedsloge der
sächsischen Großloge selbstständig wurde.
Antisemitismus (auch rassisch gefärbter) war nun sicher eine Haltung, die sich in großen
Teilen des national-konservativen deutschen Bürgertums Ende der 20er Jahre verstärkte.
Dass er in der Freimaurerei an Raum gewann, vergrößerte die Distanz des Bundes
zu seinem kosmopolitischen Ursprung. Es verwundert dann auch nicht, dass seitens der
Leitungen altpreußischer Großlogen schon bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme
Zustimmung zur Rassenlehre der NSDAP bekundet wurde. So schrieb der als
Autor und Redner im altpreußischen Sektor der deutschen Freimaurerei weithin bekannte
Stephan Kekulé von Stradonitz (er war 1932 Kandidat für die Nachfolge von Karl Habicht
als Großmeister der GNML 3WK gewesen) im Mai 1933 im »Ordensblatt«:
»Der ›nationale Christliche Orden Friedrich der Große‹, in den unsere bisherige
›Große National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln‹ sich in der Osterwoche 1933
umwandelte, wird die Mitgliedschaft in Zukunft an die Bedingung der Deutschstämmigkeit
der ›Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei‹ (Rundschreiben
des Großordensrates vom 12. April 1933) knüpfen, womit das Erfordernis des alten,
bisherigen Aufnahme-Paragraphen, nämlich dasjenige des Bekenntnis-Christentums,
eine wesentliche und grundlegende Veränderung im Sinne einer Verschärfung erfahren
hat.«68
Kekulé von Stradonitz schloss seinen Beitrag »Deutschstämmigkeit« mit der die Konsequenz
der Großlogenführung würdigenden Bemerkung:
»Ich kann es deshalb, als genealogischer Fachmann, nur als durchaus sachgemäß
erachten, daß das neueste Rundschreiben unseres Ordens-Großmeister (vom 19.
April) unter Ziffer 6 ›für die Prüfung der Deutschstämmigkeit‹ empfiehlt, ›nach den
Ausführungsbestimmungen über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zu
verfahren.‹«69
67 Horneffer, August: Frühling, ebenda, in: Der rauhe Stein, Monatszeitschrift des Deutsch-Christlichen
Ordens Zur Freundschaft, Jg. 30, 1933, H. 4, S. 99–102, hier S. 99.
68 Kekulé von Stradonitz, Stephan: »Deutschstämmigkeit«, in: Ordensblatt, hrsg. vom »Nationalen Christlichen
Orden Friedrich der Große« in Berlin, Nr. 5, Mai 1933, S. 136–141, hier S. 136.
69 Ebenda, S. 141. Im »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 hatte es in
§ 3 geheißen: »(1) Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand (§§ 8ff.) zu versetzen;
soweit es sich um Ehrenbeamte handelt, sind sie aus dem Amtsverhältnis zu entlassen. (2) Abs.
69
Die Akzeptanz der neuen Rasseverordnungen fand schließlich auch Eingang in das Ritual
und die Statuten. Die 1933 eingeführte neue Form des Brauchtums der Großen Landesloge
(jetzt »Deutsch-Christlicher Orden«) sah – ein Kommentar im »Ordensblatt« sprach von
einer »durch die Geschehnisse des Jahres 1933 ohne weiteres verständlichen Sprache« – u.a.
folgende »neu eingefügte« Frage an den Kandidaten vor: »Sind Sie arischer Abkunft?«70 § 4
der neuen Ordensregel erhielt die Fassung: »Aus der deutschen und christlichen Wesensart
des Ordens folgt, daß nur Deutsche arischer Abstammung, die christlich getauft sind, Mitglieder
werden können.«71
Auch diese Regelung entsprang nicht der Absicht einer unter aktuellem politischen
Druck zustande gekommenen opportunistischen Anpassung. Bereits 1926 hatte es im »Johannisfestgruß
« der Großen Landesloge geheißen:
»Die Gemeinsamkeit des Schöpfers beseitigt … nicht die Unterschiede zwischen Rassen,
Völkern und Individuen, Unterschiede, die in der Geschichte eine viel zu große
und entscheidende Rolle gespielt haben, als dass sie unbeachtet bleiben könnten. Die
Verkennung und Unterschätzung dieser Unterschiede, die verhängnisvolle, zwar aus
reinsten Beweggründen, aber aus physiologischer und psychologischer Unwissenheit
geborene Humanitätsschwärmerei hat zu einer Vermischung und Entartung aller
Kulturen, Kunstrichtungen, Rassen und Völker, zu einer Sintflut geführt, die alles
in früherer Reinkultur Veredelte und Hochwertige ersticken zu wollen droht. Diesen
trüben, schlammigen Fluten sucht der Orden, der von jeher bemüht war, höchste
Veredelung durch sorgsamste Auslese und Reinerhaltung seines Bestandes zu erreichen,
einen Damm entgegenzusetzen.«72
»Entartung«, »Auslese«, »Reinerhaltung« – hier scheint ein Vokabular auf, das später im
»Wörterbuch des Unmenschen« (Dolf Sternberger) eine verhängnisvolle Rolle spielen sollte.
Im Übrigen war es dann auch nur folgerichtig, wenn in einer Schrift der Großen Landesloge
von 1935 festgestellt wurde: »Als drittes Ziel im Kampfes für deutsches Christentum
trat die Aufforderung zur Reinhaltung der Rasse.«73
Es sei jedoch noch einmal betont, dass sich in der deutschen Freimaurerei auch Stimmen
vernehmen ließen, die sich deutlich vom Mainstream der Meinungen abhoben. So
hieß es in einem Artikel der unabhängigen Freimaurerzeitung »Auf der Warte« im Jahre
1931: »Der deutsche Tempel, wie ich ihn auffasse, schließt den deutschen Juden nicht aus.«74
1 gilt nicht für Beamte, die bereits seit dem 1. August 1914 Beamte gewesen sind oder die im Weltkrieg
an der Front für das Deutsche Reich oder für seine Verbündeten gekämpft haben oder deren Vater oder
Söhne im Weltkrieg gefallen sind. Weitere Ausnahmen können der Reichsminister des Innern im Einvernehmen
mit dem zuständigen Fachminister oder die obersten Landesbehörden für Beamte im Ausland
zulassen.«
70 Bluhm, Johannes: Die neue Form des Brauchtums der I. Stufe im Orden, in: Ordensblatt, 62. Jahrgang
Nr. 10, 1933, Oktober-Heft, S. 294–299, hier S. 297.
71 Zitiert nach: 250 Jahre Freimaurer in Oldenburg. 1752–2002, Oldenburg 2002, S. 71.
72 Zirkelkorrespondenz, 1926, S. 245f., zitiert nach: Große Landesloge: Im Ordenshause der Großen Landesloge
der Freimaurer von Deutschland, Deutsch-Christlicher Orden, Berlin 1935; S. 8f.
73 Ebenda, S. 8.
74 Neumann, Otto Philipp: Deutsche Freimaurerei und Hochgrade, in: Freimaurerzeitung Auf der Warte,
Nr. 2, 15. Jg. 1931, S. 9–10, hier S. 10.
70
Trauer und Bestürzung zeigten sich vor allem in einer Reihe humanitärer Logen, die
noch 1933 zahlreiche jüdische Mitglieder hatten. So vermerkte etwa der Fürther Stuhlmeister
Daniel Lotter (Loge »Zur Wahrheit und Freundschaft« der Großloge »Zur Sonne«, Bayreuth)
im Mai 1933, als jüdischen Brüdern der Besuch des Logenhauses untersagt werden
sollte, in seinem maurerischen Tagebuch, das nach 1945 auf dem Boden des Logenhauses
wiedergefunden wurde, »die Erbitterung der jüdischen Brüder sei zu verstehen und berechtigt.
Gerade in der jetzigen für sie so schweren Zeit der Demütigungen hätten sie
ein Anrecht darauf gehabt, im Logenhaus ein Asyl und eine Zufluchtstätte zu finden«.75
Gleichzeitig verdeutlichen die Aufzeichnungen Lotters die Spannungen und Spaltungen,
von denen auch die humanitäre Freimaurerei vor und nach 1933 betroffen und geprägt
war.
3.3 Stichwort Nationalsozialismus
Schon 1931 hatte das Höchste Ordenskapitel der Großen Landesloge (freilich ohne Erfolg)
»um eine Unterredung mit Hitler zwecks Verständigung nachgesucht«76. 1932 – mithin
gleichfalls vor allem durch politischen Druck manifest gewordenen Anpassungszwängen
– hatte ein so prominenter deutscher Freimaurer wie August Horneffer unter Berufung
auf das »wundervoll anschauliche Lebensbuch Hitlers«77 vier Aspekte der NS-Bewegung aus
freimaurerischer Sicht ausdrücklich begrüßt – den Willen zur Erneuerung und Wiedergeburt,
den Willen zum Bauen, den Willen zur Überwindung des Parteiwesens und den Willen
zur Gefolgschaft – und von der NSDAP unter Bezug auf Guido von Lists Armanenlehre
gefordert, sich durch Aufbau eines leitenden inneren Ordens eine bessere Organisation zu
verschaffen. Auch zu den Grundlagen der Freimaurerei würden »Ein- und Unterordnung«
gehören, und nur eine »verwirrte Freimaurerei wie z.B. die italienische hat den Liberalismus
zum Prinzip erhoben und sich aus diesem Prinzip heraus Mussolini widersetzt«78. Gewiss,
so merkt Horneffer zu Hitler an, seien »alle seine Gedanken schon früher gedacht und ausgesprochen
worden, und viele seiner Anhänger und Gegner gebildeter, vielleicht auch klüger
als er«, um dann festzustellen: »Aber er ist der gewaltige Motor, der Vulkan, der aus der Tiefe
seines urdeutschen und urkräftigen Wesens die Gedanken oder richtiger die Forderungen
herausschleudert, die er nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben geschöpft hat.«79 Für
sich und viele andere altpreußische Freimaurer identifiziert sich Horneffer ein Jahr später
mit den von Hitler begeisterten deutschen Jugendlichen (er nennt als Beispiel Horst Wessel
und weist stolz darauf hin, »dass der Vater dieses jungen Helden ein altpreußischer Freimaurer
war«) und bekennt:
75 Hanke, Roland Martin: Daniel Lotter – Ein Zeugnis über die Freimaurerei nach der nationalsozialistischen
Machtübernahme, in: Quatour Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung Nr. 43/2006, S.
219–253, hier S. 238.
76 Zur Geschichte der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland zu Berlin. 1920–1970, Berlin
1970, S. 39.
77 Horneffer, August: Was erwarten wir von Nationalsozialismus, in: Am rauhen Stein, Monatsschrift der
großen Loge von Preußen genannt zur Freundschaft, Jg. 29, 1932, H. 8/9, S. 226–236, hier S. 229.
78 Ebenda, S. 235.
79 Ebenda, S. 231.
71
»Unser Herz ist ihnen viel näher als sie ahnen, unser Herz hat die letzten Monate
mit vollen Schlägen miterlebt und hat dem genialen Wecker und Erwecker unseres
Volkes zugejubelt, – trotz des Schmerzes und der Enttäuschung über die Versuche,
uns gleichsam abzuschütteln, die Mitglieder der Deutsch-christlichen Orden gleichsam
auszuschließen aus dem Erlebnis unseres Volkes. Ach man kann uns nicht abschütteln,
weil wir mit ihnen eins sind, weil unser Blut durch ihre Adern rinnt, weil
unser Same in ihnen aufgegangen ist.«80
Nationalsozialismus als »Same« altpreußischer Freimaurerei – wozu hätten sich große Teile
der deutschen Freimaurerei wohl noch hinreißen lassen, wenn das beklagte »Abschütteln«
und »Ausschließen« seitens der NSDAP und der von ihr kontrollierten staatlichen Behörden
im Jahre 1935 nicht stattgefunden hätten?
Die zuvor dokumentierte Sichtweise Horneffers und anderer führender Freimaurer
der späten 20er und frühen 30er Jahre des 20. Jahrhunderts war nicht das Resultat jäh
erzwungener Anpassung und »Tarnung«. Sie hat als konzeptionelle Grundlage auch die
fortschreitende Orientierung an der zunehmend beschworenen »stolzen, hohen Zeit arischer
Kultur«, an völkische Autoren wie John Gorsleben, Herman Wirth und – wie bereits
zitert – Guido von List, zeitweiligen Ideengebern von Hitler und anderen Nationalsozialisten,
die bereits vor 1933 zunehmend in der Zeitschrift der »Großen Loge von Preußen«
mit großer Zustimmung referiert werden.81 Neben Horneffer meldete sich dabei auch der
Vorsitzende des »Wetzlarer Kreises« innerhalb der Großen National-Mutterloge »Zu den
drei Weltkugeln«, Kurt Schmidt, mit einem Beitrag über Hermann Wirth zu Wort, den er
mit folgenden Worten beschloss:
»Wer in unsren Tempeln – ›vom Licht geboren, zu Licht erkoren‹ um mit Herman
Wirth zu reden – die ganze Tiefe des arischen Lichtmysteriums in seiner deutschen
Seele erlebt hat, der weiß sich mit ihm eins auch in den Worten: ›Wir tragen im Herzen
in treuer Hut den letzten Funken heilger Glut, den fernen lichten Glauben unserer
Ahnen. Nun wollen wir den Weg uns bahnen zur Heimatscholle, zur Gotteserde,
dass sie dem Volk Erlösung werde.‹«82
Zur »Johannesfeier im Ordensstammhaus«, das von der Großen Landesloge – zusammentreffend
mit dem »Fest der Sommersonnenwende« – nach einem neuen Ritual am 24. Juni
1933 gefeiert wurde, wies der Weiseste Ordensmeister auf Notwendigkeit und Folgerichtig-
80 Gemeinsame Feier des Sonnenwendfestes der beiden christlichen Orden »Friedrich der Große« und
»Zur Freundschaft« am 24. Juni 1933, in: Ordensblatt. Monatsschrift des Nationalen Christlichen Orden
Friedrich der Große, 1. Jg. Juli/August 1933, Nr. 3, S. 41.
81 S. Horneffer, August: Völkische Rechtfertigung des Freimaurertums, in: Am rauhen Stein, Monatsschrift
der großen Loge von Preußen genannt zur Freundschaft, Jg. 28, 1931, H. 5, S. 98–105; derselbe:
Guido von List, der völkische Philosoph und Prophet, in: Am rauhen Stein, Monatsschrift der großen
Loge von Preußen genannt zur Freundschaft, Jg. 29, 1932, H. 2, S. 35–45.
82 Schmidt, Kurt: Herman Wirth und die nordische Kultsymbolik des Stirb und Werde, in: Am rauhen
Stein, Monatsschrift der großen Loge von Preußen genannt zur Freundschaft, Jg. 29, 1932, H. 11, S.
303–311, hier S. 311.
72
keit auch ritueller Umgestaltungen hin,83 deren Inhalt der Ordenskanzler mit folgenden
Worten erläuterte:
»Die nordische Weltanschauung, die das Licht als Symbol des lebenschaffenden Wirkens
der Gottheit empfindet, ist im Brauchtum des Ordens in ungebrochener Kraft
und Reinheit erhalten worden«.84
Völkisch-arisierende Tendenzen zeigten sich auch beim gemeinsamen »Sonnwendfest« der
beiden christlichen Orden »Friedrich der Große« und »Zur Freundschaft«, das, so hieß es,
»an Stelle des früheren Johannisfestes« begangen wurde. Ordensgroßmeister Bordes erklärte,
im neuen gemeinsamen Ordensbrauchtum der beiden ehemaligen Großlogen, das etwa
auch die Hiramlegende durch die Baldursage ersetzte, seien alte germanische Kultformen
»in die Gegenwart herüber gerettet«, und Ordensgroßmeister Feistkorn leitete die gemeinsame
Tafel mit folgenden bemerkenswerten Versen ein:
»Sonnenwende – Schicksalswende! Ständig nesteln Nornenhände …«85
Schließlich fand die im völkischen Milieu populär gewordene Deutung der Externsteine
im Teutoburger Wald als altgermanische Kultstätte auch bei altpreußischen Freimaurern
Anerkennung. Der Bad Pyrmonter Freimaurer Oskar Zetzsche glaubte Spuren eines alten
arischen Lichtkultes erkennen zu können,86 der seiner Auffassung nach »in vieler Beziehung
den symbolischen Handlungen des Freimaurertums ähnlich gewesen sein muss«. Zahlreiche
altpreußische Freimaurer besuchten die Externsteine im April87 und dann wieder im
Juni 1933, diesmal im Rahmen der Jahrestagung der »Freunde germanischer Vorgeschichte
« in Bad Pyrmont, und freuten sich über »die richtige Erkenntnis, dass das hohe Licht der
Menschheitsgesittung aus dem Norden gekommen ist«.88
Zunehmende politische Sympathie für den Nationalsozialismus verband sich so mit ideologischen
Konvergenzen auf der Basis einer ariosophen Esoterik, und kein sorgfältiger Leser
wird widersprechen, wenn Horneffer rückschauend auf die 20er Jahre feststellen konnte:
»Den Lesern unserer Monatsschrift brauche ich nicht in Erinnerung zu rufen, wie
hier für das Verständnis der großen nationalsozialistischen Volksbewegung Schritt
für Schritt der Boden geebnet worden ist.«89
83 Deutsch-Christlicher Orden. Ordensblatt, 62. Jahrgang, Nr. 7, 1. Juli 1933, S. 217f.
84 Ebenda, S. 220.
85 Ordensblatt, hrsg. vom Nationalen Christlichen Orden Friedrich der Große in Berlin, 1. Jg., Juli/August
1933, Nr. 3, S. 45.
86 Zetzsche, Oskar: Eine germanische Kultstätte. Die Externsteine – und die Freimaurerei, in: Am rauhen
Stein, Monatsschrift der großen Loge von Preußen genannt zur Freundschaft, Jg. 29, 1932, H. 5, S. 155–
159.
87 Tagung in Bad Pyrmont mit Pilgerung zu dem altgermanischen Kultheiligtum der Externsteine, in: Der rauhe
Stein. Monatsschrift des Deutsch-christlichen Ordens zur Freundschaft, 30. Jg., Mai 1933, S. 141–150.
88 Braune, Heinrich: Die diesjährige Tagung der Freunde germanischer Vorgeschichte in Bad Pyrmont, in:
Deutsch-Christlicher Orden. Ordensblatt, 62. Jg. 1933, Juli-Heft, S. 191–203, hier S. 195, 193.
89 Horneffer, August: Frühling, in: Der rauhe Stein, 30. Jg. 1933, S. 99–102, hier S. 102.
73
In der Tat, August Horneffer, der Schriftleiter vom »Am rauhen Stein« und de facto Großsekretär
der »Großen Loge von Preußen, gen. Zur Freundschaft«, war immer mehr in die Rolle
eines »Chefideologen« nationalistischer, dabei durchaus auch völkischer und später nationalsozialistischer
Anpassung hineingewachsen – eine Rolle, von der er in seinen späteren
Veröffentlichungen nach dem Zweiten Weltkrieg freilich nichts mehr wissen wollte.
In ähnlichem Sinne wie Horneffer befand Ferdinand Runkel (Große Landesloge der
Freimaurer von Deutschland) zum Abschluss seines dreibändigen Werkes »Geschichte der
Freimaurerei in Deutschland«:
»Die Bewegung, die unter dem Zeichen des Hakenkreuzes steht, ist von einer Kraft
und Schichtentiefe, wie Deutschland sie ähnlich nur in der Erhebung von 1813 erlebt
hat … Diese Kräfte zu einer geschlossenen vaterländischen Front zusammenzuschließen,
wäre eine erhabene Aufgabe der Freimaurerei Deutschlands.«90
Nach der »Machtergreifung« Hitlers im Januar 1933 steigerte sich die Zustimmung zum
Nationalsozialismus, wobei immer wieder betont wurde, mit »Tarnung« habe dieser »neue
Beginn« nichts zu tun, im Gegenteil, es handele sich vielmehr um eine Aufgabe bisheriger,
historisch notwendig gewesener Tarnung: »Denn in der Tat war es nur durch eine Tarnung
möglich, das alte Germanenerbe vor dem Unverstand und der Unduldsamkeit römischen
Kirchentums zu schützen.«
August Horneffer befand nun:
»Sollte der Orden für die völlige Hingabe unserer Persönlichkeit nur das kleinste
Hindernis bilden, sollte die Zugehörigkeit zu ihm uns nur im geringsten abziehen,
ablenken, uns untüchtiger oder unwilliger machen, unser Sein für die von unserem
Volkskanzler aufgerichteten Ziele einzusetzen, dann muß er verschwinden.«91
Im Oktober 1933 sandten GNML 3WK und Royal York (jetzt Nationaler Christlicher Orden
»Friedrich der Große« und Deutsch-christlicher Orden »Zur Freundschaft«) aus Anlass
des Austritts Deutschlands aus dem Völkerbund folgendes (von ihnen selbst so genannte)
»Treuegelöbnis« an »Reichskanzler Hitler, Obersalzberg«:
»Wir begrüßen mit Stolz und Freude den Entschluß der Reichsregierung, der allein
der Ehre und Würde des deutschen Volkes entspricht, und stellen uns in treuer Gefolgschaft
hinter unseren Reichskanzler.«92
Auch in der Großen Landesloge wurde die Absicht der Tarnung als Unterstellung zurückgewiesen
und die Kontinuität nationaler Orientierung seit 1918 über die 20er Jahre hinweg
betont:
90 Runkel, Ferdinand: Geschichte der Freimaurerei in Deutschland, Berlin 1932, S. 456.
91 Zum neuen Beginn. Festkonvent (Leitung »Ordensgruppe Urania zur Unsterblichkeit«), in: Der rauhe
Stein, 30. Jg. 1933, S. 233–241, hier S. 234.
92 Ordensblatt, herausgegeben von dem »Nationalen Christlichen Orden Friedrich der Große« in Berlin,
September/Oktober 1933, S. 65.
74
»Es ist das, was sich in unserem Orden ereignet hat, ein Vorgang, der sich aus einer
inneren Notwendigkeit schon seit 15 Jahren entwickelt hat und sich nun spontan,
gleichgesinnt mit den Geschehnissen der nationalsozialistischen Revolution, vollzogen
hat … In derselben Form, wie die nationalsozialistischen Führer, hatten schon
längst die Führer unseres Ordens auch das Übel erkannt, das in der süßlichen Form
des pazifistischen Gedankens auf unserer Seele lastete, unter der diese Seele bis zur
vollständigen Entkräftung und Entmannung litt.«93
Und kurz vor Schließung der Logen hieß es im Ordensblatt der Großen Landesloge:
»Es muss daher als ein Irrtum bezeichnet werden, wenn behauptet wird, unser Orden
könne sich in die neue Weltanschauung nicht eingliedern. Das Gegenteil ist der Fall:
Wir haben die neue Weltanschauung immer gehabt und werden sie haben, solange
unser Orden besteht.«94
Anders die Haltung des »Freimaurerbundes zur Aufgehenden Sonne«. In der Artikelserie
»Kulturpolitisches Tagebuch von Ernst Falk« heißt es im Herbst 1928 klarsichtig zum Nationalsozialismus:
»Der deutsche Fascismus wird heute durch zwei große, von einander unabhängige
Organisationen repräsentiert: Von den Nationalsozialisten und vom Stahlhelmbund.
Die Nationalsozialistische Partei ist keine Partei im gewöhnlichen Sinne, sondern,
eine fascistische Organisation, deren letzter Zweck die Bildung von Sturmabteilungen
für den Bürgerkrieg ist. In dieser Partei herrscht heute schon die Diktatur: es
gibt keine Mitgliederversammlungen, die Beschlüsse fassen, es gibt nur die willenlose
Annahme der von dem Führer Hitler vorgeschriebenen Kundgebungen. So bietet
die Organisation der N. S. D. A. P., die alles andere als eine Partei ist, schon das
Urbild des fascistischen Staates, in dem lediglich der Wille von Hitler-Mussolini regieren
würde. Die Richtlinien der Partei sind dunkel und zweideutig. Neben gestohlenen
Sätzen aus dem sozialistischen Programm finden sich plumpe nationalistischmilitaristische
Phrasen. Die eigentliche Grundlage der Partei ist der unverhüllte, rohe
Rassenhaß, der sich im Inneren gegen die Juden, nach außen gegen Frankreich richtet
… Der Nationalsozialismus ist nationalrevolutionär und fascistisch: das heißt: er
rechnet nicht darauf, die Volksmehrheit für seine Ziele zu gewinnen, er will vielmehr
in einem günstigen Moment die Staatsgewalt durch Terror und Gewalt an sich reißen
und die Diktatur seines Führers Hitler aufrichten … Der deutsche Fascismus ist für
uns kein Popanz und kein Trugbild, er ist eine vorhandene reale Gefahr.«95
93 Meyer, H. E. August: Zur Aufklärung!, in: Zirkelkorrespondenz-Ordensblatt, 62. Jg., 1933, S. 374–382,
hier S. 380f.
94 Klingelhöffer, Wilhelm: Individualismus und Volksgemeinschaft, in Große Landesloge der Freimaurer von
Deutschland. Deutsch-Christlicher Orden, Ordensblatt, 64. Jahrgang, Nr. 2, 1935, Februar-Heft, S. 46.
95 Kulturpolitisches Tagebuch von Ernst Falk: Der deutsche Fascismus, in: Das neue Freimaurertum. Zeitschrift
des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne, 22. Jg., H. 10, 1928, S. 298–299.
75
Am Ende seiner Publikationstätigkeit veröffentlichte die Zeitschrift des FzaS »Das neue Freimaurertum
« Thomas Manns »Bekenntnis zur sozialen Republik«, und der Bremer Pfarrer
und ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Emil Felden forderte am Schluss
seines letzten Artikels – Hitler war bereits Reichskanzler – »Humanität, d.h. Achtung des
Nebenmenschen
als Menschen, welcher Rasse oder Klasse er auch angehören mag«96. Schon
vorher, zur Jahreswende 1932/33, hatte sich Max Seber, der letzte Großmeister des FzaS,
mit einem Rundschreiben an seine Brüder gewandt, das er mit folgenden Worten beschloss:
»Meine Brr. schwer ist unser Leben heute. Aber mit Bänglichkeit bezwingen wir es
nicht. In unseren Händen liegt jetzt die Verantwortung für die kommenden Zeiten.
Lassen wir es zu, dass der Barbarismus des Mittelalters von neuem triumphiert, so
senkt sich die Nacht des Aberglaubens auf unser Volk hernieder. Es gilt die Güter,
die wir von unseren Vätern ererbt, zu erwerben, um sie zu besitzen. Da werden wir
erst ihres Wertes gewahr und merken erst, was wir besaßen, im Augenblick, da wir es
zu verlieren drohen. Freiheit und Humanität, meine Brr. sind heute in höchster Gefahr!
Ich als Euer derzeitiger Großmeister, gebe vor Euch allen das große Notzeichen!
Helft und arbeitet, steht Euren Mann! Geht hinein in die Verbände zum Schutz der
Verfassung, zum Schutze der Freiheit. Die eiserne Front aller Entschlossenen wartet
auf Euch, meine Brr. Noch ist es Zeit, noch ist Raum für entschlossene Kämpferscharen!
Tut Eure Pflicht, gedenkt Eures Eides, gebt mir das Meisterzeichen!«97
All dieses belegt, dass es vor 1933 durchaus Alternativen zur nationalistischen Anpassung
und völkischen Ideologisierung gab. Es ist ein Dilemma der deutschen Freimaurerei, dass sie
diese Alternativen größtenteils bei Freimaurern findet, deren Logen und Großlogen in den
1920er und frühen
1930er Jahren als irregulär angesehen und behandelt wurden. Dass man
sich heute auch in den ehemals »altpreußischen« Großlogen der widerständigen Brüder des
FzaS, insbesondere Tucholskys und Ossietzkys, gern erinnert und sie gleichsam posthum regularisiert,
ist eine der Ungereimtheiten freimaurerischer Nachkriegserinnerungskulur, über
die im folgenden Abschnitt ausführlicher zu sprechen ist.
4. Erinnerungskultur: Umgang mit der »national-völkischen«
Orientierung nach dem Zweiten Weltkrieg
Von rühmlichen Ausnahmen wirklichen Widerstands abgesehen, hatte sich die deutsche Gesellschaft
in ihrer Gesamtheit vor und nach 1933 auf einer ansteigenden Zustimmungsskala
mehr oder weniger ausgeprägt mit dem NS-System identifiziert. Dies gilt auch für beträchtliche
Teile der deutschen Freimaurer, und so mussten ihre führenden Repräsentanten nach
1945 für den Umgang mit der Vergangenheit Sprach- und Verhaltensregeln finden. Vor allem
ging es um das, was im Kontext der Politik heute gern »Erinnerungspolitik« genannt wird,
d.h. es ging um die Art und Weise, wie mit der Vergangenheit der Freimaurerei vor und zu
96 Mann, Thomas: Bekenntnis zur sozialen Republik; Felden, Emil: Zur Judenfrage, in: Das neue Freimaurertum.
Zeitschrift des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne, 27. Jg., H. 3, 1933, S. 74–77, hier S. 77.
97 Zitiert nach http://www.abacus-freimaurer.eu/pageID_10169295.html, Download 27.8.2010.
76
Beginn der NS-Zeit umzugehen sei und welche großlogenoffiziellen »Sprachregelungen«
sich hierfür anböten.
Die analytischen Befunde hierzu sind problematisch: Zwar forderten einzelne Freimaurer
bald nach dem Zusammenbruch des NS-Systems am Ende des Zweiten Weltkriegs
eine offene Auseinandersetzung mit der völkischen Vergangenheit. Insbesondere von Dr.
Bernhard Beyer, Großmeister der Großloge »Zur Sonne« in Bayreuth, wurde gefordert, »es
solle jeder Kontakt mit den früheren altpreußischen Großlogen abgelehnt werden, bis sie
von sich aus das von ihnen an der Freimaurerei begangene Unrecht eingesehen hätten«.98
Zu einer solchen Einsicht ist es weithin nicht gekommen, weder auf Seiten altpreußischer
Freimaurer noch bei Brüdern humanitärer Großlogen, die sich dem NS-Regime gegenüber
gleichermaßen anpasserisch verhalten hatten. Zwar wurden Irrtümer und Fehlentwicklungen
der deutschen Freimaurerei in der Weimarer Republik und den Jahren von 1933 bis
1935 nicht generell geleugnet. Zu wirklichem Mut und ganzer Wahrheit im Umgang mit
der völkischen Vergangenheit konnten sich die deutschen Freimaurer freilich nicht entschließen.
99 Forderungen wie die folgende waren nicht selten: »Man sollte endlich einmal
die Akten über jene in jeder Hinsicht traurige und verfolgungsreiche Zeit schließen …«100,
und so standen statt Aufarbeitung der Fakten vielfältige Apologien im Vordergrund.
Die dabei angewandten Strategien, die unterschiedlich akzentuiert waren und sich mischen
konnten, waren vor allem die folgenden vier:
1. Verfolgung wurde in Widerstand umgedeutet und als Beleg dafür auf exemplarische Ausnahmeerscheinungen
wie Wilhelm Leuschner, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky
verwiesen.
2. Anpassung und geistige Selbstgleichschaltung wurde als Tarnung gekennzeichnet und
die generelle Unvereinbarkeit von Freimaurerei und Gewaltherrschaft betont.
3. Bedeutende freimaurerische Persönlichkeiten der Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts
wurden gleichsam als Garanten dafür herausgestellt, dass der Bund über jeden Zweifel
an seiner politisch-kulturellen Integrität erhaben sei.
4. Schließlich diente das Herausheben toleranter und pazifistischer Tendenzen in der Geschichte
der deutschen Freimaurerei zur Zurückweisung oder zumindest Abschwächung
des Antisemitismus-Vorwurfs.
So lud etwa der spätere VGL-Großmeister, Dr. Theodor Vogel, noch in seiner Zeit als Großmeister
der Großloge »Zur Sonne« den Bayerischen Staatskommissar für die politisch und
religiös Verfolgten zur Zweihundertjahrfeier der Gründung der Großloge im September
1947 nach Bayreuth ein, teilte mit, dass diese Feier auch als »Hundertjahrfeier des Tages
98 Zitiert nach Steffens, Manfred: Freimaurer in Deutschland, a.a.O., S. 530.
99 Insofern kann auch Reinalter kaum zugestimmt werden, wenn er zur freimaurerischen Toleranz und ihrer
Rolle bei der Aufarbeitung der Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg schreibt: »Diese Toleranz
der Respektierung der Weltanschauung und Religion des Anderen ist auch heute noch Grundlage der
Freimaurerei, die allerdings im Verlaufe des 19. und 20. Jahrhunderts sich manchmal von der Idealvorstellung
entfernt hat. Hier sei z.B. an den Streit um die Zulassung von Juden bis hin zur Anbiederung
einiger Deutscher Großlogen an den Nationalsozialismus erinnert. Sicher war es auch Ausdruck der Toleranzidee,
daß es nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen ist, diese problematischen Entwicklungen der
Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten.« Reinalter, Helmut: Die Freimaurer, München 2000, S. 45.
100 Bericht von der Hauptversammlung der GLL in Hamburg, in: Zirkelkorrespondenz, Nr. 4, 1950.
77
(31.8.1847)« begangen werden sollte, »an dem unsere Großloge als eine der ersten deutschen
Großlogen den jüdischen Brüdern ihr volles Recht bestätigt hat« und bat den Staatskommissar
darum, die Einladung auch an Vertreter der Militärregierung weiterzuleiten, »damit wir
ihnen zeigen, dass die Kräfte des Guten in Deutschland, die Kräfte, die sich schon vor dem
Terror des Dritten Reiches zur Humanität, zur schönen reinen Menschenliebe, zur Brüderlichkeit
aller, bekannt haben, dennoch leben und mit Nachdruck und Überzeugung dafür
kämpfen wollen«.101
Insbesondere den geschickten und beharrlichen Bemühungen Theodor Vogels war es
zu verdanken, dass das Misstrauen sowohl der Besatzungsbehörden als auch der amerikanischen,
britischen und französischen Großlogen, die über die deutsche Freimaurerei der
1920er und 1930er Jahre zumindest in Grundzügen informiert waren, allmählich abzubauen.
Wie sehr dieses Misstrauen die unmittelbare Nachkriegszeit geprägt hatte, lässt sich an
zahlreichen Beispielen aufzeigen. So wurde in einer Anordnung der amerikanischen Militärregierung
für Groß-Hessen die Zustimmung zur Gründung von Freimaurerlogen davon
abhängig gemacht, dass »ein Komitee von drei, als ›Anti-Nazi‹ bekannten Persönlichkeiten
die Verantwortung für die Durchkämmung der Mitglieder und für unpolitische Versammlungsziele
übernimmt«.102 Gleiches Misstrauen und gleiche Vorkehrungen gehen auch aus
dem Schreiben hervor, mit dem die Landesgroßloge Württemberg-Baden durch die amerikanische
Militärregierung des Landes am 23. September 1947 offiziell genehmigt wurde:
»Die Freimaurer-Großloge Württemberg-Baden wird unter folgenden Voraussetzungen
genehmigt: In jeder Wahlperiode muss ein Ausschuss von drei Mitgliedern,
die als Anti-Nazi bekannt sind, die Verantwortung übernehmen für (1) eine Überprüfung
der Mitglieder, (2) unpolitische Ziele der Zusammenkünfte und (3) die Führung
einer Mitgliederliste, die der Militärregierung auf Wunsch zur Verfügung steht.«103
Zu einer solchen Überprüfung der Mitglieder ist es allerdings nicht immer gekommen und
der Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten bzw. NS-Sympathisanten war kaum konsequent.
Die Brüder, die nach 1945 die Freimaurerei neu begründeten, waren ja weitgehend
identisch mit den Brüdern aus der Zeit vor 1935, und so schien es nahezuliegen, dass ein Teil
der Anwälte einer rechtsautoritären Anpassung der deutschen Freimaurerei in der Schlussphase
der Weimarer Republik und im beginnenden NS-Regime nach 1945 eine führende
Rolle beim Wiederaufbau der Freimaurerei in Deutschland spielte. Es ist kein Ruhmesblatt
der deutschen Nachkriegsfreimaurerei, dies nicht verhindert zu haben. Einer der Unterzeichner
nationalsozialistischer Aufrufe zur Bücherverbrennung im Jahre 1933 hätte wohl
kaum für das Amt des Großredners der Großloge A.F.u.A.M. kandidieren dürfen (Redner
der Distriktsloge Niedersachsen war er bereits gewesen), und auch ehemaligen Mitgliedern
der NSDAP sowie der SS und ihrer Untergliederungen hätte bei die Übernahme freimaurerischer
Ämter bis in die Großlogenleitungen hinein eher Zurückhaltung angestanden.
Dabei hatten viele Brüder das Problem durchaus erkannt. Beispielsweise war es Gegenstand
längerer Erörterungen auf der 8. Sitzung der Frankfurter Arbeitsgemeinschaft
101 Archiv der Großloge AFuAM, Altenburg, A – 0005.
102 Ebenda.
103 Ebenda.
78
vom 29. März 1947 gewesen. Dem Protokoll der Sitzung nach erklärte der Vorsitzende der
Arbeitsgemeinschaft, Br. Pauls, »er halte die damaligen Vorgänge für so bedenklich, dass
er für die deutsche Freimaurerei schwere Nachteile befürchte, wenn sie zur Kenntnis der
Militärbehörden kämen« und Mitglieder der Sitzung stimmten darin überein, »dass von
allen Brüdern, die sich früher in heute als falsch erkannter Richtung exponiert hätten, äußerste
Zurückhaltung geübt werden müsse«. Brüder mit ehemals nationalistisch-völkischer
Orientierung, insbesondere solche, »die heute noch ihre frühere Tätigkeit als Leiter der
berüchtigten Ringe Altpreußischer Logen ihren Namen offenbar als Ehrentitel zufügen,
seien als Brüder tragbar, aber nicht an führender Stelle«.104
Auf örtlicher Ebene der Logen wurden gleichfalls gelegentlich Auseinandersetzungen
geführt, bei denen es um die Frage der Legitimität einer Wiederzulassung von Logen angesichts
völkischer Belastungen ging, und es gab Schreiben aus Logenkreisen an die örtlichen
Polizeibehörden, andere, ehemals altpreußische Logen wegen massiver Vergangenheitshypotheken
nicht wieder zuzulassen.105
Auch aus heutiger Sicht muss leider nach wie vor gelten, dass die Beschäftigung mit
dem Thema »Freimaurerei und Nationalsozialismus« äußerst zögerlich erfolgt und dass die
freimaurerische Selbstdarstellung für diese Zeit immer noch von Mythen und Legenden
durchzogen ist.
Wie für die deutsche Politik, so war auch für die Freimaurerei in Deutschland der alliierte
Nachkriegsrahmen entscheidend. Die Logen konnten sich nur wiedergründen, wenn sie
von den Militäradministrationen zugelassen und von ausländischen Großlogen unterstützt
wurden. Voraussetzung dafür war, dass sich wie die deutsche Politik im Allgemeinen so
auch die deutsche Freimaurerei im Speziellen in ihrer Haltung zu Demokratie und internationaler
Verständigung neu definierte – d.h. als für im demokratischen Sinne politisch
integer erklärte – und dass zugleich ein Modus Vivendi mit der Vergangenheit zwischen
1918 und 1945, d.h. mit der Zeit rechtskonservativer, nationalpatriotischer und nationalsozialistischer
Orientierung gefunden wurde.
Die Wege, welche die deutsche Freimaurerei in ihrer »Vergangenheitspolitik« dabei ging,
entsprachen dem Mainstream der politischen Selbstverständigung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft.
Knapp gehaltenen Hinweisen auf »die Verirrungen eines nicht geringen
Teiles der deutschen Freimaurerei vor 1933«106 folgten nur allzu oft apologetische Formeln,
die mit der Zeit den Charakter dominierender Sprachregelungen annahmen.
Die Leitformeln dafür können in ihrem Kern wie folgt umschrieben werden:
• Wir deutschen Freimaurer waren und sind geborene Demokraten.
• Wir deutschen Freimaurer waren im Hinblick auf das NS-Regime Gegner, Opfer und Verfolgte.
• Wir deutschen Freimaurer haben mit unserer Anpassung an den Nationalsozialismus lediglich
versucht, den Bund und sein historisches Erbe durch »Tarnung« zu retten.
104 Archiv der Großloge AFuAM, Altenburg, A – 0009.
105 Archiv der Großloge AFuAM, Altenburg, A – 0002.
106 Bernhard, Henry: Die deutsche Freimaurerei und Europa, in: Die Vereinigte Großloge, Juli/August 1951,
H. 1–2, S. 38–43, hier S. 39.
79
Zwar beschloss der Großmeistertag im zeitlichen Vorfeld der feierlichen Einsetzung der Vereinigten
Großloge der Freimaurer von Deutschland am 22. Januar 1949 eine Erklärung, in
der es hieß:
»Der Nationalsozialismus, der im Jahre 1933 die deutschen Freimaurerlogen hinwegfegte,
hat der Kultur der Menschheit furchtbare Wunden geschlagen. Auch wenn
sich in unseren Reihen keiner befindet, der an diesem Verbrechen teilhatte, keiner,
der sich der tödlichen Gewalt des Dritten Reiches innerlich oder äußerlich verbunden
fühlte, auch wenn viele von uns Gegner und Opfer dieses Reiches gewesen sind,
so bleiben wir als Deutsche uns doch der Verpflichtung bewusst, an der Heilung der
Wunden nach besten Kräften mitzuhelfen.«107
Zu einer wirklichen Klarstellung und konsequenten Aufarbeitung im Hinblick auf die völkische
Vergangenheit konnten sich die deutschen Freimaurer freilich nicht entschließen.
Dies gilt nicht zuletzt für die »altpreußischen« Großlogen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg
neu formierten, und hier insbesondere für die Große Landesloge der Freimaurer von
Deutschland. In einer »Generellen Erklärung«, die Ordensmeister Fritz Pauk im Januar 1955
abgab, hieß es lediglich: »Wir bitten um Verständnis dafür, dass manches gegen den auch für
uns verbindlichen Primat der Freimaurerei geschah, um durch Tarnung dem der deutschen
Freimaurerei zugedachten Schicksal zu entgehen.«108
Und noch Anfang der 70er Jahre – längst hätte eine kritisch-selbstkritische Aufarbeitung der
Quellen beginnen können – hieß es entschuldigend:
»Die verantwortlichen BBr. versuchten, trotz aller Gefahren, trotz Diffamierung und
persönlicher Abwertung, das gefährdete Schiff durch die Klippen der Zeit zu bringen.
Wenn aller unbeirrbarer Glaube letzten Ende doch Schiffbruch erlitt – wer
möchte den ersten Stein werfen. Es sind nach 1945 viele Steine geworfen worden.
Nach genauer Prüfung aller Berichte ist aber zu sagen: Alle verantwortlichen BBr. haben
die härteste Bewährungsprobe über sich ergehen lassen müssen, der je BBr. an
verantwortlichen Stellen ausgesetzt waren, und sie haben diese Probe bestanden, vor
sich selbst, vor der Bruderschaft und vor der Welt!«109
Um das proklamierte »Bestehen der Probe« zu überprüfen, müsste an dieser Stelle eine analytische
Aufarbeitung der zahlreichen vorliegenden Dokumente – insbesondere der Beiträge
in den vielen neu oder wieder erschienenen freimaurerischen Zeitschriften sowie der Archivalien
– vorgenommen werden. Weitere Untersuchungen sind erforderlich und werden – bei
wachsendem Zeitabstand und zugänglicher werden Archivmaterialien auch sicher zukünftig
vorgenommen. Beim derzeitigen Stand von Forschung und Erschließung der Quellen kann
das aus meiner Sicht Bezeichnende nur beispielhaft illustriert werden.
107 Rundschreiben der Vereinigten Großloge der Freimaurer von Deutschland, 1948/49, Archiv der Großloge
AFuAM, Altenburg.
108 Text der Erklärung im Archiv der Großloge AFuAM, Altenburg, A – 0009.
109 Zur Geschichte der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland zu Berlin. 1920–1970, Berlin/
Uetersen 1970, S. 39.
80
So führten etwa bayerische Logen als Schritt auf dem Wege zur Wiedergründung der
Großloge »Zur Sonne« am 4. Oktober 1947 eine »Erste öffentliche Kundgebung der bayerischen
Freimaurer« in Bayreuth durch, in deren Mittelpunkt ein Vortrag mit dem Thema
»Die wieder erstehenden Freimaurerlogen als Bausteine für Humanität und Demokratie«
stand.110 Der Referent bezeichnete »die Verfolgung der Freimaurerei durch die Nazi als das
Unerhörteste, was ihr in ihrer 200-jährigen Geschichte begegnet ist«, hob hervor, dass seit
dem 18. Jahrhundert »in den Bauhütten des Abendlands und später der ganzen Welt ein
sozialer Humanismus als Sinnbild vollkommener Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit
gelebt habe«, und folgerte für die Gegenwart, dass »die Wiedererstarkung der Freimaurerei
… für die demokratische Fortentwicklung des deutschen Volkes, innen- und außenpolitisch
gesehen, von größter Wichtigkeit« werden könne.
Im Mitteilungsblatt der 1949 gegründeten Vereinigten Großloge der Freimaurer von
Deutschland hieß es im Leitartikel zum Januar-Heft 1950: »Ein jeder wahre Freimaurer
muss sich fühlen und bekennen als ein Glied einer Weltorganisation, deren heiligste Aufgabe
es ist, in der ganzen Welt die elementaren Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
hochzuhalten, für Menschenrechte und Menschenwürde einzustehen, für den
Weltfrieden zu kämpfen und alles zu tun, um die menschliche Kultur zu retten, zu erhalten
und zu fördern.«111
Zum Umgang mit der Vergangenheit sind die Ausführungen beispielhaft, die von Theodor
Vogel, dem späteren VGL- und VGLvD-Großmeister, bei der Wiedereinsetzung der
Großloge »Zur Sonne« Anfang Mai 1948 vorgetragen wurden:
»Wir bekennen uns zu dem Schicksal unseres Volkes, von dem wir uns im Leid
so wenig wie im Glück zu trennen begehren. Wir wollen ihm helfen, die Schuld
seiner Machthaber, die unsere Feinde waren, zu überwinden durch Dienst an der
Gerechtigkeit«.112
Theodor Vogel fuhr fort:
»Es war nicht Aufgabe der Freimaurerei, den Staat Adolf Hitlers auf politischem Feld
zu bekämpfen, so wenig dies Aufgabe der Kirchen oder der Künstler an sich gewesen
ist. Dass trotzdem ihre Logen geschlossen, ihre Häuser beschlagnahmt, ihr Vermögen
geraubt wurde, dass ihre Angehörigen diffamiert, amtsunwürdig erklärt, von den
Lehrstühlen entfernt, entlassen, vertrieben oder in den KZ’s zu Märtyrern gemacht
wurden, hat dennoch ein Gutes bewirkt: Die reinliche Scheidung. Wer in den 13 Jahren
der Menschheitsferne der Idee der Loge treu blieb und ausharrte, hatte 1945 dennoch
gesiegt.«113
Der Versuch einer solchen »reinlichen Scheidung« spielte für »Erinnerungskultur« und »Gedächtnispolitik
« der deutschen Nachkriegsgesellschaft und auch der deutschen Freimaurerei
110 Rundbrief der hammerführenden Meister der bayer. Freimaurerlogen, Oktober 1947, S. 5.
111 Die heutigen Aufgaben der Freimaurerei, in: Mitteilungsblatt der Vereinigten Großloge der Freimaurer
von Deutschland, Januar 1950, S. 79.
112 Bundesblatt der Großloge »Zur Sonne« Bayreuth, Mai 1948, S. 129.
113 Ebenda, S. 130.
81
als Teil dieser Gesellschaft eine große Rolle: Nazis, das waren deutlich abgrenzbar jene, d.h.
die anderen – Nicht-Nazis, Verfolgte und Opfer, das waren ebenso deutlich abgrenzbar wir.
De facto hat es eine solche »reinliche Scheidung« allerdings nicht gegeben: Von der Ausnahme
wirklichen Widerstands abgesehen, hatte sich die deutsche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit
mehr oder weniger mit dem NS-System identifiziert und damit dessen Funktionieren
ebenso ermöglicht wie sein Überleben bis zum bitteren Ende der militärischen Niederlage.
Da dies nun auch für beträchtliche Teile der deutschen Freimaurer zu gelten hat, mussten
ihre führenden Repräsentanten nach 1945 für den Umgang mit der Vergangenheit in
einem doppelten Sinne Sprach- und Verhaltensregeln finden: Einmal ging es um die Frage,
wie mit der Vergangenheit der Freimaurerei vor und zu Beginn der NS-Zeit umzugehen
sei, zum anderen mussten Wege des Umgangs mit ehemaligen Nationalsozialisten bzw. NSSympathisanten
gefunden werden.
Paradigmatisch für die Haltung vieler Freimaurer, aber auch für weite Teile des deutschen
Nachkriegsbürgertums insgesamt kann wiederum auf August Horneffer hingewiesen
werden, der 1946 zum Großmeister der »Großen Loge Royal York zur Freundschaft«114
gewählt wurde. Er schob in seinem 1955 veröffentlichten Erinnerungsbuch »Aus meinem
Freimaurerleben« die Hauptverantwortung für die Wende seiner Großloge zum Nationalsozialismus
dem damaligen, mittlerweile verstorbenen Großmeister Oscar Feistkorn zu, der
»voll rührenden Eifers (war), mit den neuen Herren zu paktieren …«115, während er selbst
die freimaurerische Arbeit hätte einstellen wollen. Zur Kennzeichnung des Hintergrunds
und zur Erklärung der Einstellung vieler Freimaurer zum Nationalismus wird von Horneffer
– in erstaunlicher Übereinstimmung mit vor 1935 von ihm und anderen »völkischen«
Freimaurern vertretenen Auffassungen – angemerkt,
»dass im Parteiprogramm und in vielen schönen Reden, die wir hörten oder lasen,
Grundsätze und Wendungen vorkamen, die uns Freimaurer angenehm berührten.
Besonders die Einheit des Volkes, die Lobpreisung der Arbeit –, das war
doch gleichsam eine Verallgemeinerung unserer maurerischen Botschaft! Es war
kein Wunder, dass sich nicht wenige Brüder für den ›nationalen Sozialismus‹ zu
begeistern anfingen und den dringenden Wunsch hatten, mitzuarbeiten. Übrigens
fanden sich solche ›Kollaborateure‹ keineswegs bloß unter den altpreußischen Freimaurern;
ebenso heftig strebten viele nicht preußische Brüder nach dem Mitgliedsbuch
der Partei …«116.
Zum völkischen und nazistischen Antisemitismus – auch in der Freimaurerei – bemerkt
Horneffer:
»Daß aber die Juden die Kerntruppe aller Zersetzungsarbeit, alles verneinenden, auflösenden
verhöhnenden Satanismus seien, stand nicht bloß in Hitlers und Rosenbergs
Büchern; es war in einem geradezu unheimlichen Grade zum Volksglauben geworden
und wirkte in alle sozialen Verhältnisse und Verbindungen hinein. Ich hätte
blind sein müssen, wenn ich auf meinen Logenreisen diesen Zug der Zeit nicht hätte
114 Die Großloge hatte nach 1945 das alte »Royal York« wieder in ihren Namen aufgenommen.
115 Horneffer, August: Aus meinem Freimaurerleben. Erfahrungen und Winke, Hamburg 1957, S. 190.
116 Ebenda, S. 188.
82
bemerken sollen … Ich ahnte damals noch nicht, daß unser Volk noch im 20. Jahrhundert
fähig sein würde, gesetzliche Ausnahmebestimmungen, Bedrückungen, Austreibungen
und schließlich Ausrottungsmaßregeln gegen die Juden gutheißen oder
wenigstens geschehen zu lassen. Wenn ich aber auch solche Ausartungen eines übertriebenen
Minderwertigkeitsgefühls vorausgesehen hätte, würde ich mich doch niemals
haben entschließen können, mich dem übermächtigen Willen meines Volkes
entgegenzuwerfen oder in die Emigration zu gehen.«117
Und als »bedauernswertes Armutszeugnis« wird es von Horneffer an anderer Stelle bezeichnet,
»daß unser Volk mit den Juden nur durch brutale Gewalt fertig werden zu können
glaubte«.118 Das in vielerlei Hinsicht lesenwerte, historisch interessante und persönlich
anrührende
Buch Horneffers, dessen Rang als freimaurerischer Autor nicht in Zweifel gezogen
werden soll, macht deutlich, in welch begrenztem Maße deutsche Freimaurer – wie
viele andere
deutsche Bürger auch – aus der deutschen Katastrophe als »Bürger des Westens«
hervorgegangen
waren, wie wenig sie in der Lage waren, ihre eigene Rolle selbstkritisch zu
reflektieren und wie sehr es den von den siegreichen westlichen Alliierten nach 1945 gesetzten
politischen Rahmenbedingungen zu verdanken ist, dass Deutschland im Verlauf der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer funktionsfähigen »westlichen Demokratie« geworden
ist.119
Tatsache ist jedenfalls, dass die von Theodor Vogel angemahnte »reinliche Scheidung«
in vielen Fällen unterblieb und dass nur allzu oft Opportunismus, Nachsicht und Milde
herrschten, die bis zur Gefährdung freimaurerischer Prinzipien reichten.120
Bei dieser Feststellung geht es nicht um Schuldzuweisungen, wohl aber bleibt nachdrücklich
anzumerken, dass mehr kritische Selbstwahrnehmung, Erinnerungsscham und Mut
zu historischer Wahrheit zu wünschen gewesen wären. Wie flott und eindringlich waren
die Texte vor und nach 1933 geschrieben worden und wie wenig mochte man sich nach
1945 an sie erinnern, was nicht nur für die Autoren, sondern auch für die Großlogen gilt,
zu deren ideologischer Profilierung sie verfasst worden waren. Insgesamt kann jedenfalls
konstatiert werden, dass sich die freimaurerische Erinnerungskultur und das Verhalten
ehemaligen NS-Sympathisanten gegenüber in der Nachkriegszeit und den Gründerjahren
der Bundesrepublik aufs Ganze nicht von den entsprechenden Einstellungen der deutschen
Gesellschaft insgesamt unterschieden haben.121
Für eine fundierte Aufarbeitung besteht weiterer Forschungsbedarf. Doch bei der in der
deutschen Freimaurerei der Gegenwart noch immer verbreiteten Scheu, sich unbequemen
historischen Fakten zu stellen, bleibt vielleicht auch hier nur die Möglichkeit, dass sich
»externe
« Freimaurerforscher der Thematik annehmen.
117 Ebenda, S. 127, 129.
118 Ebenda, S. 124.
119 Ich folge hier wieder der Begrifflichkeit Winklers.
120 Zu Beispielen aus Bremen s. Meyer, Marcus/Hofschen, Heinz-Gerd: Licht ins Dunkel. Die Freimaurer
und Bremen, Bremen 2006, S. 115f.
121 Vgl. Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit,
München 1996; ders.: 1945 und Wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen, München
2005; Cornelißen, Christoph/Klinkhammer, Lutz/Schwentker, Wolfgang (Hrsg.): Erinnerungskulturen.
Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt/Main 2003.
83
Gewiss: In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich mehr Freimaurer als in
der Nachkriegszeit davor um ein kritisches Aufarbeiten der massiven Annäherung beträchtlicher
Teile der deutschen Freimaurerei an Nationalsozialismus und NS-Regime
bemüht. So ist etwa hinzuweisen auf die »offenen«, d.h. unter Beteiligung externer Experten
durchgeführten Arbeitstagungen
der Forschungsloge »Quatuor Coronati« zu
den Themen »Von der Reichsgründung
bis zum Ende der Weimarer Republik: Interne
und internationale Aspekte der deutschen Freimaurerei« (Frankfurt 2005) sowie »Freimaurerei
und Friedensfrage in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts« (Salzburg/Anif
2006), die im Quatuor Coronati Jahrbuch dokumentiert wurden, auf einige schon zuvor
im QC-Jahrbuch erschienene Artikel (Werner Freudenschuß und Jürgen Luckas),
auf einige nachdenkliche Ref lexionen in Bruno Peters Buch über die »Freimaurerei im
Deutschen Reich«, auf einige Beiträge in der Zeitschrift »Humanität« (darunter
von
Rolf Appel122, Gerhard Grossmann123 und vom Autor dieses Beitrags124) sowie auf einige
kritisch-differenzierend
erinnernde Berichte aus der Perspektive einzelner Brüder
(z.B. – wie zitiert – Br. Daniel Lotter) und Logen (z.B. die vorzüglich aufbereitete Erinnerungsschrift
»250 Jahre Freimaurerei
in Oldenburg, 1752–2002«). Vor allem aber ist
das dreibändige Werk über die Große National-
Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln«
zwischen 1933 und 2000 hervorzuheben, das unter der Redaktion von Hans-Werner
Schwarz als »Versuch einer Standortbestimmung« in Herausgeberschaft der GNML 3WK
im Jahre 2002 erschien.125 Dieses Buch ist deshalb so wichtig,
weil es sich hier um den
ersten umfassenden, von einer deutschen Großloge unternommenen
Versuch handelt,
abwägend und zeitkritisch sowie unter Rückgriff auf viele Quellen aufzuarbeiten,
was
sich innerhalb eines breiten Segments der deutschen Freimaurerei in den 20er und 30er
Jahren des 20. Jahrhunderts an Entfernungen vom Ursprungsideal
vollzog. Das Werk
begründet ein neues Anspruchsniveau, von dem bei weiteren derartigen Bemühungen
ausgegangen werden sollte.
Insgesamt ist jedoch einzuräumen, dass die analytisch überzeugendsten, materialreichsten
und wissenschaftlich unbefangensten Arbeiten zur hier erörterten Thematik von
Wissenschaftlern
außerhalb der Freimaurerei vorgelegt wurden, wobei vor allem auf drei
Arbeiten hinzuweisen ist, deren Lektüre in diesem Zusammenhang unverzichtbar ist: Helmut
Neubergers
»Freimaurerei und Nationalsozialismus«, Hamburg 1980 (2001 unter dem
Titel »Winkelmass und Hakenkreuz. Die Freimaurer und das Dritte Reich« neu ediert),
Wolfgang Fenners
und Joachim Schmidt-Sasses Studie »Die Freimaurerei als ›nationale
Kraft‹ vor 1933« (im Sammelband »Weimars Ende«, herausgegeben von Thomas Koebner,
Frankfurt/Main 1982) und Ralf Melzers »Konflikt und Anpassung. Freimaurerei in der Weimarer
Republik und im ›Dritten Reich‹«, Wien 1999. Zusätzlich zu verweisen ist auch in
diesem Zusammenhang
auf Stefan-Ludwig Hoffmanns Buch »Politik der Geselligkeit. Freimaurerlogen
in der deutschen Bürgergesellschaft 1840–1918«, Göttingen 2000. Viele Kapitel
122 Appel, Rolf: Zwischen Ungeist und Widerstand: Freimaurerei und Nationalsozialismus, in: Humanität.
Das deutsche Freimaurermagazin, Nr. 5, Juli/Aug. 1985, S. 19–22.
123 Grossmann, Gerhard: 1935–1945–1985, ebenda S. 17–18.
124 Höhmann, Hans-Hermann: Erinnern – weil wir Zukunft wollen, ebenda S. 23–24.
125 Große National-Mutterloge »Zu den drei Weltkugeln« im Verband der Vereinigten Großlogen von
Deutschland, Bruderschaft der Freimaurer: 1933–2000. Versuch einer Standortbestimmung, 3 Bände,
Berlin 2002.
84
dieses – von der Forschungsloge für ihre Mitglieder unmittelbar nach seinem Erscheinen
als »Jahresgabe« erworbenen
Werkes – behandeln die Vorgeschichte und die Grundlagen
späterer Entwicklungen,
wobei auf das Kapitel »Fremde Brüder: Juden und Freimaurer«
besonders zu verweisen ist.126
Trotz der zuvor erwähnten Veröffentlichungen von Freimaurern und freimaurerischen
Institutionen
muss aufs Ganze allerdings nach wie vor gelten, dass die Beschäftigung mit
dem Thema »Freimaurerei und Nationalsozialismus« unverändert zögerlich erfolgt und
dass die freimaurerische Selbstdarstellung für diese Zeit immer noch von Mythen und
Legenden durchzogen ist, vor allem und besonders bedauerlicherweise gegenüber der Öffentlichkeit,
der ein besseres Wissen offenbar häufig nicht zugetraut wird.
Dies hat nun wiederum mit dem Legitimitätsproblem, vor allem mit der Angst vor
Legitimationsdefiziten
zu tun. Zwischen dem heutigen Selbstverständnis des Bundes als
einem weltoffenen, humanitären Freundschaftsbund und der freimaurerischen Realität und
Selbstdarstellung
der 20er und frühen 30er Jahre besteht nun einmal eine tiefe Kluft. Humanitäre
Grundhaltung und Annäherung an den Nationalsozialismus bis zur Verleugnung
der alten Ideale und ihres rituellen Ausdrucks passen nun einmal nicht zusammen. Also
lag die Versuchung nahe, im Nachhinein, das heißt im Zuge der Wiedergründung der Freimaurerei
nach dem Zweiten Weltkrieg, die zuvor skizzierten Strategien zur Überwindung
dieser Kluft anzuwenden, die einem Bemühen um historische Wahrheit in ihrer Gesamtheit
kaum entsprachen.
Doch es ist nun einmal historische Tatsache, dass sich große Teile der deutschen
Freimaurer
als Bestandteil eines politisch weitgehend rechtskonservativ orientierten Bürgertums
an den Nationalsozialismus anpassten, ja in vielen Fällen mit teils innerer, teils
offen artikulierter Zustimmung auf die Nazis zugingen. Was diese Freimaurer störte – dies
belegen die Quellen aus den frühen 30er Jahren nur allzu deutlich –, war weit weniger der
Nationalsozialismus
selbst als der von den Nazis verfügte Umstand, dass sie als Freimaurer
– oder gewesene Freimaurer – am Aufbau des neuen Deutschlands nicht teilhaben sollten.
Und so mag man schließlich gar die Frage stellen, ob nicht das endgültige »Nein« des NSRegimes
nicht nur zur »humanitären«, sondern auch zur völkisch orientierten Freimaurerei
im Jahre 1935 nicht vor allem auch das Ende einer weiteren Selbstaufgabe
der Freimaurerei
bedeutete. Die Frage, wie eine Freimaurerei ausgesehen hätte, die auf Dauer geglaubt hätte,
mit dem NS-System koexistieren zu können und die von den Machthabern auch die ersehnte
Zustimmung dazu erhalten hätte, ist offenbar so bedrückend, dass sie kaum gestellt
wurde.
Selbstverständlich verbieten sich Verallgemeinerungen:
Es gab in allen Großlogen engagierte Demokraten – oder zumindest doch »Vernunftrepublikaner
« –, von denen viele allerdings die Freimaurerei mit fortschreitender Identifizierung
mit dem sich breitmachenden NS-Zeitgeist verließen. Auch gab es Kritik am Nationalsozialismus
im Großlogenschrifttum, bei den humanitären Großlogen mehr als bei den altpreußischen,
und am deutlichsten in den Zeitschriften des »Freimaurerbundes zur aufgehenden
Sonne« und der »Symbolischen Großloge von Deutschland«. Als Großlogen standen
126 Hoffmann, Stefan-Ludwig: Die Politik der Geselligkeit. Freimaurerlogen in der deutschen Bürgergesellschaft
1840–1918, Göttingen 2000, S. 176–202.
85
die beiden Letztgenannten ohnehin zuletzt weitgehend allein für jene freimaurerischen Tugenden,
zu denen sich – dank 1945 – deutsche Freimaurer heute wieder in ihrer Gesamtheit
bekennen können: allgemeine Menschenliebe, umfassende Toleranz, Weltbruderkette und
Friedensliebe.
Ebenso muss zwischen Anpassung von Logen und Großlogen auf der einen und der
unveränderten
freimaurerischen sowie menschlichen Integrität vieler ihrer Mitglieder auf
der anderen
Seite unterschieden werden, und es gab bei aller Anpassung auch eine ganz
»normale« Freimaurerei, in der sich Freunde trafen, Rituale erlebten und gesellig waren.
Gleichfalls gab es persönlichen Widerstand von Freimaurern, und auch Treue zur Menschlichkeit
bis in den Tod hat es in der Tat gegeben. Es ist dabei nicht wichtig, ob diese Männer
starben, weil sie Freimaurer, Demokraten, Sozialisten oder Pazifisten
waren: Namen
wie Wilhelm Leuschner, Leo Müffelmann und Carl von Ossietzky stehen für ein anderes
Deutschland – und eine andere, nicht angepasste Freimaurerei.
Gelegentlich hat die Annäherung an den Nationalsozialismus in der Nachkriegspolemik
zwischen Mitgliedern der Partnergroßlogen innerhalb der VGLvD eine Rolle gespielt,
in dem allzu rasch allein den altpreußischen Großlogen der Schwarze Peter völkischer
Orientierung und die Pflicht der selbstkritischen Aufarbeitung zugeschoben wurde. Dies
ist so nicht angängig.
Erstens gehören zahlreiche 3WK- und Royal-York-Logen seit 1949
der Großloge AFuAM bzw. ihrer Vorgängergroßloge an, und diese Logen (nicht zuletzt
die Logen des Bielefelder
und des Wetzlarer Ringes) waren in den frühen 30er Jahren
vielfach stärker völkisch
orientiert und an das NS-System angepasst als die Großlogen
in Berlin. Zweitens gab es seit Mitte der 20er Jahre – heutzutage nicht gern erinnerte –
Absetzbewegungen namhafter
humanitärer Logen von ihren bisherigen Großlogen zu
altpreußischen (oder zumindest zu stärker völkisch orientierten) Großlogen.127 Und in
der Anpassung zwischen 1933 und 1935 gab es dann drittens kaum noch wirkliche Unterschiede
zwischen den noch verbliebenen Logen
und Großlogen. Wenn von heute aus
an das Ende der Freimaurerei im Jahre 1935 zurückgedacht
wird, so sollte daher auch
bewusst werden, dass das endgültige Verbot der Freimaurerei
durch die Nazis in jenem
Jahr wenigstens den weiteren, vermutlich endgültigen Wesens- und Substanzverlust des
Bundes verhindert hat.
Noch einmal: Es geht nicht um Schuldzuweisungen, es geht darum, zu wissen, wie es war, es
geht um Abschied von Legenden, es geht um eine sorgfältig differenzierte Aufarbeitung
der
Fakten. Es geht für den Freimaurer-Bürger von heute aber auch um die historisch begründete
Einsicht, wie nötig es für die Lebensfähigkeit einer Demokratie ist, die breite Mitte der
Gesellschaft vor dem Vordringen extremer Vorstellungen zu bewahren.
Schließlich geht es auch um die Erinnerung an die Hauptopfer der NS-Gewaltherrschaft
unter den deutschen Freimaurern, die Opfer etwa unter den knapp 3000 jüdischen
Brüdern, die – nach »sorgfältigen Ermittlungen« des Vereins deutscher Freimaurer128
– in
127 Vgl. Schulz-Robinson, Kim: Richtungsstreit und Logenübertritte: Die Große Loge von Hamburg am
Rande der Spaltung (1924–1926), in: Quatuor Coronati Jahrbuch für Freimaurerforschung, Nr. 42/2005,
S. 99–105.
128 Die Vernichtung der Unwahrheiten über die Freimaurerei durch 116 Antworten auf 116 Fragen, herausgegeben
vom Verein deutscher Freimaurer, Leipzig 1928, S. 33. Dieselbe Quelle gibt die Zahl der Mitglieder
der »humanitären« deutschen Großlogen mit 24.000 an. Daraus ergibt sich ein Anteil jüdischer
86
den 20er Jahren in den Bruderketten der »humanitären« deutschen Großlogen
(die »altpreußischen
« Großlogen hatten die Mitgliedschaft von Juden ausgeschlossen) gestanden
haben: Wer kennt sie, wer weiß, was aus ihnen geworden ist, wer hat ihre Namen aufbewahrt,
wer hat nach dem Krieg an sie gedacht oder sich um sie gekümmert? Werden sie
nicht abermals aufgegeben, wenn sie namenlos bleiben?
Gewiss: Sich an geschichtliche Wahrheiten zu erinnern, kann unbequem sein. Es erfordert
Mut und die Bereitschaft,
auf bequeme »Neuerfindungen der Vergangenheit« zu
verzichten. Es ist dem Politikwissenschaftler Stefan Wolle darin zuzustimmen, dass alles,
was gemeinhin unter dem Signum von »Aufarbeitung« und »Vergangenheitsbewältigung«
rubriziert wird, der natürlichen
Gravitationskraft des Alltagsdenkens widerstrebt und dass
die »Schlussstrichzieher
aller Zeiten« stets den gesunden Menschverstand auf ihrer Seite zu
haben scheinen.
Wir Heutigen haben als Bürger und Freimaurer nicht die Vergangenheit der 1920er und
-30er Jahre zu verantworten. Wohl aber sind wir verantwortlich für das, was wir aus dieser
Vergangenheit in der Gesellschaft von heute weiterwirken bzw. wieder aufleben lassen, und
wir haben die Art und Weise zu verantworten, wie wir mit Vergangenheit
handelnd und
erinnernd umgehen. Eine entlastende und beschönigende »Erinnerungspolitik
« wie die der
unmittelbaren Nachkriegszeit mag vielleicht dem Wiederaufbau der Freimaurerei nach dem
Zusammenbruch des Nazi-Systems förderlich gewesen sein, ja sie war bis einem gewissen
Grade wohl unvermeidlich.
Doch inzwischen besteht die Gefahr, dass aus Notkonstruktionen Mythen werden, die
sich im Bewusstsein heutiger Freimaurer zu Realitäten
verdichten, die es so nicht gab. Ein
Unterstreichen dieser Gefahr ist durchaus angebracht. Denn jetzt – beinahe zwei Generationen
nach der zuvor erörterten »klassischen« Periode der freimaurerischen Erinnerungspolitik
in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren – muss in Bezug auf den Problemkomplex
Freimaurerei und Nationalsozialismus ein neuer Verdrängungsprozess konstatiert
werden, der sich über den alten schiebt: ein Prozess der Verdrängung der Verdrängung.
Denn während inzwischen zahlreiche Studien vorliegen, die sich mit der Erinnerungspolitik
der frühen Bundesrepublik beschäftigen, sind Fragestellungen dieser Art im Diskurs der
deutschen Freimaurer kaum präsent.
Zum Schluss:
Schadet eine offene Reflexion auch belastender Vergangenheiten dem Ansehen der Freimaurerei
und ihrer zukünftigen Entwicklung?
Wohl kaum.
Im Gegenteil:
Wenn Freimaurerei heute »reflexive Aufklärung« (Helmut Reinalter) sein will, so muss sie
um ihrer Glaubwürdigkeit willen sich selbst und ihre Vergangenheit in diesen
Aufklärungsprozess
einbeziehen. Freimaurerei hat viel zu viel Substanz, als dass sie historische
Wahrheiten
nicht vertragen könnte. Und wenn Freimaurerei vor allem als Ausdruck von Lebens-
Brüder von 12,5 %. In den einzelnen Großlogen, Städten und Logen war dieser Anteil allerdings sehr unterschiedlich.
Der Verein deutscher Freimaurer hatte in Anbetracht der zunehmenden antisemitischen
Strömungen in der deutschen Gesellschaft und seiner Absicht, den Angriffen Ludendorffs auf die deutsche
Freimaurerei entgegenzutreten, sicher keinen Anlass, seine »Ermittlungen« übertrieben hoch ausfallen
zu lassen.
87
kultur verstanden wird, so muss Erinnerungskultur einen festen Platz in ihr haben. Das
schulden sich die Freimaurer selbst. Aber auch der von ihnen angestrebte Respekt seitens
der Öffentlichkeit hängt von der Fähigkeit ab, im Umgang mit der eigenen Vergangenheit
redlich und wahrhaftig zu sein.
88
Deutsche Freimaurerei nach 1945 –
Wiederaufbau zwischen Neuorientierung
und alten Strukturen
Nach dem Zusammenbruch der Herrschaft des Nationalsozialismus als Hauptergebnis des
Zweiten Weltkrieges und dem daraus folgenden Ende des Verbotes von Existenz und Tätigkeit
der Logen stand die deutsche Freimaurerei vor fünf großen Aufgaben:
• Erstens mussten die ehemaligen Freimaurer gesammelt, die Logen wieder gegründet, die
dafür erforderlichen alliierten Genehmigungen eingeholt und die materiellen, insbesondere
die räumlichen Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der freimaurerischen Arbeit
geschaffen werden.
• Zweitens war eine neue und leistungsfähige Großlogenarchitektur zu errichten, die an die
Stelle der Aufsplitterung des deutschen Großlogensystems in neun bzw. elf Großlogen
treten konnte, wie sie vor 1933/35 bestanden hatte.
• Drittens war aufgrund der vor der Verbotszeit fehlenden Übereinstimmung großer Teile
der deutschen Freimaurerei mit zentralen Grundlagen der Weltfreimaurerei für Logen
und Großlogen eine konzeptionelle Neuorientierung erforderlich geworden.
• Viertens musste das Verhältnis zu Öffentlichkeit, Politik, gesellschaftlichen Gruppierungen,
Kirchen, Presse und anderen Medien der öffentlichen Information und Meinungsbildung
neu geregelt werden.
• Fünftens schließlich war eine kritische Auseinandersetzung mit völkischer Orientierung
und opportunistischer Haltung zum NS-System erforderlich geworden, zu denen es bei
beträchtlichen Teilen der deutschen Freimaurerei vor 1933/35 gekommen war.
Aufgabe des folgenden Beitrags ist es, einige von mir für wesentlich gehaltene Aspekte dieser
fünf Aufgaben aufzuzeigen und darüber zu berichten, welche Ergebnisse auf den einzelnen
Handlungsebenen erreicht wurden. Dabei geht es um eine Gesamtschau. Viele regionale und
örtliche Besonderheiten müssen unberücksichtigt bleiben, und es zu hoffen, dass sich bald ein
Doktorand der Geschichte findet, der sich des äußerst spannenden und von der Quellenbasis
her gut zu bearbeitenden Themas annimmt. Zeitraum der Untersuchung ist im Wesentlichen
die für die deutsche Freimaurerei nach dem Zweiten Weltkrieg formative Phase, die Zeit von
1945 bis 1949, dem Gründungsjahr der Vereinigten Großloge der Freimaurer von Deutschland
(VGL). Es werden jedoch auch einige Perspektiven aufgezeigt, die die Gründung der Vereinigten
Großlogen von Deutschland, Bruderschaft der Freimaurer (VGLvD) im Jahre 1958 betreffen.1
1 Ich verdanke einer Reihe von Veröffentlichungen wichtige Hinweise zur vorliegenden Studie. Insbesondere
konnte ich wiederholt auf das von mir immer noch als Standardwerk geschätzte Buch von Manfred
Steffens: Freimaurerei in Deutschland. Bilanz eines Vierteljahrtausends, Flensburg 1964, auf die Erinnerungsschrift
In memorial Theodor Vogel. Materialien zur Geschichte einer Großen Loge 1945–1975,
Bayreuth 1978, und auf den Band Woher, Wohin. Tatsachen und Erkenntnisse im Rückblick auf die
Geschichte der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, Berlin 2002,
(Text Rolf Appel) zurückgreifen. Hilfreich war auch die Lektüre des Aufsatzes von Thomas Richert: Der
Wiederaufstieg der deutschen Großlogen nach 1945, veröffentlicht im QC Jahrbuch 37/2000, S. 135–
151. Vor allem aber stand mir das Altenburger Archiv der Großloge AFuAM von Deutschland zur Verfügung,
das zu nutzen bei jeder zukünftigen Forschung zur Zeitgeschichte der Freimaurerei ebenso ergiebig
wie erforderlich ist.
89
Der Beitrag konzentriert sich auf die Sammlung der Humanitären Freimaurerei im
Deutschland der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere auf den Weg zur Gründung
der Vereinigten Großloge der Freimaurer von Deutschland im Jahre 1949. Denn es
war vor allem dieser Einigungsprozess, in dem neue freimaurerische Strukturen geschaffen
wurden und die deutsche Freimaurerei in die Weltfreimaurerei zurückkehren konnte.
1. Wiederaufbau der Logen
1.1 Sammlung der Brüder und Wiedergründung der Logen in
Westdeutschland und West-Berlin
Zunächst und vor allem mussten die ehemaligen Mitglieder des Freimaurerbundes wieder
gesammelt, die spätestens 1935 aufgelösten Logen neu gegründet und ihre vereinsrechtliche
Zulassung erreicht werden, erst durch alliierte, später durch deutsche Behörden. Vor
allem bei der Sammlung der Freimaurer wurden rasche Erfolge erzielt, denn der Elan der
Brüder war beträchtlich. Die Freude darüber, zur alten Gemeinschaft zurückkehren zu können,
führte zu einer engagierten Beteiligung einstiger Mitglieder, und der Schwung des Aufbruchs
bewirkte – auch über zunehmende Neuaufnahmen – ein beträchtliches Wachstum
der Logen, wenn auch die Gesamtzahl der deutschen Freimaurer in der Nachkriegszeit von
dem in den 1920er und 1930er Jahre erreichten Mitgliederzahl (Höchststand ca. 83.000 in
der Mitte der 1920er Jahre, von denen ca. 65 Prozent den »altpreußischen« Großlogen angehörten)
weit entfernt blieb. In den Westzonen spielten die Behörden der alliierten Siegermächte,
die nach einigem Zögern den Wiederaufbau zuließen, eine fördernde Rolle, und die
Großlogen der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs halfen beim Aufbau, nicht
zuletzt auch der Grand Orient de France. Dass zu ihm als einer international für »irregulär«
erklärten Großloge die Beziehungen später abgebrochen werden mussten, führte zu anhaltenden
Enttäuschungen und Loyalitätskonflikten bei einer Anzahl südwestdeutscher Logen.
Die Bereitschaft der Westalliierten, die Wiedergründung deutscher Logen nach einer vorübergehenden
Phase des Misstrauens und des Zögerns zu genehmigen und teilweise auch tatkräftig
zu unterstützen, hatte vor allem drei Gründe:
• Zunächst beruhte sie auf der festen und prinzipiell unangefochtenen Verwurzelung
der Freimaurerei in den Gesellschaften der betreffenden Länder und einer damit verbundenen,
gleichsam strukturellen »Grundsympathie« auch für die deutsche Freimaurerei.
• Sodann erhielt sie viele Impulse aus der Tatsache, dass von den Repräsentanten der alliierten
Militärbehörden in Deutschland nicht wenige der Freimaurerei angehörten, die sich
nicht zuletzt um die Logen »vor Ort« bemühten und diesen auch materiell halfen.2
2 Ein Beispiel dafür gibt folgender Bericht aus Duisburg aus dem Jahre 1945: »Der Offizier der maßgeblichen
Abteilung war ein äußerst liebenswürdiger Herr, dessen Wesen mich sofort für ihn einnahm. Nach
10 Minuten der Unterhaltung erkannten wir uns als Freimaurer und standen von Stund an in herzlichem
Einvernehmen«, Archiv der Großloge A.F.u.A.M., Altenburg, A – 0001.
90
• Schließlich kam ein »Widerstandsbonus« dazu: Die Schließung von Logen durch die nationalsozialistischen
Behörden wurde auch seitens der Westalliierten als Ausdruck der nationalsozialistischen
Freimaurerfeindschaft gewertet, die spätestens 1935 zum Ende der
Logen geführt hatte, wenn sie nicht gar als Folge freimaurerischen Widerstands gegen das
NS-System gedeutet wurde, den es – von Ausnahmen abgesehen – allerdings nicht gegeben
hatte.3
Die Aufteilung des deutschen Reichsgebietes in vier Besatzungszonen (und die ehemaligen
Ostgebiete unter polnischer Verwaltung) sowie das zunächst unter gemeinsamer alliierter
Verwaltung stehende Berlin erlaubte zunächst nur einen örtlichen oder regionalen Wiederaufbau
der Logen unabhängig von den früheren Großlogenstrukturen.
Dies galt zunächst als Erschwernis, wirkte sich dann aber günstig aus: Wie für Politik
und Gesellschaft generell, so konnte auch für die deutsche Freimaurerei der Neuaufbau nur
auf der Tabula rasa der Zerstörung alter Strukturen gelingen und zu neuen, den Prinzipien
der Weltfreimaurerei entsprechenden konzeptionellen Inhalten und Formen führen.
Was die Mitgliederzahlen der deutschen Nachkriegsfreimaurerei betrifft, so war die
Zäsur von Verbot und Zweitem Weltkrieg verheerend: Von den rd. 73.300 deutschen Freimaurern,
die im Maurerjahr 1932/33 den deutschen Logen (noch) angehört hatten,4 denn
es war seit der Wende zu den 1930er Jahren (teils aus Protest gegen völkische Anpassung,
teils aus Angst vor beruflichen Nachteilen) zu zahlreichen Austritten gekommen, waren
– nach Angaben im Archiv der Großloge A.F.u.A.M. – beim Wiederaufbau nach Verbotszeit
und Zweitem Weltkrieg nur noch 9000 freimaurerisch aktiv. 45.000 Brüder galten als
verstorben oder durch Luftangriffe umgekommen. Die Verluste durch Emigration, Flucht
und Vertreibung wurden auf 8000 Brüder geschätzt. 3000 im Westen Deutschlands lebende
ehemalige Mitglieder hatten sich dem Bund nicht wieder angeschlossen und ca. 6000 Freimaurer
in der sowjetisch besetzten Zone waren aufgrund des Logenverbots zur Inaktivität
verurteilt.5 1949 betrug die Zahl der in der Vereinigten Großloge der Freimaurer (VGL)
von Deutschland zusammengefassten Brüder ca. 6800.6 1974 – nach 25 Jahren Großlogenentwicklung
– lag die Mitgliederzahl der Großloge (nun Großloge der Alten Freien und
Angenommenen Maurer von Deutschland genannt) bei rund 9300. Gegenwärtig (2010)
beträgt sie ca. 9200 Brüder.
Ebenso verheerend wie der Verlust an Mitgliedern war der materielle Schaden, der die
deutsche Freimaurerei betroffen hatte. In einer Schätzung der VGL von 1950 wurden die
der deutschen Freimaurerei durch nationalsozialistische Enteignungen entstandenen Verluste
auf über 200 Millionen DM beziffert.7 Einer Umfrage der Großloge im Jahre 1949 zufolge
verfügten 89 von 120 Auskunft gebenden Logen vor dem Verbot über eigenen Haus-
3 Vgl. vor allem Neuberger, Helmut: Freimaurerei und Nationalsozialismus, Hamburg 1980 (2001 unter
dem Titel Winkelmass und Hakenkreuz. Die Freimaurer und das Dritte Reich neu ediert); Melzer, Ralf:
Konflikt und Anpassung. Freimaurer in der Weimarer Republik und im »Dritten Reich, Wien 1999;
Höhmann, Hans-Hermann: Europas verlorener Friede, die nationalvölkische Orientierung innerhalb
der deutschen Freimaurerei und die »freimaurerische Erinnerungspolitik« nach dem Zweiten Weltkrieg,
in diesem Band, S. 51–87.
4 C. van Dahlens Kalender für Freimaurer. Statistisches Jahrbuch für 1933/34, Leipzig 1933, S. 184.
5 Archiv der Großloge A.F.u.A.M., Altenburg, A – 000.
6 Rundbrief des VGL-Großmeisters vom Frühjahr 1949, Archiv der Großloge A.F.u.A.M., Altenburg, A – 0001.
7 Archiv der Großloge A.F.u.A.M., Altenburg, A – 0001.
91
und Grundbesitz. Nach dem Krieg waren 46 Logenhäuser völlig und 17 teilweise zerstört.
Zudem waren 75 der 89 Logenhäuser noch nicht an die Logen zurückgegeben worden.8
Dies bedeutete ein Ausweichen in Notquartiere, vor allem Hotels und Restaurants, bevor
durch Restitution, Wiederaufbau oder Neuerwerb adäquate räumliche Voraussetzungen für
die Arbeit der Logen geschaffen werden konnten.
Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf den immensen Wertverlust, den die
Logen aufgrund der Beschlagnahmung des größten Teils ihrer Bibliotheken und Archivalien
erlitten. Die von den NS-Behörden 1933/35 beschlagnahmten, nach Berlin verbrachten und
später im vermeintlich sicheren Osten des Reiches eingelagerten Archivmaterialien fanden
meistens auf dem Umweg über Moskau und Merseburg ihren Weg in das Geheime Staatsarchiv
preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem, wo sie für Forschungszwecke zugänglich
sind. Die Buchbestände wurden von polnischen Behörden beschlagnahmt. Sie befinden
sich heute größtenteils im Besitz der Universität Posen und werden – gleichfalls nach Voranmeldung
für Forscher zugänglich – im Barockschloss von Ciazen an der Warthe, nicht
weit entfernt von der Stadt, aufbewahrt.9 Die Vereinigte Großloge von Deutschland wies
aber bereits 1949 darauf hin, dass ein Teil der Buchbestände aus früherem Logenbesitz in
westdeutschen öffentlichen Bibliotheken aufgetaucht sei und dass sie sich im Interesse einer
zu errichtenden »freimaurerischen Zentralbibliothek« um ihre Rückgabe bemühen wolle.10
Auch die persönliche wirtschaftliche Lage der Brüder war – so wie die der gesamten
deutschen Bevölkerung – in der Regel äußerst unbefriedigend. So freute man sich über
wiederholte Übersendung von Care-Paketen aus den USA11 und bemühte sich durch die
Einrichtung eigener freimaurerischer »Arbeitsämter« darum, stellungslos gewordenen Brüdern
bei der beruflichen Wiedereingliederung zu helfen.12 Auch die Einrichtung eines
»Fonds für die Altersversorgung« wurde erörtert.13 Des Weiteren wurde überlegt, eine »Auswanderungsstelle
« zu begründen, die im Zusammenwirken mit »befreundeten Obödienzen
in Übersee« deutsche Freimaurer beraten sollte, die daran dachten auszuwandern.14 In
den Kontext »materielle Not« auf eher amüsante Weise gliedern sich die Versuche des
Großmeisters
der Großloge »Zur Sonne« (Bayreuth) und späteren VGL-Großmeisters Theodor
Vogel ein, beim bayerischen Landwirtschaftsministerium die Lieferung von Wein für
Tafellogen der bayerischen Logen zu erreichen.15
8 Archiv der Großloge A.F.u.A.M., Altenburg, A – 0009.
9 Die Biblioteka Uniwersytecka (Universitätsbibliothek) in Posen beschreibt auf ihrer Internetseite die
Bestände in Schloß Ciazen wie folgt: »Aus dem Schloß in Sawa Slaska [Schlesiersee], das während
des Krieges Residenz von Heinrich Himmler war, kam eine bedeutende Bibliothek, die u.a. eine einzigartige,
vorwiegend deutschsprachige Masonica-Sammlung von ca. 80.000 Bdn. enthielt, bei der es
sich um beschlagnahmte Bestände der Freimaurerlogen in Deutschland handelt.« (http://www.b2i.de/
fabian?Universitaetsbibliothek(Posen), Download 26.7.2008).
10 Archiv der Großloge AFuAM, Altenburg, Rundschreiben der Vereinigten Großloge der Freimaurer von
Deutschland, 1948/49.
11 Archiv der Großloge A.F.u.A.M., Altenburg, A – 0001; A – 0005.
12 Pionierfunktion übernahm die Großloge zur Sonne, deren »Freimaurerisches Arbeitsamt« ein Druckblatt
»Organisation und Arbeitsweiseder frm. Arbeitsämter« herausgab, das auch an andere Landesgroßlogen
weitergegeben werden sollte. Archiv der Großloge AFuAM, Altenburg, A – 0001.
13 Archiv der Großloge A.F.u.A.M., Altenburg, A – 0005.
14 Archivmaterialien des Deutschen Freimaurermuseums Bayreuth, 4756.
15 Archiv der Großloge A.F.u.A.M., A – 0005. Vogel verwies darauf, dass »die Freimaurerlogen in der französisch
besetzten Zone und ebenso eine Anzahl lizensierter, regulärer Freimaurerlogen der britischen
92
Meistens wurden die bereits vor 1933/35 bestehenden Logen wiedergegründet. In einer
Reihe von Städten kam es aber auch zu »Vereinigungslogen«, d.h., dass sich die Brüder in
Anbetracht der geschrumpften Zahl der Freimaurer am Logenort entschlossen, anstelle
mehrerer ehemaliger Logen gemeinsam nur eine neue Loge ins Leben zu rufen. Zu diesen
Logen gehörten beispielsweise die Logen »Furchtlos und Treu« in Stuttgart, »Goethe zur
Bruderliebe« in Kassel und »Zum ewigen Dom« in Köln. Seit 1948 kam es dann auch zu
echten Neugründungen von Logen, in der Regel als sogenannte »Deputationslogen« bestehender
Logen.
Die Logen waren stark überaltert. Das Durchschnittsalter der Mitglieder lag bei ca.
65 Jahren, was bedeutete, dass bei einem weiteren Ansteigen längerfristig die Existenz
der Logen gefährdet gewesen wäre. So wurde es zu einem besonderen Anliegen des späteren
Großmeisters der Vereinigten Großloge von Deutschland, Dr. Theodor Vogel, jüngere
Menschen an die Freimaurerei heranzuführen. Dies sollte nicht zuletzt durch die von Vogel
propagierte Einsetzung von »Studentenlogen« in einer Anzahl von Universitätsstädten
(Würzburg, Erlangen, Köln) erreicht werden.16 Diese Logen sollten dem Vorbild englischer
und amerikanischer Universitätslogen folgen, hinsichtlich der Zusammensetzung ihrer Mitglieder
aber nicht auf junge Akademiker beschränkt bleiben.
Einer größeren geistigen Lebendigkeit der Freimaurerei sollte das sogenannte »Collegium
Masonicum« dienen, das Brüder aus verschiedenen Logen und Logenorten zu Klausurtagungen
über freimaurerische Themen zusammenführte17 und das sich als feste Einrichtung
der Distriktslogen der Großloge A.F.u.A.M. bis in die Gegenwart hinein bewährt hat.