Hans-Hermann Höhmann: "Freimaurerei (3)"

Hans-Hermann Höhmann
Freimaurerei
Analysen, Überlegungen, Perspektiven (Teil 3)
© Edition Temmen 2011
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ISBN 978-3-8378-4028-5
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sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.
Umschlaggestaltung: LEAD COMMUNICATIONS GmbH & Co. KG, Köln
Zum Andenken an
Rudolf Friebe
Hermann Höhmann
Friedrich Heller
 
Die Allgegenwart des Rituellen.
Rituale, Ritualforschung, Freimaurerei
Die Rückkehr des Rituellen
Im Jahre 1969 schrieb die englische Sozialanthropologin Mary Douglas: »Eines der ernstesten
Probleme unserer Zeit ist das Schwinden des Verbundenseins durch gemeinsame Symbole
… (Es gibt) einen weit verbreiteten Abscheu und Widerwillen gegen das Ritual überhaupt.
›Ritual‹ ist ein anstößiges Wort geworden, ein Ausdruck für leeren Konformismus …
Bei den Vorgängen, die wir hier und heute beobachten können, handelt es sich um eine weltweite
Revolte gegen alle Formen des Rituals.«1
Kurze Zeit danach hatte sich die Szenerie gründlich verändert. Man begann sich der
Ubiquität und des zeitüberspannenden Charakters von Ritualen zu erinnern, man betonte
zunehmend den Wert von Ritualen für den Zusammenhalt der Gesellschaft, ja man
empfahl die Schaffung neuer Rituale zur Bewältigung menschlicher Alltagsprobleme von
Paarproblemen über Erziehungsschwierigkeiten bis hin zu Einschlafstörungen. Die Suchmaschine
»Google« führt Beispiel um Beispiel zutage.
Das, was sich im Hinblick auf die rituelle Praxis und den analytischen Umgang mit
Ritualen seit den 1970er/1980er Jahren ereignete, verstand sich als »performative turn«, als
performative, handlungsbezogene Wende. Grundlage dafür war die Erkenntnis, dass nicht
Symbole und Texte, sondern Inszenierungen und Handlungen Wesen, Wert und Wirksamkeit
des Rituellen ausmachen. Es verwundert daher auch nicht, dass Wissenschaftler mit
einer starken Affinität zum Theater wie Viktor Turner2 und Richard Schechner3 bei dieser
»performativen Wende« eine führende Rolle spielten.
In der Folgezeit wurden zahlreiche Ritualkongresse organisiert und Ritualzeitschriften
begründet, wie das renommierte »Journal of Ritual Studies«, das seit 1987 erscheint. Auch
in Deutschland blühte die Ritualforschung in der Folgezeit auf. Hinzuweisen ist auf die
zunehmende Zahl von universitären Lehrveranstaltungen, Dissertationen und Buchveröffentlichungen,
vor allem aber auf die komplexen, mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft
eingerichteten Sonderforschungsbereiche, wie den Sonderforschungsbereich
»Ritualdynamik« – Soziokulturelle Prozesse in historischer und kulturvergleichender
Perspektive an der Universität Heidelberg, der den weltweit größten Forschungsverbund repräsentiert,
der sich ausschließlich mit dem Thema Rituale, deren Veränderungen und ihrer
Dynamik befasst, sowie den Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen an der
Freien Universität Berlin, der das Verhältnis von Performativität und Textualität sowie die
Funktionen und Bedeutungen des Performativen in den großen europäischen Kommunikationsumbrüchen
im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in der Moderne untersucht.
1 Douglas, Mary: Abwendung vom Ritual, in: Douglas, Mary: Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische
Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur, Frankfurt am Main 2004, S. 11.
2 Vgl. Turner, Victor: Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt/New York
2009.
3 Schechner, Richard: Ritual, Play and Performance, New York 1977.
225
»Die neue Kraft der Rituale«
Folgen wir dem Selbstverständnis der Ritualforschung, so ist die aktuelle Debatte um die
Wiederentdeckung des Rituals nicht zufällig. So weisen Christoph Wulf und Jörg Zirfas in
der Einleitung des von ihnen edierten Bandes »Die Kultur des Rituals« – mit dem bezeichnenden
Untertitel »Inszenierungen, Praktiken, Symbole« – darauf hin, dass Rituale und Ritualisierungen
in der gegenwärtigen politischen Situation, die von Diskussionen um den
Zerfall des Sozialen, den Verlust von Werten und der Suche nach einer kulturellen Identität
geprägt sei, nicht von ungefähr eine größere Bedeutung gewönnen.4 Seien Rituale im Zuge
der 1968er Debatte um den Nationalsozialismus fast ausschließlich unter den Aspekten der
Stereotypie, Rigidität und Gewalt thematisiert worden, wenn nicht gleich nur vormodernen
Gesellschaften zugeschrieben, so hätten sie jetzt eine Brückenfunktion zwischen den Individuen,
den Gemeinschaften und den Kulturen zu übernehmen. Rituale erschienen nun als
lebensweltliche Scharniere, die durch ihren ethischen und ästhetischen Gehalt Sicherheit in
den Zeiten der Unübersichtlichkeit gewähren sollten. Kurz: Rituale versprächen eine Kompensation
für die mit der Moderne verbundenen Verlusterfahrungen von Gemeinschaftlichkeit
und Kommunikationsmöglichkeiten, von Identität und Authentizität, von Ordnung
und Stabilität.
Es ließe sich tatsächlich, so sekundiert der Heidelberger Ritualforscher Axel Michaelis,
»eine neue Kraft der Rituale beobachten, auch wenn sie in weiten Teilen nur die alte
ist, die wir wiederentdecken. Und vielleicht sehnen wir uns sogar nach dieser Kraft,
weil um uns alles flüchtiger geworden ist, sehnen uns nach dem Halt, den Rituale geben
oder geben sollen«.5
Gleichzeitig betonen Wulf und Zirfas – und hierin stimmen sie mit vielen ihrer Ritualforschungskollegen
überein –, dass es angesichts der zentralen Bedeutung von Ritualen in zahlreichen
unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Feldern keine allgemein akzeptierte
Theorie des Rituals geben könne.6 Dafür seien die Positionen und Methoden in den
verschiedenen Wissenschaften zu unterschiedlich. Vielmehr würden je nach Forschungsfeld,
Disziplin und methodischem Ansatz unterschiedliche Aspekte betont und unterschiedliche
Dimensionen des Rituellen für wesentlich erachtet. Es sei erforderlich, eine Vielfalt von Gesichtspunkten
zu thematisieren und dadurch die Komplexität des Feldes sichtbar zu machen,
was angemessen nur im Zusammenwirken mehrerer Disziplinen, also in transdisziplinärer
Forschung, erfolgen könne.
Bevor ich nun in gebotener Kürze versuche, eine Anzahl der im Ritualdiskurs der Forschung
erörterten Ritual-Dimensionen aufzuzeigen, insbesondere solche, die von erkennbarer
Relevanz für freimaurerische Rituale sind, möchte ich mit ein paar Bemerkungen auf
das wechselseitige Verhältnis zwischen Ritualforschung und Freimaurerei eingehen, das ich
– um es pointiert zu sagen – für unbefriedigend und korrekturbedürftig halte.
4 Vgl. hierzu und zum Folgenden: Wulf, Christoph/Zirfas, Jörg: Performative Welten. Einführung in die
historischen, systematischen und methodischen Dimensionen des Rituals, in: Wulf, Christoph/Zirfas,
Jörg (Hrsg.): Die Kultur des Rituals. Inszenierungen. Praktiken. Symbole, Paderborn 2004, S. 7.
5 Michaels, Axel: Vorwort, in: Michaels, Axel (Hrsg.): Die neue Kraft der Rituale, Heidelberg 2008, S. 8f.
6 Wulf, Christoph/Zirfas, Jörg: Performative Welten, a.a.O., S. 8.
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Zum Verhältnis zwischen Ritualforschung und Freimaurerei
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass freimaurerische Rituale in der modernen Ritualforschung
kaum analytische Beachtung gefunden haben. Natürlich gibt es Ausnahmen – quasi
»hell leuchtende« Ausnahmen – wie Jan Snoek und Andreas Önnerfors, aber diese beiden
hochkompetenten Ritualspezialisten sind ja nicht nur Ritualforscher, sondern auch Freimaurer
und könnten daher – by their tenure, um es mit den Alten Pflichten zu sagen – in
ihrer Forschungstätigkeit gar nicht an masonischen Ritualen vorbeigehen. Aufs Ganze gesehen
ist es jedoch eine verhältnismäßig bescheidene Rolle, die die Freimaurerei im Rahmen
der modernen Ritualforschung bisher gespielt hat. Nach den Gründen dafür möchte ich
allerdings an dieser Stelle nicht weiter fragen. Vielleicht hängen sie ganz einfach damit zusammen,
dass wir in unserer masonischen Innensicht die Freimaurerei als Ort des Rituellen
schlechthin wahrnehmen, während unsere Rituale in der Perspektive der Ritualforschung
eher eine untypische Randstellung einnehmen.
Ich möchte mich vielmehr – so knapp wie möglich – der für die Freimaurerei sehr bedeutsamen
umgekehrten Frage zuwenden, nämlich warum Methoden und Erkenntnisse der
modernen Ritualforschung in den Selbstthematisierungen der Freimaurer bisher (gleichfalls)
nur eine sehr geringe Rolle gespielt haben.
Dies mag an Desinteresse, an Wissensdefiziten sowie am fehlenden methodischen Zugang
zur einschlägigen Fachliteratur liegen. Den tieferen und eigentlichen Grund sehe ich
jedoch in der Einseitigkeit des Ritualdiskurses, wie er bislang in der Freimaurerei hierzulande
geführt wird. Im Vordergrund der gewiss nicht kleinen Zahl ritualbezogener Betrachtungen
stehen ja regelmäßig die Ritualtexte sowie – und vor allem – die freimaurerischen
Symbole als Zeichensysteme, die im Hinblick auf Herkunft und Bedeutung analysiert und
erläutert werden. Das Ritual als kollektives Handeln, als inszenierter dramatischer Prozess
mit all seinen Auswirkungen auf das Denken, Fühlen und Handeln von Individuen und
Gruppen wird dagegen kaum thematisiert. Mit anderen Worten: Die »performative Wende«
der 1980er und 1990er Jahre, die die Dynamik der modernen Ritualforschung eingeleitet
hat, hat in der freimaurerischen Selbstreflexion bisher kaum stattgefunden.
Dies kann – wie bereits erwähnt – mit fehlenden inhaltlichen und methodologischen
Interessen an der Ritualforschung zusammenhängen. Dies mag aber auch auf das Bestreben
zurückzuführen sein, sich unangenehmen Fragestellungen zu entziehen, beispielsweise der
Frage, ob sich freimaurerische Rituale neben ihrer gewünschten Funktion als Faktor sozialer
Integration (Stichwort »Brüderlichkeit«) und Inkorporierung freimaurerischer Werte
(Stichwort »Humanität«) nicht auch dadurch auszeichnen, dass sie in durchaus konfliktträchtigen
Mischungen Entwicklungen dienen, die dem »offiziellen« Wertekonsens der Freimaurer
widersprechen. Als leicht zu vermehrende Beispiele dafür nenne ich die Sicherung
gesellschaftlicher Einflüsse, die Herstellung von »symbolischem Kapital«7 für individuelle
Zwecke (das »Ämter- und Ordensyndrom«), das Übergewicht einer bloß zeremoniellen Repräsentation
sowie die mannigfaltigen Erscheinungsformen von Reformfeindlichkeit und
Bewahrung obsolet gewordener institutioneller Strukturen.
7 Zur Rolle von symbolischem Kapital in der Freimaurerei vgl. Höhmann, Hans-Hermann: Habitus, soziales
Feld, Kapital: Freimaurerei im Lichte der Soziologie Pierre Bourdieus, in diesem Band, S. 115–131.
227
Hätten diese Erwägungen etwas für sich, so stünden die deutschen Freimaurer vor der
Aufgabe, sich zu einem neuen, vertieften Ritualdiskurs zu entschließen, der die Ergebnisse
der modernen Ritualforschung einbezieht und sich an den Handlungsaspekten des Rituals
orientiert. Erich Kästners berühmte Feststellung »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es«
gilt für das Ritual ebenso wie die daraus abgeleitete arbeitshypothetisch-skeptische Vermutung,
dass nicht alles, was man im Ritual tut, in seinen Auswirkungen auf den Habitus der
Brüder auch gut ist.
Meine Empfehlung für den Ritualdiskurs wäre nun, sich einfach und analytisch durchaus
vorläufig an den »Dimensionen« zu orientieren, mit denen die moderne Ritualforschung
unter Vermeidung rigider Theorien das Wesen der Rituale beschreibt.
Ritualdimensionen und ihre freimaurerische Bedeutung
Einige dieser Dimensionen sind für uns selbstverständlich. Trotzdem halte ich es für gut,
sich ihrer zu erinnern, nicht nur um das eigene Ritualverständnis zu vertiefen, sondern auch,
weil man anhand der verschiedenen Ritualdimensionen das Wesen des freimaurerischen Rituals
ohne Beeinträchtigung der Arkandisziplin sehr überzeugend nach außen vermitteln
kann. »Erklären statt Enthüllen« – längst ist es Zeit für eine solche »Wende der Darstellung«
im Verhältnis der Freimaurerei zur Öffentlichkeit.
Die folgende Auflistung typischer Ritualdimensionen mit erheblicher freimaurerischer
Relevanz ist zu einem großen Teil der ritualtheoretischen Literatur entnommen und folgt
vor allem der Arbeit des niederländischen Religionswissenschaftlers Jan Platvoet.8
Was sind die uns als Freimaurer vertrauten Ritual-Dimensionen, die die Forschung
beschreibt?
Welche davon hätten wir problemorientiert zu diskutieren?
Zu den rituellen Selbstverständlichkeiten ohne weitere Perzeptionsschwierigkeiten gehören
zunächst die interaktive und die kollektive Dimension des Rituals. Das Ritual ist ein
spezifischer Typus sozialer (verbaler und nichtverbaler) Interaktion zwischen anwesenden
und wechselseitig ansprechbaren Personen. Es braucht als Interaktion mindestens zwei
Teilnehmer, der Kommunikationstheorie entsprechend einen »Sender« und einen »Empfänger
«, wobei sich diese Rollen vertauschen können. Auch göttliche Wesen können in die
rituelle Kommunikation einbezogen werden, kaum aber Symbole des Göttlichen, wie der
»Große Baumeister aller Welten« – es sei denn, das Ritual würde als Gottesdienst verstanden.
9
Selbstverständlich ist auch die Gewohnheits-Dimension. Das Ritual ist eine Folge sozialer
Interaktionen, die durch Wiederholungen konventionalisiert sowie formalisiert und
somit zur Gewohnheit gemacht werden. Prinzipiell wird das Ritual durch feste, bleibende
Regeln bestimmt, die sich sowohl auf Inhalte als auch auf Modalitäten der richtigen Ausführung
beziehen. Dennoch sind Rituale alles andere als starr, und »Ritualdynamik« ist
ein wesentliches Element des rituellen Geschehens. In Heidelberg wurde – ich erwähnte es
8 Platvoet, Jan: Das Ritual in pluralistischen Gesellschaften, in: Belliger, Andréa/Krieger, David J. (Hrsg.):
Ritualtheorien, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 173–190, hier S. 175–183.
9 Vgl. Höhmann, Hans-Hermann: »Von Gott und der Religion«. Zum Religionsdiskurs in der deutschen
Freimaurerei, in diesem Band, S. 179–197.
228
bereits – ein ganzer universitärer Sonderforschungsbereich für die Analyse der Ritualdynamik
begründet. Auch die Freimaurerei kennt viele Veränderungen ihrer Rituale, die aus unterschiedlichen
Gründen, auf unterschiedliche Weise und in ganz spezifischen Rhythmen
erfolgen, Rhythmen, die auch lange Phasen der Stagnation einschließen können.
Einige Bemerkungen zur Ritualdynamik in der Freimaurerei:
Gewiss sind Symbole und Texte in freimaurerischen Ritualen präsent, aber die Rituale
erschöpfen sich nicht darin. Rituale sind »Handlungsformen von Symbolen« (Thomas
Luckmann). Sie sind Aufführungen und damit Inszenierungen, die sich von Mal zu Mal
in unterschiedlichen Schattierungen von Gestus und Stimme, aber auch in kleineren oder
größeren Änderungen der Ritual-Texte und/oder der Handlungsabläufe des Rituals niederschlagen.
Dahinter können sich Zufälligkeiten bemerkbar machen wie Erinnerungsdefizite,
die dann ihre eigene stilbildende Kraft entfalten. Ritualveränderungen können aber auch
bewusste Motive haben, ästhetische Überlegungen etwa (»Es ist doch einfach viel schöner,
wenn wir es so machen«), oder semantische Überlegungen (»Es macht freimaurerisch doch
viel mehr Sinn, wenn wir es so machen«). Dahinter können allerdings auch Selbstinszenierungsbestrebungen
von Ritualgestaltern stehen, etwa, wenn sich ein Großmeister – abweichend
vom Brauch – zu Beginn einer Großlogentempelarbeit nicht im Tempel befindet,
sondern feierlich von seinem Stellvertreter einführen lässt. Solche »kleinen« Ritualdynamiken
sind volatil, tauchen plötzlich auf und werden oft ebenso schnell korrigiert.
»Große« Ritualdynamiken sind in der Freimaurerei dagegen seltener. Eigentlich ist es
seit dem 19. Jahrhunderts kaum mehr dazu gekommen, auch wenn die konkreten Ritualfassungen,
wie etwa beim A.F.u.A.M.-Ritual, neueren Datums sind. Dies nötigt die
Freimaurerei zu nicht immer gelingenden Balancen zwischen drei relevanten Polen: dem
Zeitgeist, der den aktuellen Hintergrund des rituellen Geschehens bestimmt, dem Selbstund
Wertverständnis der Freimaurerei, das sich wandelt, und einer Struktur der Rituale,
die im Wesentlichen gleich bleibt. Um unvermeidlich aufbrechende Widersprüchlichkeiten
zwischen Ritualtext und performativer Wirkung des Rituals zu überbrücken, muss dann
eine Ritualexegese einsetzen, die erklärt, was im Ritual eigentlich gemeint ist bzw. für heute
gemeint sein sollte.
Eine weitere, Freimaurern durchaus geläufige Dimension des Rituals ist die expressive
Dimension: Die Gemeinschaft wird im Ritual durch die bloße Tatsache, dass die
eigenen Mitglieder daran teilnehmen, abgebildet. Die Werte der Gemeinschaft und die
Beziehungen zwischen den Teilnehmern finden ihren Ausdruck in den Positionen und den
Rollen, die das Ritual vorgibt. Insofern, wie das Ritual auf diese Weise Solidarität, Identität
und Grenzen einer Gruppe betont zum Ausdruck bringt, wirkt es für gewöhnlich integrativ
nach innen, zugleich aber auch trennend nach außen, was in gestaffelten, vielgliedrigen
Gradsystemen der Freimaurer durchaus zum Problem werden kann.
Weiter nennen möchte ich – als Stichworte einer Checkliste ohne ausführliche Kommentierung
– die Ritual-Dimensionen
• der Performance: Ritual als Drama: »das meiste, wenn nicht das ganze wird wie auf einer
Bühne bewusst dargestellt«10, wobei nicht nur generell die verschiedenen freimaure-
10 Moore, Sally F./Myerhoff, Barbara G.: Secular Rituals: Forms and Meanings, in: dies.: Secular Rituals,
Amsterdam 1977, S. 3–24, hier S. 7, 8, zitiert nach: Platvoet, Jan: Das Ritual in pluralistischen Gesellschaften,
a. a. O., S. 180.
229
rischen Rituale, in deren Zentrum die Initiationen stehen, Bestandteile dramatischer Aufführungen
sind, sondern es auch – im Ritual des Meistergrades – zum »Drama im Drama
« kommt,
• des Performativen: Herstellen neuer Wirklichkeiten durch Sprechakte, die das bewirken,
wovon sie sprechen, Beispiel: »Wir bauen den Tempel der Humanität!« Es sind vor allem
diese »illokutionären Sprechakte« im Sinne von John L. Austin11, durch die die freimaurerische
Gruppe mit ihren Werten und habituellen Prägungen immer wieder neu konstituiert
und geschaffen wird,
sowie
• der Multimedialität: Ritual als Kombination von Sprache, Mimik, Gestik, Bewegung und
Musik, wobei es für die Wirkung des freimaurerischen Rituals immer darauf ankommt,
die einzelnen Medien sorgfältig aufeinander abzustimmen und dafür zu sorgen, dass
Sprechakte und Körperinszenierungen stets im Vordergrund bleiben.
All diese Dimensionen sind uns vertraut, können aber durchaus als kritische Maßstäbe unserer
Ritualreflexion- und -praxis dienen.
Ganz wichtig ist die Dimension der Ritual-Ästhetik. Das Ritual muss »schön« ausgeführt
werden, hässlich ausgeführte Rituale scheitern in ihrer Wirkung. Vom Grad der
Ästhetik beim Vollzug des Rituals hängt letztlich auch ab, ob sich jene emotionale Verzauberung
einstellt, die das »Geheimnis« der Freimaurerei ausmacht, das in der Tat als erlebte
Verzauberung nicht verraten werden kann und das im Grunde sehr wesentlich ja auch ein
subjektives Geheimnis ist, das jeder Freimaurer auf seine ganz spezifische Weise erlebt.
Keine Schwierigkeiten macht dem Freimaurer – zunächst jedenfalls – die symbolische
Dimension des Rituals, der Umstand, dass Ausdruck und Kommunikation in Ritualen
durch symbolisches Handeln hervorgebracht werden. Dies geschieht vor allem mittels dichter,
zentraler Kernsymbole, die in einer repetitiven und redundanten Weise Schüsselkonzepte
des jeweiligen gruppenspezifischen Glaubens- und Wertesystem darstellen. Wer von
uns dächte beim Stichwort Kernsymbole nicht sogleich an die drei »Großen Lichter der
Freimaurerei«?
Vertraut sind wir auch damit, »dass Rituale mit einer im höchsten Maße symbolisch
aufgeladenen Grenz- und Übergangserfahrung verknüpft sind«12, mit der sich vor allem
der Ethnologe und Theateranthropologe Viktor Turner beschäftigt hat. Im Rückgriff auf
Arnold van Genneps »Rites de Passage« unterscheidet Turner drei Phasen des rituellen
Übergangs: die Trennungsphase, in der der Initiand seinen bisherigen Status verlässt, die
Schwellenphase, in der er sich in einem Zustand der Unbestimmtheit, der Liminalität, befindet
sowie die Phase der Wiedereingliederung, in der der Initiant schließlich zu seinem
neuen Status gelangt und so den Fortbestand der Gemeinschaft sichert.13
11 Vgl. Austin, John L.: How to Do Things with Words, Cambridge (Mass.) 1962, deutsch: Zur Theorie der
Sprechakte, Stuttgart 1972.
12 Fischer-Lichte, Erika: Einleitung. Zur Aktualität von Turners Studien zum Übergang vom Ritual zum
Theater, in: Turner, Viktor: Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt/New
York 2009, S. vi.
13 Vgl. Turner, Viktor: Vom Ritual zum Theater, a.a.O., S. 34–38.
230
Die Ambivalenz des Rituellen
Schwieriger wird es allerdings, wenn wir über einen weiteren Aspekt der symbolischen Dimension
des Rituals nachdenken, den Umstand nämlich, dass im »Hier« des Rituals auf
symbolische Weise etwas vollzogen wird, das sich auf ein »Dort« im außerrituellen Bereich
bezieht, dass die Symbole auf etwas verweisen, das zwar im Ritual nicht anwesend ist, auf
das symbolisch-rituelles Handeln jedoch unabweisbar bezogen ist.14 »Meine Brüder, baut
draußen weiter daran, wozu wir hier an stiller Stätte den Grundstein gelegt haben« ist eine
Formel, die Freimaurer wörtlich oder dem Sinne nach regelmäßig in ihren Ritualen verwenden.
Damit wird auf die Notwendigkeit einer steten Entsprechung zwischen dem Auftrag
des Rituals und einem Alltagsverhalten verwiesen, das aufgrund der im Ritual vermittelten
Wert- und Verhaltensgrundlagen erfolgt. Doch ist die Annahme einer solchen Entsprechung
innerhalb der Freimaurerei nicht eine Illusion? Wird das Ritual – statt ein über symbolische
Orte und Zeiten hinausweisendes Handlungskonzept zu sein – nicht allzu oft zum Endzweck
der Freimaurerei verkürzt, um den sich dann das Hamsterrad administrativer Routinen
und persönlicher Auseinandersetzungen dreht?
Zur Erklärung des dramatischen Absturzes der Freimaurerzahlen in den USA von vier
auf 1,4 Millionen innerhalb weniger Jahrzehnte heißt es in einer hochinteressanten Ursachenanalyse
der Masonic Service Association of North America mit dem bezeichnenden
Titel IT’S ABOUT TIME! Moving Masonry into the 21st Century:15 »Masonic tradition
became locked in ritual as an end, not as a process.«
»Locked in Ritual« – kann das Ritual auch zur Fessel werden? Etwa, indem es stets nur
auf das nächste Ritual und nicht auf die zu gestaltende Wirklichkeit verweist?
Wir sollten darüber nachdenken.
Schließlich noch – als eine weitere problematische Dimension, die Ritualen zufallen
kann – die strategische Dimension.
Rituale können auch dazu verwendet werden, Gruppeninteressen zu fördern und
Machtpositionen selbst ernannter Eliten zu festigen. Wie die politische Praxis totalitärer
Systeme zeigt, werden regelmäßig Rituale eingesetzt, um die gewünschten politischen Rangordnungen
durchzusetzen und die Unterwerfung der Beherrschten unter die Institutionen
und Personen der Führung zu verstetigen. Es sind nicht zuletzt die Rituale der Herrschaft,
die die Willkür der Unterwerfung emotional, habituell und kognitiv in eine natürliche, von
der Vorsehung oder von der Geschichte bestimmte Ordnung verwandeln sollen.
Rituale bedürfen folglich stets der Hinterfragung, welchen Interessen sie dienen und
mit welchen Auswirkungen auf die Struktur und das Zusammenleben der im Ritual dargestellten
Gemeinschaft sie verbunden sind. Dies gilt auch für den Fall, dass sie – wie die
Rituale der Freimaurerei – prinzipiell von der Gleichheit aller Mitglieder der Gemeinschaft
ausgehen, jedoch nicht selten in Gefahr geraten, diese Gleichheit durch Rangerhöhungsrituale
sowie durch aufgefächerte Gradhierarchien direkt oder durch die Auswirkungen einer
dysfunktionalen Ritualpraxis indirekt in Frage stellen.
Mein Fazit zum Schluss: Die Ritualforschung bietet dem freimaurerischen Ritualdiskurs
spannendes Material und viele interessante Fragestellungen. Wir sollten dieses Material
14 Vgl. Dücker, Burckhard: Rituale. Formen - Funktionen - Geschichte, Stuttgart/Weimar 2007, S. 33.
15 http://www.msana.com/aboutime_foreword.asp.
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nutzen und unsere Ritualdiskurse ernsthaft und ohne Tabus führen. Dies schulden wir
uns selbst. Dies schulden wir aber auch der uns umgebenden Öffentlichkeit mit all ihren
Verständnisschwierigkeiten und Informationsdefiziten.
Und wir sollten auch die Rituale der Freimaurerinnen in unsere Betrachtung einbeziehen.
Diese Rituale können ja auf einem hohen Stand des rituellen Wissens in einem freieren
Milieu ohne Tabus und institutionelle Denkbegrenzungen gestaltet werden. Deshalb
bieten die Rituale der Freimaurerinnen, vorausgesetzt unsere Schwestern nutzen diese Gestaltungschance
und vermeiden eine Wiederholung masonischer Fehlentwicklungen, einen
weiteren Maßstab kritischer Selbstreflexion, den wir nutzen sollten.
232
»Des Maurers Wandeln, es gleicht dem
Leben …« – Überlegungen zur Symbol- und
Ritualwelt der Freimaurerei
Die Freimaurerei fasst das ihr eigene Menschenbild und ihr Selbstverständnis in drei
großen
Sinnbild-Komplexen zusammen, die immer wieder in verschiedenen
Formen
ästhetisch-rituell gestaltet werden: der Symbolik des Lichts, der Symbolik des Wanderns
und der Symbolik des Bauens. In der Geschichte des Bundes wurden diese Symbole
unterschiedlich verstanden, gestaltet, zusammengefasst und erweitert. Freimaurerei
war auch im Hinblick auf ihre Symbolik immer ein Raum, »in dem vieles
möglich
war« (Monika Neugebauer Wölk), und der dennoch wesentliche Erscheinungsformen
und Grundstrukturen gemeinsam hatte. Es gab also gleichzeitig immer die Freimaurerei
(Singular) und die Freimaurereien (Plural). Die folgenden Überlegungen verstehen
sich als idealtypische Darstellung zur Freimaurerei (Singular), mehr noch, sie spekulieren
subjektiv über die Transferbeziehungen zwischen Symbolverständnis und freimaurerischer
Praxis, d.h. sie versuchen auszuloten, was sich aus einer erlebnisintensiven und
einübungsethisch wirksamen Symbolik für das Verhalten des Freimaurers und die Gestaltung
freimaurerischer Institutionen
ergibt. Ich folge damit meinem Grundverständnis
von Freimaurerei als einer Lebenskunst, die – im Rahmen einer ethisch ausgerichteten,
humanitären Freimaurerei – menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung
durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar,
erlebbar und erlernbar macht. Rituale sind »Handlungsformen von Symbolen«
(Thomas Luckmann), und nach meinem freimaurerischen Grundverständnis sind es vor
allem die Handlungsaspekte des Rituals, die Interesse und ritual-praktische Sorgfalt erfordern.
1. Die Symbolik des Lichts
Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik, mit der begonnen
werden soll, den transzendenten Bezug des Freimaurers, seine Rückgebundenheit
an einen tragenden Grund seines Seins, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle
seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit
und vertrauenswürdige
Ordnung. In allen Religionen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie
kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren
Lichtträger – Sonne,
Mond, Sterne, Blitz und Feuer –, Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil
der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische
Ritual. »Ohne dich« – so heißt es
beispielsweise in Mozarts Freimaurer-Kantate Dir Seele, des Weltalls, o Sonne, – »lebten wir
nicht, von dir nur kommt Fruchtbarkeit,
Wärme und Licht!«
Licht ist in allen Kulturen das wichtigste Medium der Spiritualität. Es erlaubt – dies
ist auch die Erfahrung der großen Mystiker – unmittelbare, subjektive und dogmenfreie
Zugänge zur Transzendenz, die den Menschen umgibt und die zugleich in ihm selber
wohnt.
233
Licht steht aber nicht nur für Spiritualität, sondern auch für Aufklärung, für den
menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so will es das Ritual –
sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten. In der Sprache des
Rituals:
»Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen.
Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zu der Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel
zum hellen Tag.« Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für
Lebensquelle, Lebenskraft, moralische Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche
die
»Lichtgebung« zum zentralen Bestandteil des Aufnahmerituals
und die »Lichteinbringung
«
zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Weihe eines neuen Tempels macht.
Die Beziehungen zur freimaurerischen Alltagspraxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit
und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was
eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – »eine sichere
Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen«. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht
für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten
zu verwalten.
Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessings zu erinnern, dass nicht die Wahrheit,
sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass – so
Lessing wörtlich – »nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische
Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die
Wahrheit eine Sekte stiften wollte«. Hierzu kommt mir auch ein Gedicht Erich Frieds in
den Sinn, eines sensiblen Aufklärers unserer Tage: »Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er
hat Angst – aber habe Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.«
2. Die Symbolik des Wanderns
Die Symbolik des Wanderns veranschaulicht den besonderen Charakter der menschlichen
Lebensreise. Wandermythen gehören zu den uralten Bestandteilen menschlicher Bewusstwerdung.
Wanderepen
wie Homers Odyssee erzählen nicht nur das Schicksal von Helden.
Sie bezeugen auch die Bestimmung des Menschen, Wanderer zu sein. Auch eine moderne
Filmgattung bestätigt immer wieder einen archaischen
Befund: Das menschliche Leben ist
ein Roadmovie. Der Mensch ist unterwegs, er muss aufbrechen, er verändert sich, er hat
Altes hinter sich zu lassen und selbst, wenn er zum Ausgangspunkt
zurückkehrt, ist er verändert
und hat die Chance, die Veränderung produktiv an sich selbst zu erleben. Rilke hat dieses
»Zurückkehren, aber doch Verändertsein« bekanntlich
in das schöne Bild vom »Leben in
wachsenden Ringen« gefasst: »Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die
Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.«
Freimaurerei hat mit Wanderungen vielerlei Art zu tun: Der Aufnahmekandidat wandert
zum Licht, der Lehrling
macht »Gesellenreisen«, der Geselle wandert – konfrontiert
mit der Unabänderlichkeit des Todes – auf dem Weg zur Meisterschaft, und auch für den
Meister wird das »Wandern zwischen Sternen und Gräbern« immer wieder zu Erlebnis
und Anstoß. Der Rahmen dieses Wanderns durch die sich durch Wiederholung von Mal
zu Mal vertiefenden rituellen Erlebnisse ist das System der drei freimaurerischen Grade
Lehrling, Geselle und Meister. Für mich lässt sich dieser Rahmen durch zusätzliche Ritualerfahrungen
nicht sinnvoll erweitern.
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Die Wandersymbolik hilft erkennen, dass es sich bei den Ritualen der Freimaurer nicht
um Verkündigungsrituale oder Rituale der Manifestation nicht zu hinterfragender Überzeugungen
handelt, sondern um Erprobungsrituale oder Rituale der Suche, die schrittweise
Erkenntnis und korrigierbares Lernen verdeutlichen, was zugleich bedeutet, dass freimaurerische
Rituale bei aller Konstanz ihrer Form »offene« und keine hierarchisch vermittelten
Rituale sind – oder doch seien sollten.
Leben als Wandern zu verstehen, ist auch den Gedanken und Bildern anderer Denksysteme
und Ausdrucksformen von Kultur eigen. Die Anschaulichkeit
und Intensität der
sinnlichen Erfahrung der freimaurerischen Rituale wird allerdings nur selten erreicht. Das
freimaurerische Brauchtum ist nun einmal sowohl durch eine besonders sinnreiche Ritualstruktur
als auch durch eine besonders eindruckvolle gruppendynamische
Qualität des
Ritualvollzugs geprägt.
Wir Freimaurer erfahren beim Wandern, bei den Reisen, die Essenz unseres Menschseins.
Wir erleben,
dass wir unterwegs sind zwischen Geburt und Tod. Wir erleben uns im
Aufbruch und im Vollbringen. Wir erleben uns aber auch in der Gefährdung,
im Scheitern
gar und im Sterben.
Die Stimmung der »Winterreise« ist uns vertraut:
»Fremd bin ich
eingezogen, fremd zieh ich wieder
aus.« Doch wir erfahren auch schöpferische Freude, wir
erleben die Aufforderung zum Neubeginn, die Chance, aufzubrechen
zu uns selber, die Gelegenheit,
unsere besseren Möglichkeiten
auszuloten, insbesondere die Möglichkeit, das zu
werden, was wir eigentlich sind: Wir erleben eben nicht nur das »Stirb«, sondern auch das
»Werde!« Aber wir erfahren auch immer wieder, dass der Weg, neu zu empfinden, neu zu
denken, neu zu handeln und neu zu werden mühsam bleibt, und dass er nichts zu tun hat
mit Esoterikschnellkursen fragwürdiger
Provenienz,
wie sie heute so gern angeboten werden
und von denen uns gründlich abzugrenzen
eine ganz zentrale Aufgabe freimaurerischer
Öffentlichkeitsarbeit – aber auch der »Arbeit nach innen« – sein muss.
Als Wanderer erleben wir Maurer uns allein und in Gemeinschaft.
Wir werden mit der
Notwendigkeit
konfrontiert,
Einsamkeit auszuhalten und uns – auf uns zurückgeworfen

selbst zu erkennen.
Wir werden dazu angehalten, uns über uns nichts vorzumachen.
Doch
wir lernen
auch, dass Selbsterkenntnis kein Akt narzisstischer Selbstbespiegelung
bleiben
darf, dass Selbsterkennen und Selbstwerden vielmehr von unseren Fähigkeiten abhängt,
auch für den anderen da zu sein, ihn zu begleiten, ihm zu helfen, uns auch von ihm helfen
zu lassen und mit ihm zusammen unser Dasein zu meistern.
Freimaurerisches Wandern ist nicht nur auf das Erreichen von Zielen angelegt, es ist
auch Wandern im Kreise, Weitergehen und Wiederkehr zugleich. Wandern als Kreisen zu
verstehen ist von großer anthropologischer Bedeutung. Denn Kreisen heißt, einem Zentrum
verhaftet zu bleiben und doch ständig die Perspektive zu verändern. Der Prozess
der
Selbsterkenntnis ist ein solches Kreisen um die eigene Person, die es von verschiedenen
Blickpunkten aus kritisch zu betrachten gilt. Aber auch die Welt enthüllt ihren Charakter
nur »schrittweis dem Blicke«, wie es in Goethes »Symbolum« heißt. Und schließlich stellt
sich auch unser Bezug zur Transzendenz als ein stetiges Kreisen dar. Wiederum hat Rilke
dafür schöne Bilder gefunden, wenn er – ich möchte sagen durch und durch freimaurerisch
– dichtet: »Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und
ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang?« Wir wissen
nicht, und wir suchen. Wir haben die Wahrheit über Gott und uns selbst nicht parat. Der
Turm verschließt mehr als er preisgibt. Das Große im kleinen Bild, im Symbol eben, zu
235
fassen, bleibt unser Geschäft. Dass es gelingen
kann, im Unsicheren, in der Kontingenz,
Sicherheit zu gewinnen, ist für mich eine entscheidende Erfahrung gelingender Freimaurerei.
Der Diktatur des Definitiven zugunsten schwebender Möglichkeiten zu entgehen, mag
unbequem sein, aber es gibt Freiheit.
Wandern macht geistig produktiv. Die peripatetischen Philosophen um Aristoteles
wussten davon, die im Peripatos, der Wandelhalle, umhergingen, um Gedanken zu entwickeln,
die sie sich für Lehr- und Diskussionszwecke mitteilten. Friedrich Nietzsche, der
leidenschaftlich wandernde Umwerter aller Werte, hatte nicht nur am Surleifelsen blitzende
Einfälle, die sich zu gedankenmächtigen und wortschönen Aphorismen verdichteten.
Schließlich: Zur Persönlichkeitsentwicklung durch Wandern hatte schon Goethe in den
Schlusszeilen seines Gedichts über die »Perfektibilität« das Fazit gezogen:
»Willst Du besser
sein als wir, lieber Freund, so wandre!«
Wie immer wir es sehen: Das rituelle Wandern berührt den Kern unserer Person. Dass
es des Schutzes bedarf, dass es intern bleiben muss, dass es in diesem Sinne »esoterisch
«
ist, dass umgekehrt eine allzu große und unbedachte Publizität geradezu schamlos wäre,
versteht sich wohl von selbst.
3. Die Symbolik des Bauens
Die Bilderwelt des Bauens schließlich umreißt Inhalt und Ziel unserer Arbeit: Wir Freimaurer
bauen am Tempel der Humanität. Wir verstehen Sein und Zeit als sinnvoll zu gestaltende
Bauwerke. Wir gehen davon aus, dass unserem Bauen eine wertgebundene
Bauidee
zugrunde liegt, die wir – ohne jede inhaltlicher Bestimmung, fern ab von der Dogmatik
eines kreativen Designs und ohne dass die Loge zur religiösen Vereinigung
wird – mit dem
Symbol eines universellen Großen Baumeisters umschreiben. Gewiss,
wir bauen ein Fenster
zur Transzendenz,
denn »über sich« hinauszuschauen ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen.
Doch was der Maurer sieht, wenn er durch dieses Fenster blickt, ist innerhalb der
Loge sein Geheimnis, das ihm durch seine Religion
(und eben nicht durch die Freimaurerei)
vermittelt wird, und es wäre schamlos, ihn danach zu fragen.
Wir verstehen uns selbst als Bausteine, deren Auftrag und Schicksal es ist, den Weg
vom rauhen zum behauenen Stein zu nehmen, lebenslang und unabweisbar, aber – anders
als der immer wieder scheiternde Sisyphos – mit der Hoffnung auf Gelingen und auf der
festen Grundlage eines positiv-optimistischen Menschenbildes. Wir bauen eine Heimat für
Menschen, eine Heimat, die nicht nur am großen Entwurf des Tempelbaus orientiert ist,
die vielmehr vor allem im tagtäglichen Bemühen um menschenwürdige Wohnverhältnisse
in den Alltagsgehäusen unserer Mitmenschen ihren Ausdruck zu finden hat.
Bauen und Wohnen gehören zusammen. Philosophen wie Martin Heidegger, Ernst
Bloch und Otto Friedrich Bollnow, aber auch philosophierende Schriftsteller wie Antoine
de Saint-Exupéry haben betont, dass der Mensch wesensmäßig ein Wohnender ist, der auf
den Schutz durch künstlich errichtete Mauern angewiesen ist und der baut, um beheimatet
zu sein. Für Bloch ist Bauen ein Produktionsversuch menschlicher Heimat, und Heidegger
formulierte im Rahmen des viel beachteten »Darmstädter Gesprächs« zum Thema
»Mensch und Raum« im Jahre 1951: »Das Wesen des Bauens ist das Wohnenlassen. Der
Wesensvollzug ist das Errichten von Orten durch das Fügen ihrer Räume. Nur wenn wir
236
das vermögen, können wir bauen. Das Wohnen aber ist der Grundzug des Seins.« Das
»Nicht-wohnen-Können« umgekehrt, die Obdachlosigkeit, verletzt zutiefst die Würde der
davon betroffenen Menschen, nicht nur, weil der Besitz einer Wohnung eine elementare
Notwendigkeit für physisches menschliches Überleben ist, sondern auch, weil Haus und
Wohnung ganz spezifische kulturelle Identitäten stiften, über die zu verfügen gleichfalls
ein Grundanliegen der Menschen ist. Seitdem der Mensch Mensch ist, hat er gebaut,
wenn auch – die großen Baulegenden der Religionen geben darüber ebenso Auskunft wie
die abschreckenden Beispiele der Baugeschichte – das Maß des Menschlichen oft verfehlt
worden ist. Nicht nur einzelne Menschen, auch Gemeinschaften sind auf Raum und
Heimat, d.h. auf Verwurzelung an festen Orten angewiesen. Für Logen gilt dies sogar in
einem gesteigerten Maße. Ihre Lebenskraft, ihre rituelle, soziale und kulturelle Entfaltung,
die sichere Gelassenheit, mit der sie neuen Menschen anzusprechen in der Lage sind, all
das hängt davon ab, ob sie Räume besitzen, die Heimat konstituieren. Und von dieser
Heimat, diesem Heim her, macht es für uns Freimaurer heute noch Sinn, vom Geheimnis
zu sprechen.
Unser symbolisches Bauen folgt Regeln und verzichtet doch auf ein festes Bauprogramm.
Freimaurerei ist mit Ideologie und Dogma nicht vereinbar, und für den nachdenklichen
Maurer taugt kein rigide festgelegter Kurs. Gewiss: Die Freimaurerei hat zentrale
Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten
Menschen kreisen und die auch unsere Bilderwelten von Licht, vom Wandern
und vom
Bauen bestimmen. Aber Ideen sind nun einmal wie Sterne, die nie unmittelbar
erreichbar
sind und denen wir auch nicht die Pluralität der Auffassungen opfern
dürfen, zu der wir
Freimaurer uns bekennen. An Ideale darf man sich nur in offenen,
der Kritik zugänglichen
Suchprozessen annähern. Nicht selten mussten die Menschen erfahren,
wie recht der Philosoph
Karl Popper mit seiner Feststellung hat, dass »der Versuch, den Himmel auf Erden
einzurichten, … stets die Hölle (erzeugt)« und wie ratsam es ist, seiner – sehr freimaurerischen
– Empfehlung zu folgen: »Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen
wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben. Dennoch können und
sollen wir Weltverbesserer bleiben. Wir müssen uns mit der nie endenden Aufgabe begnügen,
Leiden zu lindern, vermeidbare Übel zu bekämpfen und Mißstände abzustellen.«
Auch den Freimaurern droht der Einsturz von Gebäuden, wenn sie zu sehr definieren,
ideologisieren und polarisieren, wenn Programme und verbandspolitische Profile Vorrang
haben gegenüber der einen unverzichtbaren maurerischen Grundsubstanz, bestimmt
vom
Dreiklang: intellektuelle Redlichkeit, humanitäre Gesinnung und engagierter Mit-Menschlichkeit
in allen unseren Beziehungen.
Nicht ein festgelegter rigider Plan bestimmt somit das Bauen des Freimaurers. Freimaurerei
als Baustil, darauf kommt es an. Und auch dies gilt: Kein abgeschlossener Bau
ohne einen neuen Bauauftrag, denn Bauhütten waren nie Selbstzweck, Bauhütten hatten
immer einen Auftrag, in Bauhütten wurde und wird immer
weitergebaut.
Was soll gebaut werden? Und vor allem: Wie sollen wir bauen?
Das freimaurerische Ritual gibt umfassend Auskunft: Ein Tempel der Humanität ist
es, an dem wir arbeiten, eine Heimat brüderlicher Gesinnung ist zu schaffen, eine Schule
edler Menschlichkeit soll begründet und eine sichere Stätte errichtet werden für alle, die
Wahrheit suchen. Und die Bausteine, die wir brauchen, sind »Menschen, Menschen,
immer
neue Menschen«.
237
Hier wird sie wieder klar erkennbar, die große schöpferische Leistung der Alten, Freien
und Angenommenen Maurer, die Idee des Bauens auf die soziale, auf die moralische
Welt,
auf das Leben selbst zu übertragen, Menschen als Bausteine zu verstehen, die kein passives
Material sind, die sich zwar einordnen müssen in den großen Bau der Mitmenschlichkeit,
aber nicht unter Zwang, sondern als Ausdruck individueller Verantwortung,
verfügend über
den Maßstab des Sittengesetzes, der den Freimaurer lehrt, die symbolischen Werkzeuge recht
zu gebrauchen und sie anzuwenden im offenen brüderlichen
Miteinander auf der vom Ritual
dafür bestimmten Grundlage der schönen, reinen Menschenliebe, der Brüderlichkeit aller.
Es sind die alten Sprachformen des Rituals, die uns zu ethischer Einübung verhelfen. Sie
ernst zu nehmen in ihrer nachdrücklichen Schlichtheit schützt vor einer gar nicht so seltenen
Fehlhaltung der Freimaurer: sich berauschen zu lassen vom Klang der eigenen Worte
und zu meinen, im Tempel Humanität zu sagen, hieße bereits Humanität zu verwirklichen.
Hier droht ständig die große Gefahr einstürzender Alt- und Neubauten, die es zu vermeiden
gilt. Hier ist die Falle der Unglaubwürdigkeit angesiedelt, die darin besteht, bei Zweifeln
im Inneren und bei Angriffen von außen nicht mit kritischer Prüfung und Korrektur zu reagieren,
sondern mit einem Schwall neuer Wörter, Beteuerungen und Apologien zu erwidern,
mit denen dann wiederum das Bild der tatsächlichen Freimaurerei
verfehlt wird. Die Freimaurer
haben aber nicht auf dem Markt der Parolen zu konkurrieren,
sie müssen vielmehr
mit Inhalten bestehen. Und dies ist mit Arbeit verbunden:
Die großen Bauvorgaben der
Freimaurerei – Humanität, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit,
Friedensliebe und Toleranz – treten
nur dadurch aus der Welt der Schlagworte heraus,
dass sich jeder einzelne Bruder um ihre
Konkretisierung bemüht. Wer helfen will, eine humane Welt zu errichten, muss sich ein realitätsnahes,
den Dunstkreisen der Stammtische fernes Bild der Wirklichkeit verschaffen und
mit anderen Menschen guten Willens um Erkenntnis dessen ringen, was eine humane Welt
angesichts menschenfeindlicher
Tendenzen heutzutage bedeuten kann und wie eine solche
Welt wenigstens ansatzweise zu erreichen wäre. Am Bau einer besseren Welt mitzuwirken mit
Sensibilität,
Augenmaß, Empathie und Engagement wurde immer schon als Werkaufgabe
der Freimaurerei verstanden. Den Inhalt dieser Aufgabe für unsere Zeit auszuloten, die Dimension
des Politischen für die Arbeit der Brüder, der Logen und der Großlogen in ihren
Möglichkeiten, aber auch in ihren Grenzen eindeutiger zu fassen und umzusetzen, hieran
sollte mit geschärftem Bewusstsein für das Mögliche und Nötige viel intensiver gearbeitet
werden als bisher.
4. Symbolische Ordnung, symbolischer Raum, symbolische Zeit
Die genannten drei grundlegenden und komplexen freimaurerischen Bilderzählungen vom
Licht, vom Wandern und vom Bauen sind großartige Vorgaben für das auf ihrer Grundlage
zu vollziehende dramatisch-psychologische Erleben, das Inhalt unserer Rituale ist, und die
Rituale des Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrades, die diese Bildwelten aufnehmen und variieren,
vermitteln auf überzeugende Weise, was ein freimaurerisches
Ritual zu leisten vermag:
• Ruhe und Nachdenklichkeit zu fördern,
• Erfahrung von menschlicher Entwicklung durch gemeinsamen Mitvollzug der Initiation
neuer Brüder und anderer »Übergangsriten« (Beförderungen in den Gesellen- und Erhebungen
in den Meistergrad) zu vermitteln,
238
• ethische Erziehung durch Symbole und rituelle Handlungen zu bewirken,
• Erleben von kreativer Öffnung aller Sinne durch die rituelle Multimedialität zu ermöglichen
sowie
• Impulse zur Auseinandersetzung mit menschlichen Grenzerfahrungen zu geben.
Und für mich bestätigt sich immer wieder beim Ritualvollzug, dass freimaurerische Rituale
desto überzeugender und erlebnistiefer sind, je näher sie an die universellen Kerne existentieller
Menschheitssymbole heranreichen. Doch der dramatische Akt des Rituals ereignet sich
keineswegs überall und immer. Er bedarf vielmehr einer festen Ordnung, er bedarf eines besonderen
symbolischen Raumes und einer besonderen symbolischen Zeit.
Was die Ordnung betrifft, so sind uns die Formen der Symbole und Rituale durch die
klare und feste Struktur des freimaurerischen Brauchtums vorgeschrieben. Und es ist gut,
dass hinsichtlich
der Verbindlichkeit
unserer rituellen Formen Konsens in der Bruderschaft
besteht. Nur durch den Ausschluss von Willkür lassen sich Desorientierung und Irritation
abwehren, nur so kann – im direkten wie im übertragenen Sinne – Ordnung gestiftet
werden. Gerade aber diese feste Ordnung
in den Formen gewährleistet wiederum Freiheit
im Ritualverständnis, und unser Zugang
zu Symbol und Ritual kann undogmatisch,
offen
und kreativ sein. Lessing hat diese Beziehung zwischen fester Bildvorgabe und schöpferischem
Nach-Denken in seiner Laokoon-Schrift einmal mit folgenden Worten umrissen:
»Dasjenige … allein (ist) fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel lässt. Je mehr wir
sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können. Und je mehr wir dazu denken, desto
mehr müssen wir zu sehen glauben.« Diese subjektiven
schöpferischen Annäherungen an
ein Ritual, das in fester Form bewahrt wird, müssen wir hüten als kostbaren Schatz in einer
Zeit, in der Formen häufig entweder banalisiert, wenn nicht gar zerstört, oder fundamentalistisch
eingemauert und sektiererisch übersteigert
werden.
Schließlich: Im freimaurerischen Ritual gehören symbolischer Raum und symbolische
Zeit untrennbar zusammen. Der symbolische Raum wird vom Meister vom Stuhl »geöffnet
«. Doch dieser Raum wird erst dadurch zu einem besonderen, von anderen Räumen
unterschiedenen Raum, dass gleichzeitig die symbolische Zeit beginnt. »Zum Raum wird
hier die Zeit«, so heißt es – wenn auch nicht für das freimaurerische Ritual formuliert, so
doch treffend in der Bedeutung – in Richard Wagners Parsifal. Erst durch den Hinzutritt
der symbolischen Zeit gewinnt der Raum seinen Charakter als Symbol der Vollendung.
Wird nun die Loge als symbolischer Raum geöffnet oder wird die rituelle Arbeit als
symbolische
Zeit eröffnet?
Die großen deutschen Ritualreformer und -autoren waren sich nicht einig, wie die alte
englische
Formel »I declare the Lodge duly open« korrekt zu übersetzen sei. Friedrich
Ludwig Schröder spricht von öffnen, Ignaz Aurelius Feßler – zeitgleich – von eröffnen,
und
das »Sonnenritual« Johann Caspar Bluntschlis folgt ihm darin, während es im Ritual der
Großloge AFuAM wiederum öffnen heißt.
Doch was für Worte wir auch immer verwenden, ihr Sinn ist das Entscheidende. Und
Sinn der Öffnungsformel kann doch nur sein, dass wir als am Ritual teilnehmende Brüder
unsere ganze Aufmerksamkeit im Augenblick des Hammerschlags des Meisters dafür öffnen
und dafür schärfen, dass etwas Besonderes geschieht, nichts Magisches freilich, nichts
Heiliges im Sinn der Religion, nichts von uns Unabhängiges, sondern etwas, das in uns ist,
das von uns ausgehend
in uns aktiviert wird. Findet diese Aktivierung nicht statt, bleiben
239
wir unkonzentriert und abgelenkt, so war der öffnend-eröffnende Hammerschlag des Meisters
vergeblich. Wir selbst, die im Tempel versammelten Brüder, sind es nämlich, die für
die besondere Qualität von symbolischem Raum und symbolischer Zeit als grundlegende
Ordnungssymbole der Freimaurerei verantwortlich sind.
»Öffnen« der Loge, Beginn der symbolischen Zeit heißt: Öffnen des Bewusstseins von
uns Brüdern für den besonderen Raum, der uns hier umgibt, einen Raum, der uns schützt,
der uns Heimat gibt, der insofern unser »Geheimnis« ist – denn Geheimnis meint sprachgeschichtlich
nichts anderes als das zum Heim gehörende – und der uns doch zugleich
wachen Sinnes mit unseren Mitmenschen, mit den Problemen der Welt, mit Natur und
Kosmos und mit unseren Aufgaben, unserer Verantwortung im Hier und Jetzt verbindet.
Denn der symbolische Raum der Loge – wir haben es früh gelernt – ist universell und
unendlich, wie unsere Aufgabe, Gutes
zu tun; reicht er doch von Ost nach West, von Süd
nach Nord und vom Mittelpunkt der Erde bis zu den Sternen.
Und die symbolische Zeit? »Die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raum ist«,
betont der französische Dichter Antoine de Saint-Exupéry. Dies wird von ihm weiter erläutert:
»Denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns
verbraucht und zerstört, sondern als etwas, das uns vollendet. Es ist gut, wenn die Zeit ein
Bauwerk ist.« Das Mittel, die Zeit zu gestalten, ist ihre Gliederung durch herausgehobene
Haltepunkte. Die symbolische Zeit unserer Tempelarbeit
soll ein solcher Haltepunkt sein,
kein sozialer Ausstieg,
wohl aber eine Atempause im Strom der geschäftigen Zeit, ein festliches
und zugleich besinnlich-schöpferisches »Moratorium des Alltags« (Odo Marquard).
Symbolischer Raum und symbolische Zeit gehören zusammen. Und sie gehören
zu
uns, sie sind unsere Heimat, und sie sind unser Geheimnis. An diesem Geheimnis haben
nur die Anteil, und können auch nur diejenigen Anteil haben, die dabei sind, wenn der
Meister mit dem wichtigsten Hammerschlag der rituellen Arbeit die Loge öffnet
und wenn
die symbolische Zeit beginnt. Dieses Geheimnis kann tatsächlich nicht verraten werden,
man kann es nur miterleben.
Immer, wenn Brauchtum und Ritual vernachlässigt oder für Schauzwecke instrumentalisiert
wurden, verlor die Freimaurerei ihre identitätstiftende Grundlage. Freimaurer, Logen
und Großlogen haben daher nicht zuletzt der Gefahr zu begegnen, das Ritual einer falsch
verstandenen Modernität zu opfern. Im Gegenteil: Die schöpferische
rituelle Arbeit erst,
das Arbeiten mit den großartigen Bilderwelten des Lichts, des Wanderns und des Bauens,
sichert den Kern der Freimaurerei, ist Brücke über die Zeiten
und übt den Bruder ein in
den richtigen Umgang mit sich selbst, mit der Transzendenz,
mit anderen Menschen und
mit den Dingen der Welt. Kurz: Die oft so unzeitgemäß
empfundenen Rituale tragen bestimmend
dazu bei, Freimaurerei als sozial tragende und Daseinsorientierung vermittelnde
Lebenskultur zu erhalten. Denn Freimaurerei ist nicht mehr und nicht weniger als ethisch
orientierte Freundschaft, eingeübt und gefestigt
durch eine lichte Symbolik, die uns wandern
und bauen, denken und fühlen, leben und sterben lehrt.
240
Plädoyer für die Säule der Schönheit –
Zur ästhetischen Dimension der Freimaurerei
Drei Säulen bestimmen die symbolische Struktur des freimaurerischen Tempels. Sie tragen
den Bau gemeinsam. Zeigt eine von ihnen Risse, so gerät der Bau ins Wanken. Und doch:
Fragte man in den Logen, ob es eine Rangfolge der Säulen gäbe, so lägen Weisheit und Stärke
vermutlich deutlich in Front, und die Schönheit hätte Mühe, Schritt zu halten. Auch
die Sprache
der Rituale weist auf eine solche Nachrangigkeit der Schönheit hin: Während
Weisheit
und Stärke den Bau »leiten« und »ausführen«, soll Schönheit – ein lediglich ist hier
durchaus berechtigt – »zieren« oder »vollenden«.
Dass der Schönheit diese eher untergeordnete Bedeutung beigemessen wird, scheint mir
nicht gerechtfertigt zu sein. Denn für mich ist Schönheit nach alter Freimaurertradition
nicht nur das zentrale Gestaltungsprinzip des Tempelbaus, und zwar auch bezüglich des
freimaurerischen
Verständnisses von Ethik und Moral, sondern Schönheit ist auch das,
was die Freimaurerei
von anderen, dem Nachdenken oder dem moralischen Handeln gewidmeten
gesellschaftlichen
Assoziationen unterscheidbar macht. Deshalb habe ich diese
Betrachtung »Plädoyer für die Säule der Schönheit« genannt und einige Gedanken zur
ästhetischen Dimension der Freimaurerei formuliert.
Dimensionen einer »Königlichen Kunst«
Freimaurerei verstand sich von Anbeginn als eine »Königliche Kunst«. Früh schon in der
Geschichte des Bundes, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, entstand in den Logen – sowohl im
Denken als auch in der kommunikativen Praxis der Brüder und oft eher spontan gefunden
als bewusst entworfen – das Ideal eines guten moralischen Lebens, die Vision eines auf brüderlichem
Miteinander beruhenden menschlichen Glücks1.
In seiner Umsetzung in die Logenpraxis verband
dieses Konzept in sehr unterschiedlichen
nationalen und regionalen Ausprägungen drei Elemente – Geselligkeit, aufklärerisches
Denken
und rituelle Praxis –, und es fand in der Metapher vom »Tempelbau der
Humanität«, an dem der Freimaurer arbeitet und der von den drei Säulen Weisheit, Stärke
und Schönheit getragen
wird, seinen begrifflich-symbolischen Ausdruck. Leben und Lebensästhetik
gehörten für die Freimaurer schon früh untrennbar zusammen, Ethik und
Kunst ergänzten sich, moralische
Praxis entfaltete sich im ästhetischen Raum von Loge
und Gesellschaft.
Die Logen der Freimaurerei waren von Anfang an Vereinigungen, die ihre Auffassung
vom Menschen, von seinem Verhältnis zur Gesellschaft sowie von den Prinzipien, die
sie für ein gelingendes Leben entwickelten, durch Kunst, durch bildhafte Symbole ausdrückten.
Diese Symbole waren vielfach dem Handwerk der Steinmetzen und ihren Bilder-
und Legendenwelten
entnommen und waren somit älter als das »System of Morality
«, dessen Veranschaulichung
sie dienen sollten. Es flossen in sie auch mannigfaltige
1 Vgl. Gutjahr, Ortrud/Kühlmann, Wilhelm/Wucherpfennig, Wolf: Vorwort, in: dieselben (Hrsg.), Gesellige
Vernunft. Zur Kultur der literarischen Aufklärung, Würzburg 1993, S. XI.
241
esoterisch-hermetische
Traditionen der abendländischen Kulturgeschichte ein, und es wurden
später – insbesondere
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – für spezifische
Hochgradbedürfnisse dazu Symbole
und Legenden der Ritterorden, die an sich wenig mit
der freimaurerischen Tradition zu tun hatten, zwecks Abrundung der freimaurerischen
Symbolik adoptiert.
Zu diesen in Form, Inhalt und Herkunft zwar heterogenen, doch im Wesen übereinstimmenden
Bilderwelten der Freimaurerei
kamen als weitere ästhetische Elemente Sprache und
dramatische Gestaltung der Rituale hinzu. Die Sprache der Rituale brachte nicht nur die
moralischen Lehren der Freimaurer zum Ausdruck, sie folgte auch bestimmten
Regeln
des Sprechens und des dramatischen Ablaufs und war durch einen Sprachduktus
und
Sprachrhythmus bestimmt, der das Ritual wiederum in die Nähe der Musik rückte. Sicherlich
ginge es zu weit, Nietzsche paraphrasierend von einer »Geburt der Freimaurerei aus
dem Geiste der Musik« zu sprechen. Doch es gibt in den vielfältigen Erscheinungsformen
des freimaurerischen Brauchtums keine Rituale – jedenfalls keine gelungenen Rituale – ohne
Musikalität, insbesondere ohne Rhythmus, Rhythmus als einer archaischen Orientierungsund
Ordnungsform des Menschen. »Rhythm is it«, diese Feststellung Sir Simon Rattles,
die ja auch zum Titel eines faszinierenden Filmes über die Aufführung von Strawinskys »Le
Sacre du Printemps« mit Berliner Schülern und den Berliner Philharmonikern
geworden
ist, bringt eine wichtige anthropologische Grundeinsicht treffend auf den Punkt.
Hinzu kommt die für das Ritual kennzeichnende Stimmung der Feierlichkeit. Das Ritual
hat nun nicht nur Rhythmus in Sprache und Drama, es erzeugt auch ein hohes Maß
an Emotionalität.
Dass die feierlichen Zusammenkünfte der Freimaurer durch Stimmungen
geprägt waren, war nun wiederum ein weiteres Eingangstor der Musik. Bis heute gehört
Musik zur Freimaurerei und trägt sehr wesentlich dazu bei, dass die »Königliche
Kunst« in
ihrer Gesamtheit
in der Lage ist, neue Gemütslagen zu entdecken und seelische
Bereiche
konstruktiv zu erweitern. Musik generiert eine festlich gehobene, eine – dennoch!
– optimistische
Stimmung, eine Gefühlslage, die positive Empfindungen mit Ordnung und
Maß verbindet und die hilft, jene »gesellige Vernunft« zu bewahren, die seit den Tagen
der Aufklärung immer wieder kennzeichnend
für die Kultur der Freimaurerei gewesen ist.
Formen und Inhalte, Emotionalität und Rationalität, Esoterik und Exoterik, Symbole
und Gedanken
– dies alles bestimmte in unterschiedlichen Mischungen die Vielschichtigkeit
der »Königlichen Kunst« und verlieh der Freimaurerei eine bis heute fortwirkende,
gleichsam »gesamtkunstwerkliche« Struktur.
Kunst und Künstler
Die ästhetische Qualität der Freimaurerei, umhüllt von der Arkandisziplin der Logen, hat
von Anfang an die künstlerische Phantasie gereizt. Dies gilt für Freimaurer wie Nichtfreimaurer
und hat sehr stark mit dem Wechselspiel von Angriff und Apologie zu tun. Bildende
Künstler und Literaten außerhalb der Logen attackierten und verspotteten den Bund, während
ihn freimaurerische
Künstler und Schriftsteller verherrlichten, lobten und verteidigten.
Zahlreiche
auf Loge und Freimaurerei fokussierte Essays, Romane und Theaterstücke erschienen
insbesondere
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Teils ließen ihre Autoren
der Phantasie freien Lauf, teils versuchten sie, Für und Wider sorgfältig abzuwägen. Doch
242
wir erleben auch gegenwärtig eine Welle von Freimaurerromanen von Umberto Ecco bis
Dan Brown, was als ein weiterer Beleg dafür gedeutet werden darf, dass spätes 18. Jahrhundert
und Postmoderne mancherlei Gemeinsamkeiten entdecken lassen.
Was die Mitgliedschaft in Freimaurerlogen betraf, so war sie von Anfang an für Künstler
attraktiv. Es war nicht nur das erwähnte Wechselspiel der Formen und Ideen, welches sie
reizte, weil es ihre Phantasie beflügelte. Es war sehr wesentlich auch der Umstand, dass
die Sozialform »Loge« den Künstlern in einer durch Auflösung des barocken Standesgefüges
unsicher
gewordenen gesellschaftlichen Umwelt sozialen Halt vermittelte. Parallel
zum Typus des freischaffenden Künstlers, wie er im 18. Jahrhundert aufkommt, entsteht
die Sehnsucht nach einer neuen gesellschaftlichen Dazugehörigkeit, die auch Mozart in
seine Wiener Loge führte. Das Bedürfnis nach standesübergreifender sozialer Integration
rührte auch daher, dass Kunstschaffende
und ausführende Künstler im 18. Jahrhundert
in der Hierarchie der Stände noch ziemlich weit unten
standen. Sie suchten menschliche
Begegnung von gleich zu gleich, als »bloße Menschen« – so Lessings Formulierung –, »auf
der Winkelwaage«, wie die Freimaurer in ihrer Symbolsprache
sagen.
Wie Mozart konnten sich viele andere Künstler und unter ihnen insbesondere Komponisten
in der Loge heimisch fühlen, zumal die Geselligkeit der Freimaurerei im 18. und im
19. Jahrhundert
viel mehr als in späteren Zeiten eine ausgesprochen »musikalische Geselligkeit
« gewesen
ist. Umgekehrt interessierten sich die Logen schon früh für die Künstler, die
schöpferisch-gestaltenden
ebenso wie für die ausführenden. Denn Geselligkeit und Ritual
bedurften einer gekonnten
Umsetzung des formgebenden und stimmungvermittelnden
Faktors Kunst.
Freimaurerische Musik
Als freimaurerische Kultur voll entfalten konnten sich die Künste in den Logen allerdings
erst, als diese – nach der Vorstufe adliger oder gar fürstlicher Tempel- und Gartenanlagen,
beginnend in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – über eigene Logenhäuser verfügten,
die im weitesten
Sinne, d.h. auch im Sinne von Lebens- und Geselligkeitskultur zu kulturellen
Zentren wurden. Die bildenden Künstler konnten nun über Symboldarstellungen für
Schurze und Arbeitsteppiche
hinausgehen. Es entstanden großformatige Bilder, Reliefs und
Ausmalungen
von Tempel- und Gesellschaftsräumen. Es entwickelte sich eine spezifische
Innen- und Außenarchitektur
der Logenhäuser, die einerseits die Stile der Zeit aufnahm
(insbesondere
Klassizismus,
Gründer- und Jugendstil), diese Stile andererseits jedoch durch
bildhafte und skulpturale Elemente der freimaurerischen Symbolik anreicherten. Gelegentlich
übertrugen
Freimaurer im Architektenberuf auch freimaurerische Ideen und Symbole
auf die von ihnen gestalteten Profanbauten. Dies lässt sich etwa an dem vom Leipziger Freimaurer
Clemens
Thieme gestalteten Völkerschlachtdenkmal aufzeigen, wenn auch die These,
Thieme habe den Denkmalsbau geradezu als freimaurerischen Tempel gestalten wollen,
über das Ziel hinausschießt.
Auch die freimaurerische Musik profitierte vom großzügigen Raumangebot der
Logenhäuser.
Die Musiker freuten sich über die zunehmenden Möglichkeiten der größer
und wohlhabender
werdenden Logen, Instrumente anzuschaffen und zu installieren, insbesondere
Orgeln und hochwertige Klaviere bzw. Flügel. Auf diesen konnten dann gele243
gentlich auch europaweit
berühmte Freimaurer-Virtuosen wie Franz Liszt ihre Fähigkeiten
beweisen.
Früh schon wurde in den Logen musiziert und gesungen, zuerst beim heiteren Beisammensein
nach der rituellen Arbeit, später – vor allem seit der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts – auch im Ritual. Die Lieder bei der Tafel waren zunächst oft freimaurerisch
adaptierte Volkslieder, teilweise sogar ausgesprochene Gassenhauer. Zeitgenössischen Zeugnissen
zufolge waren die frühen Freimaurer durchaus lustige Brüder, Männer, die schon
einmal über die Stränge schlugen, wie etwa der Maler und Kupferstecher William Hogart
– selbst Freimaurer – auf seinem Stich »Nacht« aus dem bekannten Tageszeitenzyklus
zeigt, wo eine empörte Bürgerin über dem lärmend nach Hause schwanken Freimaurer
gar das Nachtgeschirr entlädt. Schon der Autor der Konstitutionsurkunde der englischen
Freimaurer – der sogenannten »Alten Pflichten« aus dem Jahre 1723 – fühlte sich daher zu
Ermahnungen veranlaßt. Im Abschnitt »Vom Betragen, wenn die Loge vorüber ist, die Brüder
aber noch nicht auseinander gegangen sind« findet sich das folgende Monitum:2 »Ihr
mögt Euch in unschuldiger Lust ergötzen und Euch einander nach Kräften bewirten. Ihr
müßt aber jede Ausschweifung vermeiden und keinen Bruder zwingen, über seine Neigung
zu essen und zu trinken, oder ihn am Weggehen hindern, wenn ihn seine Angelegenheiten
abrufen«, und in einem um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entstandenen Berliner
Freimaurerlied wird die Tugend der Zurückhaltung gar besungen:3
»Tobend schwärmen, taumelnd lärmen
darf der Maurer nicht;
sich mit Anstand freuen, Lasterfeste scheuen
ist des Maurers Pflicht.«
Freimaurerei als alternative Geselligkeit zur bisher dominierenden höfischen Festkultur
musste offensichtlich erst ihre Formen und Regeln finden, was dann vor allem mit den
Tafellogen-Ritualen geschah, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich entstanden
und bald nach Deutschland übernommen wurden. Tafellogen schließen sich gewöhnlich
an Aufnahmearbeiten an oder werden an besonderen Festtagen der Loge (Johannisfest, Stiftungsfest,
Logenjubiläum) abgehalten.4 Bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein waren sie
von maurerischer Musik, Instrumentalkunst oder Chorgesang der Loge begleitet, weshalb
die Tafelmusik oft sehr reichhaltig war. Für die große Rolle der Musik bereits vor der Tafellogenzeit
mag ein Bericht über das Johannisfest der Bayreuther Loge »Zur Sonne« im Jahre
1753 zeugen, in dem es heißt: »Daraufhin brachte man eine Reihe weiterer ›Gesundheiten‹
aus, allesamt begleitet von Kanonendonner und vom Schein der Feuerwerkskörper und unterbrochen
nur von Freimaurerliedern und den Takten der Hofkapelle.«5 Was das Verhältnis
2 Text in Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar: Internationales Freimaurerlexikon, Wien/München 1932, S. 19.
3 Maurice, Florian: Freimaurerei um 1800. Ignaz Aurelius Feßler und die Reform der Großloge Royal York
in Berlin, Tübingen 1997, S. 268.
4 Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar: Internationales Freimaurerlexikon, a.a.O., Spalte 1552f.
5 Schindler, Norbert: Freimaurerkultur im 18. Jahrhundert. Zur sozialen Funktion des Geheimnisses in
der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft, in: Berdahl/Lüdtke/Medick/Poni/Reddy/Sabean/Schindler/
Sider: Klassen und Kultur. Sozialanthropologische Perspektiven in der Geschichtsschreibung, Frankfurt
am Main 1982, S. 213ff.
244
zwischen Loge und Hof betrifft, so fand – wie Norbert Schindler herausgearbeitet hat – offenbar
im Ringen um neue Formen der Geselligkeit »hinter den Kulissen wohlabgewogener
festlicher Harmonie … ein Machtkampf um symbolische Positionen statt, in dem die Freimaurerloge
die Mittel der traditionellen Kultur aufgreift, um sie gegen diese einzusetzen«.6
Doch die Freimaurer waren nicht nur heiter und gesellig, sie waren auch ernsthaft und
besinnlich, und dieser Wesenszug hat sich gleichfalls in der freimaurerischen Musik niedergeschlagen.
Zunächst wurden Kirchenliedern oder Huldigungshymnen freimaurerische
Texte unterlegt. Die englischen Brüder Freimaurer sangen beispielsweise nach der Melodie
von »God save the King« den Text »Hail masonry divine«.7 Nachdem die Musik zu einem
festen Bestandteil auch der freimaurerischen Rituale geworden war, stieg die Zahl der Kompositionen
für den Logengebrauch stark an.
Freimaurerische Musik musste produziert und aufgeführt werden, und so regte sich schon
bald nach dem Entstehen der modernen Freimaurerei durch die Gründung der Londoner
Großloge im Jahre 1717 das Interesse der Logen, Musiker in ihre Reihen aufzunehmen. Es
entstand die Kategorie der »Musikalischen Brüder«, die sich für Komposition, Arrangement
und Ausführung von Ritual- und Tafelmusiken zur Verfügung stellten und in einzelnen Logen
einem eigenen Musikmeister unterstanden, der wiederum dem Vorstand der Loge, dem
sogenannten »Beamtenrat« angehörte. Vielerorts gab es Chorsänger und Instrumentalisten
in den Logen, zahlreiche Logen verfügten zumindest über Pianisten und Streichquartette, zu
Beginn des 20. Jahrhunderts erfreute sich das Bläserquartett Dresdner Freimaurer nachgerade
überregionaler Berühmtheit, und bis in die Gegenwart hinein gehören bekannte Opernsänger
zu den musikalischen Brüdern. Die Logen veranstalteten auch Konzerte für das allgemeine
Publikum und trugen auf diese Weise oft wesentlich zum Kulturleben der Städte bei. Die
erste Mitteilung über die Aufnahme eines Musikers findet sich übrigens in den Protokollen
der »Witham Lodge« im englischen Lincoln bereits am 2. Januar 1732, wo es heißt:8 »Br.
Every empfiehlt Mr. Stephan Harrison aus London, Musikmeister, als geeignetes Mitglied
und erklärt sich bereit, eine Guinee zu den Aufnahmekosten beizutragen … Im Hinblick
darauf, daß Mr. Harrison der Loge von Nutzen sein und zur Unterhaltung beitragen werde,
beschließt die Loge, die Aufnahme für 3 Pfund, 13 Schilling, 6 Pence vorzunehmen.«
Ihren Gipfel erreichte die freimaurerische Musik zweifellos durch Mozart, der neben
der Zauberflöte
und dem instrumentalen Höhepunkt seiner »Maurerischen Trauermusik
« eine Reihe von Einzelgesängen und Kantaten für seine Wiener Loge komponierte.
»Laut verkünde unsre Freude froher Instrumentenschall, jedes Bruders Herz empfinde dieser
Mauern Widerhall
«, dieses Textbeispiel aus der »Kleinen Freimaurer-Kantate« bezeugt
Ethik und Stimmung der Freimaurerei ebenso wie die Schlussstrophe des »Maurergesangs«,
der zum Ende der Loge gesungen wurde und in deren zweiter Strophe es heißt: 9
»Tugend und die Menschheit ehren,
sich und andren Liebe lehren,
sei uns stets die erste Pflicht.
6 Ebenda.
7 Lennhoff, Eugen/Posner, Oskar: Internationales Freimaurerlexikon, a.a.O., Spalte 1077.
8 Ebenda, Spalte 1078f.
9 Die Texte zu Mozarts Freimaurermusik sind veröffentlicht in: Strebel, Harald: Der Freimaurer Wolfgang
Amadé Mozart, Stäfa (Schweiz) 1991, S. 160ff.
245
Dann strömt nicht allein im Osten,
dann strömt nicht allein im Westen,
auch im Süd und Norden Licht.«
Es ist eine helle, lichte Stimmung, die hier vermittelt wird: Die Welt ist gut, der Mensch ist
gut, vom Plan der Schöpfung her zumindest, und wenn er an sich arbeitet, wenn er den rauhen
Stein seiner Persönlichkeit formt, dann kann der Bau einer besseren Welt gelingen, und
zwar weltweit als Ausdruck einer globalen Hoffnung, denn – so endet die letzte Strophe:
»Es umschlinge diese Kette,
so wie diese heil’ge Stätte,
auch den ganzen Erdenball.«
Diese Worte sind Widerspiegelungen freimaurerischer Ideen, doch gleichzeitig auch Ausdruck
von Stimmungen: Von »Freude« ist die Rede und vom »Herz des Bruders«, das zuerst
da ist und danach erst die Zunge reden lässt.
Stimmung10 ist nun – insbesondere Martin Heidegger hat nachdrücklich darauf verwiesen
– eine sehr ursprüngliche Seinsart des Menschen. Die emotionale Befindlichkeit des
Menschen, seine Stimmung eben, erschließt die Welt noch vor dem theoretischen Verstehen.
Stimmungen
eröffnen Sinnzusammenhänge und vermitteln Impulse zum Handeln.
Insbesondere der Tübinger Philosoph und Pädagoge Otto Friedrich Bollnow (aufgrund
eines Vorschlags aus der Kölner Loge »Ver Sacrum« Träger des Literaturpreises deutscher
Freimaurer) hat dabei die Bedeutung gehobener
Stimmungen wie Glück, Freude, »Festigkeit
des eignen Selbst«, Überzeugungsgewissheit,
Verbundenheit mit anderen Menschen,
Getragensein, Geborgenheit und Vertrauen für die psychische, geistige und moralische
Entwicklung des Menschen eindrucksvoll
hervorgehoben,
vor allem in seiner durchaus für
die Freimaurerei heutzutage wiederzuentdeckenden Schrift »Das Wesen der Stimmungen«.11
Das Erzeugen solch guter, gehobener Stimmungen ist nun auch ein ganz zentrales
inneres Form- und Gestaltungsprinzip der Freimaurerei. Das Herstellen von Stimmungen
durch den Zusammenklang von Worten, symbolischen Handlungen, Bildern und Musik ist
wohl das wichtigste pädagogische Medium der Freimaurerei bis in die Gegenwart hinein.
Freimaurerei
bedeutet auch heute sehr wesentlich die Einladung, sich besser zu fühlen, um
die Möglichkeit
zu erfahren, besser zu werden.
Kunst und Lebenskunst
Freimaurerei als »Königliche Kunst« war aber nicht nur ein Sammelbecken der Künste und
der Künstler. Sie verstand sich von Anfang an auch als Lebenskunst. Die Schönheit, von
der das Ritual als einer Säule des Tempels spricht, war nicht nur eine ästhetische, sondern
auch eine moralische Kategorie. Der Tempel der Humanität, an dem die Freimaurer bauen,
10 Vgl. Stichwort »Stimmung« in, Brockhaus Enzyklopädie, 18. Band, Wiesbaden 1973, S. 145f., sowie die
dort angegebene Literatur.
11 Bollnow, Otto Friedrich: Das Wesen der Stimmungen, 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, Frankfurt
am Main 1943.
246
ist Symbol für ein menschliches Verhalten, das – gewiss – von Weisheit geleitet und durch
Stärke vollbracht werden soll, das sich aber erst in Schönheit vollendet. Die Tugenden
eines guten Lebens galt und gilt es im Tempel einzuüben, und so waren Bilderwelt, Sprachduktus
und Musik der Rituale nicht ästhetischer Selbstzweck, sie waren auch kein bloßes
Nebeneinander
verschiedener Künste, sie bildeten und bilden in ihrer Gesamtheit vielmehr
Einübungsstätte
und Einübungsmilieu für ein tugendvolles Verhalten, in dem ethisch orientiertes
Denken
und moralisches Handeln zusammengeführt werden.
Arbeit an der »Säule der Schönheit«
Freilich ist die ästhetische
Dimension der Freimaurerei in den letzten Jahrzehnten der freimaurerischen
Geschichte in starkem Maße verschüttet gewesen. Oft fehlte es an Verständnis
dafür, an geeigneten Künstlern und an materiellen Möglichkeiten. Doch inzwischen ist die
»ästhetische Dimension der Freimaurerei« zumindest in Teilen unseres Bundes wiederentdeckt
worden, teils aufgrund wachsender Einsicht, dass diese Dimension für die Praxis der
Freimaurerei von großer Bedeutung ist, teils wegen neuer Paradigmen der freimaurerischen
Forschung.
Ein paar abschließende Bemerkungen hierzu:
Die insbesondere auf den Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck zurückzuführende Renaissance
der wissenschaftlichen Freimaurerforschung nach dem Zweiten Weltkrieg hat den
ästhetischen Bereich weitgehend
ausgespart. Für Koselleck und viele Forscher, die ihm folgten,
ging es um das »Politikum
Freimaurerei« im 18. Jahrhundert, um Wesen und Bedeutung
des vom Geheimnis geschützten
»moralischen« Innenraums der Logen in einem spätabsolutistischen
politischen Umfeld, in dem »die Freiheit im Geheimen« zum »Geheimnis der Freiheit
« werden konnte (Koselleck). Dies war und ist eine wichtige, aber eben nur eine partielle
Möglichkeit der Betrachtung. Die Entdeckung von Bilderwelt und Ritualen, die Betonung
der Esoterik, der sich die Ästhetik der Freimaurerei sehr wesentlich verdankt, als einem legitimen
Bestandteil der freimaurerischen Forschung ist insbesondere der Hallenser Geschichtsprofessorin
Monika Neugebauer-Wölk zu verdanken. Vor allem im Anschluss an ihre Forschung
sowie die Arbeiten ihrer Mitarbeiter erscheint es nun sehr lohnend, den Gesamtbereich
der freimaurerischen Ästhetik verstärkt in die freimaurerische Forschung einzubeziehen.
Dem kommt entgegen, dass es inzwischen auch eine sich erfolgreich entwickelnde
internationale
Ritualforschung gibt, in der auch die Freimaurerei
mit ihren Symbolen und
Ritualen eine größere Rolle spielt.
Was die Praxis betrifft, so belegen
viele Beispiele aus der Gegenwartsästhetik der Freimaurerei,
vor allem was die Innenarchitektur
der Logentempel und die musikalische Praxis
der rituellen Arbeiten betrifft, zunächst
bedauerliche Niveauverluste. Andererseits bezeugen
die musische Neuorientierung zahlreicher Logen und nicht zuletzt die vielen Künstler,
die sich in der freimaurerischen Künstlervereinigung »Pegasus« als einem herausragenden
Forum gestalterisch-kreativer Freimaurerei zusammengeschlossen haben (darunter so bekannte
wie der Maler und Bildhauer Otmar Alt) eine nachhaltige Wiederentdeckung
der
ästhetischen Dimension
der Freimaurerei, und es spricht vieles für die These, dass es gerade
247
diese Besinnung auf ihre ureigenen kulturellen Traditionen ist, was die Freimaurerei in der
postmodernen Gesellschaft
des 21. Jahrhunderts mit ihrer »neuen Unübersichtlichkeit«
(Jürgen Habermas) unterscheidbar
sowie lebens- und entwicklungsfähig bleiben lässt.
Wenn dies aber so ist, so stellen sich Fragen, die ein Bemühen um Antworten lohnend erscheinen
lassen:
• Wie können Freimaurer und Freimaurerinnen, Großlogen und Logen heute den Ansprüchen
ihres eigenen ästhetischen
Erbes genügen? Welche Aufgaben für die bildenden
Künste, die Musik und die Verhaltenskultur
stellen sich ihnen?
• Entspricht die heutige Mitgliederstruktur der Freimaurerei überhaupt den Anforderungen,
Kunst in den Logen stimmig zu praktizieren? Und welche Anforderungen sind
hier für das Gewinnen neuer Mitglieder erkennbar?
• Wo sind Beispiele für erfolgreiche Versuche, Freimaurerei als »Gesamtkunstwerk« inklu-
sive
ihrer ästhetischen Dimension wirksam lebendig zu halten? Und wie lassen sich die
Beispiele
verallgemeinern?
• Was kann im Hinblick auf die ästhetische Dimension der Freimaurerei von den Logen
der Freimaurerinnen gelernt werden? Welche Möglichkeiten und welchen Gewinn lässt
ein Ausbau
der Kooperation zwischen Männer- und Frauenlogen im »Konzeptions- und
Handlungsfeld
Ästhetik« erwarten?
Darum noch einmal: Drei Säulen hat der Tempel. Schönheit gehört dazu. Als Grundelement
der Freimaurerei, nicht als Dekor. Freimaurerinnen und Freimaurer sollten gemeinsam
daran arbeiten, dem »Konzeptions- und Handlungsbereich Ästhetik« die ebenso berechtigte
wie erforderliche Bedeutung zuteil werden zu lassen.
248
Begleiter der Zeit: Engagement und Reflexion
1971–2010
In den zweiten Teil des Bandes habe ich eine Reihe von Texten aufgenommen, die während
meiner Zeit als Meister vom Stuhl der Loge Ver Sacrum, Großredner und Redner der Großloge
A.F.u.A.M., zug. A.F.u.A.M.-Großmeister, Senatsmitglied der VGLvD und Vorsitzender
der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft »Quatuor Coronati« entstanden sind. Sie sollen
einmal zeigen, wie sich die Entwicklung der Zeit in meiner Wahrnehmung gespiegelt hat,
wie ich die Probleme der Freimaurerei jener Jahre perzipiert habe und welches meine Überlegungen
hinsichtlich der Entwicklungsperspektiven und Handlungsoptionen der Freimaurerei
in Deutschland gewesen sind. Sie dokumentieren auch die Entwicklung meiner persönlichen
Sichtweisen im Hinblick auf den Bund. Dabei zeigen sich Akzentverschiebungen und
Kontinuitäten, die letztlich auf die Überzeugung hinauslaufen, dass Freimaurerei als ethisch
orientierter Freundschaftsbund mit einer symbolisch-rituellen Lehr- und Erfahrungsmethode
nicht nur eine bedeutende Vergangenheit, sondern auch eine hoffnungsvolle Zukunft besitzt,
wenn sie es versteht, ein klares Konzept mit einer menschlich überzeugenden freimaurerischen
Praxis zu verbinden.
Die Beiträge sind unverändert und lediglich orthographisch überprüft. Ihre Authentizität
ist freilich mit dem Nachteil gelegentlicher Wiederholungen verbunden, wenn auch
bekannte Standpunkte oft neu und anders akzentuiert und in veränderte Kontexte eingeordnet
sind. Die Texte bedürfen keiner weiteren Einführung. Nur den beiden ersten
Beiträgen möchte ich einige Anmerkungen vorausschicken. Sie stammen beide aus dem
Jahre 1971 und waren – gleichsam als »68er Spuren« – als Beiträge zu der damals immer
intensiver werdenden freimaurerischen Reformdiskussion gedacht, die vor allem in der
Großloge A.F.u.A.M. stattfand, für die aber auch Foren in den Vereinigten Großlogen
von Deutschland zur Verfügung standen. Mit diesen Beiträgen sollte ein Versuch gemacht
werden, einen Ausweg aus den damals bereits deutlich erkennbaren Stagnationstendenzen
des Freimaurerbundes aufzuzeigen. Heute würde ich die Akzente anders setzen: Einmal ist
die rituelle Komponente der Freimaurerei für mich im Laufe der Zeit wichtiger geworden,
und ich bin mittlerweile mehr an einem plausiblen »Gesamtkonzept von Freimaurerei«
interessiert, das gleichermaßen Geselligkeit, ethischen Diskurs und Ritual als feste, in dieser
Form nur in der Freimaurerei anzutreffende Gesamtheit einbezieht. Zum anderen sehe ich
die Grenzen klarer, die einem öffentlichen Engagement des Bundes entgegenstehen. Meine
jetzige Position hierzu ist in zahlreichen Beiträgen zu diesem Band dargelegt.
Weil ich jedoch meine, dass meine Beiträge von 1971 recht gut die Grenzen bezeichnen,
bis an die humanitären Konzepte der Freimaurerei heranreichen können, habe ich
sie in diese Sammlung aufgenommen – und auch, weil ich ein bisschen stolz darauf bin,
die Gemüter der Brüder Freimaurer mit Gedanken in Wallung versetzt zu haben, die trotz
inzwischen eingekehrter Skepsis aus meiner Sicht auch heute noch einiges an Klarheit und
Konsequenz für sich haben. Es wäre spannend für mich zu erfahren, wie die gegenwärtige
Generation der unter 40-jährigen Freimaurer die Stichhaltigkeit oder Abwegigkeit von »Thesen
« und »Plädoyer« beurteilt.
249
Vier Thesen zur Erneuerung der
Freimaurerei (1971)1
Ausgangsbasis für eine Erneuerung der Freimaurerei muss die Konkretisierung ihrer Wertpositionen
sein. Reformen unseres Bundes sind ebenso wie seine Einordnung in die Gesellschaft
nur möglich, wenn die Bezugspunkte für Reform und soziale Aktivität deutlich gemacht
und vom Konsens der Freimaurer bestätigt werden. Die Notwendigkeit klarer geistiger
Profilierung ist mir auch in Gesprächen mit vielen interessierten und urteilsfähigen Außenstehenden
deutlich geworden, die mit Recht auf den unbestimmten, verschwommenen, leerformelhaften
Charakter der hergebrachten freimaurerischen Wertvorstellungen hinweisen.
Hierauf bezieht sich die erste These:
Die Freimaurerei muss die Unverbindlichkeit und Verschwommenheit ihrer hergebrachten
Wertvorstellungen überwinden und sich sowohl geistig als auch in ihrer gesellschaftlichen
Aktivität als humanitäre, soziale, demokratisch-pluralistische und antiideologische
Kraft profilieren.
Es bedarf, um es anders zu formulieren, einer – weit präziser als bisher formulierten –
sozialethischen
Fundierung der Freimaurerei, die ihre traditionelle individual-ethische Haltung
zugleich ergänzt und überwindet. Um einem möglichen Missverständnis gleich entgegenzutreten:
Es wird kein verbindliches weltanschauliches System oder gar eine einheitliche
Ideologie angestrebt. Dies verbietet das Wesen der Freimaurerei, und es wäre erfreulich, wenn
sich diese Einsicht überall durchsetzte. Die Absage an eine freimaurerische Einheitsideologie
bedeutet aber nicht den Verzicht auf ein klares Artikulieren jener auf das Verhältnis von
Mensch und Gesellschaft bezogenen sozialethischen Gemeinsamkeiten, in denen wir übereinstimmen,
weil wir Freimaurer sind oder (normativ) in denen die übereinstimmen sollten, die
eine bestimmte Form der Freimaurerei, die demokratisch-humanitäre, als die ihnen gemäße
Form der Freimaurerei verstehen. Dieses geistige Gut soll in seiner formalen Struktur mit dem
in Fribourg/Schweiz lehrenden Philosophen Josef M. Bochenski, der diese Gedanken allerdings
in einem anderen Zusammenhang entwickelt hat, folgendermaßen beschrieben werden:
• Es muss sich aus einigen wenigen, aber grundlegenden sozialethischen Positionen zusammensetzen,
die weder ein weltanschauliches System noch eine Ideologie darstellen;
• diese sozialethischen Positionen müssen uneingeschränkt und unbedingt gelten, d.h. verbindlich
sein für das Handeln der sich dazu bekennenden Freimaurer;
• die sozialethischen Positionen müssen positiv sein, d.h. nicht als Negationen anderer
Wertungen in Erscheinung treten;
• die sozialethischen Positionen müssen den verschiedenen Weltanschauungen und Glaubensüberzeugungen
der einzelnen Freimaurer gemeinsam sein.
Die Aufgabe, die sich nun stellt, ist eine dreifache: einmal gilt es, die erwähnten sozialethischen
Positionen aufzufinden, zweitens kommt es darauf an, sie in Diskussionen durch
1 Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Die Bruderschaft, Heft 1, 1971, S. 3–6.
250
Konfrontation mit der Wirklichkeit zu konkretisieren, und drittens gilt es, reformerisch
nach ihnen in und außerhalb der Freimaurerei zu verfahren.
Die nachfolgend – ebenfalls im Anschluss an J. M. Bochenski – vorgeschlagene Klassifizierung
ist nur arbeitshypothetisch zu verstehen. Es handelt sich lediglich darum, Positionen
freimaurerischen Wertverständnisses für die Zwecke der weiteren Diskussion zu
umreißen. Hierzu dienen auch die Erläuterungen der einzelnen Begriffe.
Ich hatte in der ersten These Freimaurerei als humanitäre, soziale, demokratisch-pluralistische
und anti-ideologische Kraft umrissen. Über diese Wertpositionen sollte unter Freimaurern
Einverständnis bestehen. Die vorläufigen näheren Bestimmungen wären ebenfalls
in der Diskussion zu überprüfen:
• Humanitär: Die möglichst freie Entfaltung und Selbstverwirklichung des Menschen in
der gesellschaftlichen Wirklichkeit von heute ist der höchste freimaurerische Wert und
steht folglich
im Zentrum freimaurerischer Bemühungen. Da Selbstverwirklichung des
Menschen nur in der Gesellschaft erfolgen kann, muss »Arbeit am rauhen Stein« sowohl
Selbsterziehung des Einzelnen sein als auch Einsatz dafür sein, dass angesichts konkreter
gesellschaftlicher Kräfte Selbstverwirklichung des Menschen möglich wird. Der bei uns
vielfach heimische »ethische Narzissmus« der Selbstveredler muss somit durch eine soziale
Orientierung des Humanitätsbegriffes überwunden werden. Die geforderte »Öffnung
zur Gesellschaft« gehört zum Wesen einer konsequent verstandenen Freimaurerei.
• Sozial: Jedem Menschen kommen unveräußerliche Grundrechte zu. Im Hinblick auf diese
Grundrechte sind die Menschen gleich. Missbrauch geistiger, politischer und ökonomischer
Macht zur Unterdrückung von Minderheiten ist unzulässig. Es gibt für den Freimaurer
keine »besseren« sozialen Klassen, Rassen und Religionen (oder doch?). Niemand
darf wegen seiner Klassen- und Rassenzugehörigkeit sowie aufgrund seines weltanschaulich-
religiösen Bekenntnisses (und sei dieses ein humanitär-atheistisches) am Eintritt in
Freimaurerlogen gehindert werden. Soziale Gerechtigkeit gehört zu den Hauptzielen des
Freimaurers.
• Demokratisch-pluralistisch: Zum Schutz vor unfreiheitlichen Herrschaftsverfassungen
bekennt sich der Freimaurer zur demokratisch-pluralistischen Ordnung. Demokratie soll
Mitwirkung an der politischen Willensbildung und Kontrolle des politischen Prozesses sichern.
Die pluralistische
Gesellschaftsverfassung soll vor Machtkonzentration in den Händen
weniger und damit vor physischem Zwang sowie psychischer Manipulation schützen.
Dabei muss durch umfassende Demokratisierung dafür Sorge getragen werden, dass Pluralismus
nicht zu einer ungerechte Machtverhältnisse konservierenden Institution wird.
• Anti-ideologisch: Die Tatsachen unserer Welt sind mit den Methoden der empirischen
Wissenschaften festzustellen und zu erklären. Vorwissenschaftliche Autoritäten sind als
Mittel zur Erkenntnis und rationalen Kommunikation nicht brauchbar.
Wie bereits angedeutet, darf es mit der Entwicklung der aufgezeigten, durch explizite Formulierungen
aus der traditionellen Wertverschwommenheit herausführenden sozialethischen
Positionen nicht sein Bewenden haben. Der nächste Schritt muss zu einer kritischen
Reflexion von Freimaurerei und Umwelt führen, um erstens die sozialethischen Postulate
durch Konfrontation mit der Wirklichkeit zu konkretisieren und zweitens Entwürfe für Reformen
zu erarbeiten.
251
Hierzu die zweite These:
Die Freimaurerei muss bereit sein, ihre eigene soziale Wirklichkeit wie die ihrer gesellschaftlichen
Umwelt im Hinblick auf eine Übereinstimmung mit ihren sozialethischen
Positionen stets aufs Neue kritisch zu reflektieren.
Dieser Prozess der geistigen Auseinandersetzung ist in manchen Logen und vor allem auch
durch die »Collegia Masonica« der Großen Landesloge A.F.u.A.M. bereits in Gang gekommen.
Oft aber sind die Arbeitskalender der Bauhütten noch schlechte Imitationen von Volkshochschulen.
Auch ist die Beschäftigung mit der sozialen Umwelt vielfach noch zu willkürlich,
weil in kein begründetes Gesamtkonzept eingeordnet. Ein solches Konzept ist aber –
eine Erfahrung, die ich oft gemacht habe – gerade dann notwendig, wenn man geistige Arbeit
der Loge unter Hinzuziehung von intelligenten und kritischen Gästen durchführt. Genau
dieses aber sollte im Interesse der eigenen geistigen Lebendigkeit dringend erwünscht sein.
Wir könnten uns manchen geistigen Schlendrian nicht mehr leisten, würden wir uns mehr
dem Gespräch mit kritischen Außenstehenden stellen. Das, was im Bruderkreise als liebgewordene,
wenn auch nicht gerade originelle Vorstellung durchgeht, enthüllt sich angesichts
einer kritischen Öffentlichkeit nur allzu schnell als hohle Phrase. Deshalb habe ich auch
– leider bisher ohne Erfolg – auf dem Würzburger Großlogentag (1969) vorgeschlagen, im
Rahmen der »Loge 67« den Dialog mit der Fachwissenschaft herzustellen und institutionell
zu verankern. Eins jedoch sollte endlich klar sein: Die Freimaurer können in ihrer Loge, sofern
es um Freiheit und Würde des Menschen als Inbegriffen freimaurerischer Humanitas
gehen soll, nicht an den gesellschaftlichen
und politischen Bedingungen
einer freiheitlichen
und würdigen menschlichen Existenz vorbeisehen. Daher gehört die in kritischer Radikalität
durchgeführte Reflexion von Gesellschaft und Politik zum Wesen humanitärer Freimaurerei.
Ein – vorläufig – Letztes zur »kritischen
Reflexion«: Die Landesgroßlogentage und die
Konvente müssen – dafür ist es längst »Hochmittag« – endlich zu Foren geistiger Auseinandersetzung
werden. Namentlich die Konvente erinnern gegenwärtig immer noch mehr an
die Hofhaltung konstitutioneller Monarchen als an Hauptversammlungen eines ethischen
Bundes. Weitaus mehr Dialog – nach Möglichkeit unter Einschluss profilierter Außenstehender
– und weitaus weniger Selbstdarstellung der »Würdenträger
«: So wünschte man sich
hier die Entwicklung.
Kritische Reflexion muss nun auf zwei Ebenen in reformerisches Handeln umgesetzt
werden.
Zunächst bedarf unser Bund selbst dringend so mancher Reform. Hierzu die dritte These:
Die Freimaurerei muss sich in ihrem Aufbau als Muster einer ihren Zielen gestalteten
Sozialform verstehen
und in einem konsequenten Reformprozess Widersprüche zwischen
Leitbild und Wirklichkeit zu überwinden versuchen.
Die hier gestellte Aufgabe ist groß, wobei ich in der Frage der Reformbedürftigkeit allerdings
Unterschiede zwischen den einzelnen deutschen Großlogen machen würde. Auf drei Ebenen
müssten Reformen ansetzen: bei der Konzeption, bei Aufbau und Organisation sowie
252
beim rituell-bildhaften Ausdruck. Diese Ebenen sind freilich nicht immer voneinander zu
trennen.
Was die Reform im Konzeptionellen betrifft, so geht es um das, wozu diese Ausführungen
ein Beitrag sein sollen: um die Überwindung geistiger Leerformel-Positionen, um
die Profilierung als ernst zu nehmende geistige Kraft. Es geht um die Verankerung offener,
demokratischer Gesinnung in allen Formen und Institutionen. Es geht umgekehrt um den
Abbau von Ideologien (Mysterienbund, geistige Elite) und um die Überwindung autoritärer
Gesinnung (Ordo-Konzeption). Es geht darum, endlich deutlich zu machen, dass
Freimaurerei ein weltanschaulich offener (also kein »christlicher«) sozialethischer Bund
und weder eine Religion, noch ein Religionsersatz, noch eine Einrichtung zur Befriedigung
metaphysischer Restbedürfnisse ist.
Im Organisatorischen muss Freimaurerei
auf dem Prinzip der gleichen Wahl von unten
nach oben aufgebaut sein. Berufungs- und Vorschlagsrechte von oben nach unten sowie
Kooptationsprinzipien »höherer Gremien« ohne periodische demokratische Kontrolle fördern
die Oligarchienbildung und dürfen keinen Platz in freimaurerischen Gemeinschaften
haben. (Seien wir ehrlich: Wäre unser Staat nach den Statuten mancher freimaurerischer
Organisation aufgebaut, es wäre Zeit zur Emigration.) Die einheitliche deutsche Großloge
– auch dies gehört zur organisatorischen Reform – muss von den Johannislogen her und
auf ihrer Grundlage geschaffen werden. Hätten wir endlich die Möglichkeit, die deutsche
Großloge als Zusammenschluss autonomer Johannislogen aufzubauen, wir hätten die freimaurerische
Einheit in kürzester Zeit! Es ist an der Zeit, auf dieser Grundlage, d.h. durch
eine Vereinigungsbewegung der Johannislogen, der Großlogenidee neue Impulse zu geben.
Und wenn eine solche Bewegung keinen Erfolg bringt, dann sollte man – ehrlicherweise –
in Freundschaft auseinandergehen.
Im Formalen sollte Reform Streben um zeitgemäßen sprachlichen und bildlichen Ausdruck
bedeuten, ein Problem, das mir beispielsweise auch nach der Ritualneubearbeitung
der GL A.F.u.A.M. noch nicht gelöst erscheint. Alle Reformen sollten sich hier darauf
konzentrieren, im rituellen Brauchtum Wesen und Ziele unseres Bundes zum besseren Verstehen
zu bringen. Unser Brauchtum sollte die Aufgabe haben, die existentielle Situation
des Menschen in einem gefährdeten Dasein, seine Verwiesenheit auf Gemeinschaft und
seinen Auftrag in ihr deutlich zu machen. Bauhüttensymbolik als Ausdruck produktiver,
solidarischer Daseinsbewältigung – welche Möglichkeit und wie oft wird sie von romantisierendem
Schwulst verdeckt!
Auf historische Schaustücke sollte ebenso verzichtet werden wie auf organisatorische
Arabesken, die im Erscheinungsbild mehr an Opern der Barockzeit als an einen humanitären
Bund erinnern. Auch sollte im Umgang mit »Würdenträgern« Einfachheit walten.
»Bruder Großmeister« – warum eigentlich nicht? Wann endlich stehen Männer an der
Spitze unseres Bundes, die angesichts längst sinnentleerter Titulaturen und Huldigungsprozeduren
sagen: »Liebe Brüder, habt ihr’s nicht ein bisschen schlichter?« Abschied vom
Serenissimusgehabe – auch das ist ein Beitrag zu neuer, brüderlicher Form.
Das tätige Engagement darf sich aber nicht nur auf die Freimaurerei selbst beschränken. Unser
Bund bedarf der Verankerung in und der Konfrontation
mit der Gesellschaft. Hierzu die
vierte These:
253
Die Freimaurerei muss den ihrer sozialethischen Grundhaltung entsprechenden
Platz in der Gesellschaft suchen und sich für die Verwirklichung ihrer Ziele im gesellschaftlich-
politischen Raum engagieren.
Damit kann und darf keiner parteipolitischen Stellungnahme der Freimaurerei das Wort
geredet werden. Aber im Bereich von Gesellschaft und Politik gibt es ja im pluralistischen
System Gruppen verschiedenster Struktur, die sich neben den Parteien oder quer durch sie
hindurch für Menschlichkeit in der Welt von heute einsetzen. Hier vermisse ich mit vielen
Brüdern nur allzu oft die Stimme und die Mitarbeit unseres Bundes. Warum wirken wir, die
wir die Entfaltung und Erhaltung von Freiheit und Würde des Einzelmenschen zu unserem
ersten Anliegen machen wollen, nicht mit an zahlreichen hilfreichen Aktivitäten auf diesem
Gebiet: Bürgerinitiativen gegen Willkür und Machtmissbrauch starker Gruppen, Umweltschutz,
Jugendschutz, Schutz diskriminierter Minderheiten, Hilfsmaßnahmen für Gewissensgefangene
(Amnesty International)? Hat es nicht etwas Steriles, sich vorwiegend auf
Urteile über die Humanität anderer zu beschränken? Hier liegt eine Fülle echter Aufgaben,
die in der Diskussion geprüft und in tätigem Einsatz in Angriff genommen werden sollten.
Lasst uns endlich die bequeme, aber unerträglich lähmende Angst vor dem öffentlichen Engagement
überwinden. Viele scheinen noch nicht gemerkt zu haben, dass wir nicht mehr
dem absolutistischen Staat, sondern der demokratischen Öffentlichkeit gegenüberstehen.
Eine Frage zum Schluss: Die Freimaurerei
sei, so hört man oft, eine »geschlossene« Gesellschaft.
Aber bedarf es nicht vielmehr einer »offenen« Freimaurerei ? Einer Freimaurerei,
die offen ist für die Probleme des Menschen, offen für die Gebote der Zeit, offen für Wandlungen
und Reformen? Einer Freimaurerei jenseits des Konservatismus der Gralshüter und
jenseits utopischer Schwärmerei? Einer sozial engagierten Freimaurerei? Einer Freimaurerei,
die nicht die Vergangenheit konserviert, sondern vergangene Hoffnungen einlöst?
Es bedarf einer solchen Freimaurerei! Ob allerdings die deutsche Freimaurerei die Kraft
zur Wandlung hat?
Sicher nur, wenn viele sie wollen und sich zur Arbeit an ihr mit Leidenschaft und
klarem Blick die Hände reichen.
254
Plädoyer für eine verantwortliche
Freimaurerei – Hat die Freimaurerei
öffentliche Aufgaben und wie sollen sie
wahrgenommen werden? (1971)1
Die Frage nach den öffentlichen Aufgaben der Freimaurerei ist oft gestellt und oft beantwortet
worden. Wenn es sich dennoch als erforderlich erweist, erneut nach Antworten zu
suchen, so deshalb, weil bisher kaum Konsequenzen aus den vielen ermutigenden Anstößen
gezogen wurden, mit denen deutsche Freimaurer in den letzten Jahren immer wieder versucht
haben, den Standort ihres Bundes in der Gegenwartsgesellschaft zu bestimmen. Von
dem von Br. Bolle (München) als Gefahr beschworenen »allzu hektisch betriebenen exoterischen
Aktivismus« kann jedenfalls keine Rede sein. Im Gegenteil: Es häufen sich in letzter
Zeit die Stimmen derer, die sich gegen jede öffentliche Aufgabe der Freimaurerei oder freimaurerischer
Gruppen wenden. Zwei Beispiele aus den Diskussionen dieses Jahres:
Br. Wiemann (Wuppertal) in einem Leserbrief an die »Bruderschaft«: »Es gibt nicht
die Taten der Freimaurer. Tat ist immer nur individuell, und so kann es – anders und auch
hier – immer nur Taten einzelner aus freimaurerischem Geist geben.«
Und, prononcierter noch, Br. Hoede (Würzburg) in »Euro Mason«: »Ich wehre mich
gegen jeden Versuch der Gleichschaltung. Hierzu gehört an erster Stelle die Irrlehre von
irgendwelchen Aufgaben des Freimaurerbundes. Aufgaben hat immer nur der einzelne
Freimaurer, in seiner Loge, im profanen Leben.«
Greifen wir das Problem auf:
Öffentliche Aufgaben als wesensgemäßer Auftrag zum Handeln oder als Irrlehre – das ist die
Frage, um die es heute geht.
Und: Steht bei ihrer Beantwortung Behauptung gegen Behauptung oder gibt es Kriterien
für eine eindeutige und verlässliche Antwort – das ist die Vorfrage, die zunächst zu
beantworten ist.
Kriterien der Prüfung
Ich meine, wir haben verlässliche Kriterien, wobei es mir vor allem auf die folgenden fünf
anzukommen scheint:
1. Die Verfassungen der Großlogen;
2. die sozialethischen Werte unseres Bundes;
3. die überlieferten Rituale;
4. die Tradition unseres Bundes;
5. das Wollen der Brüder Freimaurer, die heute Freimaurerei gestalten.
1 Einleitungsreferat zum Podiumsgespräch auf dem Braunschweiger Konvent der Vereinigten Großlogen
von Deutschland 1971. Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Die Bruderschaft, Heft 12,
1971, S. 210–214.
255
Prüfen wir die Frage nach den öffentlichen Aufgaben im Lichte dieser Kriterien.
Was sich für unsere Frage erstens aus den Verfassungen ableiten lässt, ist für die Alten,
Freien und Angenommenen Maurer eindeutig. Die Verfassung dieser Großloge enthält
bereits im ersten Artikel die unmissverständliche Formulierung:
Die Aufgaben der Freimaurerei sind humanitär: »Sie tritt ein für die Freiheit der Person,
für allgemeine Menschenliebe, Brüderlichkeit, Toleranz, Mildtätigkeit und Erziehung
dazu.«
»Sie tritt ein« kann sinnvoll nur verstanden werden als »sie tritt öffentlich ein«, und
zwar da, wo die von ihr bekannten Werte bedroht sind.
Diesen Verfassungsauftrag unterstreicht Artikel 4, der die Freimaurerei als ethischen
Bund bezeichnet. Ein ethischer Bund hat die Aufgabe, sich zu ethischen Prinzipien zu
bekennen und ethische Prinzipien zu verwirklichen. Hier kann es nicht das von Br. Hoede
beschworene »Seligwerden nach eigener Fasson« geben, hier darf nicht zur missverständlichen
Alibiformel vom »Bund der Ungleichgesinnten« gegriffen werden. Ethik aber als
Aufgabe heute ernst nehmen heißt, die individual-ethischen Positionen unseres Bundes
zu überwinden, seine sozialethischen Grundlagen zu präzisieren und zu vertiefen sowie
gemäß dieser sozialethischen Grundlagen die Gesellschaft so zu verändern zu helfen, dass
ethisches Handeln des Einzelnen überhaupt möglich wird.
Weiter heißt es im Artikel 4: »Die Freimaurerei nimmt nicht Stellung in parteipolitischen
Auseinandersetzungen.« Dieser Passus hieß bis 1967: »Sie nimmt nicht Partei in
politischen Auseinandersetzungen.« Die auf dem Münchener Großlogentag beschlossene
Verfassungsänderung sollte durch die Abgrenzung vom parteipolitischen Engagement das
politische Stellungnehmen der Freimaurerei ermöglichen. Es kann also davon ausgegangen
werden, dass eine deutliche Mehrheit deutscher Stuhlmeister im Bereich der GL A.F.u.A.M.
den öffentlichen, ja politischen Auftrag der Freimaurerei mit dieser Verfassungsänderung
unterstreichen wollte.
Eine öffentliche Aufgabe der Freimaurerei
ist somit nicht nur keine Irrlehre, sie ist
Verfassungsauftrag an die Freimaurerei, jedenfalls an die Brüder der GL A.F.u.A.M. Andere
Verfassungen zu prüfen, mag Aufgabe der Diskussion sein. Doch scheinen mir etwa die §§
8 und 9 der Ordensregel ebenso im Sinne eines öffentlichen Engagements zu deuten zu
sein, wie – wiederum beispielsweise – die Präambel zur Konstitution des AASR.
Wie steht es zweitens mit den sozialethischen Werten unseres Bundes? Was lässt sich
von ihnen für unser Thema ableiten? Wir umreißen diese Werte gemeinhin mit den Begriffen
Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit. An ihnen lässt sich das über die Aufgaben
eines ethischen Bundes Ausgeführte weiter verdeutlichen. Man kann, so meine ich, als
ethischer Bund heute nicht Humanität vom Einzelnen fordern, ohne zu fragen, ob und
in welcher Weise der Zustand der Gesellschaft humanes Handeln überhaupt ermöglicht.
Man kann nicht Toleranz verlangen, ohne sich zu fragen, wo inhumane Gegenkräfte Toleranz
begrenzen, man kann nicht Brüderlichkeit als Tugend preisen in einer Zeit, in der
gesellschaftliche Machtverhältnisse vielerorts in der Welt soziale Abhängigkeiten schaffen,
die Brüderlichkeit – wenn man überhaupt noch von ihr spricht – zur bloßen Fassade degradieren.
Die sozialethische Naivität der Freimaurer des 19. Jahrhunderts lässt sich mit dem
Erfahrungsschatz des 20. Jahrhunderts nicht mehr verantworten. Für die Freimaurer des 19.
Jahrhunderts, zumal die »altpreußischen«, war Obrigkeit im Sinne Luthers von Gott und
als solche nicht unsittlich, für sie war der Staat Verkörperung Hegel’schen Weltgeistes und
256
konnte als solcher nicht fehlen. Unsittlich war allein der Einzelne. Wir wissen aber heute
nicht zuletzt aufgrund des Schocks des »Dritten Reiches«, dass Humanität, Toleranz und
Brüderlichkeit bestimmten gesellschaftlichen Kräften stets aufs Neue abgerungen werden
müssen. Und wenn ein ethischer Bund, der sich auf Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit
beruft, nicht teilhaben will an diesem Abringen, wenn er nicht hier seine Aufgabe, seine
öffentliche Aufgabe sieht, so verliert er seine Glaubwürdigkeit als ethischer Bund. Das,
meine Brüder, was uns die seriöse Öffentlichkeit mehr und mehr vorhält, sind ja längst
nicht mehr unsere vermeintlichen Gräueltaten und Verbrechen. Was man kritisiert, ist, dass
wir in oft unerträglich penetranter
Weise in blütenweißen seelischen Sonntagsanzügen unter
Goethe-, Fichte- und Herderbildern paradieren, die Verantwortung für sozial verantwortungsbewusstes
Handeln dann aber mit der Vokabel vom »Bund der Ungleichgesinnten«
an andere Kräfte der Gesellschaft abschieben.
Ich fasse Punkt 1 und 2 zusammen und folgere: Sowohl die Verfassung der Mehrheit
deutscher Freimaurer als auch unsere ethischen Werte weisen den Mitgliedern des Bundes
öffentliche Aufgaben zu.
Wie steht es drittens mit dem Ritual, dem Brauchtum unseres Bundes? Auch von hier
aus leitet sich, so würde ich meinen, ein Auftrag zum Wirken in der Gesellschaft ab. Hier
denke ich – nicht nur, aber in erster Linie – an Ritus und Symbolik des 2. Grades, des Gesellengrades,
der mir geradezu ein Lehrstück gemeinsamen sozialen Handelns in der Gesellschaft
zu sein scheint. Das Reisen mit verschlungenen Händen deutet die Gemeinsamkeit,
der Weg vom rauhen zum kubischen
Stein den Inhalt der Aufgabe an: Gesellen zu sein
beim Bau einer brüderlichen
Welt, einen Beitrag zur Lösung
der Probleme unserer Zeit in
produktiver Solidarität zu leisten.
Befragen wir viertens die Geschichte unseres Bundes und jenes Dokument, das unsere
Tradition im Bewusstsein vieler Freimaurer gleichsam auf wenigen
Seiten zusammenzieht,
die »Alten Pflichten«. Hier scheint die Antwort deutlich von den bisherigen Ergebnissen
abzuweichen. »We are resolved against all politicks« scheint eine klare Aussage zu sein,
an der es nichts zu deuten gibt. Und doch wäre es falsch, aus der Ablehnung politischen
und gesellschaftlichen Engagements in der Freimaurerei des 18. Jahrhunderts auf den unpolitischen
Charakter der Logen in dieser Zeit zu schließen. Wer so unhistorisch urteilt,
verkennt den funktionalen Charakter der proklamierten politischen Neutralität ebenso wie
den dialektischen Zusammenhang zwischen
Geheimnis und Aufklärung.
Beides: Geheimnis und Absage an die Politik sichern im absoluten Staat jenen Spielraum,
in dem – innerhalb des Arcanums der Logen – bürgerliche Freiheit und soziale
Gleichheit in Vorwegnahme der kommenden bürgerlichen Revolutionen erfahren wird. Die
Absage an die Politik erst ermöglicht die politische Funktion der Aufklärungsfreimaurerei.
Die »Freiheit im Geheimen
« wird – so ein Wort des Historikers Reinhart Koselleck – zum
»Geheimnis der Freiheit«. Sie wird zum Geheimnis der Freiheit jener »moralischen Internationalen
« (Koselleck), als die die Freimaurerei im 18. Jahrhundert wirkt.
Lösen wir uns also von der bei uns so beliebten unhistorisch-dogmatischen Bewertung
der »Alten Pflichten«, lösen wir uns von den blinden Flecken unseres eigenen Geschichtsbildes
für das 18. Jahrhundert sowohl wie für die spätere Zeit. Rezipieren wir endlich die
bei uns kaum beachteten Forschungsergebnisse von Historikern wie Koselleck, Habermas
und Contiades. Freimaurerei ist nie unpolitisch gewesen. Weder im 18. Jahrhundert als
Vorwegnahme bürgerlicher Freiheit noch im 19. Jahrhundert als treue Stütze von Thron
257
und Altar, und schon gar nicht im 20. Jahrhundert, zumal nach dem Ersten Weltkrieg vor
ihrer Auflösung, und wir täten gut daran, den in unserem Bund vor und nach 1933 weit
verbreiteten Nationalismus nicht immer zur taktischen Betriebspanne herunterzuspielen.
Etwas mehr Problembewusstsein – oder sagen wir schlicht Ehrlichkeit – im Umgang mit
der eigenen Geschichte stünde uns wohl an. Wir haben also nicht zu wählen, ob wir an
Traditionen politischer oder politisierter Freimaurerei anknüpfen wollen, wir haben zu
wählen, an welcher Tradition politischer Freimaurerei wir anknüpfen wollen. Und da meine
ich, dass wir jene vergangenen Hoffnungen der Aufklärungsfreimaurerei auf ein freies, würdiges
Dasein einzulösen haben, die immer noch und aufs Neue bedroht sind. Wir haben
anzuknüpfen an das, was als vorweggenommene bessere Zukunft in unserer
Vergangenheit
aufleuchtet und etwa in Lessings »Gesprächen für Freimäurer« Gestalt annimmt, was aber
die Gegenwart noch nicht eingelöst hat: die Hoffnung auf den von nationalen Schranken,
weltanschaulichen Vorurteilen und gesellschaftlicher Unterdrückung befreiten Mensch.
Kehren wir zu dieser, ich möchte meinen, eigentlichen Tradition zurück, so weist auch der
Blick in die Vergangenheit auf Aufgaben hin, die in der Gesellschaft
zu erfüllen sind. Dabei
muss uns freilich klar sein, dass wir es nicht mehr mit dem absolutistischen Staat, sondern
der demokratischen Öffentlichkeit zu tun haben.
Fragen wir fünftens und letztens, was die Freimaurer heute selbst wollen, so ist die
Antwort wohl weniger eindeutig. Sicher aber scheint zu sein, dass die Zahl derer wächst,
die Freimaurerei als lebendige Kraft in der Gesellschaft wirken lassen wollen. Vom Einsatz
dieser Brüder wird es abhängen, ob die deutsche Freimaurerei in ihrer Gesamtheit eine
positive Einstellung zu ihren öffentlichen Aufgaben findet.
Öffentliche Aufgabe – aber wie?
Wie aber, meine Brüder, sollen nun diese öffentlichen Aufgaben der Freimaurerei wahrgenommen
werden?
Sicher nicht oder nicht allein durch Stellungnahmen der Großlogen zu dieser oder jener
Zeitfrage. Bliebe die öffentliche Aufgabe auf Deklarationen ohne eigene Leistung beschränkt,
man würde lieber völlig davon Abstand nehmen. Es gilt also, einen umfassenderen,
und wenn man so will, auch unbequemeren Ansatz zu wählen. Meines
Erachtens
kommt es dabei auf dreierlei an:
1. auf das klare Profilieren der sozialethischen Grundlagen, die Maßstab der Bewertung der
Wirklichkeit und unseres Handelns werden müssen;
2. auf das kritische Reflektieren der Gesellschaft im Hinblick auf jene Abweichungen zwischen
sozialethischem Postulat und Wirklichkeit, die uns zum Handeln provozieren;
3. auf gesellschaftlich relevantes Handeln selbst, wobei zwischen dem Handeln des einzelnen
Freimaurers und dem Handeln freimaurerischer Gruppen von der Loge bis zu internationalen
Großlogenzusammenschlüssen zu unterscheiden ist.
Was das Erste betrifft, so geht es, wie ich es an anderer Stelle ausgeführt habe, darum, »die
Unverbindlichkeit und Verschwommenheit unserer hergebrachten Wertvorstellungen zu
überwinden und uns sowohl geistig als auch in unserer gesellschaftlichen Aktivität als huma258
nitäre, soziale, demokratisch-pluralistische und antiideologische Kraft zu profilieren« (Vier
Thesen zur Erneuerung der Freimaurerei). Ich will meine Argumentation jetzt nicht im Einzelnen
wiederholen. Ich weise nur ergänzend auf Folgendes hin:
Die gewählten Wertpositionen humanitär, sozial, demokratisch-pluralistisch und antiideologisch
scheinen mir erstens geeignet, unsere sozialethischen Werte präziser und verbindlicher
zu fassen als bisher, und zweitens öffnen sie sich leichter dem Verständnis einer
Öffentlichkeit, die ebenfalls um eine neue sozialethische Fundierung ringt.
Zwei Beispiele dafür: Der Regierende Bürgermeister von Berlin sprach in seinem Glückwunsch
zur 200-Jahr-Feier der Großen Landesloge von den »freiheitlichen, demokratischen,
sozialen und pluralistischen Strukturen«, die es zu festigen gelte. Und die Hamburger
Tageszeitung WELT unterstrich die Zeitoffenheit der deutschen Freimaurerei
– meine Wünsche
für die Wirklichkeit nehmend – mit dem Hinweis:
»Die Logen sind humanitär, sozial, demokratisch-pluralistisch und antiideologisch
strukturiert. Sie leben aus der Evolution der Reformen nach innen, wie nach außen. Sie
orientieren sich nicht am Zopf von gestern, sondern an den Aufgaben von morgen.«
Insofern halte ich die gewählten Positionen
sowohl für die eigene Neuorientierung als auch
als Brückenschlag zur Gesellschaft für durchaus geeignet.
Der zweite Schritt muss zu einer intensiven
Reflexion über die Wirklichkeit führen. In
den Logen sollten viel konsequenter Zeitfragen untersucht werden, um herauszuarbeiten,
in welchen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens soziale Realität und freimaurerisches
Ideal auseinanderklaffen. Tut man dies unter Einschluss der Öffentlichkeit, d.h. mit qualifizierten
Gästen, so hat dies zugleich den Vorteil, aus der eigenen Enge auszubrechen und
nach draußen hin zu zeigen, wie ernsthaft Freimaurer nach Lösungen
wichtiger Zeitfragen
suchen. In diesen zweiten Bereich gehört auch das Veranstalten von Preisverleihungen, von
Tagungen und das Ausrichten
von Podiumsgesprächen, in denen wichtige Probleme des
gesellschaftlichen Lebens, insbesondere die Schattenseiten unseres Wohlstandssystems, von
verschiedenen Seiten beleuchtet werden können. Es wäre zum Beispiel zu prüfen, ob die oft
kritisierte geistige
Leere von Großlogentagen und Konventen nicht dadurch überwunden
werden könnte, dass ein wichtiges humanitäres Zeitproblem – Friedenssicherung, Umweltschutz,
Lage der Jugendlichen, Alten und Kranken – von Freimaurern und Nichtfreimaurern
in der Öffentlichkeit gründlich diskutiert wird. Dieses Thema könnte dann zugleich
die Jahresaufgabe der deutschen Freimaurer in der Öffentlichkeit umreißen, womit die
dritte Ebene, die des gesellschaftlich relevanten Handelns,
angesprochen wäre.
Auf dieser Ebene gilt es zunächst eine Unterscheidung einzuführen, die bereits
Lessing
in seinen »Gesprächen für Freimäurer« angedeutet hat. Lessing unterscheidet die
konkreten Aufgaben innerhalb der einzelnen Staatsverfassungen, wir würden sagen den
Bereich
der Parteipolitik, vom Kampf gegen jene Übel, die dem Charakter des Gesellschaftlichen
im Allgemeinen eigen sind, und er versteht darunter bekanntlich den Kampf
gegen die Trennungen der Menschen in Staaten, Weltanschauungen und soziale Klassen.
Im Bereich parteipolitischer Auseinandersetzungen hat sich der Freimaurer als Bürger zu
engagieren. Hier handelt nicht die Freimaurerei, und schon Lessing wandte sich nicht
ohne Ironie gegen Bestrebungen eines amerikanischen Freimaurers, den Kongress in eine
Loge zu verwandeln.
259
So bleibt das andere Feld der zwar unvermeidlichen, aber nicht unbekämpfbaren Übel
als großes Feld der freimaurerischen Öffentlichkeitsaufgabe. Engagement hier verhindert,
dass Freimaurerei zur politischen Partei wird, was ihr Ende wäre, und lässt doch zu, dass sie
in vielen Fragen parteilich ist. Wenden wir Lessings These von den unvermeidlichen Übeln
des Staates
als dem Feld der freimaurerischen Taten in eine moderne Sprache, so können
wir folgern: Die öffentlichen Aufgaben der Freimaurerei liegen im Schutz des Friedens
oder umgekehrt im Kampf gegen den Krieg, sie liegen im Kampf gegen weltanschauliche
Intoleranz, Unterdrückung der Meinungsfreiheit
sowie Diskriminierung weltanschaulicher
und religiöser Minderheiten, und sie liegen schließlich im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit,
gegen Not und Unterdrückung. Anders formuliert: Im Kampf gegen Krieg,
Intoleranz, Unterdrückung und Hunger gibt es Freimaurerei als »Gemeinschaft der Ungleichgesinnten
« nicht – oder Freimaurerei würde sich als ethisch-humanitärer Bund selbst
aufheben.
Wie soll nun die Freimaurerei ihre öffentliche Aufgabe in dem ihr zugewiesenen Bereich
wahrnehmen?
Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten freimaurerischer Gruppierungen und verschiedene
Methoden. Was die Gruppierungen betrifft, so sollten zunächst die Logen
selbst mit geeigneten Aktivitäten im Sozialleben der Städte weit mehr präsent sein als
bisher. Hierher gehören nicht nur Aufgaben örtlicher Karitas, hierzu gehören auch vorbild-
und modellhafte Beiträge zur Lösung bestimmter bisher nur unzureichend gelöster
sozialer Probleme: Schaffen von Stätten zur Integration deutscher und ausländischer Kinder,
Hilfe bei der Betreuung alter Menschen, Mitarbeit im Jugendschutz, bei der Resozialisierung
Straffälliger, in den verschiedenen Gremien kommunaler Wohlfahrtspf lege. Eine
solche gesellschaftliche Präsenz einer oder mehrerer Logen im Leben einer Stadt hat nicht
nur den konkreten humanitären Effekt, dass Not gelindert wird, sie ist auch ein wirksamer
Beitrag zur freimaurerischen Öffentlichkeitsarbeit. Und schließlich: Es ist meine Überzeugung
aufgrund meiner Kölner Erfahrung, dass auch die Lösung des Nachwuchsproblems
zu einem großen Teil davon abhängt, inwieweit Freimaurerlogen im sozialen Leben ihrer
Städte ein Begriff sind.
Ein sinnvoller weiterer Ansatz freimaurerischer Gruppentätigkeit ist die Gründung von
überregionalen spezialisierten Arbeitskreisen. Ich denke an Arbeitskreise freimaurerischer
Journalisten,
freimaurerischer Juristen, freimaurerischer Pädagogen, freimaurerischer
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. Das Erarbeiten von Ergebnissen
in fachlich kompetenten
Gremien,
die Zusammenarbeit mit anderen
entsprechenden Gruppen und die
Umsetzung des Erarbeiteten durch den Einzelnen am Arbeitsplatz sowie durch geeignete
Publikationsmedien der Gruppen (Publikationen, Tagungen
und dergleichen) dürfte ihre
Wirkung auf die Öffentlichkeit nicht verfehlen. Es dürfte unseren Zielen nachhaltigen
Einfluss sichern und – nimmt man qualifizierte
Nichtfreimaurer gelegentlich
oder generell
zu diesen Arbeitskreisen
dazu – ein guter Weg zu qualifiziertem Nachwuchs sein. Auch
hier gilt: Arbeit in der Öffentlichkeit ist die beste Öffentlichkeitsarbeit.
Was schließlich die Großlogen betrifft, so sollten sie ihre Aufgabe einmal in einer
sinnvollen Koordination der einzelnen freimaurerischen Gruppenaktivitäten sehen. Hierzu
wäre ein Amt oder eine Arbeitsstelle für öffentliche Aufgaben sinnvoll und nötig. Die
Großlogen sollten weiter ihre jährlichen
Zusammenkünfte – wie schon aufgezeigt – mehr
als bisher zu Foren des Ringens um Lösungen drängender Zeitfragen machen. Sie sollten
260
weiter versuchen, in überregionalen kulturellen,
gesellschaftlichen und politischen
(nicht
parteipolitischen) Organisationen
in geeigneter Form mitzuarbeiten
(Beispiel: Friedensforschung),
sie sollten mit Preisverleihungen und schließlich gelegentlich auch mit Stellungnahmen
und Resolutionen an die Öffentlichkeit treten. Hierbei ist jedoch wichtig,
dass erstens Stellungnahmen wohldosiert abgegeben werden und dass zweitens die Freimaurer
zur Lösung
der angeschnittenen Probleme selbst in der einen oder anderen Weise
beitragen. Das bloße Fordern von anderen ohne eigenen konstruktiven
Beitrag wäre in der
Tat eine zu bequeme Erfüllung der öffentlichen Aufgabe, im Gegenteil: Die Gefahr, sich
der Lächerlichkeit preiszugeben, ist hier sehr groß.
So gibt es, wie ich meine, eine Fülle sinnvoller und nötiger Ansätze, sich den öffentlichen
Aufgaben der Freimaurerei zu stellen. Wir sollten uns dabei nicht nur an humanitäre
Aktivitäten
anderer anhängen, sondern unsere
eigenen, uns gemäßen Ansätze suchen.
Dabei dürfen drei Gesichtspunkte nicht außer Acht gelassen werden: Die freimaurerischen
Aktivitäten in der Öffentlichkeit müssen erstens unseren sozialethischen Postulaten entsprechen,
sie müssen zweitens ohne Dilettantismus durchführbar sein und sie müssen
drittens möglichst viele Brüder Freimaurer beteiligen. Ein Modell, das die Freimaurer hätten
ausdenken und verwirklichen können, ist etwa die Arbeit von Amnesty International.
Und es ist erfreulich, dass eine wachsende Zahl von Freimaurern, wohl auch mitbedingt
durch die Kasseler Preisverleihung, an dieser Arbeit mitwirkt. Aus der Anwesenheit solcher
Gruppen aber zu schließen, andere hätten unser humanitäres Erbe übernommen und die
Freimaurerei könne sich auf Ritualpflege zurückziehen, ist eine für einen ethischen Bund
fatale Konsequenz. Und wir sollten uns auch bewusst sein, dass wir, je mehr wir humanitäre
Preise an andere verleihen, desto intensiver auch nach unseren eigenen humanitären
Leistungen gefragt werden.
Ich fasse zusammen und stelle – aus meiner Sicht und in Erwartung einer lebhaften Diskussion
– Folgendes fest:
• Erstens: Die Frage, ob es öffentliche Aufgaben der Freimaurer gibt, lässt sich bei gründlicher
Prüfung der verschiedenen relevanten Kriterien mit einem eindeutigen Ja beantworten,
ja man muss weitergehen: Eine Freimaurerei, die ihre öffentlichen Aufgaben
nicht sieht, veruntreut sich gegen ihre Verfassung, ihre Tradition und ihre Ideale.
• Zweitens: Die Wahrnehmung der öffentlichen Aufgaben ist unter Wahrung der notwendigen
parteipolitischen Neutralität
möglich. Sie fordert klare sozialethische Positionen,
intensive Reflexion der Wirklichkeit im Lichte dieser sozialethischen Positionen und engagiertes
Handeln auf den verschiedenen organisatorischen Ebenen der Freimaurerei.
• Drittens: Die öffentlichen Aufgaben sind daher nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie
eine Angelegenheit der Großlogen. Viele freimaurerische Gruppierungen müssen
dazu beitragen, dass die öffentlichen Aufgaben ohne Dilettantismus
in Angriff genommen
und durchgeführt werden können.
• Viertens: Es sollte möglichst bald mit einer Bestandsaufnahme sinnvoller öffentlicher
Aufgaben und ihrer Realisierungsmöglichkeiten begonnen werden. Hierzu wäre es wünschenswert,
dass Großmeister und Senat ein Amt oder eine Arbeitsstelle für öffentliche
Aufgaben schaffen. Es wäre weiter wünschenswert,
dass aus diesem Konvent eine Arbeitsgemeinschaft
»Freimaurerei und Gesellschaft« hervorgeht, die Logenvertreter und
andere interessierte Brüder zusammenfasst, um sinnvolle Ansätze zur Lösung öffent261
licher Aufgaben zu erarbeiten und den zuständigen freimaurerischen Gruppen
und
Gremien vorzulegen. Dieser »Braunschweiger Kreis« könnte informell und ohne jede
Hierarchie zu einem Forum brüderlicher Meinungsbildung
quer durch die Großlogensysteme
hinweg werden und hierdurch auch einen Beitrag zur echten, weil auf gemeinsame
Ziele gegründeten und von den Brüdern selbst getragenen Einheit der deutschen
Freimaurer leisten.
Die deutsche Freimaurerei befindet sich angesichts unzureichender innerer Konsequenz
sowie mangelnder Beachtung
durch die Öffentlichkeit und rückläufiger Mitgliederzahlen
in einer Situation des Scheidewegs. Sie wird sich zwischen dem bequemen und dem unbequemen
Weg entscheiden müssen.
Der bequeme Weg ist der des Rückzugs auf sich selbst,
auf karg dosierte
Karitas und unverbindliche Erbaulichkeit, auf Selbstveredelung unter Ausschluss
der Öffentlichkeit, während vielerorts die Welt in Not verkommt. Der andere Weg
führt in die Öffentlichkeit. Er hat Gefahren und Risiken, wer wollte dies verkennen. Aber er
bietet die Chance, Freimaurerei als gestaltende Kraft in unserer Gesellschaft vorzuleben und
glaubhaft zu machen. Es ist der unbequeme Weg. Er erfordert von uns allen, Einzelnen und
gemeinsam das, was wir oft gedankenlos
und unverbindlich über unsere Zusammenkünfte
schreiben: Arbeit!
262
Eine Großloge wird vorgestellt: Leitgedanken
zu Standort und Identität der Großloge der
Alten Freien und Angenommenen Maurer von
Deutschland (1986)1
Freimaurerei ist geistig offen und entzieht sich jeder dogmatischen Festlegung. Sie entwickelt
sich im Zusammenwirken ihrer Mitglieder, die sich Brüder nennen. Sie kennt kein
zentrales Lehramt, das verbindlich festlegen oder interpretieren dürfte, was, wie und wo
als Freimaurerei zu gelten habe, und es wäre gut, wenn alle Maurer auf der Erde sich immer
hieran erinnern würden. Dennoch ist Freimaurerei nichts Beliebiges oder gar Willkürliches.
Ihre Formen- und Ideenwelt kreist um einen zentralen Kern, der am Grundwert der
Menschlichkeit orientiert ist, im brüderlichen Miteinander allerdings immer wieder aufs
Neue herausgearbeitet und lebendig gehalten werden muss. In diesem Sinne haben drei
Mitglieder der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland
– Klaus Horneffer, Jens Oberheide und ich selbst – auf dem diesjährigen Großlogentag in
Limburg eine Reihe von Gedanken zu Standort und Identität humanitärer Freimaurerei in
Deutschland vorgetragen und ihren Brüdern zur Diskussion angeboten. Da Freimaurerei
zur Information der sie umgebenden Gesellschaft ebenso verpflichtet wie auf lebendige
Auseinandersetzung mit ihr angewiesen ist, sollen die »Gedanken« in diesem, vor allem für
die Öffentlichkeit bestimmten Spezialheft der »Humanität« publiziert werden. Die Autoren
stellen damit ihre Großloge aus eigener Sicht vor. Sie haben es vermieden, ihre Gedanken
als Thesen oder gar Leitsätze zu bezeichnen, meinen aber doch, unter sieben Gesichtspunkten
die wesentlichen Elemente gegenwärtigen freimaurerischen Selbstverständnisses
erfasst zu haben.
Der erste Gedanke bezieht sich auf die Stellung des Freimaurerbundes zur eigenen Tradition,
zur deutschen Geschichte und zum Miteinander der deutschen Freimaurer in den »Vereinigten
Großlogen von Deutschland«, in denen fünf Großlogen zusammenarbeiten. Das
Bekenntnis zu den alten und doch immer neuen Werten Würde, Freiheit und Selbstbestimmung
des Menschen verbindet sich mit dem Eingeständnis historischer, von deutschen Freimaurern
mit zu verantwortender Fehlentwicklungen und der Bereitschaft, hieraus Konsequenzen
für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Die kräftige Betonung eigener Identität der
Großloge A.F.u.A.M. ist vereinbar mit dem Bekenntnis zur Einheit aller deutschen Freimaurer
und mit der Idee einer weltumspannenden Bruderkette.
Der zweite Gedanke unterstreicht die für den Freimaurerbund ganz zentrale Einheit von
Idee, Gemeinschaft und symbolischem Ausdruck, die zugleich seine Vielgestaltigkeit ausmacht.
Diese öffnet für Menschen unterschiedlicher geistiger und emotionaler Ausprägung
nicht nur unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu unserem Bund. Sie erlaubt es auch,
auf viele Probleme unserer Zeit Antworten zu geben, die suchende Menschen ansprechen,
mit Ideen gegen den Verlust von Sinn anzukämpfen, mit dem Bruderbund der Gefahr der
1 Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Humanität. Das deutsche Freimaurermagazin, Nr.
8, Dezember 1986, S. 10–12.
263
Vereinzelung zu begegnen, mit Symbolen und feierlichen Handlungen Emotionalität zu
fördern und der »Entzauberung der Welt« (Max Weber) entgegenzuwirken.
Der dritte Gedanke präzisiert die zuvor angesprochene leitende Idee des Freimaurerbundes.
Er betont die Notwendigkeit, die Welt immer wieder in redlicher geistiger Arbeit
daraufhin zu überprüfen, wo sie nicht menschlich, nicht brüderlich, nicht tolerant ist. Dies
soll dem Freimaurer Maßstäbe und Motivation für sein eigenes Handeln vermitteln. Freimaurerei
hat kein gesellschaftlich-politisches Programm, denn sie ist keine Partei. Wo Menschenrechte
grob verletzt werden, kann und muss sie allerdings Stellung beziehen. Vor allem
aber soll die geistige Arbeit von Loge und Großloge Raum und Atmosphäre dafür schaffen,
dass der einzelne Freimaurer durch Information, Besinnung auf Grundwerte und vorurteilsbefreites
Nachdenken seinen Weg zu verantwortungsbewusster Lebensgestaltung findet.
Der vierte Gedanke beschreibt die Arbeit der Loge. Als Bruderbund steht sie im Zentrum
freimaurerischen Lebens. Das menschliche, geistige, soziale und kulturelle Miteinander
in der Loge allein entscheidet über die Glaubwürdigkeit der Freimaurerei. Wir sind uns
bewusst, dass wir unsere hohen Ansprüche nicht erreichen und dass sich auch in den Logen
oft egoistische Verhaltensweisen und andere menschliche Unzulänglichkeiten antreffen
lassen. Dennoch: Freimaurer bemühen sich stets aufs Neue, denn sie wissen, dass nur die
praktizierte ›Königliche Kunst‹ Lebenskraft besitzt.
Der fünfte Gedanke unternimmt den schwierigen Versuch, etwas zum Brauchtum des
Freimaurerbundes auszusagen. Dieses Brauchtum hat mit seinen Symbolen und feierlichen
Handlungen einen ganz besonderen, auf andere Weise nicht zu erfüllenden Auftrag: Es
stiftet Gemeinschaft, schafft Raum für Nachdenklichkeit, erzieht, fördert kreatives Erleben,
bringt Wandlung und Veränderung zum Bewusstsein, verweist auf Transzendenz. Das
»Buch des Heiligen Gesetzes« als eines der Hauptsymbole soll keinerlei religiös-dogmatische
Festlegung bedeuten. Es kann vielmehr als Sinnbild für die Gesamtheit der sittlichen
Normen und ethischen Werte des Freimaurerbundes verstanden werden.
Der sechste Gedanke behandelt die Beziehungen zwischen Freimaurerei, Weltanschauung
und Religion. Freimaurerei ist keine Religion, sondern ein ethischer Bund. Menschlichkeit
im Diesseits, nicht Jenseitsortentierung ist sein Anliegen. Offenheit für alle weltanschaulichen
Überzeugungen, soweit sie redlich sind und sich am Menschen orientieren,
gehört zu den unverrückbaren maurerischen Prinzipien. Freimaurerei berührt sich aber insofern
mit Religion, als sie in ihrem Brauchtum den Bezug des Menschen zur Transzendenz
anspricht. Freimaurerei ist nicht kirchenfeindlich, wohl aber gibt es intolerantes Gehabe
von Kirchen, das nicht mit Freimaurerei vereinbar ist.
Der siebte Gedanke schließlich spricht das freimaurerische Geheimnis an, das immer
noch missverstanden wird. Freimaurerei ist kein Geheimbund. Sie muss sich nicht mehr
durch Geheimhaltung schützen wie in Epochen der Verfolgung. Wenn sie am Geheimnis
festhält, so, weil es ihr auf Verschwiegenheit ankommt. Verschwiegenheit soll Vertrauen
ermöglichen, die einzig verlässliche Brücke von Mensch zu Mensch in einer redselig-indiskreten
Gesellschaft. Hierdurch soll das Wirklichkeit werden, was oft als das eigentliche
Geheimnis der Freimaurerei bezeichnet wird: das Entstehen brüderlicher Beziehungen zwischen
Menschen, die sich – wie es die »Alten Pflichten« schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts
gesagt haben – sonst immer fremd geblieben wären.
264
Als wir unsere Gedanken auf dem Großlogentag 1986 vorgestellt haben, fanden sie Beifall,
aber auch Kritik. Manche unserer Gesprächspartner empfanden sie als selbstverständlich
oder gar blutleer. Gewiss: Die Gedanken sollten selbstverständlich sein – aber sind sie
es auch? Sind lebendige geistige Arbeit, aufrichtige brüderliche Gemeinschaft und sinnerfülltes
Brauchtum wirklich Besitz der Logen? Sind sie nicht sehr viel mehr Verpflichtung,
die stets aufs Neue erfüllt werden muss? Gerade der Freimaurer mit seinen anspruchsvollen,
weil unbequemen Prinzipien muss sich immer wieder auf die zentralen Grundlagen seiner
Überzeugung besinnen. Nur so bleibt der Freimaurerbund lebendig und glaubwürdig.
Freimaurerei muss mehr sein als Teilbegegnung im besten Seelengewand, einmal wöchentlich.
Diese ganze, lebendige Freimaurerei kann nur in einer lebendigen Loge entstehen, sie
ist in der Tat nicht in »Gedanken« zu erschöpfen. Was wir allerdings vorschlagen wollten,
war eine Orientierungsplattform, war ein Kern, gedacht zum Weiterentwickeln des eigenen
maurerischen Selbstverständnisses und zur Klärung des Bildes von Freimaurerei in der Öffentlichkeit.
Noch einmal: Leitgedanken sind nicht die Freimaurerei, sie können aber helfen,
uns und andere immer wieder an den bleibenden Auftrag unseres Bundes zu erinnern.
Leitgedanken der Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland
1. Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland
Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland
bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen
ausgerichteten Traditionen ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der
Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu bestimmen, ist wichtigster
Inhalt freimaurerischer Arbeit. Damit zieht die Großloge A.F.u.A.M.v.D. zugleich
die Konsequenz aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, aus der sie hervorgegangen
ist. Im Bewusstsein eigener Identität wirkt sie mit den anderen Großlogen im
Rahmen der »Vereinigten Großlogen von Deutschland« zusammen und fühlt sich als Bestandteil
einer weltumspannenden Gemeinschaft.
2. Das Wesen des Freimaurerbundes
Das Wesen des Freimaurerbundes besteht in der Einheit von leitender Idee, tragender
brüderlicher Gemeinschaft und vertiefendem symbolischen Erlebnis. Als Glieder eines
ethischen Bundes treten die Freimaurer für Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz,
Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit ein. Als Gemeinschaft brüderlich verbundener
Menschen ist die Loge Übungsstätte dieser Werte. Als Symbolbund dient die Freimaurerei
der Verinnerlichung von Idee und Gemeinschaft. Hierin liegt ihre Besonderheit gegenüber
allen anderen Zusammenschlüssen mit verwandten Zielen.
3. Die geistige Arbeit
Freimaurer wissen, dass die Werte, zu denen sie sich bekennen, immer wieder lebendig gemacht,
angesichts vorhandener Gefährdung präzisiert und in stets neuem Bemühen verwirklicht
werden müssen. Der Freimaurerbund verzichtet darauf, politische Programme
zu formulieren, und nimmt nicht teil an parteipolitischen Auseinandersetzungen. Logen
sollen vielmehr Stätten sein, an denen durch Information und gemeinsames Nachden265
ken verantwortliches persönliches Handeln vorbereitet wird. Ihre unverändert wichtige
aufklärerische Aufgabe erfüllen die Freimaurer der Großloge A.F.u.A.M.v.D. durch Überwinden
von Vorurteilen, durch Entwickeln von Sensibilität für Zeitprobleme und durch
Bemühen um gemeinsame Wahrheitssuche.
4. Die Loge
Grundlage freimaurerischen Wirkens ist die Loge. Sie ist Zentrum geistiger Arbeit, Stätte der
Begegnung und Ort ernster Besinnung. Für den Erfolg ihrer Arbeit ist offenes, ehrliches und
hilfsbereites Miteinander Voraussetzung. Zum Zeichen engster Verbundenheit und Vertrautheit
nennen sich die Freimaurer untereinander »Brüder«. Am geselligen Leben der Loge nehmen
auch die Frauen der Mitglieder und ihre Familien teil. Trotzdem ist die Freimaurerei
aus Tradition ein Männerbund. Sie sieht hierin keinen Widerspruch zur Gleichberechtigung
von Mann und Frau, hält vielmehr Vereinigungen, die nur Männer (oder nur Frauen) umfassen,
für ebenso legitime wie sinnvolle Formen menschlicher Gemeinschaft.
5. Das Brauchtum
Der Freimaurerbund besitzt ein überliefertes Brauchtum, dessen Ursprung die mittelalterlichen
Bauhütten sind. Die rituellen Arbeiten dienen der Einfügung neuer Mitglieder in
die Gemeinschaft, der Vertiefung menschlicher Bindungen innerhalb der Bruderschaft,
der Besinnung auf die moralischen Normen des Freimaurerbundes, der Sammlung und
Erbauung des einzelnen Bruders. Die freimaurerischen Hauptsymbole sind das Buch
des Heiligen Gesetzes, das Winkelmaß und der Zirkel. Sie erinnern an die ethischen Verpflichtungen
des Menschen, seine Verbundenheit mit seinen Mitmenschen und seinen
Bezug zur Transzendenz. Die Freimaurerei verzichtet auf jede inhaltliche Festlegung religiöser
Symbole. Sie überlässt dies der persönlichen Überzeugung des einzelnen Bruders.
6. Freimaurerei, Weltanschauung, Religion
Freimaurerei ist ein ethischer Bund und weder Religion noch Kirche. Sie will vielmehr
Menschen der verschiedensten Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen im Bewusstsein
verbindender Werte auf der Grundlage einer gemeinsamen Symbolsprache zusammenschließen.
Die Zugehörigkeit zu einer Konfessionsgemeinschaft hindert die Mitgliedschaft
im Freimaurerbund nicht.
7. Das Geheimnis
Die Freimaurerei ist kein Geheimbund. Geschichte, Wesen, Ziele, Satzung und Namen
der Vorstände von Großloge und Logen sind öffentlich zugänglich. Selbst die Rituale
sind oft publiziert worden. Trotzdem halten die Freimaurer an der Verschwiegenheit über
die Einzelheiten ihres Brauchtums fest. Dieses Schweigen schützt das Erlebnis und stiftet
Vertrauen.
Die Leitgedanken wurden verfasst von
Hans-Hermann Höhmann, Klaus Horneffer, Jens Oberheide
unter Mitwirkung von
Gerhard Grossmann, Hans-Joachim Jung, Friedrich Wilhelm Schmidt
266
1737–1987: Vergangene Hoffnungen
einlösen! 250 Jahre Freimaurerei in
Deutschland (1987)1
Deutsche Freimaurer feiern in Hamburg, und die Öffentlichkeit der Freien und Hansestadt
feiert mit. Die Hamburger Bürger, die im Dezember 1737 die Loge »Absalom« als erste
Freimaurerloge auf deutschem Boden gründeten, setzten nicht nur einen Markstein in
der Geschichte des Freimaurerbundes, sondern leisteten auch einen wesentlichen Beitrag
zur Ideen- und Sozialgeschichte der Aufklärung. Dass deutsche Freimaurer mit ihren Hamburger
Brüdern dieses Datum feiern, dass die Öffentlichkeit daran Interesse nimmt, hat allerdings
nicht nur mit Rückblick auf Vergangenes zu tun. Wichtiger – weil bleibender – ist,
dass damals und im weiteren Verlauf der freimaurerischen Geschichte Ideen formuliert und
Hoffnungen begründet wurden, die auf die Zukunft bezogen waren.
Dimensionen der Hoffnung
Die Hamburger Logengründung erfolgte zwei Jahrzehnte nach der Entstehung der Londoner
Großloge. Diese wiederum stand im Zeichen der wenig später formulierten »Alten
Pflichten«, die in der weiteren Entwicklung der Großen Loge von Hamburg immer einen
zentralen Platz eingenommen haben. Das Besondere der »Alten Pflichten« aber war, dass das
Sittengesetz anstelle religiös-dogmatischer Bindungen und staatlicher Gesinnungskontrolle
zum obersten Maßstab menschlichen Handelns und folglich auch zur Richtschnur für den
Freimaurer erklärt wurde. Gewiss empfand sich die Aufklärungsfreimaurerei nicht als politische,
in ihren Absichten gegen feudale Gesellschaft und absolutistischen Staat gerichtete
Aktionsgruppe. Doch indem die Logen neue Sozialformen nach eigenen Regeln darstellten,
indem sie bürgerliche Gleichheit und Offenheit, ja »Freiheit im Geheimen« (R. Koselleck)
praktizierten, gerieten sie potentiell mit Staat und Religion in Konflikt. Die »Alten Pflichten
« selbst sind ein anschaulicher Spiegel dieser Ambivalenz. Einerseits grenzen sie die Logen
von der Politik scharf ab (»Wir wenden uns entschieden gegen jedes Politisieren«), andererseits
erklären sie, dass – im Unterschied zu moralischen Verfehlungen – Widerstand gegen
die Obrigkeit für sich allein genommen kein Grund zum Ausschluss aus der Loge ist. Im
Selbstverständnis der frühen Maurer steht das Sittengesetz eben über politischer Loyalität.
Was das Sittengesetz inhaltlich ausmacht, ist allerdings begrifflich immer wieder neu gefasst
worden. Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz sind als Ausdruck freimaurerischer
Überzeugungen ebenso bekannt geworden wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die
genannten Werte waren als Maßstäbe des Sittlichen zunächst immer plakativ und vielfältiger
Konkretisierung offen. In der Geschichte des Bundes – und auch außerhalb der Freimaurerei
– wurden sie folglich unterschiedlich gewichtet und ausgelegt, was zur Quelle von Konflikten,
ja Spaltungen und Neugründungen verschiedener Art geführt hat. Dennoch ist die
Idee des Sittengesetzes und der ihm entsprechenden ethischen Werte unverzichtbar. Jede
1 Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Humanität. Das deutsche Freimaurermagazin, Nr.
8, Dezember 1987, S. 10–12.
267
Generation von Freimaurern steht vor der Aufgabe, für sich zu bestimmen, was der Inhalt
sein soll. Dies setzt eine anhaltende Bereitschaft voraus, die soziale und politische Wirklichkeit
im Lichte ethischer Überzeugungen stets aufs Neue kritisch zu reflektieren.
Damit ist Freimaurerei von Anfang an mehr Prozess als Zustand, mehr Anstoß zur Frage
als Gewissheit der Antwort. Viele Ausdrucksformen der älteren und neueren Geschichte
bringen dies zum Ausdruck: Der Mensch ist »Suchender«, er »geht seinen Weg« durch die
Grade des Lehrlings, Gesellen und Meisters, er »misst« sich an Symbolen, soll »vom rauhen
zum behauenen Stein werden«. Freimaurerei ist mehr Ethos als Inhalt. Die Große Loge
von Hamburg etwa hatte diesen Gesichtspunkt in ihrer Verfassung ausdrücklich verankert.
Begriffe wie »Gesinnungsart«, »Lebenskunst«, »Mitarbeit an allem Guten« (aber auch an
der Bekämpfung von Übeln), »Förderung von menschlicher Glückseligkeit« (aber auch
Erziehung zu Pflichtbewusstsein) bringen den methodischen Ansatz zum Ausdruck. Mit
Hamburg verbunden ist auch Gotthold Ephraim Lessing, der in seinen »Gesprächen für
Freimäurer« einen weiteren Wesenszug des Bundes umriss. Freimaurer kämpfen gegen die
unvermeidlichen Übel der Welt, indem sie die politisch-gesellschaftlichen Trennungen zwischen
den Menschen überwinden helfen, die ohne Zerstörung der Gesellschaft prinzipiell
nicht aufhebbar sind – hier ist Lessing im Vergleich zu Marx der weitaus größere Realist
–, die aber dennoch nichts Positives darstellen. Freimaurer überwinden Gräben, und das
Mittel, das sie dazu anwenden, ist die Freundschaft. Leitmotivisch heißt es gleich zu Beginn
von Lessings Schrift: »Nichts geht über das laut denken mit einem Freunde«. Freimaurerei
»beruht auf dem gemeinschaftlichen Gefühl sympathisierender Geister«, Freimaurerei ereignet
sich nur, wo Freundschaft ist. Damit ist zugleich die »wahre Ontologie« der Loge aufgezeigt,
die, will sie lebendig sein und Kraft entfalten, ein Freundschaftsbund zu sein hat.
Das Sittengesetz, das aufgezeigte methodische Vorgehen und die Idee vom Menschen
als dem Freund, dem Mitmenschen stehen schließlich auch im Zentrum des gleichfalls als
Gabe der Geschichte überkommenen freimaurerischen Brauchtums. Dieses Brauchtum hat
mit seinen Symbolen und feierlichen Handlungen einen ganz besonderen, auf andere Weise
nicht zu erfüllenden Auftrag: Es stiftet Gemeinschaft, schafft Raum für Nachdenklichkeit,
erzieht, fördert kreatives Erleben, bringt Wandlung und Veränderung zum Ausdruck und
verweist schließlich auf eine übergeordnete Verantwortung des Menschen, auf seinen transzendenten
Bezug. Wenn Freimaurer von Beginn an das Symbol des Großen Baumeisters
aller Welten als zentrales Symbol verwenden, so erinnern sie daran, dass sinnvolles Leben
nur dann gelingen kann, wenn sich der Mensch einer höheren Ordnung verantwortlich
und auf diese rückbezogen fühlt. Und das Aufschlagen des Johannes-Evangeliums mit seiner
Mahnung, dass »das Leben das Licht der Menschen ist«, mag in einer Zeit umfassender
Lebensbedrohung wahrhaft aufrüttelnden Charakter besitzen.
Hoffnung in Gefahr
Die Geschichte der deutschen Freimaurerei seit 1737 ist nun in keiner Weise ein einheitlicher,
kontinuierlicher Prozess gewesen, in dem die aufgezeigten Hoffnungen umfassend
hätten eingelöst werden können. Verwoben mit der Geschichte Deutschlands generell gab es
Aufschwünge und Stagnation, Verbot und Unterdrückung, ungerechte Verleumdung, aber
auch eigene Beteiligung an reaktionär-nationalistischen Rückfällen. Zeiten äußerer Blüte wa268
ren zudem nicht immer auch Zeiten geistiger Profilierung und sozialer Lebendigkeit. Phasenweise
trat an die Stelle des aufklärerischen Erbes, sich vorwärtstreibend-kritisch zur Gesellschaft
in Beziehung zu setzen, die Anpassung an Zeitgeist und politisch-sozialen Status
quo. Phasenweise traten auch die Mächtigen den Logen bei und förderten die Tendenz mancher
Freimaurer, Logen und Großzogen, sich vor allem als treue Diener von Thron und Altar
zu verstehen. Auch erlag man zuweilen der Versuchung, die ständische Struktur der Gesellschaft,
die doch ursprünglich im Bund »bloßer Menschen« überwunden werden sollte,
in Form differenzierter Hierarchien auf Logen und Großzogen zu übertragen, und dies
noch zu einer Zeit, als die feudale Gesellschaft längst von der sozialen Realität überholt war.
Dennoch: Es besteht kein Grund zu genereller Distanzierung von der freimaurerischen Geschichte.
Immer, bei aller Gefährdung der Hoffnung, war die Idee der Freimaurerei lebendig,
und die Logen boten den Menschen Heimat und gaben ihnen Kraft. Das Ringen um die Lebendigkeit
der Freimaurerei, das nie nachgelassen hat, schlug sich auch in vielen lebendigen
Auseinandersetzungen und auch in einer Reihe von Neugründungen von Logen und Großlogen
nieder. Dies ist oft bedauert und als eine Ursache für den zu schwachen Widerstand
gegen die Welle des Nationalismus im frühen 20. Jahrhundert diagnostiziert worden. Für
uns heute bietet das lebendige Meinungsspektrum der Freimaurerei vor 1933 jedoch viele
Anregungen zum Nachdenken über die Freimaurerei der Gegenwart.
Mut zur alten Hoffnung
Wir sollten nicht von 1737 sprechen, ohne nach 1987 zu fragen. Vergleichen wir die deutsche
Freimaurerei der Aufklärungszeit und auch späterer Perioden mit der der Gegenwart,
so könnte sich zunächst Resignation einstellen. Große Namen sind selten geworden, große
Zahlen fehlen. Aber gibt dies wirklich den Ausschlag? Freimaurerei ging ja immer vom einzelnen
Menschen aus. Menschen einander näher zu bringen, die sich sonst fremd geblieben
wären (so die »Alten Pflichten«), heißt doch, einzigartige, individuelle Beziehungen zu
schaffen. Lessings »laut denken mit dem Freunde« setzt gleichfalls die kleine, überschaubare
Gemeinschaft voraus. Schließlich geht es auch im Ritual stets um den Einzelmenschen, seine
Würde, seine Anfechtungen, seine Beziehung zum Bruder. Nicht, dass wir an Wachstum
desinteressiert sein dürften. Unser Bund hat nicht nur Erbe, sondern auch Auftrag. Zitieren
wir diesen Auftrag mit den Worten der alten Hamburger Großlogenverfassung: die
Pflege des Wahren, Guten, Schönen im Menschentum; die Verminderung des physischen
und moralischen Übels in der Welt; die sittliche Veredelung seiner Mitglieder. Zum Auftrag
des Bundes kommt die Suche der Außenstehenden: Wir wissen, dass viele Menschen nach
dem streben, was dem Freimaurer, der »seine Kunst recht versteht«, am Herzen liegt: Selbstfindung
und Sinnfindung, Nachdenklichkeit, Geborgenheit und Schutz vor Indiskretem,
menschliche Offenheit und Freundschaft. Dennoch sollten wir den Mut zur kleinen Zahl
und den Wenigen haben. Mehr als äußeres Wachstum zählt innere Lebendigkeit. Gelingt
es, die »vergangenen Hoffnungen« im Kleinen einzulösen, werden sich Ausstrahlung und
Wachstum von selbst einstellen. Dafür, dass es lebendige Freimaurerei in Deutschland gibt,
stehen viele ermutigende Beispiele.
Fragt man sich, was eine Loge und Großloge lebendig und ausstrahlungsfähig macht, so
deutet die Erfahrung auf vier Prinzipien hin, die mit den Stichworten Qualität, Redlichkeit,
269
Offenheit und Konsequenz umrissen werden können. Qualität bedeutet, hohe Maßstäbe
an uns selbst und unsere Logen anzulegen. Das beginnt mit sorgfältigster Auswahl der
Suchenden, setzt sich fort über ein hohes Niveau des rituellen, gesellschaftlichen und
geistigen Lebens von Loge und Großloge und fordert von jedem Einzelnen den anspruchsvollen
Umgang mit sich selbst und seinem Bruder. Redlichkeit meint vor allem, uns selbst
und unseren Bund richtig einzuschätzen. Eine Gemeinschaft, die viel zu geben hat, kann
es sich leisten, auch die Fehlentwicklungen von Vergangenheit und Gegenwart einzugestehen.
Schließlich gehören Suchen und Irren nun einmal zusammen. Offenheit bedeutet
dreierlei: Offenheit für neue Menschen (Qualität vorausgesetzt!), Offenheit für den Bruder
in der Loge und Offenheit für die Probleme der Zeit, die den Einzelnen beschäftigen
und nach Orientierung suchen lassen. Dies bedeutet keine Politisierung der Logen, kann
sich wohl aber als indirekte politische Kraft erweisen, wie dies schon für die Logen der
Aufklärungszeit charakteristisch war. Wenn der Freimaurer nach alter Lehre dem Sittengesetz
gehorchen soll, wenn er sich zu einem sinnvollen Lebens- und Weltentwurf bekennt,
dann sollte er mit seinen Brüdern danach fragen können, wie es um die Verwirklichung
seiner Wertvorstellungen in der Realität bestellt ist. Er sollte Orientierung finden, sein Urteil
schärfen, Vorurteile ablegen und zu individuellem Handeln motiviert werden können.
Schließlich überzeugt Freimaurerei nur, wenn sie konsequent ist. Unser Bund formuliert
hohe Ansprüche. Wir sollten so handeln, dass wir bestehen, wenn andere uns selbst mit
diesen Ansprüchen messen.
Die Vergangenheit, so zeigt der Rückblick auf 250 Jahre Geschichte der Freimaurerei in
Deutschland, hat Hoffnungen geweckt. Diese Hoffnungen kreisen um Würde, Freiheit und
Selbstbestimmung des Menschen. Die Geschichte hat zugleich den ganzen Reichtum von
Ideen, Ausdrucksformen und brüderlicher Gemeinschaft hervorgebracht, der das Wesen
unseres Bundes ausmacht. Die Geschichte hat freilich auch die Möglichkeit des Scheiterns
aufgezeigt. Hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass Freimaurerei durch jede Generation
von Freimaurern neu entsteht. Ob 1737 ein Datum mit Glanz ist, hängt davon ab, ob
wir in der Lage sind, diesen Glanz zu reflektieren. Worauf es dabei ankommt, haben Horkheimer
und Adorno in der Vorrede zu ihrer »Dialektik der Aufklärung« zum Ausdruck
gebracht: »Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der
vergangenen Hoffnung ist es zu tun.«
270
Lessing und die Freimaurerei der
Gegenwart (1991)1
Immer wieder gehen Freimaurer auf die Suche nach Selbstverständnis und Identität. Dies
verwundert nicht. Hängt doch die Entwicklung des Bundes ausschließlich davon ab, ob es
gelingt, Freimaurerei überzeugend zu begründen und engagiert zu praktizieren. Diese Aufgabe
leistet für uns kein Lehramt und keine verbindliche Ideologie. Viele Ansätze sind möglich
und können miteinander konkurrieren. Ich will in diesem Beitrag da auf die Suche gehen,
wo längst überzeugende Antworten gefunden wurden: Bei Lessing und seiner in Ernst
und Falk vorgenommenen Wesensbestimmung (»wahren Ontologie«) der Freimaurerei. An
Lessings Wort angelehnt frage ich: Was ist von den spekulativischen Wahrheiten des großenAufklärers
für heute gemeinnütziger und dem Logenleben ersprießlicher zu machen? Ich
könnte auch direkter fragen: Hilft uns Lessing bei der Erarbeitung eines freimaurerischen
Selbstverständnisses für die Gegenwart?
Das Vorhaben einer gegenwartsbezogenen »Lessingnahme« ist als solches keineswegs
neu und originell. Immer wieder wurde versucht, Lessing im Allgemeinen und Ernst und
Falk im Besonderen für jeweils konkrete freimaurerische Begründungsbedürfnisse zu nutzen.
Aus der Schrift in Vorträgen, Tempelzeichnungen und Artikeln zu zitieren, war seit
jeher weit verbreitet. Allerdings wurden dabei Gesamtheit und Dialektik des Ansatzes oft
verfehlt, so dass von Lessings geschlossenem Entwurf meistens nicht viel mehr übrig blieb
als ein Steinbruch für Zitate. »Freimaurerei war immer«, »Freimaurerei ist nichts Willkürliches,
nichts Entbehrliches«. Wer von uns kennte und schätzte solche Worte nicht, wer
hätte sich ihrer nicht gern und oft bedient. Doch was fast regelmäßig verloren ging, ist die
komplexe Vielschichtigkeit des Lessing’schen Freimaurerbegriffes und die eminente Bedeutung
von Ernst und Falk als freimaurerkritischer Schrift.
Auch (und vielleicht gerade) die humanitäre Freimaurerei war – indem sie Lessing unter
Verzicht auf Reflexion zu ihrem Heros machte und es versäumte, den mehrdimensionalen,
ja kritisch-widersprüchlichen Charakter seines Freimaurerbegriffes auszuloten, – nur sehr
partiell in der Lage, Lessing wirklich produktiv zu rezipieren. Der Autor von Ernst und
Falk war sich der drohenden Verständnisschwierigkeiten im Übrigen durchaus bewusst und
fasste Claudius gegenüber seine Skepsis in die Worte: »Es sollte mich wundern, wenn es
nur einer richtig versteht.«
Standortbestimmung erforderlich
Wie sinnvoll der Rückgriff auf Lessing für heutige Standortbestimmungen ist, soll später erprobt
werden. Doch zuvor ist zu fragen, ob es überhaupt eine »wahre Ontologie«, eine Wesensermittlung
der Freimaurerei also, für unsere Zeit geben kann, ob ein Konsens der Brüder
hierüber möglich ist, ja ob eine solche Übereinstimmung überhaupt wünschenswert wäre?
Zunächst lässt sich wohl feststellen, dass es tatsächlich eine Fülle »wahrer Ontologien« bzw.
1 Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Humanität. Das deutsche Freimaurermagazin, Nr.
7, Oktober/November 1991, S. 13–17.
271
»freimaurerischer Selbstverständnisse« gibt, die mehr oder weniger durchdacht und ausformuliert
sind. In jeder Logendiskussion, jedem Heft der »Humanität« treten sie uns entgegen.
Die außerordentliche Spannbreite der Definition sollte dabei nicht überraschen. Einmal
ist Freimaurerei nicht auf klar bestimmte konkret-operative Aufgaben festgelegt, woraus
sich folglich auch keine präzise, von klaren Zielen abgeleitete Bestimmung des Begriffes
»Freimaurerei« ergeben kann. Zum andern vertritt die Großloge A.F.u.A.M. eine konzeptionell
weitgehend »offene« Freimaurerei, was gleichfalls eine Fülle unterschiedlicher subjektiver
Wesensbestimmungen möglich macht. Dies ist im Prinzip durchaus in Ordnung. Schädlich
ist nur zweierlei: Erstens die Komplexitätsverkürzung, die mit vielen der gängigen Definitionen
wie »Mysterienbund«, »Geisteshaltung«, »Kulturtechnik«, »initiatische Gemeinschaft«
etc. verbunden ist, und zum zweiten die ganz und gar unfreimaurerische Neigung, solche Definitionen
absolut zu setzen und sie nicht als verschiedene koexistenzfähige Aspekte des vielschichtigen
Phänomens »Freimaurerei« zuzulassen.
Einerseits diese Vielfalt, andererseits die Notwendigkeit, nach innen und außen ein klares
Bild zu entwickeln und glaubwürdig zu sein, macht es erforderlich, immer wieder an einer
gemeinsamen freimaurerischen Grundorientierung zu arbeiten. Dies kann allerdings auch
ganz anders gesehen werden. Gerade die scheinbar willkürliche, widersprüchliche, ja zuweilen
chaotisch anmutende Erscheinungsweise der Freimaurerei repräsentiert für manchen von
uns den dringend erwünschten Kontrapunkt zur Zweckrationalität des Alltags. Konsequenz
und Glaubwürdigkeit gelten deshalb gelegentlich geradezu als kontraproduktiv.
Ich habe durchaus Sympathie für diesen Standpunkt, denn unprätentiöse Buntheit gefällt
auch mir besser als anspruchsvolles Pathos ohne konzeptionelle Grundlage und intellektuelle
Redlichkeit. Dennoch halte ich den Diskurs um das freimaurerische Selbstverständnis
unserer Zeit, ja das Entstehen miteinander diskutierender »Denkschulen« innerhalb unseres
Bundes für dringend erforderlich, und zwar erstens wegen der unbefriedigenden Lage der
Freimaurerei in Deutschland und zweitens wegen der Zuspitzung von Krisenerscheinungen
in der heutigen Welt, mit denen sich der humanitäre Freimaurer – by his tenure – nun einmal
auseinanderzusetzen hat.
Zur Freimaurerei in Deutschland in aller Kürze Folgendes: Der Bestand unseres Bundes
ist nicht unmittelbar gefährdet. Doch muss bedenklich stimmen, dass trotz Dynamik und
guter Entwicklung vieler Bruderschaften nicht wenig kleine und überalterte Logen in ihrer
Existenz bedroht sind, ja dass man im Einzelfalle auch um ganze Distrikte besorgt sein
muss. Sicherlich arbeiten viele Gruppen und einzelne Brüder unserer Großloge intensiv
und erfolgreich. Ob allerdings diese Arbeit dem Bund insgesamt zugute kommt, ob innerer
Glanz zugleich auch Ausstrahlung nach außen bedeutet, ob die aktiven Maurer auch die
gesamte Bruderschaft bereichern, ob sich unsere in besonderem Maße »würdigen Männer
von gehöriger Anlage« (Lessing) im Sinne der dringend erwünschten »Elitenzirkulation« für
Leitungsfunktionen zur Verfügung stellen oder ob sich nicht allzu oft ein steriles »Ämterkarussell
« dreht – das sind durchaus offene Fragen. Sind solche Fragen aber berechtigt, verlangen
sie gar dringend nach Antwort, so hilft – meine ich – nur eine verstärkte Selbstverständnisdiskussion,
und was wiederum Lessing dabei helfen kann, ist gleich weiter auszuloten.
Ich hatte als zweiten Grund für diese Selbstverständniserörterung die Krise der Welt um
uns herum genannt. Die moderne Entwicklung seit der Aufklärung hat große Errungenschaften
gebracht. Sie hat aber auch zu sich häufenden Problemen geführt, die eine erneute
Wende erforderlich machen. Bedrohungen nehmen zu, und Trennungen reißen auf: Tren272
nungen zwischen Menschen, Gesellschaften und Kulturen, zwischen Mensch und Natur,
innere Trennungen und Entfremdungen des Menschen. Hier kann und darf die Freimaurerei
nicht abseits stehen, hier sollte sie am Einlösen ihrer eigenen »vergangenen Hoffnungen«
arbeiten, etwa der Utopie der Weltbruderkette, hier sollte sie freimaurerisches Handeln nicht
an andere delegieren, sondern ihren Beitrag zum Überwinden der genannten Trennungen
leisten.
Überwinden von Trennungen aber ist nichts anderes als das große Thema Lessings in
Ernst und Falk. Fragen wir also: Was hilft uns Lessing heute, kann seine »wahre Ontologie
der Freimaurerei« auch die unsere sein, lässt sich seine Schrift mit Gewinn im Kontext gegenwärtiger
Freimaurerei interpretieren?
Lessings Argumentation
Ausgangspunkt Lessings in Ernst und Falk – und damit zentraler Angelpunkt seiner freimaurerischen
Anthropologie – ist die »Glückseligkeit jedes einzelnen Menschen«. Staat und bürgerliche
Gesellschaft sind für die Menschen geschaffen, damit »in dieser Vereinigung jeder
einzelne von ihnen seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen kann«.
Überindividuelle, kollektivistisch-ideologische Staatszwecke lehnt Lessing ab: »Jede andere
Glückseligkeit des Staates« – so heißt es weiter (und hier liegt auch der Kern von Lessings Kritik
am Preußen Friedrichs) – »bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden
müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nicht!«
Aber Staat und bürgerliche Gesellschaft können nur vereinigen, indem sie die Menschen
zugleich trennen. Auch die beste Staatsverfassung kann nicht die Existenz mehrerer Staaten
verhindern. Der universelle Weltstaat wäre aufgrund seiner ungeheuren Dimension keiner
Verwaltung fähig. Mehrere Staaten aber haben unterschiedliche Interessen, Gewohnheiten
und Sitten, folglich unterschiedliche Sittenlehren und deshalb wiederum verschiedene Religionen.
Aber nicht nur in verschiedene Völker und Religionen teilt und trennt die bürgerliche
Gesellschaft, nein, in Form der unterschiedlichen Stände setzt sie ihre Trennungen gleichsam
bis ins Unendliche fort.
Diese Trennungen sind schrecklich, aus ihnen folgt das Übel der Welt, und dennoch sind
sie – dies sieht Lessing viel realistischer als hundert Jahre später Marx – prinzipiell unaufhebbar:
Würde doch ihre Beseitigung Staat und Gesellschaft selbst zerstören. Von Übel ist
auch die Rückwirkung der Trennungen auf die Menschen, denn »wenn jetzt ein Deutscher
einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer … begegnet, so begegnet nicht mehr ein
bloßer Mensch einem bloßen Menschen, die vermöge ihrer gleichen Natur gegeneinander
angezogen werden, sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die
ihrer verschiedenen Tendenz sich bewußt sind, welches sie gegeneinander kalt, zurückhaltend,
mißtrauisch macht, noch ehe sie für ihre einzelne Person das geringste miteinander zu
schaffen und teilen haben«.
Mit der gleichen Notwendigkeit, wie die Menschen den Staat brauchen, wie dann aber
Trennungen entstehen zwischen Völkern, Religionen und Ständen, wie diese Trennungen
wiederum mit unvermeidbaren Übeln verbunden sind, muss es nun Menschen geben, die
durch Taten besonderer Art, Taten nämlich, die überflüssig machen, was man gemeinhin
»gute Taten« nennt (und was wir heute als Sozialpolitik bezeichnen), die durch Taten also
273
die genannten schrecklichen Trennungen so weit als möglich aufheben. Doch nicht alle
Menschen sind zu solchen Taten befähigt, nur eine Elite wirkt an diesem guten Werk (am
»opus supererogatum«) mit. Diese Menschen, die weisesten und besten eines jeden Staates,
aber sind die Freimaurer, die es »mit zu ihrem Geschäft gemacht haben, die Trennungen,
durch die die Menschen einander so fremd werden, wieder so eng wie möglich zusammenzuziehen
«.
Freimaurerei als jetzt und in Zukunft wahrzunehmende gesellschaftliche Funktion und
Freimaurerei als reale historische Erscheinung fallen allerdings nicht zwangsläufig zusammen,
denn »Loge verhält sich zur Freimaurerei wie Kirche zum Glauben«. Hier setzt der
freimaurerkritische Schriftsteller Lessing ein, der eine anregende, aber auch unbequeme
Lektüre zur Frage bietet, wie weit die jeweils konkret-historische Freimaurerei von der »Wesenheit
« Freimaurerei abfallen und Freimaurerei sich sozusagen von sich selbst entfernen
kann. Falk (Lessing) kritisiert aber nicht nur das zu seiner Zeit verwirklichte »konkrete
Schema der Freimaurerei«, er stellt auch den Ansatz einer institutionalisierten Freimaurerei
überhaupt in Frage, beruhe Freimaurerei doch »im Grunde nicht auf äußerliche Verbindungen,
die so leicht in bürgerliche Anordnungen ausarten«, sondern auf dem »gemeinschaftlichen
Gefühl sympathisierender Geister«. Freimaurerei ist ein Freundschaftsbund.
Trennungen durch und in Freundschaft zu überwinden, über die »wichtigsten Dinge« laut
mit dem Freunde nachzudenken, darin bestehen die Taten der Freimaurer. Lessing spricht
vom Hang, »in und neben der großen bürgerlichen Gesellschaft, kleinere vertraute Gesellschaften
zu bilden« und definiert am Ende seiner Schrift Freimaurerei als die Gesellschaft,
»die sich von der Praxis des bürgerlichen Lebens zur Spekulation erhebt, um zu untersuchen,
was unter dem Brauchbaren (d.h. dem Tatsächlichen) wahr ist«.
Insgesamt lässt Lessings vielschichtiger Begriff von Freimaurerei mindestens vier verschiedene,
bis heute fruchtbare Aspekte erkennen:
• Freimaurerei »ihrem Wesen nach«, d.h. als gesellschaftliche Funktion, Trennungen zu
überwinden, und als solche »ebenso alt wie die bürgerliche Gesellschaft«;
• Freimaurerei als Elite der Weisesten und Besten, die die genannte gesellschaftliche Funktion
des Brückenschlags zwischen Nationen, Religionen und Ständen ausübt;
• Freimaurerei als historisch-konkrete Erscheinung des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die
von Lessing überwiegend kritisch behandelt wird, und schließlich
• Freimaurerei als Freundschaftsbund, als Mitmenschlichkeit im Dialog, (»Nichts geht
über das laut denken mit einem Freunde«), als helfende Methode auch, durch Fragen
dem Gesprächspartner zu Wissen und klaren Begriffen zu verhelfen.
Auf heute übertragen ergeben sich folgende Konsequenzen:
Zunächst: Lessings Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Trennungen lässt
sich auf die Freimaurerei übertragen. Auch der Freimaurerei geht es um den konkreten Einzelmenschen,
seine Freiheit und Würde, rituell bestimmt durch seine individuelle Initiation.
Um diese zu vermitteln, bedarf es der Vereinigung zur Freimaurergruppe, zur Loge,
zur Großloge. Diese Freimauergruppen aber sind wie Staat und Gesellschaft: Sie vereinigen
nicht nur, sondern sie trennen auch. Und während sie institutionell-organisatorisch trennen,
verändern und verwandeln sie die Menschen in den Logen: Aus bloßen Brüdern werden solche
Brüder, Brüder unterschiedlicher Logen mit zuweilen gegensätzlichen Interessen, Brüder
274
verschiedener Großlogen und Lehrarten, anglophile und frankophile Brüder, Brüder mit hohen
Graden und Brüder ohne solche, »reguläre« Brüder und – horribile dictu – »irreguläre«
gar und so weiter und so fort. Die Folge ist, dass aufgrund dieser Trennungen alles andere
als ein hohes Konfliktpotential innerhalb der Freimaurerei erstaunlich wäre. Deshalb bedarf
es immer wieder intensiver Anstrengungen, um die unvermeidlichen, aber keineswegs guten,
ja – mit Lessing – durchaus »schrecklichen« Trennungen zwischen den Brüdern zu überwinden:
es bedarf permanent der Freimaurerei in der Freimaurerei!
Wichtiger sind allerdings die Konsequenzen, die sich aus Lessings Einordnung der Freimaurerei
in umfassende gesellschaftliche Zusammenhänge ergeben. Vor allem vier Gesichtspunkten
kommt eine aktuelle Bedeutung zu:
Erstens: Lessing kann uns helfen, die alte, doch auch für uns entscheidende Frage zu klären,
»was und warum Freimaurerei ist, wann und wo sie gewesen, wie und wo sie befördert oder
gehindert wird«. Lessings Antwort ist: Freimaurerei ist da lebendig und nur da, wo sie eine
gesellschaftliche Funktion wahrnimmt, wo sie mit der Gesellschaft in einer Beziehung von
Herausforderung und Antwort verknüpft ist, wo sie durch »wahre Taten«, das heißt Überwindung
von Trennungen, langfristig und dauerhaft Gutes bewirkt. Fazit für heute: Die Lebensfähigkeit
des Freimaurerbundes kann nur durch Wahrnehmen notwendiger gesellschaftlicher
Funktionen gesichert werden. Wir müssen sie bestimmen und ausüben!
Zweitens: Lessing macht uns aufmerksam, dass Freimaurerei sich selbst verfehlen kann. Daher
ist das jeweilige »heutige Schema« des Bundes immer wieder kritisch zu überprüfen, ja
wir müssen uns mit Lessing der bohrend provozierenden Frage stellen, ob Freimaurerei im
Sinne seiner »wahren Ontologie« im heutigen Freimaurerbunde überhaupt noch möglich
ist. Vielleicht hilft da die schlichte Frage: Möchte ich in einer Gesellschaft leben, die nach
dem Modell meiner Loge gestaltet ist? Auch müssen wir – wenn wir Lessing folgen – wohl anerkennen,
dass es Freimaurerei auch außerhalb der Freimaurerei gibt, ja dass wir Freimaurer
nur ein kleiner Teil dieser Freimaurerei sind, und auch dies nur, wenn wir – mit Lessing – »da
herum arbeiten«, nämlich da, wo es gilt, gegen die Trennungen zu arbeiten.
Drittens: Institutionen wie Logen, Großlogen, bruderschaftliche Vereinigungen sind – was
ihren Charakter als Organisationsformen betrifft – von relativ geringer Bedeutung. Entscheidend
ist »das gemeinschaftliche Gefühl sympathisierender Geister«, von Bedeutung allein
sind die Taten der Freundschaft. Freimaurer sind vor allem Freunde, die gemeinsam nachdenken,
die nicht mit Vorurteilen und Ideologien gegeneinander vorgehen, die kritisch sind
und offen. Fazit: Nur Männer aufnehmen, die Freunde sein können!
Viertens: Suchen wir schließlich Orientierungen für unser Handeln, so ist es wohl auch hier
Lessing gewesen, der bis heute gültige Maßstäbe vorgeben hat:
»Über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg sein und wissen, wo Patriotismus Tugend zu
sein aufhört« – das begründet den Maßstab Frieden.
»Den Vorurteilen der angeborenen Religion nicht zu unterliegen und nicht zu glauben,
dass alles gut und wahr ist, was man für gut und wahr hält«, das postuliert Toleranz.
Verhältnisse zu schaffen, »wo der Geringe sich dreist erhebt«, – das meint und verpflichtet
zu Gerechtigkeit.
275
So sind Friede, Toleranz und Gerechtigkeit zentrale Orientierungen freimaurerischer
Verantwortung. Anders formuliert, wo Toleranz, Gerechtigkeit und Frieden in Frage gestellt
sind, müssen gesellschaftliche Probleme zu Herausforderungen des Freimaurers werden.
Das Rituelle wird von Lessing weitgehend ausgespart. Dies hängt sowohl mit der Intention
seiner »wahren Ontologie« zusammen als auch mit dem rituellen Wirrwarr der Zeit
und dem fehlenden eigenen Zugang zu Logenveranstaltungen. Nehmen wir jedoch das
Ritual als sinnlich-bildhaften Ausdruck, riskieren wir die Gleichsetzung von Ritual und
Kunstwerk, so finden wir bei Lessing durchaus eine fruchtbare Deutung des Wechselspiels
von Ritual und maurerischer Idee. Lessing sagt nämlich von Laokoon in seiner gleichnamigen
Schrift, was (wie von jeder großen Kunst) auch vom Ritual zu sagen ist: »Dasjenige
aber ist allein fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto
mehr müssen wir hinzudenken können. Und je mehr wir dazu denken, desto mehr müssen
wir zu sehen glauben.«
Zusammenfassend: Es lohnt sich, Lessings Ernst und Falk immer wieder neu zu lesen, und
zwar im Zusammenhang und nicht selektiv als Sammlung von Zitaten. Seine »wahre Ontologie
« kann durchaus die unsere sein. Sein Geist ist undogmatisch frisch, und seine Argumentation
hilft wirklich, eigentliches Wesen und konkret realisierte Form der Freimaurerei
mit all ihren Ärgerlichkeiten voneinander zu trennen. Lessing formuliert die gültig gebliebenen
Ziele der Freimaurerei und vermittelt unverzichtbare Maßstäbe für die erforderliche
kritische Selbstaufklärung. Gewiss: Heute fehlt dem Freimaurerbund der Rückenwind des
Zeitgeistes, der die Aufklärungsmaurerei so kräftig beförderte, und wir sind selber gefordert,
jeder von uns, nach den Maßstäben unserer Ideen und Symbole zu handeln.
Wir haben allerdings einen vortrefflichen Lehrer: Lessing!
276
Herausforderung Deutschland.
Überlegungen nach der deutsch-deutschen
Vereinigung (1991)1
Seit dem 3. Oktober 1990 ist Wirklichkeit, was noch vor einem Jahr niemand erwarten konnte:
Die staatliche Einheit der Deutschen in einer neuen, größeren Bundesrepublik ist wieder
hergestellt. Uns erfüllt Freude darüber, denn die deutsche Vereinigung bedeutet das Ende
von Unfreiheit und ideologischer Bevormundung in den Ländern der ehemaligen DDR,
bringt die Rückkehr von Bürgerrechten, gesellschaftlichem Pluralismus und Demokratie und
schafft langfristig auch die Voraussetzungen dafür, dass die Deutschen im Osten am hierzulande
erreichten
Wohlstand teilhaben können. Bei aller Freude des Neubeginns ist allerdings
Nachdenklichkeit
angebracht, und es verbieten sich platter Überschwang und falsches nationales
Pathos. Eine realistische Betrachtung gibt ja kritischen Beobachtern nur allzu recht,
die schon frühzeitig feststellten: Die Einheit ist erreicht, aber die eigentliche Vereinigung in
einem möglichst homogenen politisch-sozialen Lebensraum mit gleichen Entfaltungsmöglichkeiten
und übereinstimmenden materiellen Bedingungen, eingeordnet in ein vereintes
Europa und offen für die globalen Probleme unserer Zeit, ist eine von den Deutschen noch
zu leistende Aufgabe, ist eine Herausforderung, die Antwort, die Verantwortung verlangt.
Herausforderung für den Bürger und Bruder
Deutschland als Herausforderung – dies gilt auch für uns Freimaurer, und so hat der vorige
Großlogentag in Königswinter der Bruderschaft der Großloge A.F.u.A.M. aus gutem Grund
zur Bearbeitung das Jahresthema aufgegeben: »Die deutsche Vereinigung als Herausforderung
für das Denken und Handeln des Freimaurers«.
Dieses Thema hat viele Aspekte, zunächst für den Bruder als Bürger, dann aber auch
für den Bruder als Freimaurer.
Wie immer, so ist auch hier der Bürger in uns aufgerufen,
nach eigener Verantwortung zu handeln. Eine Großlogenmeinung zur deutschen Vereinigung
gibt es nicht. Was es aber gibt, wozu uns unser Jahresthema einlädt und wofür die
Logen den Rahmen bieten können, ist das Gespräch über die deutschen Dinge, das »laut
denken mit dem Freunde«. Hierdurch kann dem einzelnen Bruder geholfen werden, sich
ein Urteil zu bilden und sich auf politisches Handeln vorzubereiten. Hierdurch kann zu
jener Sensibilität für politisch
Nötiges und Mögliches beigetragen werden, auf die es vor
allem ankommt, um die Probleme der deutschen Vereinigung in den Griff zu bekommen.
Hierdurch kann patriotisch oberflächlichen wie desinteressierten oder gar resignierenden
Einstellungen entgegengewirkt werden.
Kurz: Es gibt zwar kein »Deutschlandbild« der Freimaurerei, aber die Loge hat die
Chance, sich als »sichere Stätte« für Nachdenken und Diskurs über das Woher und Wohin
Deutschlands in Europa und in der Welt zu bewähren. Einige Aspekte aus meiner Sicht
sollen im Folgenden zu einem solchen Diskurs beigesteuert werden.
1 Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Humanität, Das deutsche Freimaurermagazin, Nr. 1,
Januar/Februar 1991, S. 9–12.
277
Aspekte der politischen Vereinigung
Der deutsch-deutsche Vereinigungsprozess hat viele Ebenen und vollzieht sich in unterschiedlichen
Geschwindigkeiten. Bei der Angleichung politischer Institutionen verläuft die
Entwicklung zweifellos am zügigsten. Die staatliche Einheit ist hergestellt. Formen und Verfahren
der parlamentarischen Demokratie sind in die neuen Bundesländer übernommen
worden.
Parteien haben sich gebildet. Wahlen wurden durchgeführt. Eine andere Frage ist
freilich, ob sich Politikfähigkeit und Bürgerbewusstsein ebenso schnell entwickeln konnten
wie die Institutionen der Demokratie, denn die lange Zeit der Diktatur bedeutete ja eine
ebenso lange Abwesenheit von eigentlicher Politik im Sinne des Gegeneinanders und Miteinanders
unabhängiger
politischer Kräfte. Hier sind sicher noch Lernprozesse erforderlich.
Anlass zu Überheblichkeit
und Misstrauen unsererseits besteht freilich nicht: War es doch
vor allem der vernehmliche
Protest mutiger Bürger, der den krisengerüttelten Spät-Totalitarismus
des Honecker-
Regimes so schnell und gründlich zum Einsturz brachte.
Die deutsche Vereinigung markiert nicht nur einen Wendepunkt in der politischen Entwicklung
der ehemaligen DDR. Sie bedeutet auch eine historische Zäsur für die Menschen
in der alten Bundesrepublik. Die demokratische Identität hierzulande lebte ja seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges in starkem Maße vom Ost-West-Gegensatz. Jetzt kommt
für ganz Deutschland die Stunde der Bewährung einer von den Denkmustern des Kalten
Krieges unabhängigen,
sich gleichsam selbst tragenden demokratischen politischen Kultur.
Der Zusammenbruch
des real existierenden Sozialismus hinterlässt zwar tiefe Spuren,
vermag aber nicht deutsche Politik langfristig mit positiven Inhalten zu füllen. Ob ganz
Deutschland in demokratischem
Sinne zukunftsfähig ist, darauf kommt es an. Dazu gehört
vieles und ich nenne nur einige zentrale Elemente: die endgültige Anerkennung der heutigen
Grenzen, das Bekenntnis, dass vom Boden Deutschlands nie wieder Krieg ausgehen
darf, und die entschlossene Festigung
des sozialen Rechtsstaats, dessen Bürger sich alle
Rückfälle in vor- und undemokratische Mentalitäten versagen.
Deutschland in Europa und der Welt
Das demokratische Deutschland ist zugleich ein europäisches Deutschland. Die alte Bundesrepublik
war auf dem Weg nach Europa, zum Binnenmarkt 1993, zur politischen Union.
Für das vereinigte Deutschland muss diese europäische Orientierung in einem erweiterten
Sinne selbstverständlich werden. Die Verankerung im Westen muss bleiben, vor allem als
Verankerung Deutschlands in westeuropäischer politischer Kultur. Doch zugleich gilt es,
die europäische Mittellage als Brücke nach Zentral- und Osteuropa zu nutzen. Die Länder
Osteuropas,
in denen der spättotalitäre Staatssozialismus zusammenbrach, gehören zu Europa
und sie brauchen, um politisch und wirtschaftlich zu überleben, die Hilfe des Westens.
Wenn Vaclav Havel, zur Zeit der Unterdrückung engagierter Bürgerrechtler und heute Präsident
der Tschechoslowakischen Föderativen Republik, für die frei gewordenen Länder in der
Mitte und im Osten unseres Kontinents eine »Rückkehr nach Europa« ankündigt, so muss
klar sein, dass es eine solche Rückkehr ohne westliches Entgegenkommen nicht geben kann.
Hierzu gehört wirtschaftliche Hilfe, insbesondere aber auch das Öffnen westeuropäischer
Institutionen
für die Länder Zentral- und Osteuropas. Ein solches Verhalten liegt nebenbei
278
auch im wohlverstandenen Selbstinteresse des Westens; denn die politisch höchst unerfreulichen
Alternativen
wären politische
Destabilisierung mit der Gefahr
autoritärer Rückfälle,
neuer Nationalismus,
ökonomisch-ökologische Dauerkrise und Anschwellen einer europäischen
Ost-West-Völkerwanderung. Europa ist dabei weit zu fassen. Auch hier ist dem
Wort des Bundespräsidenten nichts hinzuzufügen: Die Westgrenze der UdSSR darf nicht
zur Ostgrenze Europas werden. Dauerhafte Reformchancen haben die Republiken der sich
auflösenden Sowjetunion nur, wenn sie von europäischer politischer Kultur geprägt und in
europäische
Institutionen einbezogen werden.
Offenheit für Europa meint zugleich ein offenes Europa in einer sich verändernden
Welt. Die gesamteuropäische Dimension hat diese Welt einerseits für Deutschland größer
gemacht. Andererseits wird diese Welt zusehends kleiner, zunehmender Problemdruck lässt
die Länder der Welt zusammenrücken. Der in Anbetracht der Golfkrise wieder unsicherer
gewordene Friede, die zunehmende Wohlstandspolarisierung in reiche und arme Völker,
die drohende globale Umweltkatastrophe: All das erfordert über die deutsche und europäische
Verantwortung
hinaus auch eine globale Verantwortung, und der Zusammenbruch des
»real existierenden
Sozialismus« bedeutet nicht, dass die ihm überlegenen Strukturen und
Instrumente gegenwärtiger
westlicher Politik und Wirtschaft zur Bewältigung der vor uns
liegenden globalen Oberlebensprobleme
wirklich ausreichen.
Schwerwiegende Wirtschaftsprobleme
Im Vergleich zur politischen Vereinigung
erweist sich die wirtschaftliche Vereinigung, d.h. die
Angleichung von Wohlstand, Arbeitswelt und Sozialverhältnissen
in den neuen Bundesländern
als weitaus schwieriger. Wie zu vermuten war, hat die Währungs-
und Wirtschaftsunion als
Schock gewirkt, dem nun die Therapie zu folgen hat. Die bürokratische Planwirtschaft hat
eine verheerende ökonomische Erbschaft hinterlassen: niedrige Arbeitsproduktivität,
fehlende
Wettbewerbsfähigkeit, veraltete Produktionsanlagen, heruntergewirtschaftete
Infrastruktur,
Regionen am Rande der ökologischen Katastrophe. Jetzt geht es um den schwierigen Aufbau
eines Wirtschaftssystems sozialer Marktwirtschaft, und dieser erfordert
Zeit. Insbesondere
muss eine wettbewerbsfähige
Eigentumsstruktur entstehen,
und die Menschen müssen lernen,
sich in einer Marktwirtschaft zurechtzufinden. Wir im Westen müssen bei diesem Prozess helfen.
Die Teilung – so wurde oft und richtig gesagt – ist nur durch Teilen zu überwinden.
Nicht zuletzt aber bedarf es beim sich belebenden deutsch-deutschen
Miteinander in der
Wirtschaft einer verbindlichen ökonomischen
Ethik. Man vermittelt nicht Sympathie für
die Marktwirtschaft und Wissen um ihr Funktionieren, indem man seine Mitbürger in den
neuen Bundesländern – wie es leider nicht selten geschieht – zunächst erst einmal über den
Tisch zieht.
Die menschliche Dimension
Eine wirkliche deutsch-deutsche Vereinigung ist vor allem auch eine menschliche Vereinigung.
Die Menschen
in den neuen Bundesländern sind unsere Mitbürger. Sie kommen
nicht als Bittsteller. Sie erwarten nicht mehr als jene selbstverständliche menschliche Soli279
darität, über die in reichem Maße zu verfügen die Menschen
im Westen ja stets behauptet
haben. Diese deutsch-deutsche Grundsolidarität darf nicht in dem Moment abbröckeln, wo
mehr verlangt wird, als Kerzen in die Fenster zu stellen. Die Menschen im Osten haben es
schwerer als wir. Sie müssen sich persönlich und gesellschaftlich neu orientieren. Die alten
Ordnungen zerfallen und damit verschwinden Möglichkeiten der Identifizierung
– sei es in
Übereinstimmung oder im Protest. Die alten Systeme sozialer Sicherung entfallen, Eigentumsverantwortung
muss gelernt werden.
Doch die Menschen in den neuen Bundesländern
haben auch viel einzubringen:
Solidarität,
menschliches Zusammenrücken,
persönliche Verlässlichkeit, Gesinnungstreue und
eine bei uns oft verloren gegangene Bürgerkultur. Ich halte gar nichts von der These einer
kranken, neurotischen Gesellschaft im Osten unseres Landes, und ich mag es nicht, wenn
man die Bürger der ehemaligen DDR im Kollektiv auf die psychoanalytische Couch verfrachtet.
Es sind Menschen so wie wir. Sie haben ihre Erfahrungen,
Schicksale, Ängste und
Hoffnungen genauso wie wir.
Aufbau der Freimaurerei: engagiert und ehrlich
Während es bisher um den Diskurs mit dem Bürger ging, ist jetzt die Herausforderung des
Bruders als Freimaurer angesprochen. Seit einer Reihe von Monaten schon gehen Brüder
unserer
Großloge in die neuen Bundesländer, um Menschen für unsere Idee zu gewinnen,
neue Brüder zu finden und Logen zu gründen. An anderer Stelle dieses Heftes wird darüber
ausführlich
berichtet. Wir gehen in die ehemalige DDR, weil wir ein Angebot für die Menschen
haben, weil wir meinen, ihnen
als Freimaurer helfen zu können, und weil es dort Menschen
gibt, die versprechen, prächtige Freimaurer zu werden! Gewiss können wir beim Aufbau
des Bundes an das historische Erbe der Freimaurerei anknüpfen und Logen von Rang
und Namen wiederbeleben wie Goethes »Amalia« zu Weimar.
Aber dies ist nicht der Grund für unsere
Arbeit, und wir dürfen auch gar nicht da
anfangen,
wo wir 1935 aufgehört haben: bei einer weitgehend nationalistisch angepassten
Freimaurerei,
in einigen Fällen gar mit Großlogenführungen auf verzweifelter Suche nach
einem Platz für unseren Bund im NS-System. Wir sollten der Gesellschaft im Osten
Deutschlands, die zur Bewältigung ihrer Vergangenheit nichts so nötig braucht wie die
Wahrheit, keine eigenen Lebenslügen zumuten. Im Gegenteil: Der deutsche Neubeginn
sollte auch von uns als Chance historisch-kritischer Aufarbeitung genutzt werden. Wer
Zukunft will, muss auch erinnern wollen und darf am Verdrängen nicht allzu hartnäckig
Gefallen finden.
Es geht um den Aufbau einer veränderten
Freimaurerei in einem anders gewordenen
Deutschland. Erste erfolgreiche Schritte wurden unternommen, die ersten Suchenden sind
zu Brüdern geworden. Wir setzen unsere Arbeit fort, ohne Hektik, aber auch ohne unnötige
Verzögerungen. Die Großloge hat die organisatorischen Voraussetzungen
geschaffen und
gibt Hilfestellung.
An Konzepten für eine erfolgreiche
Öffentlichkeitsarbeit – insbesondere
zum Herstellen einer günstigen lokalen Öffentlichkeit – wird gearbeitet. Die bisherigen
Erfahrungen
zeigen ein großes Maß an Aufgeschlossenheit für Idee und Wirklichkeit von
Freimaurerlogen,
die gerade in der ehemaligen DDR als »offene« Männerbünde auch die
Familien einbeziehen
müssen. Jetzt ist es Aufgabe jedes einzelnen Bruders und jeder Loge,
280
sich ein örtliches
Betätigungsfeld zu schaffen, Menschen
für unseren Bund zu gewinnen
und nach Kräften auch ganz direkt menschlich-tatkräftig zu helfen.
Schließlich ist Freimaurerei als gelebte
Mitmenschlichkeit nur da glaubwürdig, wo sich
Denken und Empfinden
in humanitäres Handeln umsetzen. Gewiss bietet Freimaurerei
auch für die Menschen in den neuen Bundesländern kein flächendeckendes Programm
zur Bewältigung der Unzahl von Problemen und bedeutet schon gar keinen politischen
Aktionismus. Die Radikalität des Freimaurers, wenn es denn eine solche
überhaupt gibt, ist
eine stille Radikalität in die Tiefe der eigenen Seele. Es geht um eine alte Idee von zeitloser
Gültigkeit: Freimaurerei als gelebte Mitmenschlichkeit, der Freundschaftsbund,
der Menschen
zusammenführt, die sich sonst nicht nähergekommen wären, der nationale, soziale
und weltanschauliche Grenzen übersteigt, weil es auf den wirklichen, heutigen
Einzelmenschen,
den bloßen Menschen, den Menschenbruder ankommt. Es ist die Idee der Loge als
Schutzraum für Selbstfindung und Selbstwerdung, der »allen, die Wahrheit suchen
«, neue
Geborgenheit vermitteln kann.
Die Aufgabe, von der staatlichen Einheit zur wirklichen Vereinigung der Deutschen
in einem neuen Europa zu kommen, ist groß. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten,
denn unsere
Überzeugungen und Symbole fordern uns dazu auf. Der Aufbau der Logen
in den neuen Bundesländern ist allerdings schwer und erfordert Einsatz. Es geht nicht mit
der linken Hand und ein paar schwärmerischen Worten. Es geht nur mit Anstrengung,
Ideenreichtum
und der Hoffnung auf Freiheit und Gerechtigkeit.
In der ehemaligen DDR waren es Menschen mit dieser Hoffnung, die sich entschieden
gegen
etablierte Ungerechtigkeit
gewehrt und mutig nach Gerechtigkeit verlangt haben.
Nicht zuletzt ihnen ist es zu verdanken, dass es ein neues Deutschland gibt, vor dessen
Herausforderung
wir zu bestehen haben.
281
Enthusiasmus und Verantwortung –
Zum 230. Stiftungsfest der Loge »Anna
Amalia zu den drei Rosen« in Weimar (1994)1
»Das Beste, was wir von der Geschichte haben«, so schreibt Goethe in seinen »Maximen
und Ref lexionen«, »ist der Enthusiasmus, den sie erregt.« Versetzen wir uns 230 Jahre zurück.
Es ist der 28. Oktober 1764. Die Brüder versammeln sich zur Einsetzung der Loge
»Anna Amalia zu den drei Rosen.« Nicht weit von hier findet die Feier statt, im Wittumspalais,
dem Sitz der Herzogin Anna Amalia, die Förderin und Namenspatronin der Loge ist.
Es liegt kein Protokoll der ersten Arbeit vor und keine Teilnehmerliste. Doch wir wissen,
dass Namen mit einem guten Klang in Weimar unter den Maurern der ersten Stunde sind.
Kaum vorstellen können wir uns, wie das Ritual gehandhabt wurde. Es ist anzunehmen,
dass dabei viel kreative Improvisation geherrscht hat, und Mitglieder heutiger Ritualkollegien
– zeitreisend 230 Jahre zurückversetzt – hätten wohl runzelnd ihre Augenbrauen hochgezogen.
Doch wir können versichert sein, dass die Regularität der Herzen stimmte, dass
der Zauber des Aufbruchs trug und dass eine ansteckende Freude die Stimmung bestimmte.
Die Hoffnung auf Aufklärung, auf Unterscheidungsfähigkeit »zwischen Hell und Dunkel,
Licht und Finsternis« (so Wielands spätere Definition), die Erwartung einer durch Offenheit
und Freiheit geprägten politisch-sozialen Zukunft, das Erlebnis menschlicher Gleichheit,
die Möglichkeit, sich jenseits der Schranken von Stand, Nation und Bekenntnis als
»bloße Menschen« zu begegnen – all das prägte Bewusstsein und Gefühl der Bruderschaft.
»Laut verkünde unsre Freude froher Instrumentenschall,
jedes Bruders Herz empfinde dieser Mauern Widerhall.«
Gewiss, dieser Text nach Mozarts Noten wurde nicht in Weimar anno 1764 angestimmt,
sondern erst 25 Jahre später in Wien. Doch die Töne der Kantate bringen wohl mehr als
Dokumente jenen eigentümlichen Zusammenklang von Idee und Stimmung, von Intellektualität
und Emotionalität zum Ausdruck, der kennzeichnend gewesen ist für die Frühzeit
der modernen Freimaurerei und der auch die Atmosphäre am Weimarer Musenhof bestimmt
haben mag.
Goethe wird im Jahre 1780 Mitglied der Loge »Anna Amalia«. Es habe ihm beim Reisen
allein am »Titel Freimaurer« gefehlt, um mit Personen, die er schätzen lernte, in nähere
Verbindung zu treten, so lautet bekanntlich die weltmännisch-pragmatische Begründung
seines Aufnahmegesuchs. Eine verständliche Begründung, denn – so konnte die moderne
Aufklärungsforschung 200 Jahre später feststellen –: »Im Zeichen des Maurermysteriums
entstand das soziale Gerüst der moralischen Internationale, die sich aus den Kaufleuten
und Reisenden, den Philosophen, Seeleuten und Emigranten, kurz den Kosmopoliten im
Verein mit dem Adel und den Offizieren zusammensetzte. Die Logen wurden zum stärksten
Sozialinstitut der moralischen Welt im achtzehnten Jahrhundert« (Reinhart Koselleck).
Ein starkes Sozialinstitut war auch die Loge »Anna Amalia«, sowohl im Kontext der
sich formierenden deutschen Freimaurerei als auch im gesellschaftlichen Mikrokosmos
1 Dieser Beitrag wurde bisher nicht veröffentlicht.
282
der Weimarer Gesellschaft. Männer wie Goethe, aber auch Herder und Wieland bestimmten
geistig-kulturelle Inhalte und Ausstrahlung und vernetzten Weimar mit anderen Zentren
der deutschen Aufklärung, ja verschafften ihm einen führenden Platz darin.
Viele – aus heutiger Sicht unaufgebbare, und doch leider periodisch immer wieder vergessene
– Grundideen unseres Bundes wurden in Weimar formuliert. »Der Freimaurer ist
als solcher ein Weltbürger«, so etwa Wieland in einer seiner Logenreden, und – so Wieland
weiter – »Freiheit, Gleichheit und Verbrüderung sind die wahren Grundpfeiler unserer Gesellschaft
und niemand,
der sich das nicht völlig klarzumachen vermag, rühme sich, den
Schlüssel zu unserem
Geheimnis gefunden zu haben.«
Zielvorstellungen und Stimmungslagen der Aufklärung im Denken und Schreiben der
Weimarer Brüder, die mit von ihnen entworfene Utopie eines befreiten Menschen in einer
nicht durch die Willkür weltlicher und religiöser Herrscher bestimmten, sondern von
moralischen Gesetzen geordneten sozialen Wirklichkeit, Humanität – wie Herder erläutert
– als Inbegriff von »Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechten, Menschenpflichten,
Menschenwürde und Menschenliebe« – all das berechtigt wohl, hier und jetzt jenen Enthusiasmus
zu teilen, der – so noch einmal Goethe – das Beste ist, was wir von der Geschichte
haben. Und wenn wir an diesem Stiftungsfest – wie immer in unserem Bunde an solchen
Schnittstellen
der Zeit – in historischer Rückschau Ansatzpunkte suchen für eine in die Zukunft
gerichtete Identität von Freimaurerei und Loge: Hier müssen wir sie suchen und hier
müssen wir fündig werden, bei der historischen Leistung unserer »Brüder Aufklärer« für
die Entwicklung der Humanitätsidee, für die Formulierung des Konzepts der universellen
Menschenrechte und für die Bestimmung der Rolle von geistiger wie staatlich-rechtlich
institutionalisierter Toleranz als dem regulativen Prinzip einer offenen Gesellschaft.
Und wir können noch etwas lernen von unseren frühen Brüdern in Weimar und
anderswo, wo unser Bund im 18. Jahrhundert lebte und wuchs: nämlich dass eine Freimaurerei,
die etwas zur Zeit und aus der Zeit heraus zu sagen vermag, von der Außenwelt
gehört und angenommen
wird auf eine Weise, die eine Freimaurerei ohne produktive
Spannung zur Gesellschaft
nie erreichen kann, oder anders formuliert, dass Größe und
Geltung unseres Bundes über das Heute in das Morgen hinein davon abhängt, ob es gelingt,
freimaurerische
Formen und aufklärerische Inhalte zusammenzuhalten.
So weit, so gut. Allein, das bloße und selektive Sich-Berufen auf jene Teile der Geschichte,
die zu Enthusiasmus Anlass geben, reicht nicht aus. Geschichte darf nicht zum
Selbstbedienungsladen für ideologische Zwecke, zum Materialdepot für die Kulissen gefälliger
Selbstinszenierungen werden. Der Umgang heutiger Freimaurer mit der Vergangenheit
muß komplex und redlich ausfallen. Wieder führt – so meine ich – Goethe auf die
rechte Spur:
»Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkel unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.«
»3000 Jahre«, das steht im übertragenen Sinne für die notwendige Vollständigkeit historischer
Ref lexion. Und »Rechenschaft« hat mit Sich-Verantworten zu tun. Sich-Verantworten
283
nicht für das historische Geschehen als solches – das ist die Aufgabe der jeweils Handelnden
– wohl aber Sich-Verantworten für den Umgang mit Geschichte.
Und wie man den rechten Umgang mit Geschichte verfehlen kann, thematisiert gleichfalls
und wohl unübertreff lich Goethe im Dialog zwischen Wagner und Faust:
Wagner:
»Verzeiht! Es ist ein groß Ergetzen,
sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
und wie wirs dann zuletzt so herrlich weitgebracht.«
Faust:
»O ja, bis an die Sterne weit!
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
das ist im Grund der Herren eigner Geist,
in dem die Zeiten sich bespiegeln.«
Das heißt, wenn wir vom Enthusiasmus sprechen, den Geschichte vermittelt, so müssen wir
uns redlich fragen, ob es historische Fakten sind, die uns begeistern, oder überlieferte,
nicht
mehr reflektierte, wenn nicht gar selbstgemachte Geschichtsbilder. Wir müssen
den Mut haben,
nach der ganzen historischen Wahrheit zu fragen und auch festzustellen,
was mit unserem
Bund und unseren Logen in jenen Phasen der Geschichte war, auf die nicht das helle Licht der
Weimarer Klassik fällt, in denen Freimaurerei gleichsam von sich selbst abgefallen ist.
Wer von Weimar spricht, darf von Buchenwald nicht schweigen!
Für den notwendigen ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit gibt es zwei ganz schlichte,
überzeugende Gründe:
Erstens: Unredlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit ist ein für allemal keine Basis für
freimaurerische Lebenskraft im Heute und Morgen.
Zweitens: Wir sollten nicht riskieren, früher oder später von Außenstehenden beim Paradieren
unter falschen Geschichtsbildern erwischt zu werden.
Wir haben also Fragen zu stellen und uns um Antworten zu bemühen, wobei es heute beim
Fragen bleibt:
Gilt für das 18. Jahrhundert wirklich so eindeutig, was wir über die frühe Blüte der
Freimaurerei
immer sagen?
Gewiss, wir lernen aus den Dokumenten der Zeit, dass die Idee der Freimaurerei viele
führende
Geister überzeugte, aber wurde die Umsetzung von Freimaurerei in der Logenund
Großlogenpraxis nicht von Anfang an des öfteren als kritikwürdig empfunden? Finden
wir nicht gerade bei unseren Großen fast regelmäßig eine durchaus gebrochene Einstellung
zum Bund? Unter den Weimarern bei Goethe etwa, bei Herder, bei Wieland? Was sonst
284
hätte Letzteren veranlasst, eine seiner Amalia-Logenreden mit der Frage zu überschreiben:
»Wie verhält sich das Ideal der Freimaurerei zu ihrer dermaligen Beschaffenheit?«
Und wir haben weiter zu fragen:
Wie stand es im 19. und 20. Jahrhundert um unseren Bund? Müssen wir beispielsweise,
wenn wir einem führenden Historiker wie Rudolf Vierhaus in seiner positiven Würdigung
der Freimaurerei für das 18. Jahrhundert folgen, uns nicht auch damit auseinandersetzen,
wenn er für die Wende zum 19. Jahrhundert ein »Versinken in bloßer Honoratiorengeselligkeit,
in Pseudomystik
und Geheimnistuerei als Ausdruck einer selbst beigelegten, nach
außen nicht rechtfertigungsbedüftigen Bedeutsamkeit« konstatiert?
Und wie stehen wir heute zur nationalistischen Wende beträchtlicher Teile unseres Bundes,
die Mitte der zwanziger Jahre einsetzte, nicht zuletzt in Thüringen und dabei auch hier
in Weimar – Stichwort Großlogenwechsel der »Anna Amalia«?
Kann es befriedigen, demokratische Überzeugung und Widerstandsbewusstsein gegen
den aufkommenden Nationalsozialismus vorwiegend an den Brüdern Carl von Ossietzky
und Kurt Tucholsky zu exemplifizieren, wenn deren Großlogen gleichzeitig nach wie vor
als irregulär abqualifiziert werden?
Dürfen Verbot und Verfolgung der Freimaurerei durch die Nationalsozialisten so nahtlos
mit Widerstand gegen den Nazismus gleichgesetzt werden, wie es immer wieder geschieht?
Wie gesagt: Ich kann heute und hier nur Fragen stellen. Aber das Jahr 1995 ist bekanntlich
ein Jahr der Jahrestage – seit 1925 sind siebzig, seit 1935 achtzig und seit 1945 sind 50
Jahre vergangen.
Auch wir Freimaurer sollten dieses Jahr zum Anlass nehmen, uns der Geschichte – der
deutschen wie der freimaurerischen – zu stellen. Denn insbesondere die Zeitgeschichte,
um die es hier vor allem geht, »ist nicht toter Stoff. Wir Nachlebende sind Teil dieser
Geschichte,
und damit ist Geschichte ein Teil unserer Gegenwart« (Heinz Friedrich). Vielleicht
hilft uns eine solche Standortbestimmung in der Geschichte auch dabei, aus dem
wenig produktiven Zustand introvertierter, nach außen nicht vermittelbarer Organisations-,
Satzungs- und Regularitätsdebatten herauszukommen, den viele von uns gegenwärtig so
bedrückend empfinden.
Zum Schluss: Stichwort »Gegenwart« und noch einmal Stichwort »Enthusiasmus«. Ich begann
mit der Freude des Aufbruchs 1764, vor 230 Jahren. Ich möchte schließen mit jener
Freude, die vor fünf Jahren, im Herbst 1989 begann. Damals brach die kommunistische Diktatur
zusammen, überall in Osteuropa und auch in der DDR. Mit der Freiheit kehrte die
Freimaurerei zurück, und auch in unserer guten Loge »Anna Amalia zu den drei Rosen« wurde
wieder das Licht angezündet. Dieses Licht tut, was Lichter überall tun, es wärmt, und es
leuchtet. Es symbolisiert die menschliche Wärme, die uns mit unseren Brüdern hier verbindet.
Es steht wie das Licht von 1764 aber auch für Aufklärung, für ein genaues Hinschauen
auf das, was Weimar heute ist und sein kann, für ein präzises Wahrnehmen der Lebenssituation
der Menschen hier und für ein sensibles Umsetzen unserer Aufgaben.
Ehrlichkeit und Enthusiasmus schließen sich nicht aus: Wenn Freimaurerei als überzeugend
gelebte Mitmenschlichkeit gegenwärtig ist, dann hat das, was 1764 begann, nicht nur Vergangenheit,
dann tragen uns Erbe und Auftrag kraftvoll in die Zukunft.
285
Regularität und Humanität: Freimaurerei vor
dem Jahr 2000 (1995)1
Interview: Im Gespräch mit Rüdiger Oppers
Die Disharmonien im Vorfeld des letzten VGL-Konvents haben in vielen Logen zu Missstimmungen
geführt. Kopfschüttelnd haben die Brüder registriert, dass sich die Freimaurerei
offenbar intensiver mit ihren vereinsrechtlichen Interna beschäftigt als mit
überlebenswichtigen Zeitfragen. Wie wichtig wird das Thema »Regularität« für die Zukunft
der europäischen Freimaurerei sein?
Das Unerfreuliche an den von dir angesprochenen Missstimmungen, die ja weit hinter den
letzten Konvent zurückreichen, war die Art und Weise, wie die Regularitätsdebatte geführt
wurde.
Erstens: So wichtig einerseits die Festlegung von Grundsätzen und Verhaltensmaßstäben
ist, so gefährlich ist andererseits eine unangemessen rigide Fixierung darauf. Sie schafft unnötigerweise
Loyalitätskonflikte, die die Bruderschaft stark belasten und lenkt unsere Aktivitäten
von dem, was heutzutage für die Freimaurerei wichtig ist, auf Nebenschauplätze
um. Dies kostet Energie, die anderswo sinnvoller eingesetzt werden könnte. Freilich schadet
nicht nur Rigidität, auch bloße Provokation ist zu vermeiden.
Zweitens: Es kann keinerlei Zweifel daran bestehen, dass die Großloge A.F.u.A.M. als Nachfolgegroßloge
der humanitären Freimaurerei in Deutschland schon von ihrer Herkunft her
die reguläre deutsche Großloge ist. Ziel, Aufbau und Arbeitsweise entsprechen vollkommen
der Gesamtheit der in den »Basic Principles« festgelegten Grundsätzen. Für die deutsche
Großlogenwirklichkeit insgesamt kann dies mit gleicher Bestimmtheit nicht gesagt werden.
Deshalb darf die Diskussion über das, was regulär ist in der Freimaurerei, weder einseitig in
der Sache noch politisch-taktisch in der Intention geführt werden. Wenn man eine solche
Debatte überhaupt für nötig hält, so müssen alle Aspekte der »Basic Principles« (Willensbildung
innerhalb der Großlogen, Unabhängigkeit der blauen Logen, Grenzen religiöser Festlegung)
einbezogen und zum Maßstab einer Bewertung unserer Partnergroßlogen und der
VGLvD selbst gemacht werden.
Ich halte es jedoch für viel wichtiger, dass wir über Regularität in einem wesentlich weiteren
Sinne nachdenken und gemeinsam die Regeln bestimmen, die in der Lage sind, Freimaurerei
in das kommende Jahrhundert hinein lebensfähig zu halten, und die garantieren, dass wir
mit unserer Botschaft die Menschen in Europa überhaupt noch erreichen. Das können wir
nicht mit schönen Spruchbändern aus alter Zeit, das können wir nur durch konzeptionelle
Überzeugungskraft, intellektuelle Redlichkeit und engagierte Mitmenschlichkeit in der Praxis.
Für mich steht und fällt Freimaurerei letztlich mit der Frage, ob sie vor den folgenden
drei Maßstäben bestehen kann:
1 Interview: Im Gespräch mit Rüdiger Oppers. Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Humanität.
Das deutsche Freimaurermagazin, Nr. 2, März/April 1995, S. 16–20.
286
• der Universalität der Freimaurerei (d.h. ihrer Offenheit für wirklich alle Männer, wie und
wo auch immer),
• dem Bekenntnis zu den durch die drei »Großen Lichter« symbolisierten Grundlagen (Brüderlichkeit,
Ethik, Transzendenz) und
• der im konzeptionellen Selbstverständnis, in der inneren Gestaltung und im äußeren
Umgang strikt eingehaltenen und voll angewandten Überzeugung, dass »die Würde des
Menschen unantastbar« ist.
Muss die Anerkennung einzelner Logen oder ganzer Obödienzen nicht demokratischer geregelt
werden können? Immerhin haben die Freimaurer viel zum Entstehen einer europäischen
Einigung geleistet. Organisatorisch hinken wir der politischen Entwicklung hinterher. Selbst
die äußerst unvollkommene EU erscheint demokratischer als die Großlogenstrukturen auf
europäischer Ebene. Schlimmer noch: Es gibt offensichtlich keine Strukturen, die unsere europäischen
Großlogen fest miteinander verbinden würden. Wann wird es eine europäische
Großmeisterkonferenz mit eindeutigen Zuständigkeiten und Befugnissen geben?
Wer sich mit Hierarchien und Entscheidungsstrukturen in Politik und Gesellschaft beschäftigt,
wird immer wieder feststellen, dass organisatorische Lösungen regelmäßig nur dann zur
Bewältigung anstehender Probleme beitragen, wenn sie den Anforderungen der sich stellenden
Aufgaben entsprechen und eine breite soziale Akzeptanz finden. Deshalb – um ein
Beispiel aus der Nachkriegsgeschichte der Freimaurerei in Deutschland zu wählen – war die
Paulskirchen-VGL von 1949 umso vieles erfolgreicher als die VGLvD von 1958. Für die Entwicklung
der europäischen Freimaurerei bedeutet dies, dass auch hier die Impulse vor allem
von unten, das heißt aus den Logen, kommen müssen. Basisinitiativen dürften auch hier
viel wirksamer sein als kopflastige Institutionen, was nicht heißt, dass nicht auch die Großlogen
dazu beitragen können, die europäischen Bruderschaft zusammenzubringen. Dabei
stimmen die Entwicklungsmöglichkeiten der Freimaurerei in einem Punkt vollkommen mit
denen der Politik überein: Ohne eine breite deutsch-französische Zusammenarbeit geht es
nicht. Meine Position hierzu ist, dass mit dem Teil der französischen Freimaurerei, der nach
seiner inneren Struktur, seinen Leitideen sowie dem dafür gefundenen symbolischen Ausdruck
den Prinzipien der Weltfreimaurerei entspricht, auf brüderlicher Basis wirksam und
vielschichtig zusammengearbeitet werden sollte.
Für die Diskussion grundsätzlicher und aktueller Fragen des Verhältnisses von Freimaurerei
und Gesellschaft in einem offenen Rahmen außerhalb des Rituals, ohne formelle
Regelung und ohne jeden Affront gegen die United Grand Lodge of England sollte es
auch keine Berührungsängste mit Mitgliedern des Grand Orient de France geben, der nun
einmal zur europäischen Tradition der Freimaurerei dazugehört. Regularität ist eine Frage
des »Wie-man-ist« und nicht des »Mit-wem-man-spricht«. Auf alle Fälle braucht die europäische
Freimaurerei ein Klima geistiger Offenheit. Eine Atmosphäre thematischer Tabus
oder gar von Denk- und Sprechverboten darf es in ihr nicht geben. Direkte Gespräche zwischen
der Großloge A.F.u.A.M. und der United Grand Lodge of England zur Klärung der
anstehenden Fragen scheinen mir dringend erforderlich. Die Magna Charta bietet hierfür
bekanntlich ja auch einen Rahmen.
287
Welches sollten die Themen sein, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, um die Logen
attraktiv für junge Menschen zu machen, die mitten im Leben stehen, Verantwortung
übernehmen und als Baumeister an der Entwicklung unserer Gesellschaft mitwirken wollen?
Zunächst: Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass die Freimaurerei ein Angebot für junge
Menschen hat. Sie muss nur besser als bisher in der Lage sein, dieses Angebot an junge
Menschen heranzutragen. Dazu müssen wir die Menschen zu uns bringen und mit der Freimaurerei
vertraut machen. Dies geht vor allem über den alten, bewährten, doch leider viel
zu oft vernachlässigten Weg der persönlichen Einladung aus dem Familien-, Freundes- und
Bekanntenkreis. Ich meine jedoch, dass wir auch neue Kommunikationstechniken brauchen,
um junge Menschen als potentielle Mitglieder anzusprechen. Wir müssen sozusagen
»intelligente Schleppnetze« auswerfen. Entsprechende Aktivitäten der Großloge sind bisher
leider immer wieder stecken geblieben, sodass es auch hier vor allem auf eine kreative Arbeit
der einzelnen Logen ankommt.
Kämen dann junge Menschen zu uns, so müssen aus Gästen Suchende werden. Auch
dies gelingt nur durch eine überzeugende und kreativ-interessante Arbeit der Logen. Die
Ideen der Freimaurerei werden nur dann Menschen zu uns bringen, wenn wir durch eine
»Freimaurerei zum Anfassen« deutlich machen, dass die Logen Brüderbünde sind, die
Geborgenheit vermitteln und den Menschen helfen, Wege zu sich selbst und anderen
zu finden. Wenn wir vermitteln könnten, dass die menschlichen Beziehungen bei uns
stimmen, dass sich Konfliktsfähigkeit und Friedensbereitschaft die Waage halten, dass
wir Themen ansprechen, die für Gegenwart und Zukunft der Menschen von Bedeutung
sind, und wenn wir deutlich zu machen verstehen, welche Schätze unser altes rituelles
Brauchtum in sich birgt, dann brauchten wir um die weitere Entwicklung unseres Bundes
nicht zu bangen.
Die jungen Menschen von Niveau, die wir brauchen, suchen einen jungen Bund mit
Niveau. Das heißt nicht, dass uns unsere Alterstruktur im Wege steht: Junge Menschen
suchen durchaus das Gespräch über die Generationen hinweg, wenn es redlich und lebendig
ist. Das heißt auch nicht, auf unser bewährtes Erbe zu verzichten. Im Gegenteil:
Gerade in einer Zeit, die Aufklärung infrage stellt und in der auch innerhalb unseres
Bundes gelegentlich auf sonderbare Weise versucht wird, dieses Erbe abzuschütteln, bleibt
die stets neue und kreative Rückbesinnung auf unsere »vergangenen Hoffnungen« eine
existenznotwendige Aufgabe.
Ganz wichtig ist mir dies: Wenn wir mit jungen Menschen über Freimaurerei sprechen,
so müssen wir sie ehrlich und redlich darstellen, auch da wo unsere Geschichte Wege ging,
die wir heute kritisch sehen müssen. Von Legenden, wie etwa der einer freimaurerischen
Gegenposition zum NS-System, sollten wir Abschied nehmen, endgültig und gründlich.
Es gab Mut und Opfer in Einzelfällen, auch bei einzelnen Gruppierungen, aufs Ganze
gesehen aber dominierte Anpassung, ja Unterwerfung, vor allem bei den altpreußischen
Großlogen. Sollte hier nicht endlich aufgearbeitet werden? 1995 als vielschichtiges Erinnerungsjahr
gäbe Gelegenheit dazu.
Und in diesem Zusammenhang noch einmal zur Regularität: Dürfen wir uns wirklich
noch zumuten, Ergebensheitsadressen an Hitler im Kontext regulärer Freimaurerei zu
verstehen, wenn die brüderliche Heimat Carl von Ossietskys, auf den wir uns so gern
berufen, gleichzeitig nach wie vor als irregulär eingeschätzt wird?
288
Gibt es in der deutschen Freimaurerei überhaupt Gremien oder »Brain Trusts«, die einmal
wagen, über die Grenzen des jetzt bestehenden und Arrivierten in der Freimaurerei hinauszudenken
und die Konzepte für die Zukunft der Freimaurerei im Jahre 2020 entwickeln?
Es gibt in der deutschen Freimaurerei viele Brüder, die über ihren Bund nachdenken. Es gibt
auch bewährte Plattformen dafür, wie das Collegium und das Forum Masonicum. Freilich
gibt es – nicht zuletzt unter den Amtsträgern – auch Brüder, die ein kritisches Nachdenken
über Zustand und Entwicklungsnotwendigkeiten der Freimaurerei in Deutschland gar nicht
schätzen. Auch drängt gelegentlich kurzatmiges politisch-taktisches Kalkül die notwendigen
strategisch-konzeptionellen Überlegungen allzu sehr in den Hintergrund. Was dabei herauskommt,
kann oft nicht befriedigen. Ob neue Gremien, z.B. ein wie immer gearteter »Brain
Trust«, helfen können, scheint mir zweifelhaft. Auch hier gilt: Neue Gremien helfen nur,
wenn sie von neuen und kräftigen Basisimpulsen getragen werden. Wichtiger als neue Gremien
zu schaffen, wäre es meines Erachtens, großlogenweite Impulse für ein gemeinsames
Nachdenken zu geben. Leider gibt es zu wenig kritisch-kreative »Großlogenöffentlichkeit«.
Hätten wir eine solche, so wäre nicht nur die Regularitätsdiskussion befriedigender verlaufen,
auch der Prozess hin zu der auf dem Lübecker Großlogentag angenommenen neuen
A.F.u.A.M.-Verfassung wäre ergiebiger gewesen. Dann hätten wir nicht Sparzwänge in den
Vordergrund gerückt, wir hätten mit der Bestimmung unserer Aufgaben hier und heute begonnen
und dann gefragt, welche organisatorischen Strukturen wir brauchen, um unsere
Aufgaben besser zu lösen.
Zum Beispiel noch einmal Stichwort »Brain Trust«: Wenn man einen solchen für
nützlich gehalten hätte, so wäre der Großlogenrat dafür geeignet gewesen. Dann aber hätte
er nicht so »verwaltungszentriert« besetzt sein dürfen, dann müsste er als echter Rat vor
allem Mitglieder haben, die ohne Einbindung in bestimmte Funktionen konzeptionell
und langfristig denken. Dass er dann auch kleiner und somit kostensparender sein könnte,
käme hinzu. Doch noch einmal: Besser als das Nachdenken weniger in neuen Gremien
wäre wohl das Nachdenken vieler und der lebendige geistige Austausch innerhalb der
Bruderschaft: kurz die kritisch-kreative Großlogenöffentlichkeit. Zum Entstehen einer
solchen beizutragen ist, so meine ich, eine wesentliche Aufgabe der »Humanität«.
Kann die Freimaurerei überhaupt etwas für die Gesellschaft leisten, oder bleibt sie, als einer
der letzten noch existierenden westlichen Einweihungswege, nur auf den Einzelnen bezogen?
Es wurde oft und richtig festgestellt: Was die Freimaurerei für die Gesellschaft leistet, leistet
sie vor allem durch den einzelnen Freimaurer, und der Weg der Initiation ist dabei von zentraler
Bedeutung. Dies schließt jedoch nicht aus, ja es impliziert geradezu, dass der Freimaurer
politisch-gesellschaftliche Verantwortung trägt. In Deutschland zeigen sich derzeit Tendenzen
eines Verfalls der politischen Kultur. Menschenfeindlichkeit, die versucht, sich als
»Ausländerfeindlichkeit« ein Image des »Schließlich-kann-man-es-verstehen« zu verschaffen,
macht sich breit. Die Gewaltbereitschaft beträchtlicher Teile der Bevölkerung nimmt zu.
Die »politische Klasse« Deutschlands reagiert aufs Ganze gesehen hilflos, weil sie nur allzu
oft der populistischen Versuchung erliegt, auf Machterhalt statt auf politische Führung mit
– wenn es sein muss – unbequemen Vorgaben zu setzen. In einer solchen Situation mannig289
faltigen deutschen Missvergnügens könnte dem Freimaurer die Funktion zukommen, sich
im Rahmen seiner sicher nicht zu überschätzenden Möglichkeiten verstärkt der politischen
Kultur hierzulande anzunehmen. Unser Bund hat aus seiner Tradition das hierfür geeignete
geistige Werkzeug erhalten. Ich nenne nur den redlichen Diskurs der Brüder – Lessings »laut
denken mit dem Freunde« – und das Konzept einer um Aufklärung bemühten »offenen Gesellschaft
«, die sich als Lebenswelt »toleranter Ungleichgesinnter« versteht, in der selbstverständlich
Konflikte ausgetragen werden müssen, in der es aber auch Mechanismen zur Lösung
von Konflikten geben muss und in der die Menschen als Mitglieder einer universellen
Loge verpflichtet sind, ihre Lebensressourcen auch für kommende Generationen zu bewahren.
Freilich bedarf die Freimaurerei hierzu die Bereitschaft seiner Mitglieder zu Profil, Konsequenz
und zum beharrlichen Bohren dicker Bretter.
Nun gibt es auch in der Freimaurerei die »Brüder Bilderstürmer«, die am liebsten gleich
in die Politik einsteigen wollen. Tradition und Ritual werden entweder sinnleer verfremdet
oder nur noch zu Schauzwecken eingesetzt. Meiner Ansicht nach ist das keine Freimaurerei
mehr. Kann die Freimaurerei solche Bestrebungen kompensieren, oder muss sie sich notgedrungen
von solchen Einflüssen befreien? Immerhin besteht die Gefahr, dass der wesentliche
Kern unseres Bruderbundes, die Initiation, auf dem Weg angeblicher Modernisierung
verloren geht.
Freimaurerei ist eine untrennbare Einheit von brüderlicher Gemeinschaft, aufklärerisch-humanitärer
Ideenwelt und symbolischem Werkbund. Wo immer diese Einheit verloren ging,
ging es bergab mit der Freimaurerei. Wenn die Gemeinschaft nicht stimmt, fühlt sich niemand
wohl in der Loge; wenn die ideelle Wurzel abstirbt, füllt sich Freimaurerei mit beliebigen
Inhalten zwischen religiöser Sekte und politischem Zirkel; wenn Brauchtum und Ritual
vernachlässigt oder für Schauzwecke instrumentalisiert werden, verliert die Freimaurerei
ihre Grundlage. Es ist also stets der Gefahr zu begegnen, das Ritual einer falsch verstandenen
Modernisierung zu opfern. Im Gegenteil: Die schöpferische rituelle Arbeit erst sichert den
Kern der Freimaurerei und übt den Bruder ein in den richtigen Umgang mit sich selbst, der
Transzendenz, anderen Menschen und den Dingen der Welt.
290
Kulturpreis Deutscher Freimaurer:
Kultur des Erinnerns – Kultur der
Kommunikation (1998)1
Die Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland verleiht heute
den »Kulturpreis Deutscher Freimaurer« an zwei Rundfunkjournalisten. Sie würdigt damit das
von beiden Preisträgern seit 1993 im Landesfunkhaus Schwerin des Norddeutschen Rundfunks
projektierte und gestaltete Hörfunkprojekt »Erinnerungen für die Zukunft«. Ziel des Projekts
von Ernst-Jürgen Walberg und Thomas Balzer ist es, DDR-Geschichte darzustellen: die alltägliche
und die besondere,
die wirkliche und die verfälschte, die verschwiegene und die verdrängte,
die typische Mischung
der damaligen Lebensmischung also.
Menschen mit ihrer unterschiedlichen Individualität und ihrem spezifischen Erleben
kommen zu Wort: Frauen und Männer, die in den Bezirken Schwerin, Rostock und Neubrandenburg
gelebt und gearbeitet haben; Menschen, die dageblieben sind, und Menschen,
die gegangen sind oder vertrieben wurden; Opfer und Täter; »Normalbürger« und Mitläufer;
Entscheidungsträger
und Mitarbeiter ausführender Organe; Unpolitische und Überzeugte; Widerständige,
Anpasser und »Wendehälse«.
Ein freimaurerischer Kulturpreis für »oral history« also, für »hörbar gemachte Geschichte«.
Das erweitert das Spektrum der Verleihungstradition unseres Kulturpreises und lässt fragen, worauf
sich die Überzeugung einer guten, für die deutsche Gegenwart und für den Verleihungsort
Magdeburg besonders angebrachten Preisträgerwahl gründet.
Kultur ist mehr als die Welt der schönen Dinge. Kultur ist auch nicht nur der Ausdruck des
künstlerischen und intellektuellen Schaffens einer Zeit. Kultur bedeutet auch, ja vor allem die
Art und Weise des Umgangs der Menschen miteinander, mit der sie umgebenden Gesellschaft,
mit ihren Zukunftsentwürfen und mit ihrer Vergangenheit. Es war die Zeit der Aufklärung, in
der sich dieses Verständnis von Kultur durchgesetzt hat. Immer stärker wurde Kultur primär als
Prozess begriffen, in dem der Mensch seine individuellen Ziele moralisch zu begründen lernt
und wo auch für alle Lebensäußerungen von Völkern und Gesellschaften die Gültigkeit des
Humanitätsprinzips zu fordern ist.
Kultur als moralisch gebundener gesellschaftlicher Prozess – von diesem aufklärerischen
Kulturbegriff,
dessen zeitgleiches Enstehen mit der Begründung der modernen Freimaurerei ja
nicht zufällig ist, haben sich die Freimaurer dieser Großloge bei der Verleihung ihres als Ehrung
und als Selbstverpflichtung zugleich verstandenen Kulturpreises immer leiten lassen. Namen
von Preisträgern wie Max Tau, Siegfried Lenz, Yehudi Menuhin, Lew Kopelew und Reiner
Kunze – um nur einige zu nennen – machen dies deutlich.
Kultur als qualitative Eigenschaft des politisch-gesellschaftlichen Prozesses: Im Sinne eines
solchen erweiterten Kulturbegriffes wird heute auch von der politischen Kultur eines Volkes
gesprochen und darauf hingewiesen, dass ohne eine entwickelte Kultur der Verhaltensstile und
Umgangsformen eine stabile und zugleich innovativ-flexible Entwicklung einer demokratischen
Gesellschaft nicht möglich ist.
1 Laudatio für Ernst-Jürgen Walberg und Thomas Balzer anlässlich der Verleihung des Kulturpreises Deutscher
Freimaurer am 22. Mai 1998 in Magdeburg. Dieser Beitrag wurde auszugsweise veröffentlicht in:
Humanität. Das deutsche Freimaurermagazin, Nr. 2, März/April 1998, S. 8–11.
291
Zur Kultur der Umgangsstile beizutragen, war seit jeher ein fester Bestandteil freimaurerischen
Selbstverständnisses. Die Loge galt und gilt nicht zuletzt als Ort, an dem sich Menschen
mit all ihren ganz spezifischen Individualitäten in Umgangsstile einarbeiten können,
deren besondere Qualität individuelles und soziales Leben gelingen lässt: Stile des Umgangs
mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit den Anforderungen der Umwelt und mit
Transzendenz. Nur wenn der einzelne Mensch immer wieder dazu bereit ist, sich in eine so
verstandene Kultur der Kommunikation
einzuüben, kann er einen Beitrag zum Entstehen
und Bewahren einer humanen Welt leisten.
Freimaurer, die zu diesem Auftrag stehen, Großlogen, die diesen Auftrag fördern wollen,
können
auch heute – bescheiden, aber wirksam – zur Entwicklung der politischen Kultur
in Deutschland beitragen, insbesondere auch zu den Prozessen der deutsch-deutschen
Vereinigung
mit all ihren Chancen und Brüchen, mit all ihrem Gelingen und Scheitern,
Prozesse, die nicht zuletzt wegen der Brüder Freimaurer hier in den Neuen Ländern eine
besondere Verantwortung
für uns begründen.
Einüben in Umgangsstile, Sensibilität im zwischenmenschlichen Bereich, Handeln aus
Verantwortung
und mit Augenmaß: All das setzt Redlichkeit und Wahrhaftigkeit voraus,
die wiederum
Mut zum Erinnern erfordern. Immer wieder bestätigt sich, dass die Qualität
der politischen
Kultur einer Gesellschaft von der Ehrlichkeit im Umgang mit ihrer Vergangenheit
abhängt.
Die Vergangenheit jedes einzelnen Menschen wie die Vergangenheit
ganzer Gesellschaften
sind wie Heimaten und Häuser, in denen sich Menschen einrichten.
Ohne einen solchen
Bezug zur Vergangenheit kann der Mensch als »unbehaustes Wesen«
nicht existieren. Doch sich ehrlich an Vergangenheit zu erinnern, fällt erfahrungsgemäß
schwer. Menschen, Gruppen und ganze Gesellschaften neigen dazu, die individuellen und
kollektiven Häuser der Vergangenheit je nach Bedarf neu anzustreichen, umzuräumen oder
gar ganze Bezirke zu sperren und zu verbotenen Kammern zu erklären. Nicht wirkliche
Heimat, sondern zweckdienliche
Heimatklischees, nicht verlässliche Wohnungen, sondern
Bühnenkulissen sind die Folge. Gefällige Selbstinszenierungen des Vergangenen erweisen
sich aber kaum als tragfähige Fundamente für ein zukunftsträchtiges Bauen – »Erinnerungen
für die Zukunft«, der Titel des Projekts unserer Preisträger, liefert demgegenüber
das für ehrliche Alternativen erforderliche Stichwort.
Erinnern an Vergangenes ist in Phasen des politisch-gesellschaftlichen Umbruchs besonders
wichtig. Nur allzu leicht ist sonst die Basis für den Neubeginn brüchig, sowohl im
Hinblick auf Fakten, die man kennen muss, als – und besonders – auch im Hinblick auf
Moral. Zweimal in der jüngeren deutschen Vergangenheit gab es grundstürzende Veränderungen:
beim Zusammenbruch
des Nazisystems 1945 und bei der osteuropaweiten Implosion
des Kommunismus 1989. Jedesmal bekannten sich die Deutschen zur Notwendigkeit
einer »Bewältigung der Vergangenheit
«, doch jedesmal zeigten sich große Schwierigkeiten
damit, und »der Bequemlichkeit
des Mitläufertums folgte (jeweils nur allzu rasch) die Beqemlichkeit
des Vergessens« (Stefan Wolle).
Nach 1945 fiel es den Deutschen schwer, das große Maß ihrer Verstrickung in das
NS-System zu akzeptieren. Als »Unfähigkeit zu trauern« haben Alexander und Margarete
Mitscherlich das vielschichtige Syndrom des Vergessens und Verdrängens, der fehlenden
Bereitschaft zur Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit beschrieben, ein Syndrom von
Teil- und Unehrlichkeit, dem sich auch die deutsche Freimaurerei zu stellen hat.
292
Nach 1989 wurde innerhalb und außerhalb der zusammengebrochenen DDR mit großer
Entschiedenheit
die Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit, insbesondere der Stasi-
Verbrechen,
eingefordert. Behörden wurden gegründet, Enquetekommissionen eingesetzt,
Forschungsprogramme
projektiert und Institute eingerichtet. Und doch sind erneut viele
Fehlentwicklungen
auszumachen:
• westdeutscher Übereifer in Kompensation eigener, im Bezug auf die NS-Vergangenheit
versäumter Aufarbeitungserfordernisse nach 1945;
• Weiterwirken allzu simpler antikommunistischer Klischees;
• Erscheinungen von DDR-Nostalgie in den neuen Bundesländern, Sehnsüchte nach der
(vermeintlich) »heilen Welt der Diktatur« (Stefan Wolle);
• Symptome einer vielschichtigen »Verabredung des Vergessens« – um eine Kennzeichnung
von Joachim Gauck zu verwenden –, mit besonders negativen Folgen für die Anerkenung
und Entschädigung der Opfer, oft jeder Gerechtigkeit und Güte bar;
• freches Auftrumpfen der politischen Akteure von gestern (über die Wolf Biermann schon
1990 bitter spottete: »Sie haben uns alles verziehen, was sie uns angetan …«);
• schließlich die Einseitigkeiten der Konzentration auf die oft dürre Analyse totalitärer Systemstrukturen
bei gleichzeitigem Vergessen der individuellen Schicksale einzelner Menschen.
Das Vergessen einzelner Menschen trägt besonders inhumane Züge, denn es darf und kann
doch nicht darüber hinweggegangen werden, dass das, was sich rückschauend zu Geschichte
verdichtet, zunächst und vor allem auf den Geschichten der Einzelnen beruht. Gerade der
Freimaurer, der von Wert und Würde jedes einzelnen konkreten Menschen ausgeht, muss
oder sollte wissen, dass vergessene Opfer doppelt geopfert werden und dass ein Nicht-erinnern-
Wollen von in der Vergangenheit erlittenem Unrecht, von Unterdrückung und Gewalt
neues Unrecht, ja neue Unmenschlichkeit in der Gegenwart bedeutet.
Gewiss: Sich an Wahrheiten zu erinnern kann unbequem sein, es erfordert Mut und
die Bereitschaft,
auf die erwähnten bequemen »Neuerfindungen der Vergangenheit« zu
verzichten. Es ist dem Politikwissenschaftler Stefan Wolle darin zuzustimmen, dass alles,
was gemeinhin unter dem Signum von »Aufarbeitung« und »Vergangenheitsbewältigung«
rubriziert wird, der natürlichen
Gravitationskraft des Alltagsdenkens widerstrebt und dass
die »Schlussstrichzieher aller Zeiten« stets den gesunden Menschverstand auf ihrer Seite zu
haben scheinen.
Hier kommt mir Erich Frieds Gedicht über die »Vorteile der Unwissenheit« in den Sinn:
»Nichtwissen
tut niemand weh
mit Ausnahme derer
denen weh getan werden kann
weil niemand es weiß.«
Wehtun, weil niemand es weiß: Das Projekt »Erinnerungen für die Zukunft«, für das
Ernst-Jürgen
Walberg und Thomas Balzer heute mit dem »Kulturpreis deutscher Freimaurer
« ausgezeichnet
werden, will dieser Unmenschlichkeit des Vergessens vieler einzelner
293
Lebensschicksale
entgegenwirken. Es will durch das Sichtbarmachen einzelner Lebensschicksale
zugleich aber auch einen Beitrag zum Verständnis der vergangenen DDR-Realitäten
leisten, der offiziellen
wie der alltäglichen. Es vermittelt dringend erforderliche Information
über ein Land, das im Westen Deutschlands immer noch weithin unbekannt
geblieben ist, und es dient als sensibler Kompass für die gerade heute in West- wie Ostdeutschland
so notwendige richtige Standortbestimmung
der SED-Diktatur zwischen
Dämonisierung und Verharmlosung. Es macht die Zusammenhänge zwischen der Omnipräsenz
der Unterdrückung
und der Nischengesellschaft des Alltags sichtbar und verdeutlicht
eine auch aus der NS-Zeit bekannte Grundstruktur totalitärer
Gesellschaften, dass
nämlich in solchen Systemen
vermeintliche Harmlosigkeiten des Alltags
dämonische Dimensionen
und tatsächliche Schrecklichkeiten des Systems gemütlich-alltägliche
Seiten
besitzen können (Stefan Wolle). Der KZ-Aufseher als Beethoven spielender Familienvater,
der Lebenspartner als inoffizieller Stasi-Mitarbeiter, aber auch der Widerständler aus dem
System heraus sind Prototypen dieser totalitären Gemengelage.
Walberg und Balzer setzen hier an und spüren hier auf. Zu Recht erhalten sie den Preis
gemeinsam.
Die beiden Journalisten wirken als engagiertes und kreatives Team zusammen.
Die gemeinsame
Arbeit des älteren und des jüngeren Journalisten, des »Wessis« und des
»Ossis«, erwies
und erweist sich dabei als besonders fruchtbar.
Nicht nur das Projekt als solches, auch die Gestaltungsweise der beiden Autoren überzeugt
und ist preiswürdig. Walberg und Balzer gehen mit Sensibilität und Neugier, mit
Leidenschaft und Augenmaß an ihre Aufgabe heran. Sie blenden eigene Betroffenheit, ja
Ratlosigkeit nicht aus. Sie hören zu, sie sind neugierig, aber nie auf Sensation versessen.
Sie fragen und kommentieren
nüchtern, doch zugleich empathisch. Sie wollen wirklich
Neues erfahren und wissen nicht im Voraus schon Bescheid.
Die Darstellungsformen sind vielfältig: Stundensendungen stehen neben Kurzbeiträgen,
Dokumentationen
wechseln mit langen Interviews, gründlich vorbereitet, eingeordnet
in die konkrete
Situation der DDR und der Ost-West-Beziehungen, durch Quellenstudium
fundiert, nicht selten wirkliche Meisterwerke des zeitgeschichtlichen Journalismus. Das
gewählte Medium, das Radio, das in dieser Form wohl nur öffentlich-rechtlich existieren
kann, bewährt sich in seiner Qualität. Es dokumentiert nicht nur, sondern bringt den
Hörer auch auf seine so überzeugend unspektakulär-altmodische Art zum Nachdenken
und regt zum Entwickeln eigener Bilderwelten
an.
Gespräche, wie Walberg und Balzer sie führen – mit Zeitzeugen, mit Opfern, auch
mit Tätern, soweit sie bereit sind zu sprechen – machen nicht nur Geschichte hörbar
und mitvollziehbar. Die Gespräche erweisen sich auch als Schritte zur Befreiung der
Gesprächspartner aus den Fesseln einer bisher als unabänderlich empfundenen Unterdrückung
und zur Stärkung des Selbstbewusstseins (Hildegard Bussmann). Erinnern,
um vergessen zu können: Auch diesen Prozess kann der Hörer miterleben und für sich
nachvollziehen. Dankbarkeit ist am Platz: Die Zeitzeugen erinnern sich nicht nur für sich
selbst, sondern leisten Erinnerungs- und Trauerarbeit
auch für die Hörer der Sendungen,
auch für uns.
Geschichte durch Geschichten lebendig zu machen, an Opfer zu erinnern und Täter
zu benennen:
Das darf freilich nicht vergessen lassen, dass es bei jeder Diskussion über
Schuld und Verstrickung
in totalitären Systemen auch um Verhaltensmöglichkeiten der
Spezies Mensch, d.h. jedes Menschen, geht und dass – so ein Wort Dietrich Bonhoef294
fers – »nichts von dem, was wir im anderen verachten, uns selbst ganz fremd ist«. Diese
Ambivalenzen sind oft beschrieben, analysiert und kommentiert worden. Wir Freimaurer
stellen sie im rituellen Brauchtum dramatisch
dar, und es war die Jüdin Hannah Arendt,
die denen, die sich nach 1945 schämten, Deutsche
zu sein, zurief, sie schäme sich, ein
Mensch zu sein (zitiert nach Peter Steinbach).
Doch auch hier – im Bereich menschlich-allzumenschlicher Ambivalenzen und
Doppelbödigkeiten
– löst nichts so sehr Nachdenklichkeit und Betroffenheit aus wie persönliches
Erleben. So mag am Ende meiner Würdigung ein Vorgang aus der Arbeit der
Preisträger stehen, den Ernst-Jürgen Walberg im Wortlaut folgendermaßen berichtet:
»Im Studio sitzt ein damals 68-jähriger Mann. Er hat einst für die Kampfgruppe gegen
Unmenschlichkeit
Informationen nach Westberlin geschmuggelt und Flugblätter verteilt
in der DDR. Er ist verhaftet und 1952 in Greifswald zu zwölf Jahren Zuchthaus
verurteilt worden und zu zehn Jahren Sühnemaßnahmen anschließend ….
Sachlich hatte er im Vorgespräch seine Geschichte erzählt. Im Studio bricht er in Tränen
aus, der alte Mann bekommt keine Luft mehr – das Angebot, das Gespräch abzubrechen,
lehnt er ab: Wenn ich das jetzt nicht erzähle, erzähle ich es nie wieder, sagt
er leise. Er ist rehabilitiert
worden, inzwischen, als einer der ersten in Mecklenburg-
Vorpommern. Und deshalb frage ich ihn ganz am Schluss nach der Bedeutung, die
diese Rehabilitation für ihn hat. Diese Rehabilitierung zeigt mir, dass ich damals …
(stockt) … richtig gedacht … und gehandelt habe. Zwar ist die Einheit … bedeutend
… später verwirklicht worden, aber … ich hab’ sie noch erlebt
… (Schluchzen, dann
Weinen) …
Dieses Interview ist nicht gesendet worden bisher, wir wollten ihn nicht vorführen,
den alten Mann mit seinen Schwächen, seiner Trauer, seinem Weinen. Wir waren
selbst hilflos, ratlos.
Monate später kommt die Information: Dieser Mann war jahrelang inoffizieller Mitarbeiter
des Ministeriums für Staatssicherheit.«
Zum Schluss und zusammenfassend: Der Kulturpreis Deutscher Freimaurer Magdeburg
1998 ist nicht ein Kulturpreis traditionellen Kulturverstehens. Er mag daher auch kein Kulturpreis
der Schönheit sein. Doch man sollte nicht vorschnell an der Weisheit der Preisverleiher
zweifeln.
Die Großloge versteht ihn als einen Kulturpreis der Stärke, der ein gelungenes
und bitter notwendiges Engagement zur Förderung der politischen Kultur im vereinigten
Deutschland auszeichnen und zugleich zur Fortsetzung eines solchen Engagements
provozieren will.
Die Verleihung des Preises an Ernst-Jürgen Walberg und Thomas Balzer für ihr Projekt
»Erinnerungen für die Zukunft« will auch die Brüder Freimaurer auffordern, redlich mit
der Geschichte, ihrer eigenen und der deutschen, umzugehen, den Mut zu haben, sich zu
erinnern und zu jener Kultur des Verhaltens beizutragen, die sowohl Erfordernis gesamtdeutscher
Gegenwart
als auch Überlieferung bester freimaurerischer Tradition ist.
Es ist der Kulturpreis einer unbequemen Freimaurerei, die es nicht aufgegeben hat,
Fragen an die Zeit zu stellen und sich selbst zu einem verantwortlichen Handeln zu verpflichten.
Nach deutschen Wirklichkeiten zu fragen, über sie nachzudenken, Geschichte
nachzuarbeiten, ehrlich
und redlich, mit Anteilnahme am Einzelschicksal – all das gehört
295
zur bürgerlichen Verantwortung
hinzu, trägt bei zur Bewahrung des Politischen gegenüber
den gegenwärtigen gefährlichen
Tendenzen hin zu einer oberflächlichen, lediglich
scheinpolitischen Event-Gesellschaft und ist Bestandteil jener zivilen Kultur, derer die Demokratie
im wieder vereinigten Deutschland so dringend bedarf. Und hier schließt sich
der Kreis: Der Historiker Jürgen Habermas
hat die Logen des 18. Jahrhunderts einmal als
publizistische Enklaven bürgerlichen Gemeinsinns gekennzeichnet, und Lessing spekulierte
bekanntlich gar darüber, ob die bürgerliche
Gesellschaft überhaupt nicht nur ein Sprössling
der Freimaurer sei. Die Loge als Enklave bürgerlichen Gemeinsinns innerhalb der Gesellschaft
– wäre das nicht ein Ziel, »recht sehr zu wünschen« auch für unsere Zeit? Und der
Weg dahin: könnte er nicht ein innovatives und kreatives »Daherum-Arbeiten« bedeuten,
dass der Freimaurerei die ihr von Lessing zugedachte Patenrolle auch heutzutage gelingt?
Lieber Ernst-Jürgen Walberg, lieber Thomas Balzer, wir beglückwünschen Sie herzlich
zum Kulturpreis Deutscher Freimaurer, aber wir sind weit davon entfernt, gönnerhaft neben
ihnen zu stehen. Das, was sie geleistet haben und was sie weiter tun, hat und verdient
unseren Respekt,
weil es gut ist, aber auch, weil es uns selber angeht. Es lädt uns ein zur
Identifizierung, und es hilft uns dadurch, unsere eigene freimaurerische Identität zeitgemäß
zu begründen!
296
Quatuor Coronati: neue Leitung – alte
Aufgaben (1999)1
Die Forschungsgesellschaft (Forschungsloge) »Quatuor Coronati« will in drei Erscheinungsformen
für die Bruderschaft der deutschen Freimaurer wirken: als Forschungsloge, als Wissensloge
und als Kommunikationsloge.
Forschungsloge
Als Forschungsloge fasst »Quatuor Coronati« Brüder aus allen deutschen und aus befreundeten
europäischen
Großlogen zusammen, die freimaurerische Forschung betreiben und/oder
sich für die Ergebnisse freimaurerischer Forschung interessieren. Quatuor Coronati soll dafür
den Rahmen schaffen, Kommunikationsmöglichkeiten öffnen – auch mit der »profanen«
(besser: »externen«) Freimaurerforschung – und Publikationsorgane (TAU, Quatuor-Coronati-
Jahrbuch für Freimaurerforschung)
bereitstellen. Diese Forschung soll redlich und solide
sein, denn Forschung ist nun einmal
Forschung. Diese Forschung soll aber auch Freude
machen, soll etwas vermitteln vom Charme jenes kreativen Spiels, das Freimaurerei als Königliche
Kunst ja auch ist. Die Forschungsarbeit unserer Brüder soll sich auf viele Felder erstrecken,
die für die Entwicklung der Freimaurerei von Bedeutung sind und die immer wieder
neu abzustecken sind. Für mich als Sozialwissenschaftler sind dabei Fragen aus den Spannungsfeldern
»Loge und Gesellschaft« sowie »Bruder und Loge« besonders wichtig, zumal wir
zweifellos zu wenig darüber wissen.
Aber schon für die Gründer der Forschungsloge war ganz klar, dass sich »Quatuor
Coronati« vor allem mit Geschichtsforschung
zu befassen habe, wobei Ritualistik für mich
Bestandteil geschichtlicher, genauer kulturgeschichtlicher Forschung ist. Warum ist historische
Forschung so wichtig? Die Antwort kann nur lauten: Vor allem aus den Gegenwartsbedürfnissen
der Freimaurerei heraus. Freimaurerei kann sich – gerade, wenn sie im Heute
leben und kein erstarrtes Relikt der Vergangenheit sein will – nur von ihren historischen
Fundamenten her, nur aus ihrer – zuweilen auch schmerzlich gebrochenen
– Geschichte
heraus entwickeln.
Nur Geschichte liefert der Gegenwartsfreimaurerei Legitimation, nur Geschichte schafft
Identität,
nur Geschichte bietet Zukunftsorientierung, Orientierung auch für die notwendigen
Prozesse der Veränderung, vor denen wir stehen. Das Wort des Bielefelder Historikers
Jörn Rüsen: »Historische
Erinnerung ist ein Lebenselixier« gilt für die Freimaurerei ebenso
wie die Feststellung des englischen Historikers F. Powicke, dass Menschen ohne »konstruktiven
Ausblick auf die Vergangenheit
entweder dem Mystizismus oder dem Zynismus verfallen
«. Wir Freimaurer brauchen weder dem Mystizismus noch dem Zynismus zu verfallen.
Wenn wir historisch ausblicken, so können wir mit Stolz eine Feststellung des polnischen
Philosophen Leszek Kolakowski auf unseren Bund beziehen:
»Glücklich sind die, denen ihre
1 Am 9. Juli 1999 wurde Bruder Hans-Hermann Höhmann in Weimar zum Meister der Forschungsloge
Quatuor Coronati gewählt. Nachstehend veröffentlichen wir Auszüge aus seinen Überlegungen zur Arbeit
der Loge. Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Humanität. Das deutsche Freimaurermagazin,
Nr. 5, September/Oktober 1999, S. 24–25.
297
eigene Tradition den Glauben an die Gemeinschaft der menschlichen Gattung, den Glauben
an Toleranz, die Bereitschaft zum Zusammenwirken und den Kritizismus überliefert hat.
Andere haben aus der Tradition den National- und Rassenhass, den Fanatismus,
den Kult
der Gewalt übernommen.«
Doch Geschichte als Lebenselixier, als Legitimationsgrundlage, als Identitätsstifter und
als Gegenwartsorientierung
kann nicht von uns nach dem jeweiligen Gegenwartszweck
neu erfunden werden. Bedarfsgerecht gemalte historische Kulissen, zweckorientierte Geschichtslegenden
und flache »Geschichtspolitik« spenden ebenso wenig Kraft wie das unref
lektierte Verbreiten von Listen
mit den Namen prominenter Freimaurer. Kraft im Sinne
von Lebenselixier entsteht nur durch ein solides und redliches Bemühen um historische
Wahrheit.
Das hat Konsequenzen für unsere Arbeit: Wir müssen uns an wissenschaftliche Standards
heranarbeiten,
auch wenn diese vielleicht gelegentlich unbequem sind; wir sind zu
ernsthafter Selbstprüfung
und kritischem Diskurs innerhalb unserer Forschungsloge verpflichtet;
wir müssen auf die Gefahren ideologischer Entstellungen der historischen Wahrheit
hinweisen und zugleich Verzicht leisten, selbst Ideologien oder Legenden zu schaffen;
wir brauchen das intensive Zusammenwirken mit der »profanen« (externen) Forschung.
Wissensloge
Wenn es richtig ist, dass die Lebenskraft der Freimaurerei nicht zuletzt aus ihrem historischen
Bewusstsein kommt, und wenn es wiederum zutrifft, dass historisches Bewusstsein
auf geschichtliches Wissen und zwar richtiges, geprüftes Wissen angewiesen ist, dann hat,
so folgt für mich daraus, »Quatuor Coronati« gewissermaßen als »Wissenloge« die Aufgabe,
wesentlich daran mitzuwirken, ein solches Wissen in der deutschen Bruderschaft zu verbreiten.
Das können wir über unsere Publikationen und unsere Tagungen (nicht zuletzt unsere
Arbeitstagungen) tun, das kann über unsere regionalen und örtlichen Arbeitszirkel erfolgen,
das kann in den Logen über alle unsere Mitglieder geschehen, auch wenn nicht jeder von
uns selbst aktiv forscht.
Seien wir ehrlich: Der Bestand an wirklich verlässlichem Wissen über das Wie und
Woher der Freimaurerei ist in der deutschen Bruderschaft relativ niedrig. Historische Erinnerung
als Lebenselixier
– um noch einmal Jörn Rüsens Kennzeichnung zu verwenden
– ereignet sich viel zu wenig. Das bedeutet aber auch, dass wir wesentliche Ressourcen
unserer Lebens- und Überlebenskraft nur unzureichend nutzen: nämlich zu wissen, wer wir
sind und wohin wir gehen, weil wir wissen, wer wir waren und woher wir kamen!
Es ist in der Vergangenheit oft die Frage gestellt worden, ob »Quatuor Coronati«
»programmatisch
« werden, ob die Forschungsloge Entwürfe freimaurerischer Zukunft liefern
solle. Ich bin hier außerordentlich skeptisch, nicht nur, weil wir als Forschungsloge
nicht in den Entscheidungsbereich
von Logen und Großlogen eingreifen können und
dürfen, sondern vor allem, weil nicht ein Defizit an Thesen, Programmen und Aufrufen
für die in der Tat offenkundigen Entwicklungsprobleme
der deutschen Freimaurerei
verantwortlich ist, sondern die zu wenig kernige und kraftvolle Identität der deutschen
Bruderschaft insgesamt.
298
Hier ist aber genau der Platz, wo wir als Quatuor Coronati-Brüder wirken können,
wirken können
als eine zwar indirekte, aber doch wichtige Kraft (wobei ich beides betone:
»indirekt« und »Kraft«): durch unsere Beiträge zu einer produktiven Kultur des historischen
Erinnerns, die Identität
und Orientierung der deutschen Bruderschaft fördert; durch unsere
Beiträge zu den bereits von Lessing unverbesserbar klar gestellten Grund- und Lebensfragen
unseres Bundes: »Was und warum
die Freimaurerei ist, wann und wo sie gewesen, wie
und wodurch sie befördert oder gehindert wird«.
Kommunikationsloge
Schließlich, aber nicht zuletzt besteht die Arbeit der Forschungsloge im Vermitteln einer
intensiven Kommunikation (Quatuor Coronati als »Kommunikationsloge«). Das bedeutet:
• Kommunikation der Quatuor Coronati-Brüder untereinander:
Durch Arbeitstagungen, durch das Wirken der Zirkel, durch Kommunikation im Internet.
Insgesamt geht es um immer neue Ansätze zum »laut denken mit einem
Freunde« (Lessing).
Die Parallelität von Forschungsloge und Forschungsgesellschaft, wie sie unsere neue Satzung
vorsieht, und die Öffnung der Mitgliedschaft in der Forschungsgesellschaft über den
Kreis der Freimaurermeister hinaus führen hier zu neuen, bereichernden Möglichkeiten.
• Kommunikation zwischen QC und der deutschen Bruderschaft:
Hier geht es um das Wirken als »Wissensloge«, um Einsatz für Wissensvermittlung, um
Sensibilisierung für zentrale Fragen unseres
Bundes, um eine Erweiterung der Mitgliederbasis
vor allem auch durch die jungen Meister; hier geht es darum deutlich zu machen,
dass die Forschungsloge mit ihrer Offenheit für Brüder aller Systeme, mit ihrem Verzicht
auf jedes einengende Profil und ihrer Internationalität eine vorzügliche
Stätte brüderlicher
Begegnung und kreativer Nachdenklichkeit ist.
• Kommunikation mit den Großlogen, die die VGLvD bilden, und den VGLvD selber:
Diese sollten mit uns gemeinsam überlegen, wie sie die »Ressource Quatuor Coronati«
noch besser nutzen
können, von der sie keinerlei großlogenpolitischen Ehrgeiz zu befürchten
haben. Es ist bedauerlich, wie unzureichend die Großlogenleitungen den Wert
von »Quatuor Coronati« erkennen. Es geht ihnen wohl immer noch mehr um Administration
und Interessenbewahrung als um inhaltlich-freimaurerische Arbeit. Verwaltung
geht offensichtlich vor Gestaltung. Nur sehr selten sind QC-Vertreter zu Sitzungen des
Senats der VGLvD eingeladen worden – obwohl die Forschungsloge mit ihren 1500 Mitgliedern
die drittgrößte Vereinigung innerhalb der VGLvD ist.
• Kommunikation mit den Brüdern von Forschungslogen im Ausland:
Wie groß ist unsere Freude, so viele von ihnen immer wieder unter uns zu haben! Von der
Forschung her zum Zusammenwachsen der europäischen Freimaurer beizutragen – auch
hierin sehe ich einen wichtigen Aspekt der Arbeit von QC.
• Kommunikation mit der »profanen« (externen) Freimaurerforschung:
Wir brauchen diesen Kontakt zur inhaltlichen Bereicherung der Forschung und als kritisches
Korrektiv in methodologischer
Hinsicht. Wir brauchen diesen Kontakt auch, weil
»externe« Forscher an manche Frage unbefangener
herangehen können als wir selbst. Die
Zusammenarbeit sollte über die Geschichtsforschung
hinaus zu anderen Disziplinen ausgebaut
werden.
299
• Schließlich Kommunikation mit der Öffentlichkeit:
Durch das Veröffentlichen von Forschungsergebnissen,
durch öffentliche Vorträge unserer
Mitglieder, über eine geeignete Homepage im Internet
u.s.w. können wir zur dringend
notwendigen Klärung des Freimaurerbildes in der deutschen Gesellschaft beitragen.
Über all dies möchte ich mit allen Brüdern im Gespräch bleiben. Es würde mich freuen,
wenn das Forum brüderlicher Begegnung, das die Forschungsloge »Quatuor Coronati« bietet,
noch besser genutzt würde. Wir wollen durch Forschung, durch das Wecken von Interesse
an freimaurerischem Wissen und durch kreative Kommunikation einer erfolgreichen
Entwicklung und der Einigkeit der deutschen Bruderschaft dienen.
Neue Mitarbeiter sind hochwillkommen!
300
Toleranz als politisches Prinzip und
persönliche Tugend – die Sicht eines
Freimaurers (2000)1
Wir alle haben erlebt, wie sehr Toleranz in den vergangenen Monaten zu einem bestimmenden
Thema der politischen
Diskussion in Deutschland geworden ist. Hierfür gibt es
zunächst aktuelle Ursachen: Die zunehmende rechtsextremistische Gewalt gegen Ausländer
und deutsche Bürger
jüdischen Glaubens macht klare Antworten der deutschen Demokratie
und ihrer engagierten Bürger erforderlich. So hat die Bundesregierung zu einem »Bündnis
für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt« aufgerufen, und so haben
politische Gruppen, Kirchen, Intellektuelle und Bürger wiederholt gegen die gewalttätige
Intoleranz von Rechts Stellung bezogen, besonders eindrucksvoll auf der großen Berliner
Kundgebung vom 9. November 2000, zu der nicht weniger als 200.000 Menschen demonstrierend
und protestierend zusammenkamen.
Doch auch die jüngsten Diskussionen um Einwanderung, »deutsche Leitkultur«, Nationalstolz
und multikulturelle Gesellschaft haben zu intensiven Anstrengungen geführt,
Toleranz als politisches Grundprinzip einer weltoffenen Demokratie neu zu bestimmen.
Was bedeutet der gegenwärtige hohe Stellenwert der Toleranz im gesellschaftlichen
Diskurs der Bundesrepublik?
Er signalisiert zumindest eine bemerkenswerte Tendenz zur öffentlichen Sensibilisierung.
Doch mir scheint, dass den Reaktionen, die wir beobachten und an denen wir teilhaben,
bisher etwas ausgesprochen Defensives anhaftet.
Demokratie und Toleranz sollen gegen Intoleranz und Gewalt verteidigt, aber auch
vertraute deutsche Verhältnisse gegen ein vermeintliches Zuviel an Toleranz abgeschirmt
werden. Fruchtbar werden kann die Toleranzdebatte jedoch wohl nur dann, wenn Toleranz
zu einer permanenten politischen Gestaltungsaufgabe wird, wenn sie positiv definiert und
aktiv gestaltet wird, wenn es gelingt, den demokratischen Verfassungskonsens um den Toleranzbegriff
herum zu erneuern und im Verhalten der Bürger zu verankern.
Im Verhalten der Bürger zu verankern – denn es ist ebenso selbstverständlich wie unabdingbar,
dass »Toleranz die erste und wichtigste Tugend ist, die geübt werden muss, um
das Leben in einer Sozietät nicht nur erträglich, sondern auch effizient zu gestalten … Sie
bleibt Bedingung der Möglichkeit von Freiheit und Würde des Menschen als eines sozialen
Wesens, sie bleibt gefordert im Zusammenleben von Mann und Frau, sie ist unerlässlich im
Verkehr zwischen großen und kleinen gesellschaftlichen Gruppen, gleich, ob es sich dabei
um soziale Schichten, um Ethnien und Völker oder um Religionsgemeinschaften handelt«
(Ivo Frenzel).
Toleranz ist auch eine alte freimaurerische Wertvorstellung. Seit dem 18. Jahrhundert
waren es nicht zuletzt Vertreter des Freimaurerbundes, die sich für einen toleranten Umgang
der Menschen miteinander über nationale, religiöse und soziale Grenzen eingesetzt
haben. Doch das bedeutet nicht, dass Freimaurer allein aus ihrer Tradition heraus auch
heutzutage besonders viel von toleranten Prinzipien und Formen der Praxis verstünden.
1 Festvortrag zur Preisverleihung beim Wettbewerb »Aktive Toleranz im Zeitalter der Globalisierung« der
Loge »Zur deutschen Redlichkeit« in Iserlohn am »Internationalen Tag der Toleranz«, 16. November
2000. Dieser Beitrag wurde bisher nicht veröffentlicht.
301
Auch für sie muss Toleranz wieder mehr sein als ein »moralischer Aufputz« (so Friedrich
Nietzsches kritisches Wort), und deshalb müssen auch sie erneut und ernsthaft ihren Beitrag
leisten sowohl zur Verstetigung und Vertiefung der Toleranzdiskussion als auch zur
Einübung einer toleranten Praxis.
Deshalb möchte ich meine Skizze zur »Toleranz als politisches Prinzip und persönliche
Tugend« auch weniger als Festansprache verstehen und mehr als Werkstattbericht, als Annäherung
an eine komplexe Problematik, die uns auf Dauer beschäftigen wird und muss.
Ich möchte vermeiden, gleichsam zum Mitglied einer Bordkapelle zu werden, die besinnliche
Weisen spielt, während der Dampfer weiterzieht, wohin er will – auch wenn die Reise
unverkennbar in die falsche Richtung geht.
Zunächst: Die aktuellen Debatten und politischen Zuspitzungen müssen auf dem Hintergrund
der grundstürzenden gesellschaftlichen Veränderungen gesehen werden, die seit
den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Deutschland und die Welt um uns herum
erfasst haben.
Moderne Gesellschaften
sind seit ihrer Entstehung pluralistische Gesellschaften gewesen.
Doch in jüngster Zeit hat die Vielfalt der modernen Lebenswelten beschleunigt zugenommen.
Dies gilt für die »realen Welten« von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso
wie für die Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen, Verhaltensweisen, Lebensstile, religiösen
Überzeugungen und Wertvorstellungen der Menschen. Jede moderne pluralistische
Gesellschaft ist daher zugleich eine kulturell differenzierte Gesellschaft. Dies beschreibt ihr
Wesen, bedeutet ihren Reichtum, ist aber auch Ursache zahlreicher Konflikte und macht
eine gründliche kognitive Aufarbeitung ebenso erforderlich wie die Bereitschaft zu institutionellen
Reformen und politischem Engagement der Bürger.
Auch die Prozesse, die zur weiteren Auffächerung der Pluralität geführt haben, sind
vielschichtig. Ihre Intensität, ihre Gleichzeitigkeit und ihr weltweiter Charakter haben wiederum
zur Folge, dass sie schwer beherrschbar sind und weltweit zum Ansteigen von Intoleranz
und Gewalttätigkeit führen.
Um die erwähnte Komplexität zu umreißen, möchte ich in gebotener Kürze sechs Prozesse
nennen:
Da ist erstens die Globalisierung, die als Verdichtung und Beschleunigung einer weltweiten
Vernetzung von Menschen, Informationen, ökonomischen Prozessen, Kapitalströmen und
Kulturen dazu führt, dass mühsam und konfliktreich zusammenwachsen muss, was durchaus
nicht immer zusammengehört hat.
Da gibt es zweitens das Ende der bipolaren
Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
und das Aufbrechen der totalitären Verkrustungen innerhalb des ehemaligen kommunistischen
Machtbereichs, was nationale, ethnische und religiöse Konflikte freilegt oder neu
entstehen lässt und vielfach geradezu als Übergang vom Wettstreit der Systeme zum Kampf
der Kulturen wahrgenommen wurde. Wegfall hegemonialer Kontrollen und zunehmende
Intensität innerer Konflikte in vielen Teilen der Welt lösen wiederum Vertreibungs-, Fluchtund
Wanderungswellen aus, die nun in den Aufnahmeländern zu Prüfsteinen toleranten Verhaltens
werden.
Hinzuweisen ist drittens auf die in vielen soziologischen Konzepten unter wechselnden Leitbegriffen
beschriebenen sozialen Veränderungen in Deutschland und den anderen westlichen
Industrieländern, die alte gesellschaftliche Verhältnisse auflösen und zu neuen sozi302
alen Strukturen führen. Auch diese Veränderungen, einerlei ob mehr als Risiko oder mehr
als Chance gewertet, erweitern die Vielfalt, führen zu zunehmender Pluralität und erhöhen
den Bedarf an Toleranz.
In gleiche Richtung wirken viertens die Veränderungen der sozialleitenden Werte. Auch sie
werden unterschiedlich gedeutet, erscheinen teils als Werteverfall, teils als Neubegründung
von Werten, laufen aber jedenfalls auf eine Pluralisierung von Verhaltensweisen sowie auf eine
zunehmende kulturelle Differenzierung hinaus, was wiederum bedeutet, das der Toleranzbedarf
wächst.
Fünftens ist auf die Folgen der deutschen Vereinigung mit ihren Friktionen und sozialen Verwerfungen
zu verweisen, die unter anderen auch dazu beitragen, jene rechtsradikalen Milieus
zu generieren, mit denen wir uns zunehmend auseinanderzusetzen haben.
Und da ist sechstens schließlich die Zuspitzung der demographischen Prozesse in Deutschland,
die tendenzielle Abnahme und Überalterung der Bevölkerung, die partielle Verknappung
der Arbeitskräfte, die unser Land – ob gewollt oder ungewollt – zum Einwanderungsland
werden lassen, gleichzeitig aber – in Anbetracht beträchtlicher Arbeitslosigkeit und
erheblicher Fremdenfeindlichkeit – wiederum den Toleranzbedarf hierzulande erhöhen.
Da andererseits in Deutschland wie in vielen anderen Ländern ein weitgehender Konsens der
Bürger darüber besteht, auch zukünftig in einer freiheitlichen, sozial verträglichen und zugleich
ökonomisch effizienten Welt leben zu wollen – und das nicht nur national, sondern
auch im Verhältnis zwischen den Staaten, – stellt sich mit Nachdruck die Frage, was erforderlich
ist, damit dies wenigstens in Annäherungen gelingen kann.
Wie oft in der Politik lassen sich die Bedingungen leicht bestimmen, aber schwer realisieren.
Erforderlich sind Anstrengungen auf drei Ebenen, die miteinander verbunden und aufeinander
angewiesen sind:
Erforderlich ist erstens der Erhalt und die Weiterentwicklung staatlich-demokratischer Institutionen,
die Freiheitsrechten und sozialen Grundrechten entsprechen, die klare Regelmechanismen
für politische Entscheidungen zur Verfügung stellen und die verlässlich durchsetzen,
dass Verfassung und Recht von allen Bürgern respektiert werden.
Geboten ist zweitens das Bemühen um soziale Gerechtigkeit als dem wesentlichen Inhalt und
zugleich Fundament der Demokratie. Das demokratische Regelspiel leidet und Konflikte
nehmen überhand, wenn das Prinzip Gerechtigkeit zu kurz kommt. Dabei ist nicht Gerechtigkeit
im Sinne von Gleichheit anzustreben. Ziel muss vielmehr sein, die vertretbaren Ungleichheiten
und die wünschenswerten Gleichheiten in ein produktives und ausgewogenes
Verhältnis zueinander zu bringen, ein Verhältnis, in dem der Freiheit des Einzelnen, dem gesellschaftlichen
Fortschritt, der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und dem solidarischen
Zusammenhalt der Gesellschaft gleichermaßen gedient ist.
Notwendig ist drittens die Bewahrung und die Praktizierung von Toleranz. Toleranz ist das
unverzichtbare Medium, das die verschiedenen sozialen, weltanschaulichen und ethnischnationalen
Gruppen der Gesellschaft verträglich miteinander
auskommen lässt und das
den politischen Prozess zugleich für Innovationen öffnet. Die UNESCO-Erklärung der
Prinzipien der Toleranz vom 16. November 1995 stellt daher überzeugend fest: »Toleranz
ist der Schlussstein, der Menschenrechte, Pluralismus, Demokratie und Rechtsstaat zusammenhält.
«
303
Doch bevor ich meine Anmerkungen zur Toleranz fortsetze, möchte ich einige mir heutzutage
und hierzulande wichtig erscheinende Zwischenbemerkungen machen: Die genannten
Prinzipien – insbesondere Demokratie, freiheitlicher Rechtsstaat und Toleranz – sind sehr
wesentlich aus der europäischer Entwicklung der letzten 300 Jahre hervorgegangen. Sie sind
im Kern jedoch älter, haben Wurzeln auch in anderen, nichtchristlichen Kulturen – etwa im
maurisch-islamischen Spanien vor der Reconquista – und werden mehr und mehr auch zum
Bestandteil einer sich formierenden politischen Weltkultur. Deutsche Leitkultur sind sie allerdings
über entscheidende Phasen des 19. und 20 Jahrhundert nicht gewesen. Gewiss, die
deutsche Tradition der Aufklärung und des Liberalismus vermittelte im 19. Jahrhundert viele
Impulse in andere Länder, und Deutschland ist gewiss kein Land, das dem Westen kulturell
nicht verbunden gewesen wäre und nicht an seiner Entwicklung teilgenommen hätte. Gleichwohl:
Der politischen Wertegemeinschaft westlicher Länder gehörte Deutschland in politisch
entscheidenden Phasen der jüngeren Geschichte nicht an – nach 1918 noch weniger als vor
1914, und schon gar nicht nach 1933.
Insbesondere seit dem Ersten Weltkrieg wurden den »Ideen von 1789« in Theorie und
Praxis die »Ideen von 1914« entgegengesetzt. Eigene Beiträge zur Tradition von Aufklärung
und Toleranz wurden verleugnet, lange bevor die Nazis Lessings Nathan von den deutschen
Bühnen verbannten. »Machtgeschützte Innerlichkeit« trat an die Stelle demokratischer Offenheit,
westliche Zivilisation wurde gegenüber deutscher Kultur abgewertet, Gemeinschaft
wurde verklärt, Gesellschaft verdammt. Und so waren es nach 1945 – bei allen ihren Verdiensten
– nicht primär die Väter des Grundgesetzes, die eine verlässliche Basis für den
demokratischen Rechtsstaat schufen, sondern das internationale Umfeld, und es ist nicht
zuletzt der Faktor »gelungener Transfer politischer Kultur von außen«, was den Erfolg und
die zunehmende Verwurzelung der Demokratie im Deutschland der Nachkriegszeit erklärt –
was uns andererseits allerdings auch fragen lässt, wie sicher wir uns unserer politischen Kultur
heute eigentlich sein dürfen.
Zurück zur Toleranz: Toleranz bestimmt die Prozessqualität der Demokratie. Toleranz
hat eine vermittelnde, eine gemeinschaftserhaltende, eine die individuellen und gruppenbezogenen
Freiheitsrechte sozialisierende Funktion. Toleranz ist dabei nicht im Sinne von
bloßer Duldung zu verstehen (das war schon Goethe zu wenig), sondern im Sinne einer
Anerkennung des Gegenübers, die auf der Einsicht beruht, dass andere nicht nur einfach anders
sind, sondern dass sie als Menschen ein Recht haben, anders zu sein, und dass gerade in
einem flexiblen Miteinander abgegrenzter und doch offener Identitäten der soziale und kulturelle
Reichtum (sozusagen das »Lebenselixier«) einer pluralistischen Gesellschaften besteht.
Nicht nur Strukturen und politische Auffassungen müssen im Sinne von Anerkennung
toleriert werden, sondern auch Kulturen. Kulturen regeln das Verhalten der Menschen und
bestimmen ihr Weltbild. Kulturen sind Quellen von individueller und kollektiver Identität,
und – Kulturen stiften Heimat! Das müssen wir wissen, wenn wir uns mit den Kulturen
der Menschen auseinandersetzen, die zu uns kommen. Fehlende interkulturelle Toleranz
zerstört Heimat, entwurzelt Menschen und vergrößert wiederum das Konflikt- und Gewaltpotenzial
in unserer Gesellschaft.
Toleranz ist das ebenso grundlegende wie unverzichtbare Stilprinzip der Demokratie.
Als Stilprinzip kann Toleranz allerdings kaum politisch geregelt und durchgesetzt werden.
Gewiss: Der Staat hat institutionelle Voraussetzungen zu schaffen, vernünftige und verlässliche
Gesetze insbesondere. Das Gelingen von Toleranz hängt jedoch weitgehend vom to304
leranten Verhalten engagierter
Bürger ab. Insofern ist Toleranz nicht nur ein unabdingbares
politisches Prinzip, sondern auch eine persönliche Tugend,
die es überall einzuüben und zu
praktizieren gilt.
Tugend scheint nun zunächst ein altmodischer Begriff zu sein, der zudem in den
1960er und 1970er Jahren mit Kritik an damals als peinlich empfundenen deutschen
Sekundärtugenden wie Gehorsam, Sauberkeit und Fleiß abgewertet wurde – wie ja auch
die Toleranz als herrschaftsstützende »repressive Toleranz« (Herbert Marcuse) zeitweise in
einem eher negativen Licht erschien.
Was aber meint der Tugendbegriff wirklich? Wenn wir ihn – auf den Spuren des
Aachener Universitätsphilosophen Klaus Hammacher – historisch zurückverfolgen, so
begegnen wir bereits bei Aristoteles der Auffassung, dass gute Handlungen nicht aus
dem Denken des Guten hervorgehen, sondern aus guten Gewohnheiten. Und selbst der
Rationalist Descartes spricht in deutlicher Umkehrung der Vorstellung von einer bloß gedanklichen
Auslösbarkeit richtigen Handelns von den Tugenden als den »Gewohnheiten
der Seele, die diese zu bestimmten Gedanken veranlassen«. Und so kann wohl auch die
Idee der Toleranz nur dann wirksam werden, wenn sie in ein solchermaßen tugendhaftes
Verhalten eingebettet ist, das heißt, wenn das Miteinanderauskommen in einer pluralen
Welt von jedem einzelnen Bürger im persönlichen Umgang immer wieder eingeübt wird.
Tolerantes Verhalten einzuüben, ist nach aller Erfahrung allerdings schwer. Denn uns
begegnet immer wieder Fremdes, und das Fremde stört, irritiert und macht Angst. Einen
Weg, wie die Idee der Toleranz im toleranten Umgang miteinander umgesetzt werden
kann, zeigt Lessing im Nathan. Lessings Weg ist die Anerkennung des ursprünglich Fremden
als Freund. »Wir müssen, müssen Freunde sein«, so Nathan zum Tempelherrn, –
»Geh, aber sei mein Freund«, so Saladin zu Nathan.
Freilich, das Miteinander von Nathan, Tempelherr und Saladin ist für die Beteiligten
angenehm, scheinen sie doch – bei allen religiösen Unterschieden – Vertreter einer
Kultur und eines Verhaltensstils zu sein. Saladin ist ein Morgenländer nach abendländischem
Geschmack (wie ja auch Goethes Suleika eher Marianne von Willemer ist als
das Abbild eines wirklichen persischen Mädchens). Um beim »Westöstlichen Diwan«
zu bleiben: Goethes »Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient
und Okzident sind nicht mehr zu trennen« gilt gewiss im Sinne der mit der Globalisierung
verbundenen Vernetzungen, doch kaum für konkretes Aufeinandertreffen von
Kulturen. Da gibt es Fremdheiten, die uns auch ganz persönlich begegnen, und unsere
Einübungsaufgabe besteht darin, mit diesen Fremdheiten zu leben und sie dennoch zu
überbrücken; Identitäten zu schonen, kulturelle Heimat zu belassen und dennoch das
Miteinander zu versuchen; Grenzen zu respektieren und sie trotzdem zu öffnen; Vermischungen
von Kulturen zuzulassen und sich des entstehenden Reichtums zu freuen,
beispielsweise durch Wahrnehmung einer so gelungenen Kulturmischung, wie sie etwa
das Rheinland repräsentiert.
Um zum Beginn zurückzukehren und gleichzeitig zu schließen: Es ist zu hoffen, dass die
gegenwärtigen Entwicklungen
und Debatten in unserem Lande als folgenreicher »Ruck
durch Deutschland« wirken. Das bedeutet, dass es nicht beim Symbolakt des im Mai 2000
initiierten »Bündnisses für Demokratie
und Toleranz« bleiben darf, sondern dass alle Anstöße
in einen anhaltenden Prozess einmünden sollten:
305
• intensiv über die Grundlagen
deutscher Geschichte und Kultur nachzudenken,
• sich darüber klar zu werden, in welcher Welt wir morgen leben wollen und welche Voraussetzungen
dafür zu erfüllen sind und
• sich bewusst zu machen,
wie sehr wir dazu der Toleranz bedürfen, der Toleranz, die ganz
privat und persönlich im konkreten Miteinander der Menschen beginnt, die sich aber –
wenn sie als Anerkennung
des anderen in seiner Verschiedenheit praktiziert wird – umgehend
in eine unverzichtbare
öffentliche Tugend verwandelt.
Auch wir Freimaurer müssen Fragen an uns selber stellen:
• Ist die Loge wirklich so umfassend, so plural, so lebendig, dass sie zu einer Übungsstätte
für anerkennend-aktive Toleranz taugt?
• Ist die Vielfalt der Themen, mit denen wir uns beschäftigen, groß genug, um die Chance
einer kontroversen Aufarbeitung zu bieten?
• Entspricht das freimaurerische Engagement für Toleranz heute der ständigen Berufung
auf Teilhabe von Freimaurern an der Entwicklung der Toleranzidee?
• Toleranz als persönliche Tugend mit öffentlicher Wirkung, wird sie von uns Freimaurern
ausreichend geübt?
In seiner Ansprache anlässlich der Gründung des »Bündnisses für Demokratie und Toleranz
« am 23. Mai 2000 in Berlin betonte György Konrad, ungarischer Dissident, heute Präsident
der Akademie der Künste in Berlin und jüngst mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet,
wie einfach und wie schwer zugleich die Aufgabe ist: »Wo die Idee der zivilen Gesellschaft
wie selbstverständlich verankert ist«, so Konrad, »wird Demokratie nicht nur von
denen verteidigt, die von Berufswegen dazu berufen sind, sondern auch von denen, die eigentlich
einer anderen Arbeit nachgehen. Ein selbstbewusster Bürger verzichtet nicht auf
das Recht öffentlichen Nachdenkens. Wenn es die Situation erfordert, dann stellt er sich hin
und sagt, was zu sagen ist, und wenn die Gesellschaft im Denken, in der Sprache, in der Argumentation
und im Verhalten dem Anspruch der Demokratie gerecht wird, dann finden
Extremisten keine Bühne zum Krakelen.«
Und György Konrad schloss mit einer Anmahnung des eigentlich Selbstverständlichen:
»Der Anspruch auf ein Europa, in dem der Nächste von niemandem getötet, geschlagen
oder beleidigt wird, nur weil er ist, wie er ist, sollte doch keine so große Sache sein. Um
das zu erreichen, müssen wir nun wirklich keine Engel sein. Engel zu sein, damit hat es da
drüben noch Zeit genug.«
Aber – und damit komme ich zum Ende – uns einüben in Toleranz, das müssen wir
hier und heute.
306
Lob eines Brückenbauers:
Dr. Alois Kehl zum 80. Geburtstag (2003)1
Meine Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,
vor allem aber: lieber Herr Kehl!
Es ist eine herzliche Freude für uns alle, dass wir heute Ihren achtzigsten Geburtstag mit Ihnen
hier im Kölner Logenhaus feiern können. Und wir feiern zugleich Ihre ganz spezifische
Zugehörigkeit zu unserem Bund und zu unserer Loge, die in diesem Jahr 35 Jahre besteht,
eine Zugehörigkeit, durch die Sie in vielerlei Hinsicht unser Freund und Wegbegleiter geworden
sind, deren Wert jedoch gerade auch in der von Ihnen bewahrten Unabhängigkeit besteht.
Sie sind zum Begleiter der Freimaurer geworden, ja – wie Sie selbst gern sagen – zum
»Bruder im freien Geist«, ohne selbst Freimaurer zu werden.
Dr. Kehl hat dieses »außen und zugleich innen Sein« im Bezug auf die Freimaurerei
einmal mit folgenden Worten eindrucksvoll beschrieben: »Ich bin Außenstehender, ja. Ich
gehöre dem Freimaurerbund nicht an und bin nicht Mitglied in einer Loge. Und doch, meine
ich, wenn ich auf meine 30-jährige (jetzt 35-jährige) Verbundenheit mit den Freimaurern
zurückschaue, eine gewisse Initiation erlebt zu haben. Keine rituelle natürlich, sondern eine
spirituelle. Keine Initiation, die zur Aufnahme führt, sondern eine Initiation in die Geistesgemeinschaft
der Freimaurer.«
Und er hat diesen speziellen und ihn sehr prägenden Initiationsweg dann weiter beschrieben:
»Es begann mit einem Zufall. Der Zufall brachte mich in Kontakt mit der Loge
Ver Sacrum in Köln. Dieser Kontakt weckte meine Neugierde. Und indem ich ihr nachgab,
kam ich zu guten Kenntnissen. Diese Kenntnisse bewirkten meine Sympathie. Die Sympathie
wurde zum Vertrauen. Und aus dem Vertrauen wurde Freundschaft.«
Das sind – nicht zufällig wohl – sieben Stufen einer Initiation, erfüllt von freimaurerischer
Geisteshaltung und dargelegt in der Sprache eines freimaurerischen Katechismus.
Die genannten Stufen vermitteln nebenbei auch eine überzeugende Anleitung, auf welche
Weise allein der Weg eines zukünftigen Mitglieds in die Loge gelingen kann, und sie
beinhalten damit auch eine beherzigenswerte Empfehlung an uns Freimaurer für den Umgang
mit Suchenden: sich Zeit lassen, behutsam Kontakt herstellen, Neugierde wecken,
Kenntnisse vermitteln und wieder warten, ob Sympathie entsteht, auf deren Grundlage sich
Vertrauen und Freundschaft entwickeln können.
Für Alois Kehl und für uns Freimaurerbrüder und -schwestern (denn Dr. Kehl war und ist
ja auch ein Brückenbauer zwischen der traditionellen männlichen und der dynamisch-neuen
femininen Freimaurerei in Deutschland) hat dieser Initiationsweg zu 35 Jahren Freundschaft,
menschlicher Offenheit füreinander und einem nie endenden Gespräch geführt.
Lieber Herr Kehl, heute feiern wir mit Ihnen Ihren 80. Geburtstag, und ich freue mich
über die Ehre, Ihre Person und Ihr Wirken zu würdigen, wenn es sicherlich auch nur unvoll-
1 Laudatio auf einen »Bruder im freien Geist«, 15. September 2003, Logenhaus Köln. Dieser Beitrag wurde
ursprünglich veröffentlicht in: TAU, Zeitschrift der Forschungsloge »Quatuor Coronati«, Nr. II, 2003,
S. 50–53.
307
kommene Skizzen sind, die ich vortragen kann und die sich in vielerlei Hinsicht ergänzen
ließen.
Vom Menschen Alois Kehl, vom Wissenschaftler – und das heißt für uns vor allem vom
Freimaurerforscher und intellektuellen Begleiter – sowie vom Priester, vom Mann der Kirche
und des Glaubens, gilt es gleichermaßen zu sprechen. Anders gesagt: Vom Freund und Bruder
Kehl, vom Dr. Kehl und vom Pater Kehl wird die Rede sein.
Wenn ich den Menschen würdige, wie ich ihn erlebt habe und erlebe, so formen sich nachhaltige
Eindrücke:
• menschliche Zugewandtheit verbunden mit nobler Zurückhaltung, Interesse am anderen,
Ernst und Humor, stiller, feiner Humor, Hilfsbereitschaft, Treue, Treue auch zum Bund
der Freimaurer, wie sie bei Freimaurern selbst nicht immer erlebbar ist;
• Gesprächs- und Kommunikationsbereitschaft, die Fähigkeit zuzuhören und andere Positionen
vom eigenen Standpunkt aus anzuerkennen;
• aktive Toleranz auf der Basis einer einmal von ihm selbst folgendermaßen formulierten
Toleranzmaxime: »Dem anderen die Freiheit geben, die ich mir selbst nehme; aber auch
mir selbst die Freiheit nehmen, die ich dem anderen gebe.«
Das ist weit mehr als eine abstrakte Formel. Dahinter ist die Fähigkeit zur Liebe erkennbar,
verbunden mit dem Mut zur Kritik, wo eigene Überzeugung kritische Stellungnahme
erfordert.
Und dahinter wird immer wieder die Überzeugung spürbar, dass Wahrheit zu zweit beginnt,
dass sie im Dialog gefunden werden muß und dass – nach Lessings Wort – »nichts
über das laut denken mit dem Freunde geht«.
Und damit komme ich vom Freund, vom »Bruder im freien Geist« Alois Kehl zum Dr.
Kehl, zum Freimaurerforscher, zum Historiker, Philosophen und Religionswissenschaftler,
zum intellektuellen Begleiter der Freimaurer.
An der Universität zu Köln und Bonn als Altphilologe tätig, konnte er uns seine profunden
Kenntnisse frühchristlicher Geschichte und Religiosität, aber auch der griechischrömischen
Philosophie vermitteln. Als Priester der römisch-katholischen Kirche war und
ist er Fachmann für das schwierige Verhältnis zwischen Kirche und Freimaurerei. Aber
er ist mehr als bloßer Experte, er ist Brückenbauer und Moderator in einem Konflikt,
der zwar in vielerlei Hinsicht historisch verstehbar, vom Wesen der Freimaurer wie der
Religion her aber überholt und unbegründet ist. Die Seriosität dieser Mittlerfunktion ist
dabei darin begründet, dass seine doppelte Loyalität außer Zweifel steht: als Freund der
Freimaurer und als gläubiger Christ sowie als Priester seiner Kirche. Ich werde hierauf
später noch einmal zurückkommen.
»Laut denken mit dem Freunde«: Wenn man das schöne Buch mit seinen Beiträgen
zur Freimaurerei zu Hand nimmt, so wird deutlich, wie sehr das Nachdenken über Freimaurerei
und ihre historisch-philosophischen Hintergründe und Begleitphänomene entscheidende
Impulse aus Dr. Kehls Mitarbeit in freimaurerischen Einrichtungen erhalten
hat, mögen es die Logen sein, die Forschungsloge »Quatuor Coronati« oder die Akademie
»Forum Masonicum«. Die intellektuelle Wegbegleitung erfolgte auf der Grundlage
einer festen Einbindung in die freimaurerische Gruppe. Nicht zuletzt die Kontinuität
der Freundschaft vermittelte Anregung, Brüder und Schwestern fragten, und Alois Kehl
308
gab Antworten, oder – so wird er es vermutlich lieber hören –, er bemühte sich um Antworten,
um Annäherungen an das Wahre, das Vernünftige. Denn es ging Alois Kehl nie
um ein Verkünden feststehender Wahrheiten, es ging um ein Vermitteln von Sichtweisen,
um ein Erproben von Perspektiven, um rationalen Diskurs, um klare Gedanken, um das
unpathetische Wort.
Dr. Kehl hat uns geholfen, Freimaurerei in Kontexte einzuordnen und Bezüge zu Umfeldern
herzustellen. Er hat mit uns über die mannigfaltigen Einbettungen der Freimaurerei
nachgedacht, die sich ja nie außerhalb historischer, geistesgeschichtlich-religiöser und
kultureller Zusammenhänge entwickelt hat. Viele seine Beiträge müssten zur Pflichtlektüre
jedes Freimaurers werden, etwa der bedeutende Aufsatz über »Symbol und Wirklichkeit«,
wobei der Abschnitt »Schwierigkeiten und Gefahren im Umgang mit Symbolen« besonders
wichtig ist.
Intellektuelle Wegbegleitung, Einordnen in Kontexte, Deuten von Phänomenen, die
Bedeutung haben für den Freimaurerbund – hier denke ich etwa an die schönen Arbeiten
über »Vertrauen«, über die »heilende Wirkung des Wortes« und über »das Verstehen fremder
Kulturen« – die Mitwirkung an unserer Arbeit durch ein parallel zu ihr verlaufendes
Philosophieren für und mit uns –, all dies bedeutet ein großes Geschenk für uns.
Wir Freimaurer haben ja mit unserem Selbstverständnis ein beträchtliches Problem:
Wir können uns nur aus unserer Geschichte heraus legitimieren. Diese Verwiesenheit auf
Geschichte führt aber leicht zu Versuchen, Geschichte umzudeuten, selektiv mit ihr zu
verfahren, gar Neues zu erfinden und gefällige historische Kulissen für zeitgenössische
Stücke zu entwerfen. Kurz: Es schieben sich – befördert durch die Abgeschlossenheit der
Loge, das sogenannte »freimaurerische Geheimnis« – innere Bedürfnisse und Innensichten
übermächtig in den Vordergrund. Es droht der Verlust einer richtigen, einer vernünftigen,
einer realistischen Perspektive. Die Komplexität der Vergangenheit, ihre Gebrochenheiten,
ihre Widersprüche, all das, was zusammengenommen ja erst das hervorbringt, was der
Historiker Jörn Rüsen das »Lebenselixier historischer Erinnerung« genannt hat, geht verloren.
Es drohen Verf lachung und Ideologie. »Deshalb, – so haben Sie einmal ebenso anschaulich
wie prägnant gesagt – »müssten die Freimaurer die Fenster des Tempels öffnen,
nicht, damit die Welt hineinschauen kann, sondern damit die Freimaurer hinausschauen
können«.
Sie, lieber Herr Kehl, sind immer ein Lehrer dieses Hinausschauens, ein Anwalt komplexer
Sichtweisen gewesen. Sie haben vielfältige Zugänge zum Phänomen Freimaurerei
erschlossen, und Sie haben nachhaltig gewirkt, wenn es darum ging, die Freimaurerei zu
sich selbst zurückzuführen. Ihre im Buch dokumentierten klärenden Beiträge zu Themen
wie »Die Freimaurerei«, »Freimaurerei und Religion« sowie »Der Große Baumeister der
Welt« – um wieder die Titel nur einiger Ihrer Publikationen zu nennen – mögen als beispielhaft
für dieses Wirken genannt sein.
Doch wir verdanken Alois Kehl nicht nur wissenschaftliche Darstellungen und analytische
Interpretationen. Wir haben ihm auch für zahlreiche Beiträge zu danken, die
»Zeichnungen« darstellen im vollen Sinne des alten freimaurerischen Brauchs, rituelles
Geschehen durch Worte der Nachdenklichkeit, der Wegweisung und der Ermutigung zu
ergänzen. Wie anders wäre zu verstehen, wenn einmal Sie das Bibelwort vom Licht für
die Welt und vom Salz für die Erde folgendermaßen auf die Freimaurerei bezogen haben:
»Die Loge ist das Licht, das nicht übersehen werden kann. Der Freimaurer ist wie das Salz,
309
das, unter die Speise gemischt, nicht mehr zu sehen ist, aber seine Wirkung kann man
schmecken. So ist der einzelne Freimaurer vielleicht als Freimaurer gar nicht zu erkennen,
aber er wirkt und hilft, dass seine Umgebung ein wenig menschenwürdiger, freundlicher
wird.«
Wer über den Wissenschaftler und Redner Alois Kehl spricht, wird schließlich seine
Sprache, seine Gabe überzeugender schriftlicher und mündlicher Vermittlung zu erwähnen
haben. Dr. Kehl schreibt eine wissenschaftliche Prosa von hoher Qualität, er ist ein
Meister klarer Begriffe und stringenter analytischer Verknüpfungen. Doch auch und vielleicht
in besonderem Maße ist ihm die Kunst der klaren und eindrücklichen mündlichen
Vermittlung von Gedanken eigen, die Kunst der wissenschaftlichen und didaktischen
Rede, die Begabung zum Philosophieren für andere und vor anderen, die Fähigkeit, Charisma
mit Schlichtheit und allem Verzicht auf Prätention und Pathos zu verbinden.
Zum Schluss nun einige Worte zum Pater Kehl, zum Mann des Glaubens und der
Kirche. Die Freundschaft mit Freimaurern und Freimaurerinnen, die Wertschätzung für
unseren Bund und das Gedankengut der Freimaurerei auf der einen und die feste Verankerung
im Glauben und in seiner Kirche auf der anderen Seite brachten es konsequenterweise,
ja man könnte sagen zwangsläufig mit sich, dass das Bemühen um wechselseitiges Verständnis,
dass Aufklärung hüben und drüben, dass Vermittlung zwischen beiden Seiten,
Kirche wie Freimaurerei, zu den Hauptanliegen des Freimaurerfreundes und katholischen
Priesters Alois Kehl geworden ist. Dabei leitete ihn die Überzeugung, »dass« – ich zitiere
– »auch der katholische Freimaurer seine gläubige und katholische Weltanschauung unbeschadet
bewahren und dem freimaurerischen Vorstellungsrahmen einfügen kann«. So
musste ihn – wie uns Freimaurer – die Erklärung der Unvereinbarkeit von Logen- und
Kirchenmitgliedschaft seitens der Deutschen Bischofskonferenz vom 12. Mai 1980 sehr
enttäuschen, und er hat publizistisch mit großem Engagement darauf reagiert. Für beide
Seiten fair, nobel im Ton und überzeugend in der intellektuellen Qualität der Argumente,
stellte er den Feststellungen der Erklärung seine Sicht von Freimaurerei gegenüber: dem
Vorwurf der Verschwommenheit das Prinzip der Offenheit, dem Vorwurf der Ersatzreligion
das Prinzip der primär ethischen Interpretation der Rituale, dem Vorwurf antireligiöser
freimaurerischer Positionen das Prinzip der Absage an dogmatische Festlegungen
seitens der Freimaurerei.
Freilich hat er in seinen Stellungnahmen auch auf Fehler, Ungeschicklichkeiten und
Törichtes auf Seiten der Freimaurer verwiesen, was leider unsererseits nicht so gern gehört,
nicht so eifrig zitiert und nicht so redlich aufgearbeitet worden ist.
Inzwischen hat sich erfreulicherweise herausgestellt, dass der Dialog trotz aller Rückschläge
weitergeht, und die Tatsache, dass das Verhältnis von Freimaurerei und katholischer
Kirche nicht von der Agenda kirchlicher Einrichtungen, insbesondere der Ausbildungszentren
und Akademien verschwunden ist, ist sicher auch das Verdienst von Pater
Alois Kehl und seiner Unerbittlichkeit, für die Freimaurer die faire Chance einzufordern,
kirchlicherseits so wahrgenommen zu werden, wie sie sich selbst verstehen.
Doch nicht nur in der Auseinandersetzung auf der oberen organisatorischen und
weltanschaulichen Ebene, auch in der ganz konkreten menschlichen Beziehung in der
Loge ist der Pater Kehl eben auch als Pater Kehl wichtig geworden. An Pater Kehl konnten
sich die Brüder gleichsam abarbeiten, die offene, unbewältigte Probleme mit Kirche
und Glauben hatten. Mit Einfühlung und Toleranz, doch auch mit festen Standpunkten
310
half er auch hier zu ordnen, ohne zu bevormunden oder gar zurechtzuweisen. Er hat
die seelsorgerische Dimension seines Wirkens in der Loge nie betont und schon gar
nicht beansprucht, und doch war und ist diese Dimension vorhanden, zum Beispiel und
vielleicht vor allem dann, wenn es nach dem Tod von Brüdern um die Verwirklichung
des Wunsches ging, als gläubige Christen nach dem Ritus der katholischen Kirche verabschiedet
und bestattet zu werden. Pater Kehl war dann ganz einfach präsent als Mensch
und als Priester.
Zum Schluss und mit Nachdruck:
Lieber Doktor, lieber Pater, lieber Bruder Kehl,
die Freimaurer und Freimaurerinnen schulden Ihnen Dank, und sie wünschen Ihnen Glück,
Gesundheit, Schaffenskraft und auch weitere Freude an der Königlichen Kunst.
Sie gratulieren Ihnen herzlich zu Ihrem hohen Ehrentag, Ihrem 80. Geburtstag, und sie
hoffen, dass der Große Baumeister das Seine tut, damit Sie noch lange bleiben, was sie oft
und gern von sich gesagt haben: »unser Bruder im freien Geist«!
311
»Ver Sacrum« – junge Loge in veränderter
Zeit (2005)1
Im Jahre 2005, in einer Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung – Stichwörter: Reformen
von Wirtschaft und Gesellschaft, Wertewandel, Globalisierung, fundamentalistischer
Terror sowie Gefährdung der internationalen Sicherheit und Stabilität – feiert die
Freimaurerloge »Ver Sacrum« die 50. Wiederkehr ihres Gründungsjahrs. Im Jahre 1955, in
einer Zeit der Konsolidierung nach Krisen, Umbrüchen und Katastrophen – Stichwörter:
Nazi-Diktatur und Zweiter Weltkrieg, Niederlage, Befreiung und Neuaufbau – wurde sie gegründet.
Ursprünglich entstanden ist die Loge »Ver Sacrum« als Deputationsloge der Loge
»Zum Ewigen Dom«. Das in Namen und Auftrag der damals bestehenden Landesgroßloge
Nordrhein-Westfalen seitens der Mutterloge erteilte Konstitutionspatent trägt das Datum
des 9. Mai 1949. Am 26. Juni desselben Jahres wurde durch den stellvertretenden Landesgroßmeister,
Br. Otto Schulze, das maurerische Licht eingebracht. Erster Meister vom
Stuhl war der Kölner Facharzt für Orthopädie Dr. Alfred Habicht, ein menschlich wie
fachlich hochgeschätzter Mediziner. Neben ihm sind aus den frühen Tagen der Loge insbesondere
auch die Brr. Herbert Buchwald, Rudolf Jardon und Hans Schultheis als wichtige
Impulsgeber zu nennen. Große Unterstützung
fanden die Gründer-Brüder der Loge
bei Dr. Theodor Vogel, dem ersten bedeutenden Großmeister der deutschen Freimaurer
nach dem Zweiten Weltkrieg, der von der Idee des »Ver Sacrum«, des Neuaufbruchs der
Jungen, begeistert war. Dr. Rudolf Jardon war der geistige
Kopf und rituelle Architekt der
neuen Loge. Unter seiner Stuhlmeisterschaft wurde »Ver Sacrum« am 30. Oktober 1955
eine selbständige, gerechte und vollkommene Loge. Die feierliche
Einsetzung nahm Br.
Fritz Theiß vor, der Großmeister der »Vereinigten Großloge von Deutschland«. Redner der
Festarbeit war der spätere AFuAM- und VGLvD-Großmeister Dr. Hans Gemünd, der mit
seiner Zeichnung »Recht auf Freiheit des Denkens« eines der Leitmotive der Entwicklung
der jungen Loge ansprach. Die Loge »Ver Sacrum« ist seit ihrer Gründung Mitgliedsloge
der heutigen »Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland«
(GL AFuAM), die wiederum den »Vereinigten Großlogen von Deutschland – Bruderschaft
der Freimaurer« (VGLvD) angehört. Im Rahmen der VGLvD trägt die Loge die Matrikelnummer
797.
Die Loge »Ver Sacrum« wollte von Anfang an junge und jung gebliebene Menschen
in eine zukunftsorientierte Freimaurerei einbinden. Dies verdeutlicht auch der gewählte
lateinische Logenname, der auf eine altrömische Legende verweist: Eine Stadt wird von
tödlichem Unheil
bedroht. Um verschont zu werden, versprechen die Einwohner, den
Göttern die nächste Generation junger Menschen zu opfern. Die Götter verzichten auf
dieses Opfer, verpflichten aber die Jugend der Stadt zum Aufbruch aus den alten Mauern
und zur Errichtung einer neuen Stadt. Ludwig Uhland hat diesen Auftrag in seinem Gedicht
»Ver Sacrum« mit folgenden Worten umschrieben:
1 Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in: Ver Sacrum als Auftrag 1955–2005. Festschrift zum
50-jährigen Bestehen der Loge, Köln 2005, S. 17–27
312
… »Nicht lässt der Gott von seinem heil’gen Raub,
Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
Nicht will er einen Frühling welk und taub
Nein, einen Frühling, welcher treibt im Saft.
… Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt;
Das ist der Weihefrühling, den er will.«
Wie viele Gestaltungsvorschläge für die neue Loge geht auch der Name »Ver Sacrum« auf
den großen Anreger der Bauhütte, Br. Rudolf Jardon
zurück, der sich bei der Namenswahl
an der gleichnamigen Zeitschrift der Wiener Sezession orientierte, einer Vereinigung von
Künstlern, die – wie die junge Loge – eigene und zugleich neue Wege gehen wollte. Auch die
Gestaltung des Logenbijous durch Br. Jakob Bachem weist mit ihrem eleganten Jugenstildesign
auf den Wiener Anstoß hin.
Die Loge »Ver Sacrum« hat versucht, den mit ihrem Namen formulierten Auftrag zu
erfüllen. Ihre Mitgliederzahl wuchs nach der Gründung an, erreichte in den 1960er Jahren
ihren Höhepunkt und beläuft sich gegenwärtig auf 50 Brüder. Der stete Wechsel in der
Logenführung, den das Hausgesetz vorsieht – nach längstens drei Jahren muss bei den
hammerführenden Beamten ein Amtsübergang stattfinden –, vermittelte der Loge immer
wieder neue Impulse für die Gestaltung ihrer Arbeit, wenn es auch manchmal schwerfiel,
die geeigneten Nachfolger in den leitenden Beamtenpositionen zu finden und Schwankungen
im Aktivitätsniveau der Loge nicht zu vermeiden waren.
Die innere Arbeit der Loge wurde und wird geprägt durch kreative Pflege des freimaurerischen
Rituals. Das von Br. Rudolf Jardon bereits vor Gründung der damaligen »Vereinigten
Großloge von Deutschland«, die am 19. Juni 1949 in der Frankfurter Paulskirche stattfand,
auf der Grundlage bestehender Rituale
(vornehmlich des Rituals der Großloge »Zur Sonne
« in Bayreuth) erarbeitete Ritual des Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrades vermittelt auf
überzeugende Weise, was ein freimaurerisches
Ritual zu leisten vermag: Ruhe und Nachdenklichkeit
zu fördern, ethische Erziehung durch Symbole und rituelle Handlungen zu
bewirken und Impulse zur Auseinandersetzung mit menschlichen Grenzerfahrungen zu
vermitteln.
Zu den Grundlagen der Loge »Ver Sacrum« gehört auch die im Hausgesetz festgelegte Beschränkung
der Mitgliedschaft auf die alten symbolischen Grade Lehrling, Geselle und Meister.
Diese Entscheidung, auf der »Freimaurerischen Ordnung« der Großloge beruhend und im
Gestaltungsrecht der Loge als dem zentralen Ort der freimaurerischen Initiation begründet, behindert
in keiner Weise den brüderlichen Einklang mit Brüdern und Logen, die mehrgliedrige
freimaurerische Systeme bearbeiten. Die Konzentration auf die freimaurerischen
Grundgrade
ist im Verständnis der »Ver Sacrum«-Brüder positiv, nicht negativ oder abgrenzend
bestimmt:
Sie ist Ausdruck der Überzeugung,
• dass die im Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrad thematisierten und symbolisch-drama-
tisch ausgestalteten Grundbefindlichkeiten des Menschen vom Leben bis zum Tode den
symbolischen Reichtum des Bundes bestimmen,
• dass das auf menschliche Grenzerfahrungen ausgerichtete Ritualgut der drei freimaurerischen
Basisgrade gegenüber historisierenden, philosophierenden, ideologisierenden
313
oder dezidiert religiösen Ritualbestandteilen dadurch ausgezeichnet ist, dass die auf seiner
Grundlage gestalteten Rituale unverändert aktuell sind, nicht in Konflikt zu veränderten
Geschichtsbildern sowie institutionellen oder individuellen Glaubensvorstellungen
geraten können und keine Textbestandteile aufweisen, die im Sinne politischer Handlungsaufträge
missverstanden werden könnten,
• dass das »System der drei Grade« aus der Sicht der »Ver Sacrum«-Brüder die Sinneinheit
von Leben und Tod, von Kunst und Wirklichkeit sowie von Reflexion und Handeln auf
überzeugende Weise zum Ausdruck bringt, weil es erlaubt, ein kreatives, symbolisch und
emotional verzweigtes Ritualerleben in konzentrierte, beständig wiederkehrende Formen
zu fassen,
• dass die für alle Brüder gleiche Initiationsgrundlage vom Lehrling über den Gesellen zum
Meister die Homogenität der Logengruppe bewahrt und vor Konflikten schützt,
• dass das auf den drei Basisgraden beruhende Logensystem jederzeit als Modell für eine
Ordnung gelten kann, die gemäß demokratischer und pluralistischer Maßstäbe »in der profanen
Welt«, d.h. im Leben der Gesellschaft, reproduziert werden könnte, und schließlich
• dass die dreigradige Grundform der Freimaurerei viel leichter in die Gesellschaft hinein
zu vermitteln ist als komplizierte, hierarchische Gradsysteme und auch kaum dazu angetan
ist, Vorurteile und Verschwörungsvorstellungen auf sich zu ziehen.
Die praktizierte Ernsthaftigkeit des Ritualvollzugs schloss auch Gespräche im Tempel ein.
Br. Rudolf Jardon führte eine Form der Tempelarbeit ein, die er »Collegium Masonicum«
nannte und bei der nach der Öffnung der Loge die rituelle Logenordnung aufgehoben wurde,
um in fester gedanklicher Ordnung und besonnener Sprache Themen zu diskutieren, die
meist den rituellen Kontexten der Freimaurerei entnommen waren. Freilich war die Praxis
der »Collegia Masonica« stark von der rituellen Einstellung und Diskursfreude des jeweiligen
Meisters vom Stuhl bestimmt und kam im Laufe der Logengeschichte unterschiedlich
intensiv zum Zuge.
Stets fanden die vielerorts in der deutschen Freimaurerei zur Tradition gewordenen
Tempelfeiern
mit den Frauen und Lebenspartnerinnen der Brüder statt, wie sich überhaupt
die Loge »Ver Sacrum« von Anfang an als »offener« Männerbund verstand, der Partnerin,
Familie und Freunde weitgehend in das Gemeinschaftsleben der Loge einbezieht. In
jüngster Zeit wurde dann auch versucht, mit den Schwestern der Kölner Frauenloge »Sci
Viam« unter Beachtung freimaurerischer
Gepflogenheiten gemeinsame rituell-zeremonielle
Erlebnisformen zu erkunden.
Die rituelle Öffnung der Loge korrespondierte mit der Öffnung der von den Brüdern –
oft in Anwesenheit von Gästen und Suchenden – vorgenommenen thematischen Öffnung
der Gespräche
für Fragen zum Zeitgeschehen und seinen materiellen, ideellen und gesellschaftlichen
Grundlagen. So gab es bereits in den 1960er Jahren eine Vortragsreihe »Humanität
und Unmenschlichkeit in Deutschland«, im Rahmen derer Fragen wie »Gastarbeiter
oder Fremdarbeiter?
– Zur Integration von Ausländern in Deutschland«, »Umweltschutz als
politische Aufgabe« und »Notstand im deutschen Gesundheitswesen« behandelt wurden.
Landtagspräsident Wilhelm Lenz, Bundesinnenminister Gerhard Baum, Staatssekretärin
Katharina Focke, Bundesjustizminister Wolfgang Stammberger sowie der hessische Justizminister
Johannes Strelitz (die beiden letzteren Freimaurer) sprachen über Grundlagen des
Politischen. In einer Vortragsreihe »Freimaurerei von außen gesehen« sollte – so hieß es in
314
der Ankündigung – »von der üblichen freimaurerischen Selbstbestätigung abgegangen und
kritischen Beobachtern außerhalb unseres Bundes (Vertretern von Wissenschaft, Presse,
kulturellem Leben, Kirchen usw.) das Wort gegeben werden«. Wie in Köln als historisch katholisch
geprägter, allerdings auch bürgerlich-liberaler Stadt kaum anders vorstellbar, wurde
in Vorträgen und Diskussionen wiederholt das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und
Freimaurerei aufgegriffen. Prominente katholische Referenten, die wir bald unsere Freunde
nennen durften, waren die Professoren Dr. Herbert Vorgrimler und Dr. Karl Hoheisel sowie
Pater Dr. Alois Kehl, unser Wegbegleiter durch viele Jahrzehnte hindurch.
Mit der Öffnung zur Zeit verband sich stets auch die Öffnung zur Kultur: Künstler
musizierten
im Tempel, im Bankettsaal fanden Konzerte junger Sänger und Instrumentalisten
statt, Brüder und Schwestern besuchten gemeinsam Opern und Schauspiele.
Viele gute brüderliche Erfahrungen hat die Loge »Ver Sacrum« mit ihren zahlreichen
Kontakten
zu anderen Logen gemacht. Gewiss, nicht alle davon hatten Bestand, einige sind
inzwischen abgerissen, andere, die unterbrochen waren, wurden wiederangeknüpft. Gern
denken
wir an die Zusammenarbeit mit den Logen in Köln, beispielsweise an viele Jahre
gemeinsamer
Johannisfeste mit der Loge »Freimut und Wahrheit zu Köln«. Höhepunkte
waren Auslandsbesuche
in England, Luxemburg und den Niederlanden, oder Besuche von
Brüdern aus dem Ausland bei uns, etwa die Köln-Reise von Brüdern der Großloge von
Maine aus den USA. Zu Beginn der 1970er Jahre gab es einen Partnerschaftsvertrag mit der
Loge »Zur Freundschaft« in Kassel
(GL FvD) und der Loge »Zur Treue« (GNML 3WK),
nachdem die damals jungen Stuhlmeister
der drei Logen auf dem Braunschweiger Konvent
der VGLvD im Jahre 1972 einen Initiativantrag zur Einleitung nachhaltiger Fortschritte
auf dem Wege zur Einheit der deutschen
Freimaurerei eingebracht hatten, der freilich am
Beharrungsvermögen alter Strukturen scheitern musste. Heute werden Gemeinschaftsarbeiten
mit zahlreichen Logen durchgeführt, entweder in Köln oder im Partnerorient, und
die gemeinsame Jahresbeginnfeier Kölner Logen unter Einschluss der Schwestern von »Sci
Viam« gehört inzwischen zu den markanten Festlichkeiten des Logenjahres.
Dass Arbeit und Bruderkreis der Loge »Ver Sacrum« innerhalb der deutschen Freimaurerei
beachtliche Resonanz fanden, zeigt die Berufung vieler »Ver Sacrum«-Brüder in
Distriktslogen- und Großlogenämter: So stellte die Loge drei NRW-Distriktsmeister, zwei
Großredner der GL AFuAM, einen leitenden Meister der Forschungsloge »Quatuor Coronati
«, ein Mitglied des Senats der VGLvD, einen zug. Großmeister der GL AFuAM sowie
einen Vorsitzenden des Obersten Gerichts der VGLvD. Alle in solche Ämter berufenen
Brüder waren stolz auf ihre maurerische Heimat »Ver Sacrum« und deren prägende Kraft.
Auch den karitativen Verpflichtungen der Freimaurerei hat sich die Loge »Ver Sacrum
« gestellt, und zwar mit der aus brüderlicher und schwesterlicher Spendenbereitschaft
hervorgegangenen
»Habicht-Schultheis-Stiftung«. Die gemeinnützige Stiftung hat sowohl
Brüdern in materieller Bedrängnis geholfen als auch mannigfaltige Unterstützung geleistet,
wenn es galt, außerhalb der Loge Not zu lindern, Jugendlichen in ihrer Entwicklung beizustehen
und Nachwuchskünstler
zu fördern.
Insgesamt versuchte die Bruderschaft der unverzichtbaren Einheit der drei Säulen des freimaurerischen
Tempels – Weisheit, Stärke und Schönheit – gerecht zu werden:
• Weisheit als wertbezogene Vernunft, intellektuelle Klarheit und Redlichkeit der geistigen
Vermittlung;
315
• Stärke als Tatkraft, als das konstruktive Vermögen, Ideen auch umzusetzen, und
• Schönheit als Gestaltungsprinzip, dass, ausgehend vom Ästhetischen, von der apollinischen
Dimension hinüberreicht in Lebenskunst und Lebenskultur, worin sich ja Freimaurerei
– wenn sie gelingt – als »Königliche Kunst« vollendet.
Weisheit, Stärke und Schönheit – über alle drei wurde immer wieder nachgedacht, zumal
die Freimaurerei mit ihren Säulen ja durchaus ihre Probleme hat. Geht es doch stets darum,
Weisheit vor Worthülsen und Plattitüden zu bewahren, Stärke nicht in Kraftmeierei und
verbale
Kraftakte ausarten zu lassen und Schönheit gegen Hässlichkeit im Umgang miteinander
zu schützen. Dass Letzteres gelang, geht u.a. daraus hervor, dass der Ehrenrat der
Loge in der 50-jährigen Logengeschichte nicht ein einziges Mal zusammentreten musste.
Dass die Loge »Ver Sacrum« mit Stolz, Freude und Bereitschaft zu weiterem Aufbruch
auf die ersten 50 Jahre ihres Bestehens zurückblickt, bedeutet nun freilich nicht, dass
die Bruderschaft in jeder Phase ihres Bestehens den von ihren Gründern definierten
anspruchsvollen Maßstäben vollständig hätte genügen können. Nicht alle Blütenträume
konnten reifen. Von den Problemen, die für die Entwicklung vieler Gruppen in modernen
(oder »postmodernen«) Gesellschaften kennzeichnend sind – abnehmende Bindungsbereitschaft
der Menschen insbesondere –, blieb auch die Loge »Ver Sacrum« nicht verschont.
Auch wäre es unrealistisch anzunehmen, dass nicht auch Gruppen und ihre Leiter
ihre »Durchhänger« hätten. So gilt das Symbol des »Rauhen Steins« nicht nur für den
einzelnen Maurer, sondern auch für freimaurerische Gemeinschaften, und die delphische
Aufforderung »Erkenne dich selbst« ist gleichermaßen ein individueller wie ein gruppenspezifischer
Appell. Doch das Ausmaß an gelungener Freimaurerei seit Gründung der
Loge und die Wirkungskraft des in der Vergangenheit erarbeiteten Logenprofils erwiesen
sich stets als gutes Fundament für zukünftiges Wirken, vor allem, weil sie für jene Identität
bürgen, aus der heraus die Loge sich entwickelt hat und weiter entwickeln kann. Zukunft
braucht Herkunft, diese, insbesondere von dem Gießener Philosophen Odo Marquard
wiederholt anregend ref lektierte Feststellung lässt sich – ihm weiter folgend – durch
ihre Umkehrung ergänzen: Herkunft ist auf Zukunft angewiesen. Herkunft und Zukunft
gehören zusammen. Für die Logen im Speziellen ebenso wie für die Freimaurerei im Allgemeinen
gilt, dass sie der chronischen Gefahr der »Herkunftslastigkeit« entkommen und
zukunftsfähig bleiben müssen. Doch wo Herkunft mit Freude und Stolz erinnert werden
kann, braucht Sorge um Zukunft nicht zu einem handlungslähmenden Gefühl zu werden.
Freimaurerei als Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen, Freimaurerei als
System ethischer Werte und Überzeugungen, Freimaurerei als Symbolbund: Dies zusammen
macht Reichtum und Wesen der freimaurerischen Überlieferung aus und umschreibt
auch das Fundament
der Loge »Ver Sacrum«. Freimaurerei in diesem Sinne
lebendig zu halten und hineinwirken zu lassen in die Gegenwart – engagiert und redlich,
ohne Kleinmut, aber auch ohne Überheblichkeit – ist unsere Aufgabe, ist der Auftrag
einer Loge, die sich die Geschichte eines Frühlings zum Gründungsmythos gewählt hat,
den die Legende als »heiligen Frühling«, als »Ver Sacrum« überliefert hat. Wenn »Frühling
« dabei den ständigen Auftrag zum Aufbruch meint, den Schwung auch, den man
bei der Arbeit braucht, sowie eine gehörige Portion rheinischer Heiterkeit, dann mag
das »heilig« für die Ernsthaftigkeit und die verantwortungsbewusste Rückgebundenheit
dieses Auftrags stehen.
316
Drei Kettensprüche für die Loge »Ver Sacrum«
Kettenspruch I. Grad, Aufnahme zum Freimaurerlehrling:
Brüder, diese Kette bindet
unser Herz und unsern Sinn.
Jeder, der hier Heimat findet,
findet Kraft zum Neubeginn.
Einerlei, woher wir stammen:
unter eines Himmels Zelt,
bauen wir sie nur zusammen,
diese eine bessre Welt!
Lasst uns drum zur Arbeit gehen,
sorgt, dass Licht ins Dunkel dringt,
dass die Menschen sich verstehen
und der große Bau gelingt.
Kettenspruch II. Grad, Beförderung zum Gesellen:
Baut gemeinsam, nicht alleine,
Stein auf Stein und Hand in Hand
als Gesellen für das eine
Ziel, das uns seit je verband.
Lasst uns schaffen fest verbunden
was dem Leben Wert verleiht,
bis die Arbeit vieler Stunden
sichtbar wird am Dom der Zeit.
Menschen suchen, stets aufs Neue,
lautet alter Pflicht Geheiß,
dass als Freunde sie in Treue
stärken unsern Wirkungskreis.
Kettenspruch III. Grad, Erhebung zum Meister:
Brüder, lebt das »Stirb und Werde«,
fest verwurzelt in der Erde,
doch durchdrungen hell von Licht.
Botschaft kommt uns von den Sternen,
dass wir neu zu leben lernen
und die Kette niemals bricht.
317
Bürgerlicher Bund in nachbürgerlicher
Gesellschaft (2008)1
»In der Wirklichkeit steht es nicht deswegen schlimm,
weil es zu viel, sondern deswegen,
weil es zu wenig bürgerliche Gesellschaft in ihr gibt.«
Odo Marquard
Die Bruderschaft der Großloge A.F.u.A.M. bricht auf und stellt sich neuen Aufgaben. Qualitätsaufgaben
sollten es sein. Und wenn eine Formel wie »Ziel 10.000« zunächst auch sehr
quantitativ klingt, so steckt – recht verstanden – doch ein sehr anspruchsvolles Qualitätsziel
dahinter: Geht es doch um einen Aktivitätsimpuls, der sich vor allem auf überzeugende Konzepte
der Freimaurerei und eine gute Gruppenqualität der Bruderschaft auszuwirken hat.
Ob dieser Impuls Erfolg hat, ist nicht gewiss. Doch wir haben die Chance, erfolgreich
zu sein, wenn wir unsere Ressourcen einsetzen, und das heißt vor allem, wenn wir im
Inneren wissen und nach außen vermitteln können, warum Freimaurerei auch heutzutage
eine sinnvolle Form der Geselligkeit, des Denkens und der Kommunikation sowie der
symbolisch-rituellen Erfahrung ist.
Voraussetzungen für Erfolge
Wir können Erfolg haben, wenn wir daran arbeiten, die mannigfaltigen Substanz- und Vermittlungsprobleme
zu überwinden oder wenigstens zu reduzieren, die uns bisher blockiert
haben, und wenn wir flexibel genug sind, auf die gegenwärtigen Strukturen der Gesellschaft
zu reagieren, Strukturen, die sich seit der klassischen Zeit der Freimaurerei ja tiefgreifend
verändert haben.
Freimaurerei ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft – so weit so gut.
Wie aber kann ein bürgerlicher Bund auch in einer nachbürgerlichen Zeit seine Lebendigkeit
und Wachstumskraft behalten. Das ist die Frage, die sich uns stellt.
Denn neben manchen hausgemachten Schwierigkeiten sind es ja ohne Zweifel eben
diese Strukturwandlungen der Gesellschaft, die heutzutage einer dynamischen Entwicklung
der Freimaurerei im Wege stehen.
Mit ein paar Beispielen möchte ich dies erläutern:
• So setzt etwa die gegenwärtige Heterogenität der Gesellschaft die alten, sehr erfolgreichen
Rekrutierungsmuster der Freimaurerei – Mitgliedergewinnung in vertrauten sozialen und
familiären Milieus – außer Kraft. Welcher Ersatz steht dafür zur Verfügung? Haben wir
ihn bereits gefunden?
1 Vortrag auf dem Berliner Großlogentag der GL AFuAM 2008. Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht
in: Humanität. Das deutsche Freimaurermagazin, Nr. 4, Juli/August 2008, S. 22–25.
318
• So vermittelt die zunehmende freiwillige oder erzwungene Mobilität der Berufs- und
Arbeitswelt wenig Motivation zum Eintritt in den Lebensbund Loge. Die Vertreter einer
»Generation Praktikum«, was mag sie zu langfristiger Logenmitgliedschaft motivieren?
• So bringt die veränderte Struktur der Geschlechterbeziehungen die Freimaurerei als
Männerbund unter Begründungs- und Anpassungszwang, denn sie beeinflusst nicht nur
die Bindungsbereitschaft der Männer, sondern sie stellt auch die traditionellen Legitimierungen
des Männerbundes in Frage. Haben wir den Mut, Freimaurerei als einen »offenen
Männerbund« zu leben? Gibt es Konzepte dafür?
• So bringen die zunehmenden Optionen, soziale Beziehungen einzugehen, sich unterhalten
zu lassen und Geselligkeit zu erleben, die Freimaurerei unter einen erhöhten Konkurrenzdruck.
Hält das Programm der Loge diesem Konkurrenzdruck stand?
• So scheint Freimaurerei als ethisch begründete und kultisch gestaltete Assoziation
manchmal gar in Gefahr, als altmodisch, dogmatisch oder lernunfähig zu gelten. Haben
wir überzeugende Antworten darauf? Antworten nicht für das 18. und 19. Jahrhundert,
sondern für die Gegenwart?
• So ist die Suche nach immer neuen Erlebnissen und spektakulären »Events« mit den »Essentials
« der Freimaurerei: Bereitschaft zu dauerhafter Bindung, Führung ethischer Diskurse
und Praxis ritueller Einübung in ein wertorientiertes Verhalten kaum vereinbar.
Wie finden wir die Menschen, für die diese Verknüpfung nicht gilt? Die trotzdem empfänglich
sind für das Angebot der Freimaurerei?
• So führt – schließlich – die Kultur der Postmoderne mit ihrem Event- und Erlebnishunger
auch zu neuen Formen der Anti-Freimaurerei. Das Dan-Brown-Syndrom geht
um und füllt die Regale der Buchläden mit ausschweifenden Romanen und mit Sachund
Enthüllungsbüchern niedrigsten Niveaus. Haben wir Antworten in dieser neuen Situation?
Diese Skala sorgfältig abzuarbeiten, scheint mir Voraussetzung für Erfolg bei der Umsetzung
unserer Pläne, was allerdings nicht jetzt geschehen kann.
Chancen der Freimaurerei
Jetzt geht es mir um etwas anderes. Die Überzeugung nämlich, dass es verfehlt wäre, in den
unbeständig-flüchtigen Verhältnissen der heutigen Moderne nicht auch günstige Voraussetzungen
für die Arbeit der Logen auszumachen.
Um sie zu nutzen, müssen Anpassungen an den postmodernen Zeitgeist vermieden
und Chancen gleichsam »quer zum Zeitgeist« ergriffen werden.
Moderne heute bedeutet ja auch Individualisierung:
• Nicht alle Menschen sind gleich, und die Zahl derer, die sich den nivellierenden Trends
und Tendenzen zumindest partiell entgegenstellen, ist groß genug, um die Mitgliederzahlen
der Logen kräftig anwachsen zu lassen.
• Menschen suchen Freundschaft, Einbindung und Orientierung;
• Menschen interessieren sich für Werte, Aufklärung und intelligenten Diskurs;
319
• Menschen wollen ihre persönlichen Verantwortungen überdenken;
• Menschen sind aufgeschlossen für symbolische und rituelle Erfahrungen;
• Menschen wollen teilhaben an Erfahrungsmöglichkeiten für gesellige Kultur und Lebenskunst.
Insgesamt:
Es gibt Sehnsucht nach Nachdenklichkeit, nach Kontemplation, nach Langsamkeit,
nach einem anderen, weniger hektischen Begriff von Zeit, kurz nach Strukturelementen
der Freimaurerei.
Dazu kommt, dass Anzeichen für die Suche nach und die Etablierung von einer »neuen
Bürgerlichkeit« erkennbar sind.
Allerdings: Die Freimaurerei muss sich – will sie ihre Chancen nutzen – redlich bemühen.
Sie muss sich u.a. darüber klar werden, dass sie schon beängstigend viel »Postmoderne«
in sich selbst aufgesogen hat und dass bisher als Fehlentwicklungen der Gesellschaft »da
draußen« beschriebene Symptome längst zu Störelementen der inneren Logenbefindlichkeit
geworden sind, die zwar sicher nicht dominieren, aber doch eindeutig diagnostizierbar
sind.
In diesem Sinne möchte ich hinweisen auf:
• Relativismus im Verhältnis zu den eigenen traditionellen Werten, insbesondere das Verfehlen
notwendiger Standards im Umgang der Brüder miteinander.
• Mangelnde Gründlichkeit in der Wahrnehmung der politischen, gesellschaftlichen und
kulturellen Probleme der Zeit, ja, unverkennbare Anzeichen für jene Untugenden der
Stammtische, die wir so gerne beklagen.
• Eingeschränkte Bereitschaft, sich an den Diskursen der Gesellschaft wirklich gehaltvoll
zu beteiligen.
• Erlebnis/unterhaltungsorientierte Einstellung zur Freimaurerei: Logen-, Ritual-, Gradund
System-»Hopping«, Freimaurerei »à la carte«.
• Fehlendes Wissen über die Grundlagen des eigenen Bundes, unzureichende Klarheit, was
Freimaurerei ist, Unsicherheit im Umgang mit der Öffentlichkeit und unzureichende
Sorgfalt bei Auswahl von und im Umgang mit Kandidaten.
• Unzureichendes Reagieren schließlich auf die Herausforderungen der neuen »Verschwörungs-,
Geheimnis- und Phantastik-Welle«, das von mir schon benannte »Dan Brown-Syndrom
«.
Zu Letzterem möchte ich auf eine Warnung aus einer Dan Brown-Rezension in der Zeitschrift
von »Quatuor Coronati« London verweisen, in der auf die Gefahr neuer, von außen
auf uns zukommender maurerischer Fiktionen hingewiesen wird:
Der Londoner Bruder schreibt: »Wenn wir nicht die Öffentlichkeit – aus der unsere potentiellen
Mitglieder kommen – über die wirkliche Natur und Geschichte der Freimaurerei
informieren, werden wir entweder zu einem Schatten unseres vergangenen Ruhmes degenerieren
oder uns einem noch schlimmeren Szenario gegenübersehen: der Überschwemmung
durch Kandidaten, die nachdrücklich wünschen, dass solche Fiktionen in der Freimaurerei
wahr werden.«
320
Was ist, was will, was kann die Freimaurerei?
Grundvoraussetzung für das Überleben der Freimaurerei in der Post- oder Post-Post-Moderne
ist die inhaltliche Klärung.
Was ist, was will, was kann die Freimaurerei in ihrer komplexen, unauflösbaren dreifachen
Erscheinungsweise
• als Freundschaftsbund,
• als Stätte ethischer Einübung und
• als symbolisch-initiatischer Werkbund?
Hier werden oft handliche Formeln verlangt.
Ich meine freilich, dass Freimaurerei vor allem durch Praxis zu überzeugen hätte und dass
sich Freimaurer eher Zeit lassen, ja den Mut zur Umständlichkeit haben sollten, wenn es mit
(gesprochenen und geschriebenen) Texten um das Erklären dessen geht, was Freimaurerei
ist. Freimaurerei lässt sich nicht im Schnellkurs vermitteln.
Vorsicht scheint mir insbesondere geboten mit eindimensionalen Kurzdefinitionen
wie »Freimaurerei ist eine Geisteshaltung«, »Freimaurerei ist angewandte Aufklärung« oder
»Freimaurerei ist eine religiöse Vereinigung«. Dies ist oft falsch und immer missverständlich.
Wenn Kurzdefinitionen erforderlich scheinen, dann sollten solche gewählt werden, die
durch Erläuterungen ausbaufähig sind und in denen die durch die Geschichte der Freimaurerei
hindurch identifizierbaren Grundelemente des Bundes thematisiert werden, die in
ihrer Gesamtheit den Reichtum der Freimaurerei ausmachen: Freundschaft und Geselligkeit,
ethische Orientierung und Wertediskurs sowie der rituelle Rahmen einer Initiationsgemeinschaft
mit der Stiftung von menschlicher Verbundenheit und moralischer Verantwortung als
dem Kern der kultischen Handlung. In diesem Sinne empfehle ich die folgende Definition:
»Freimaurerei ist eine Lebenskunst, die menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung
durch Symbole und rituelle Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar,
erlebbar und erlernbar macht.«
Notwendige Klärungen
Von hierher kann die Freimaurerei auch ihr Verhältnis zu Politik, Gesellschaft und Religion
klären:
Angesichts der Tatsache, dass die von der Freimaurerei und um die Freimaurerei herum
entwickelten Werte – Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz – längst politisch-gesellschaftliches
Allgemeingut geworden sind, besteht der besondere Wert des Bundes in der Methode
der fortgesetzten Einübung in eine wertorientierte und wertgebundene Praxis. Die Loge ist
keine Aktionsgruppe, aber – und hierdurch erfüllt sie eine wichtige politisch-gesellschaftliche
Funktion – eine »sichere Stätte« für Menschen, die in einem konzentrierten, wertorientierten
und sensiblen Diskurs Klarheit über handlungsrelevante Fakten und Optionen in der Welt
von heute und morgen suchen.
321
Arkandisziplin heute hätte dann vor allem die Funktion, den Raum für einen solchen
Prozess der Selbstwahrnehmung, der Klärung und Abklärung abzusichern. Arkandisziplin ist
insofern weit mehr als eine Angelegenheit des Verhüllens, Arkandisziplin ist vor allem eine
Angelegenheit des Vertrauens – damit ist sie freilich auch viel stärker von innen gefährdet, als
wir meist einzuräumen bereit sind. Man kann auch Geheimnisse zerstören, lange bevor man
sie der Öffentlichkeit preisgibt.
Um diese Gefährdung gering zu halten, ist Selbstkritik und Arbeit am rauhen Stein bei
uns Brüdern im Bund erforderlich, aber auch eine sorgfältige Auswahl der Aufnahmekandidaten:
falsche Aufnahmen wirken unvermeidlich als ein Negativ-Multiplikator, der die Substanz
des Bundes verschlechtert.
Im Verhältnis zu Religion und Kirchen ist hervorzuheben, dass Freimaurerei keine Religion
ist, dass ihre Rituale jedoch (zumindest teilweise) einen religiösen Charakter besitzen.
Denn sie tragen dazu bei, den Freimaurer in ein das Einzeldasein transzendierendes Sinngefüge
einzuordnen.
Bei alldem müssen Strukturen und Prinzipien der Großloge A.F.u.A.M. klarer herausgearbeitet
werden, als die bestimmenden Eigenschaften der deutschen Großloge, die ganz
eindeutig in der Tradition der humanitären deutschen Freimaurerei steht und auch ohne
Wenn und Aber den Traditionen der Weltfreimaurerei und dem Geist der »Alten Pflichten«
verbunden ist.
Im Verhältnis zu Medien und Öffentlichkeit ist Redlichkeit am Platz: Es gab Licht und
Schatten, Leistung und Versagen im Entwicklungsprozess der Freimaurerei. Dies einzuräumen,
wirkt auf Außenstehende viel sympathischer und interessanter als das unendlich
langweilige Posieren als selbsternannte »Weltmeister in Sachen Humanität«.
Hierfür sollte das freimaurerische Wissen in der Bruderschaft verbessert werden. Wer
nach dem »Wohin« der Freimaurerei fragt, muss über das »Woher« der Freimaurerei Bescheid
wissen.
Wissen und Fortschritt könnte auch durch den Diskurs der europäischen Freimaurer
gefördert werden. Bei internationalen Zusammenkünften sollten nicht Geselligkeit und Repräsentation
im Vordergrund stehen, sondern die Verständigung darüber, was europäische
Freimaurerei historisch bedeutet hat, vor allem aber, was sie heute und zukünftig bedeuten
kann. Das Jahr 2017 steht vor der Tür, und wenn dann an 1717 erinnert wird, sollte es auf
eine europäische Weise geschehen.
Und ein Letztes: Freimaurer hätten sich – ohne Überforderung eigener Möglichkeiten
– viel öfter als bisher an den wichtigen Diskursen der Gegenwart zu beteiligen. Viele davon
haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition, mögen sie auf die Weiterentwicklung
der Aufklärung im Sinne einer »reflexiven Aufklärung«, auf die »Ethosproblematik«
(»Weltethos« war immer schon auch ein freimaurerisches Projekt), auf die Aneignung und
Umsetzung von Werten (»Einübungsethik« ist eine alte freimaurerische Tugend) beziehen
oder auf die Reflexionen über Lebenskunst, denn Freimaurerei verstand sich ja immer auch
– gerade im Sinne von Lebenskunst – als eine »Königliche Kunst«.
Um es zuzuspitzen: Besser, als die Stimmen anderer zu prämieren, wäre es, mit eigener
Stimme vernehmbar zu sein.
Insgesamt hat die deutsche Bruderschaft – davon bin ich vollkommen überzeugt –
viele Möglichkeiten, den alten Zauber des »Gesamtkunstwerks Freimaurerei« trotz kräftigen
Zeitgeist-Gegenwinds auch zukünftig nach innen und außen wirken zu lassen.
322
Neue Bürgerlichkeit?
Hierzu scheint mir allerdings erforderlich, dass der Bund in Konzeption und Praxis an Profil
zulegt. Sich dabei als Teil einer »neuen Bürgerlichkeit« zu begreifen, ist für mich dabei ebenso
aussichtsreich wie erforderlich.
Freimaurerei war eine Institution der bürgerlichen Gesellschaft. Sie vermittelte und
bestärkte einen bürgerlichen Habitus, den der ungarische Sozialphilosoph Georg Lukács
einmal so beschrieben hat:
»Bürgerlicher Beruf als Form des Lebens bedeutet in erster Linie einen Primat der
Ethik im Leben; dass das Leben durch das beherrscht wird, was sich systematisch, regelmäßig
wiederholt, durch das, was pflichtgemäß wiederkehrt, durch das, was getan
werden muss ohne Rücksicht auf Lust oder Unlust. Mit anderen Worten: die Herrschaft
der Ordnung über die Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen
Arbeit über die Genialität, die von Sensationen gespeist wird.«
Lukács beschrieb hier im Jahre 1909, wie sehr freimaurerische Lebenssicht mit der bürgerlichen
Geselligkeit und der Selbstwahrnehmung des Bürgers identisch gewesen ist.
Ich meine, dass eine Renaissance der Bürgerlichkeit in einem solchen Sinne der Freimaurerei
gut bekäme.
Und wenn der in Gießen lehrende Philosoph Odo Marquard in einem ebenso knappen
wie lesenswerten Essay über eine »Philosophie der Bürgerlichkeit« feststellt, dass »die moderne
bürgerliche Welt unter der Bedingung ihrer ›Entzweiung‹ erneut durchdacht werden«
muss, so beschreibt er ein Projekt, innerhalb dessen ich mich als Freimaurer durchaus
aufgehoben fühle. »Denn« – so schließt Marquard seinen Text – »die Kontraposition zur
einen – der totalitär nationalsozialistischen – Verweigerung der Bürgerlichkeit ist nicht die
andere – totalitär sozialistische – Verweigerung der Bürgerlichkeit, sondern die Verweigerung
dieser Bürgerlichkeitsverweigerung: die insofern ›konservative‹ Option für die bürgerlichliberale
Demokratie«.
Zur totalitär nationalsozialistischen und zur totalitär sozialistischen ist inzwischen auch
die postmoderne Verweigerung der Bürgerlichkeit getreten. Auch dieser hätte sich die Freimaurerei
zu verweigern. Dazu gehört, dass sie ihre Rolle und ihre Wirkungsmöglichkeiten in
einer Position neuer Bürgerlichkeit »quer zum Zeitgeist« begreift und ihre Chancen mit dem
ganzen Charme einer alten europäischen Kulturform intelligent und offensiv wahrnimmt.
323
Dan Browns »Verlorenes Symbol«:
Freimaurerei zwischen Fiktion und
Wirklichkeit (2010)1
Vieles in einem
Im September 2009 erschien nach »Illuminati« und »The Da Vinci Code« unter dem Titel
»Das verlorene Symbol« Dan Browns lang erwarteter Folgeroman, der dritte mit dem Harvard-
Professor Robert Langdon als Chefermittler und als Deuter vieler Symbole und Geheimnisse.
Ob es ein gutes Buch ist, mag in diesem Zusammenhang dahingestellt bleiben. Doch
sicher ist es ein komplexes, ja überladenes Buch, in dem verschiedene Handlungsstränge, Milieus
und Projektionsflächen zueinander in Beziehung gesetzt und zuweilen arg gewaltsam
ineinander verwoben werden.
Das Buch ist vieles in einem:
• ein Thriller, in dem die Protagonisten von der Abenddämmerung bis zum Sonnenaufgang
durch Washington hetzen, um Verbrechen zu begehen oder zu verhindern;
• eine Familiensaga mit einem kreativen Bruder-Schwester-Verhältnis (Peter und Katherine
Solomon) und einer bis zum tödlichen Hass entgleisten Vater-Sohn-Beziehung (Peter Solomon
und Mal’akh);
• eine Ontologie des Bösen, die beschreibt, wie Mal’akh durch viele Transformationen hindurch
auf dem Wege dunkler Magie seinem Credo folgt: »Wer in der Lage ist, Weisheit zu
verbreiten, muss zerstört werden«;
• ein reichhaltiges Kompendium abendländischer Esoterik in all ihren Facetten und Verzweigungen,
mit Porträts vieler ihrer Exponenten und oft schillernden Vertreter;
• eine reichlich scientology-nahe Einführung in die Wissenschaft der sogenannten »Noetik«,
der noch unerschlossenen Kraft des menschlichen Bewusstseins;
• eine Apotheose der Stadt Washington als eines Heilsplatzes der Weltgeschichte;
• eine Hommage an die amerikanische Freimaurerei, insbesondere die Hochgradfreimaurerei
des Schottischen Ritus; und
• schließlich auch eine Verkündigung der persönlichen Heilsbotschaft Dan Browns, denn ist
nicht zu bezweifeln, dass die Beschwörung von Licht und Hoffnung am Ende des Buches
nicht nur für seinen Helden Robert Langdon gilt, sondern auch für den Autor selbst.
Mit dem Augenblick des Erscheinens setzte ein nie da gewesener Run auf das Buch ein. Die
englische Ausgabe wurde in der ersten Woche nach der Veröffentlichung am 15. September
2009 zwei Millionen Mal verkauft. Allein in Großbritannien ging der Thriller in den ersten 36
Stunden mehr als 300.000 Mal über den Ladentisch, mehr als bei allen anderen Hardcover-Romanen
für Erwachsene auf der Insel. Zahlreiche Blitzübersetzungen in andere Sprachen folgten,
1 Vortrag, gehalten am 25. Oktober 2010 in der Frankfurter Loge »Zur Einigkeit«. Dieser Beitrag wurde
ursprünglich veröffentlicht in: TAU, Zeitschrift der Forschungsloge »Quatuor Coronati«, Nr. II, 2010,
S. 90–100.
324
u.a. ins Chinesische, Japanische und Koreanische. Auch in Deutschland schnellte das Buch
umgehend auf die Bestsellerlisten, wobei es sich günstig auf den Verkauf auswirkte, dass das
Erscheinen der eilig angefertigten Übersetzung mit der Frankfurter Buchmesse zusammenfiel.
Bald gab es publizistische Sekundäreffekte, denn im Gefolge des Romans erschienen
unverzüglich mehr als ein Dutzend Bücher, die sich anschicken, dass oft verworren dunkle
Original zu erklären: »Secrets of the Lost Symbol«, »Unlocking the Masonic Code«,
»Decoding the Lost Symbol«, »Deciphering the Lost Symbol« und wie sie alle heißen
mögen, knapp 2000 Seiten erklärende Literatur. Auch der Lübbe Verlag, in dem die deutsche
Fassung erschien, brachte Anfang 2010 zwei Sekundärbücher heraus: »Die Wahrheit
über Das Verlorene Symbol« von Dan Burstein und Arne de Keijzer, eine Übersetzung aus
dem amerikanischen Englisch und (als sogenanntes »offizielles Sachbuch«) »Das verlorene
Symbol. Der Schlüssel zu Dan Browns Bestseller« von Henrik Eberle, der als Historiker am
Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Halle/Wittenberg tätig ist. Insbesondere dieses
Buch ist empfehlenswert für alle, die sich mit Dan Browns Puzzle und seinen Hintergründen
eingehender beschäftigen wollen – wenn, so muss man allerdings mittlerweile ergänzen,
überhaupt noch Interesse daran besteht.
Dan Brown und seine Kritiker
Bestseller haben nicht selten eine geringe Halbwertszeit. Bald war es mit dem Medienhype vorbei,
das Buch verschwand wieder aus den Bestsellerlisten und gebrauchte Exemplare sind inzwischen
in großer Zahl für wenig Geld beim Buchversender Amazon und anderswo zu haben.
Dass sich die Attraktivität des »Verlorenen Symbols« verbraucht zu haben scheint, hängt sicher
mit der komplizierten Materie des Buches selbst zusammen, die die Lektüre anspruchsvoll und
sperrig macht, mit der schon erwähnten Mischung aus Thriller, Familiengeschichte, philosophischer
Spekulation, amerikanischer Geschichte, abendländischer Esoterik und Freimaurerei.
Hier drei enttäuschte Stimmen der deutschen Fangemeinde aus dem Internet:
»Habe bis jetzt alle Dan Brown Bücher gelesen und mich dementsprechend mega mäßig
auf das neue Buch gefreut – muss (aber) leider sagen, dass ich ziemlich enttäuscht war
… Hoffentlich wird der nächste Dan Brown wieder so ein Burner wie seine Vorgänger!«
»Ein neuer Brown. Ein neuer Langdon. Brown behält seine Stereotypen bei – großes Geheimnis
…, noch größeres Geheimnis, Geheimbund, größtes Geheimnis, böse Geheimdienstler,
Geheimnis der Menschheit – Ende. Spannend ist es, ja. Und unterhaltsam.
Doch zum guten Roman fehlt eine ganze Menge.«
»Dieses Buch ist eine Aneinanderreihung scheinbar bedeutungsschwerer, dabei doch
völlig inhaltloser Plattitüden. Man müsste eine Strichliste machen, wie oft Brown Begriffe
wie ›die Alten‹, ›das Wissen der Alten‹, ›die alten Mysterien‹ usw. wiederholt. Leider
hat sich mir in keinster Weise erschlossen, was genau er damit meint. Ein bisschen
Gruseln, ein bisschen Pseudowissenschaft, ein bisschen Pseudophilosophie hübsch
durchgequirlt – fertig ist der Thriller. Mein Fazit: Daumen eindeutig nach unten!«
325
Doch für die Wirkung des Buches ist nicht nur »Volkesstimme« von Bedeutung. Relevant
ist vor allem, was von drei anderen Lesergruppen zum »Verlorenen Symbol« gesagt wird:
• den professionellen Literaturkritikern, die das Buch als Buch nehmen, und – soweit sie
überhaupt Notiz nehmen – im Allgemeinen herzlich schlecht finden,
• den Kulturjournalisten, vor allem denen der Feuilletons wichtiger Zeitungen, die Dan
Browns Roman nicht als literarisches Produkt, sondern als Symptom eines sich ausbreitenden
postmodernen Obskurantismus werten, den es zu entlarven gelte, und
• natürlich – von den Freimaurern, die darüber zu befinden haben, ob und wie sie sich in
Dan Browns Freimaurerbild wiederentdecken können, ob das Buch die Freimaurerei verzerrt,
die Öffentlichkeit irreführt und Interessenten abschreckt oder ob es als willkommenes
Werbegeschenk für den Bund zu begrüßen ist.
Anders als in den USA, wo sich die Literaturkritiker großer Zeitungen eingehend – teils positiv,
teils negativ – mit dem Buch beschäftigt haben, gab es in Deutschland nur wenige
Stimmen, und ich beschränke mich darauf, eine drastische zu zitieren. So befand Dennis
Scheck in der ARD-Literatursendung »Druckfrisch« folgendermaßen:
»Nach Vatikan und heiligem Gral knöpft sich Dan Brown nun die Mysterien der
amerikanischen Freimaurer vor …, doch sein drittes Buch mit dem Symbologen Robert
Langdon ist so fad und überraschungslos wie eine Mahlzeit in einer amerikanischen
Imbisskette.«
Und dann beförderte er das Buch mit Wut und Verachtung in seine symbolische Abfallkiste.
Im Unterschied zum flapsigen Dennis Scheck hat das »Verlorene Symbol« die Kulturjournalisten
der »Süddeutschen Zeitung«, der FAZ und der »Zeit« regelrecht aufgeregt, nicht wegen
vorhandener oder nichtvorhandener literarischer Qualität, sondern wegen seiner unverkennbaren
ideologischen Botschaft. Die Darlegungen der Autoren scheinen mir bezeichnend zu
sein auch für die deutlich ins Negative tendierende Beurteilung der Freimaurerei in Teilen
der gegenwärtigen intellektuellen Öffentlichkeit hierzulande, die – so meine ich – von der
Freimaurerei ernst genommen und reflektiert werden müsste.
Deshalb ein paar Passagen aus den erwähnten Artikeln:
Thomas Steinfeld schreibt in der »Süddeutschen Zeitung« vom 17. September 2009
unter der Überschrift »Das blasse Böse«:
»Auch wenn es sich hier nur um einen ›Thriller‹ und also pure Erfindung handelt, so ist
die paranoide Geschichtswissenschaft, aus dem diese Erfindung gemacht ist, doch alles
andere als bedeutungslos. Wer das Buch bis zum Ende liest, gelangt zu einer Epiphanie.
Die geheimste aller geheimen Botschaften der Freimaurerei wird entschlüsselt, die Lehre
liegt offen da: Gott ist alle Menschen, alle Menschen sind göttlich, die Freimaurerei ist
der Weg zu dieser Erleuchtung …
Ein seichter, vulgärer Pantheismus bildet den Schluss auch dieses Thrillers, und danach
geht über Washington die Sonne auf. Ihr erster Strahl lässt die Spitze des Washington
Monument, des höchsten Obelisken der Welt, aufleuchten. Und Robert Langdon
326
›dachte an die Wissenschaft, an den Glauben, an den Menschen. Er dachte daran, wie
jede Kultur, jedes Land zu jeder Zeit doch immer einer gemeinsamen Vorstellung gewärtig
war. Wir haben alle einen Schöpfer‹ …
Die Katholische Kirche hat sich immer wieder gegen die Romane Dan Browns gewehrt.
Man beginnt sie zu verstehen. Denn so spricht kein Heide. So spricht die Konkurrenz.«
Lorenz Jäger schreibt in der FAZ vom 18. September 2009 (Überschrift »Die geheime Pforte
zu den letzten Geheimnissen«):
»Langdon, und mit ihm Brown, sieht jede antikisierende politische Ikonographie als
Hinweis auf alte Mysterien … Natürlich wird auch diesmal die überkonfessionelle freimaurerische
Lehre als ›Toleranz‹ gerechtfertigt, überhaupt sind (die Freimaurer) bei Dan
Brown ganz harmlose Gesellen, die sich hauptsächlich der Organisation praktischer
Wohltätigkeit widmen. Und dafür die Geheimnisse, Einweihungsgrade, Verkleidungen,
Riten, Schweigepflichten? Dafür die esoterischen Lehren der Hochgrade? Dafür ›Großmeister-
Architekt‹ (der zwölfte Grad), ›Meister des Neunten Bogens‹, ›Großer Auserwählter
und Vollkommener Maurer‹, ›Ritter des Degens‹, ›Prinz von Jerusalem‹ und ›Ritter
vom Osten und Westen‹, am Ende ›Ritter Kadosch‹ (mit Racheschwur gegen Papst
und König) und ›Souveräner General-Großinspekteur‹ wie Peter Solomon? Alles nur
Philanthropie und Veredelung des eigenen inneren Menschen? Die guten Leute, die diese
Ansicht ernsthaft vertreten, glauben sich kurioserweise den ›Verschwörungstheorien‹
intellektuell haushoch überlegen.«
Schließlich Dieter Hildebrandt in der Zeit vom 20. Oktober 2009 (Überschrift »Die Welträtsel
tragen Frack. Dan Browns neuer Thriller ist große Unterhaltung und kesser Obskurantismus«):
»Machen wir uns nichts vor: Dies wird keine Rezension. Dies wird die notgedrungene
Beschreibung einer medialen und globalen Lawine …
Die nervöse Spannung, die … von der Lektüre ausgeht, die geradezu peinigende Ungeduld,
die man als Leser empfindet, gehen nicht von den Reißerqualitäten des Buches aus,
sondern vom fortwährenden Tanz um den heißen Brei, um eine Melange aus raunenden
Andeutungen und ›unfassbaren‹ Verheißungen. ›Es gibt eine verborgene Welt hinter der,
die wir alle sehen. Für uns alle‹, heißt eine von Hunderten kursiver Beschwörungen …
Das wahre Wissen, das Missing Link zwischen moderner Wissenschaft und antikem
Mystizismus, die versunkene Erkenntnis – all das wird uns hier geheimnisvoll in Aussicht
gestellt. Doch Browns Buch ist ein Investmentzertifikat völlig irrealer Werte.
Die Marotte, unserer Welt und Wissenschaft, dem ständigen Prozess von Trial and
Error, ein unentdecktes Allwissen aus frühester Zeit gegenüberzustellen, eine uns aus
den Labyrinthen der modernen Wissensgesellschaft erlösende Dauerwahrheit, ist blendender
Bluff, kessester Obskurantismus und genau die reaktionäre Verschwörung, die
das Buch aufzudecken vorgibt.«
Hier verbindet sich Buchkritik mit einer direkten oder indirekten Kritik an der Freimaurerei,
Dan Brown wird mit masonischen Realitäten vermischt, und es entsteht eine Argumenta327
tionslinie, die aufgrund ihrer Subtilität von Freimaurerseite viel ernster genommen werden
muss als manche plumpe »Verschwörungstheorie«.
Was die Freimaurer sagen
Doch nun zu den Freimaurern. Vor dem Erscheinen gab es bei ihnen durchaus Befürchtungen,
in welche Ecke der Autor die Freimaurer wohl stellen würde. Doch die Sorgen schienen umsonst
gewesen zu sein: Man freute sich über das positive Freimaurer-Bild Dan Browns, vermutete
ein zunehmendes gesellschaftliches Interesse an der Freimaurerei und äußerte die Hoffnung,
dass der »Dan Brown-Effekt« letztlich auch zu steigenden Mitgliederzahlen in den Logen führt.
Vor allem von Freimaurern in den USA wurde das Buch begrüßt. So schrieb etwa Christopher
Hodapp, Freimaurer und Verfasser freimaurerischer Bücher, in einer Danksagung,
die er seinem Buch »Deciphering the Lost Symbol« voranstellte: »Dank schließlich an Dan
Brown, der die Welt an das erinnert hat, was die Freimaurer sind, woran sie glauben und
warum sie wichtig für die Gesellschaft bleiben.«
Auch Dan Brown selbst zeigte sich vom Nutzen seines Buches für die Freimaurerei
überzeugt. Kurz vor dem Termin der Veröffentlichung meinte er in einem Interview mit
Associated Press: »Ich denke, dass es eine enorme Anzahl von Menschen geben wird, die an
der Freimaurerei interessiert sind, wenn das Buch erscheint.«
Und kurz nach dem Erscheinen des Buches im September 2009 sagte er weiter: »Die
Welt wird einsehen, dass mein neues Buch, Das Verlorene Symbol, eine ehrfürchtige Darlegung
der freimaurerischen Philosophie ist.«
Doch von welcher Freimaurerei ist im »Verlorenen Symbol« die Rede, und was sind für
den Autor die Grundannahmen der von ihm erwähnten freimaurerischen Philosophie?
Wenn man genau hinschaut, so stehen in Browns Buch zwei zwar miteinander verbundene,
aber doch zu unterscheidende Spielarten von Freimaurerei nebeneinander:
• die zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstandene moralisch-symbolische Freimaurerei der
drei englischen Zunftgrade Lehrling, Geselle und Meister sowie
• die später entstandene, vor allem in den USA sehr populäre, gegenüber dem Ausgangsmodell
rituell stark erweiterte und esoterisch ausgebaute, 33 Grade umfassende Hochgradfreimaurerei
des sogenannten Schottischen Ritus.
Alle freimaurerischen Protagonisten des Buches gehören diesem System an. Peter Solomon, der
Direktor der Smithsonian Institution, Warren Bellamy, der Architekt des Kapitols, Colin Galloway,
der Dompropst und auch der Bösewicht Mal’akh, der sich seine Mitgliedschaft freilich erkauft
hat, sind Mitglieder des obersten, des 33. Grades, dem konsequenterweise auch das im Prolog
geschilderte Einweihungsritual zugeordnet ist. Und gleichsam als Hommage an den Schottischen
Ritus wies Dan Brown auf seiner Homepage darauf hin, dass die Ziffern des Erscheinungsdatums
des Romans, des 15.9.09, zusammengerechnet (15 + 9 + 9) die Zahl 33 ergeben.
Die Leitung des Schottischen Ritus akzeptierte die Anerkennung. Allerdings wies das »Scottish
Rite Journal« in seiner Ausgabe von November/Dezember 2009 auf eine Reihe von Fehlern
in Dan Browns Roman hin:
328
• So sei das Rotwein-Trinken aus dem Totenschädel bei Mal’akhs Aufnahme kein authentischer
Ritualbestandteil, es sei vielmehr einer nach ihrer Veröffentlichung oft antifreimaurerisch
verwendeten Schrift aus den 1880er Jahren entnommen.
• Der Schottische Ritus werde in den USA von zwei Obersten Räten geleitet, nicht von dem
von Brown genannten einen in Washington. Das im Buch ausführlich beschriebene
»House of the Temple« sei Hauptquartier des Schottischen Ritus der Südlichen Jurisdiktion,
die ihren Sitz in Washington D.C. habe.
• An der Spitze des Obersten Rates stehe der »Souveräne Großkommandeur« und nicht wie
bei Brown der »Höchste ehrwürdige Meister«, den es unter dieser Bezeichnung nicht
gäbe, und der 33. Grad werde nicht in einer örtlichen Loge zelebriert.
• Der von Brown viel beschworene »Zirkumpunkt« sei ein Symbol unter anderen und habe
nicht die ihm im Roman zugeschriebene zentrale Bedeutung.
• Schließlich sei das Emblem des Schottischen Ritus ein doppelköpfiger Adler und kein
Phoenix.
Der generell positive Tenor Browns gegenüber der Freimaurerei des Schottischen Ritus wurde
jedoch sehr beifällig aufgenommen. Kurz nach dem Erscheinen des Buches lud die Leitung
des Ritus den Autor zu einer Vortragsveranstaltung ein. Dieser musste seine Teilnahme
wegen der Präsentation des Romans anderswo absagen, schrieb aber einen Brief an den
Vorstand des Ritus, der auf der Homepage Ritus veröffentlicht wurde und in dem es heißt:
»In den vergangenen Wochen wurde ich wiederholt gefragt, was mich so an der Freimaurerei
anzöge, dass ich sie zu einem zentralen Gegenstand meines Buches gemacht
hätte. Meine Antwort ist immer dieselbe: In einer Welt, wo Menschen darum
kämpfen, wessen Definition von Gott die richtige ist, kann ich kaum ausreichend
meinen tiefen Respekt und meine Bewunderung zum Ausdruck bringen, die ich einer
Organisation gegenüber empfinde, in der Menschen unterschiedlichen Glaubens
das ›Brot miteinander brechen‹ in einer Verbindung von Brüderlichkeit, Freundschaft
und Kameradschaft.«
Doch gehen wir noch einmal zurück zu der für Dan Brown so anziehenden Hochgradstruktur.
Grade und Hochgrade
33 Grade, das bedeutet in der Tat einen hohen Aufwand an Symbolik, der von der frühen
Freimaurerei gar nicht zu leisten war, und so ist vieles von dem, was bei Dan Brown als genuin
freimaurerisch erscheint: Hermetik, Kabbalistik, Zahlenmystik, Alchemie, Rosenkreuzertum
und Tempelritterromantik in vollem Maße erst für die späteren Hochgradsysteme
spezifisch und nicht von Beginn an freimaurerisch im ursprünglichen Sinne. Es handelt
sich vielmehr um Bestandteile einer allgemeinen religiösen – präziser religiös-esoterischen
– Tradition der abendländischen Kultur und kam zu einem großen Teil erst mit dem Entstehen
der Hochgradsysteme
gegen Ende des 18. Jahrhunderts in die Freimaurerei hinein,
nachdem es von der vorromantischen Erinnerungskultur entdeckt bzw. wiederentdeckt
wurde.
329
Spuren dieser Entdeckung sind im Geistesleben des späten 18. Jahrhunderts reichlich
aufzuspüren. So schreibt etwa der alte Goethe in seinem Erinnerungsbuch »Dichtung und
Wahrheit« nicht ohne Spott und Distanzierung über die Weltanschauung seiner jungen
Jahre: »Der neue Platonismus lag zum Grunde; das Hermetische, Mystische, Kabbalistische
gab auch seinen Beitrag her, und so erbaute ich mir eine Welt, die seltsam genug aussah.«
Etwas anderes kam hinzu: Durch den Verlust an gesellschaftlichem Einfluss auf Seiten
des Adels, bedingt durch die Herrschaftsstrukturen des späten Absolutismus, und das
gleichzeitige Entstehen einer an Einfluss gewinnenden bürgerlichen Oberschicht, konvergieren
adlige und bürgerliche Interessen. Damit entstehen nun auch soziale Gründe für den
Aufstieg der freimaurerischen Hochgrade, denn sie versprechen dem Adel gesellschaftliche
Kompensation für erlittene Funktionsverluste, d.h. Wiederherstellung alter Reputation,
und sie versprechen dem aufsteigenden Bürgertum eine neue adelsgleiche oder zumindest
adelsähnliche Reputation, was dann auch in den Titeln der Grade zum Ausdruck kommt:
»Ritter der Sonne«, »Prinz von Jerusalem«, »Erhabener Prinz des königlichen Geheimnisses
« usw. usf.
Wenn sich nun auch Dan Brown letztlich an der Hochgradfreimaurerei orientiert, so
tritt das gleichsam klassische englische Verständnis der Freimaurerei bei ihm doch nicht
gänzlich zurück, und Robert Langdon hält sich, bevor er unter der Leitung von Peter Solomon
auf den letzten 100 Seiten des Romans seinen eigenen esoterischen Initiationsweg
einschlägt, zunächst durchaus an das englische Modell.
Blenden wir uns – der Erläuterung halber – kurz in ein Seminar des Harvard-Professors ein:
»Mein Onkel ist Freimaurer«, meldete sich eine junge Frau zu Wort. »Meiner Tante
ist das gar nicht recht, weil er nicht mit ihr darüber redet. Sie sagt, die Freimaurerei
wäre irgendeine Art von seltsamer Religion.«
»Ein weitverbreitetes Missverständnis.«
»Wieso?«
»Wenden wir den Lackmustest an«, erwiderte Langdon, »wer von Ihnen hat Professor
Witherspoons Kurs in Vergleichender Religionswissenschaft belegt?«
Mehrere Studenten hoben die Hände.
»Gut. Können Sie mir die drei Voraussetzungen nennen, die es braucht, um aus einer
Ideologie eine Religion zu formen?«
»VGB«, meldete eine Frau sich zu Wort »Versprechen, glauben, bekehren.«
»Richtig«, bestätigte Langdon. »Religionen versprechen Erlösung, glauben an eine
ausgefeilte Lehre und bekehren Ungläubige.«
Er hielt inne. »Nichts davon trifft auf die Freimaurerei zu. Freimaurer versprechen
keine Erlösung; sie besitzen keine bestimmte Glaubenslehre und versuchen auch
nicht, Menschen zu konvertieren. Um genau zu sein: Diskussionen über Religion
sind innerhalb der Logen verboten.«
»Die Freimaurerei wendet sich gegen die Religion?«
»Im Gegenteil. Eine der Voraussetzungen, Freimaurer zu werden, ist der Glaube an
eine höhere Macht. Freimaurerische Spiritualität unterscheidet sich von den institutionalisierten
Religionen insofern, als Freimaurer diese höhere Macht nicht näher definieren
und ihr keinen Namen geben. Statt ihr eine definitive theologische Identität
330
wie Gott, Allah, Buddha oder Jesus zu verleihen, benutzen die Freimaurer eher allgemeine
Begriffe wie ›Oberstes Wesen‹ oder ›Allmächtiger Baumeister aller Welten‹.
Deshalb können Freimaurer unterschiedlichster Religionszugehörigkeit zusammenkommen.
«
»Hört sich ein bisschen weit hergeholt an«, sagte jemand.
»Oder einfach nur erfrischend aufgeschlossen?«, bot Langdon an. »In einem Zeitalter,
in dem sich die unterschiedlichsten Völker gegenseitig umbringen, weil sie darüber
streiten, wessen Definition von Gott die bessere ist, könnte man sagen, dass die
Tradition der Toleranz und Aufgeschlossenheit, wie sie von den Freimaurern propagiert
wird, eher empfehlenswert ist.«
Langdon ging auf dem Podium auf und ab.
»Außerdem steht die Freimaurerei Menschen sämtlicher Rassen, Hautfarben und Glaubensrichtungen
offen. Die Freimaurer sind eine spirituelle Bruderschaft, die keine Diskriminierung
kennt.«
»Professor Langdon«, meldete sich ein junger Mann mit lockigen Haaren, der in der
letzten Reihe saß, »wenn die Freimaurerei keine Geheimgesellschaft ist, kein Unternehmen
und keine Religion, was ist sie dann?«
»Nun, würden Sie einen Freimaurer fragen, würde er Ihnen antworten: Die Freimaurerei
ist ein System moralischer Werte, das von Allegorien verschleiert und durch Symbole
erklärt wird«.
Dies ist genau die traditionelle englische Definition: »Freemasonry is a peculiar system of morality
veiled in allegory and illustrated by symbols.«
Bevor nun Peter Solomon, bei Dan Brown der höchste Repräsentant des Schottischen
Ritus in Washington, mit einem anders akzentuierten Verständnis von Freimaurerei zu Wort
kommen soll, ist nachzutragen, dass es weniger die heutige Struktur und Sichtweisen des
Schottischen Ritus sind, von der Dan Brown in seinem Buch ausgeht.
Seine Hauptquellen sind vielmehr zwei Autoren des 19. und des 20. Jahrhunderts, die
beide im Roman genannt werden: Albert Pike und Manly Palmer Hall.
Albert Pike, 1809 bis 1891, war eine ebenso prominente wie schillernde und umstrittene
Figur in der Geschichte der amerikanischen Hochgradfreimaurerei. Zu seiner Zeit
wurde Pike als der bedeutendste freimaurerische Gelehrte und Autor gefeiert: Seit damals
haben sich freilich viele seiner Thesen über die Ursprünge der Freimaurerei und ihrer
Zeremonien als definitiv falsch erwiesen. Pike überarbeitete die Grade (4–33) des Alten
Angenommenen Schottischen Ritus und veröffentliche 1871 ein knapp 900 Seiten starkes
Buch »Morals and Dogma of the Ancient and Accepted Scottish Rite of Freemasonry«,
das bis Mitte des 20. Jahrhunderts jedem Freimaurer des Schottischen Ritus auf einer
bestimmten Stufe seines Weges durch die Grade überreicht wurde. Heute ist sich die freimaurerische
Forschung weithin einig, dass »Morals and Dogma« ein zwar umfangreiches
und eindrucksvolles, zugleich aber einigermaßen verworrenes Buch ist, das in vielen Fragen
zu falschen Schlüssen kommt. Zudem übernahm Pike einen großen Teil seiner Darlegungen
von einem in Bezug auf kulturgeschichtliche Fakten wenig vertrauenswürdigen
französischen Autor namens Eliphas Levi, der von 1810 bis 1875 in Paris lebte, u.a. auch
Hochgradfreimaurer war und als einer der Wegbereiter des modernen Okkultismus gilt.
Levi führte die Freimaurerei auf die antiken heidnischen Mysterien, die Alchemie, die
331
ägyptischen Mystiker, den Kabbalismus, den Gnostizismus, den Zoroastrismus und den
Brahmanismus zurück, und Albert Pike folgte ihm, indem er ihn teils plagiierte, teils interpretierte.
Mittlerweile wird Pike auch in den USA kritisch gesehen, und sein Buch wird
nicht mehr unter den Mitgliedern des Schottischen Ritus verteilt.
Auf Pike wiederum baut ein anderer mystisch-esoterisch orientierter Autor und Freimaurer
auf, den Dan Brown an mehreren Stellen des »Verlorenen Symbols« zitiert: Manly Palmer
Hall, der von 1901 bis 1990 gelebt hat und seit 1973 dem 33. Grad des Schottischen Ritus
angehörte. Halls Hauptwerk »The Secret Teachings of All Ages: An Encyclopedic Outline
of Masonic, Hermetic, Qabbalistic and Rosicrucian Symbolical Philosophy«, veröffentlicht
1928, ist ohne Zweifel die Hauptquelle Dan Browns gewesen, und Halls Buch ist auch das
Motto entnommen, das Dan Brown an den Anfang seines Buchs gestellt hat:
»In der Welt zu leben, ohne sich ihrer Bedeutung bewusst zu werden, ist wie in einer
großen Bibliothek herumzuirren, ohne die Bücher anzurühren.«
Auch der Titel »Das verlorene Symbol« erinnert an ein Buch Manly Halls, die Schrift »The
Lost Keys of Freemasonry«. Hall fast die freimaurerische Sendung, wie er sie versteht, in diesem
Buch folgendermaßen zusammen:
»Es gibt tausende von Maurern, die nur dem Namen nach Brüder sind, denn ihre Unfähigkeit,
die Ideen ihrer Kunst zu verstehen, macht sie sprachlos gegenüber den Lehren
und Zwecken der Freimaurerei. Ein wahrhaft maurerisches Leben erst bildet den Schlüssel
zum Tempel und ohne diesen Schlüssel kann keines seiner Tore geöffnet werden.
Wenn diese Tatsache besser verstanden und gelebt wird, wird die Freimaurerei erwachen
und das solange vorenthaltene Wort aussprechen. Die spekulative Zunft wird operativ
werden und das alte, lange verborgene Wissen wird aus den Ruinen des Tempels auferstehen
als die größte spirituelle Wahrheit, die je den Menschen enthüllt wurde.«
Zukunft, Wahrheit, Verlorenes Wort. Dies sind nun die Stichworte für die Freimaurerei Peter
Solomons, auf die sich die zitierten Kritiken in der »Süddeutschen Zeitung«, der FAZ und
der »Zeit« beziehen und die auch im Mittelpunkt eines – zugegebenermaßen bisher nur unzureichend
geführten – »Dan-Brown-Diskurses« innerhalb der deutschen Freimaurerei zu
stehen hätte.
Solomon’s Key
Peter Solomon, masonischer Held Dan Browns und Direktor der hochrenommierten Smithsonian
Institution in Washington, hat in der Aula der Philipps Exeter Academy einen Vortrag
über James Smithson, den Gründer der von ihm geleiteten Einrichtung, und die Gründerväter
der Vereinigten Staaten gehalten, und wir wollen in die sich anschließende Diskussion
hineinhören:
Eine blonde Studentin in den hinteren Reihen hob die Hand.
»Ja, bitte?«
332
»Sir«, sagte sie und hielt ihr Handy hoch, »ich habe im Internet über Sie nachgeforscht,
und in der Wikipedia steht, dass Sie ein prominenter Freimaurer sind.«
Solomon hielt seinen Freimaurerring hoch. »Die Onlinegebühr hätte ich Ihnen ersparen
können.«
Gelächter im Saal.
»Ja, nun«, fuhr die junge Frau zögernd fort, »Sie sprachen ja gerade von überkommenem
religiösem Aberglauben, aber mir scheint, dass es besonders die Freimaurer
sind, die überkommenen Aberglauben verbreiten.«
Solomon schien unbeeindruckt. »Tatsächlich? Wie kommen Sie darauf?«
»Ich habe viel über Freimaurer gelesen und weiß, dass sie einer ganzen Reihe seltsamer
alter Rituale anhängen und abwegige Glaubensvorstellungen haben. In einem Onlineartikel
steht sogar, dass die Freimaurer an irgendein altes magisches Wissen glauben …
das aus Menschen Götter machen kann.«
Alle wandten sich der jungen Frau zu und starrten sie an, als hätte sie den Verstand verloren.
»In der Tat«, sagte Solomon, »da hat die junge Dame recht.«
Die Köpfe der Studenten fuhren herum. Sie musterten Solomon mit großen Augen
und verwirrten Blicken.
Solomon verkniff sich ein Lächeln und fragte die Studentin: »Stehen dort noch mehr
Wiki-Weisheiten über dieses magische Wissen?«
Die junge Frau wirkte verlegen, las dann aber von der Website vor. »Um sicherzustellen,
dass dieses machtvolle Wissen nicht von den Unwürdigen benutzt werden kann,
schrieben die frühen Adepten es verschlüsselt nieder … sie verbargen seine Macht hinter
einer metaphorischen Sprache voller Symbole, Mythen und Allegorien. Bis heute
umgibt uns dieses verborgene Wissen … es findet sich in unserer Mythologie, unserer
Kunst und den okkulten Texten aller Zeitalter. Leider hat der moderne Mensch die Fähigkeit
verloren, dieses komplexe Geflecht der Symbole zu entschlüsseln … und die
große Wahrheit ist verloren gegangen.«
Solomon wartete. »Ist das alles?«
Die junge Frau ruckte unbehaglich auf ihrem Sitz. »Nein, da steht noch mehr.«
»Das hoffe ich. Bitte, lesen Sie es uns vor.«
Die Studentin blickte unschlüssig drein; dann räusperte sie sich und fuhr fort. »Der Legende
zufolge haben die Weisen, die die Alten Mysterien vor langer Zeit chiffriert haben,
eine Art Schlüssel hinterlassen … ein Passwort, das benutzt werden kann, um die
kodierten Geheimnisse wieder zugänglich zu machen. Dieses magische Passwort – als
das Verbum significatum bekannt – soll die Macht besitzen, die Finsternis zu vertreiben
und die Alten Mysterien zu offenbaren, sodass sie für alle Menschen sichtbar sind.«
Solomon lächelte wehmütig. »Ach ja … das Verbum significatum.« Einen Moment lang
schaute er ins Leere; dann blickte er wieder auf die junge Frau. »Und wo ist dieses wunderbare
Wort jetzt?«
Die Studentin wirkte mit einem Mal verschämt. Sie wünschte sich offensichtlich, sie
hätte den Gastredner nicht zu einer Diskussion verleitet. Mit unsicherer Stimme las
sie zu Ende: »Der Legende nach ist das Verbum significatum tief unter der Erde verborgen,
wo es geduldig auf einen Schlüsselmoment wartet, in dem die Menschheit
ohne die Wahrheit, das Wissen und die Weisheit aller Zeitalter nicht mehr überleben
kann. An diesem dunklen Scheideweg wird die Menschheit das Wort schließ333
lich ausfindig machen und in ein wundervolles neues Zeitalter der Erleuchtung eintreten.
«
Das Mädchen klappte das Handy zu und sank in den Sitz.
Nach langem Schweigen hob ein anderer Student die Hand. »Mr. Solomon, Sie glauben
das doch nicht etwa?«
Solomon lächelte. »Wieso nicht? Unsere Mythologien haben eine lange Tradition magischer
Wörter, die Erkenntnis und gottähnliche Kräfte verheißen.«
»Aber, Sir«, setzte der Student nach, »Sie glauben doch nicht etwa, dass ein einziges
Wort, was immer es ist, die Macht besitzt, uraltes Wissen zu offenbaren und weltweite
Erleuchtung zu bringen?«
Peter Solomons Miene gab nichts preis.
Ȇber meine Glaubensvorstellungen sollten Sie sich nicht den Kopf zerbrechen. Aber
denken Sie einmal darüber nach, dass die Verheißung einer bevorstehenden Erleuchtung
Teil nahezu jeder Glaubensrichtung oder philosophischen Tradition auf Erden ist …
Von den zeitlichen Umständen einmal abgesehen halte ich es doch für bemerkenswert,
dass im Lauf der Geschichte die Philosophien aller Zeiten und Kontinente, so grundverschieden
ihre Standpunkte sein mögen, sich in einer Sache offenbar einig waren –
dass eine große Erleuchtung kommen wird. In jeder Kultur, in jedem Zeitalter, in jedem
Winkel der Welt hat sich der Traum des Menschen auf ein und dasselbe Konzept fokussiert:
seine Apotheose, die nahe bevorstehende Transformation unseres menschlichen
Geistes in sein wahres Potenzial.«
Er lächelte. »Was könnte eine solche Synchronizität von Glaubensvorstellungen erklären?«
»Wahrheit«, sagte eine leise Stimme in der Menge.
Solomon ließ erstaunt den Blick schweifen.
»Wer hat das gesagt?«
Die Hand, die gehoben wurde, gehörte einem jungen Asiaten, dessen weiche Züge darauf
hindeuteten, dass er Nepalese oder Tibeter sein konnte. »Vielleicht gibt es eine universelle
Wahrheit, die jeder in seiner Seele mit sich trägt. Vielleicht verbirgt sich in uns allen die
gleiche Geschichte, vielleicht als gemeinsame Gensequenz in unserem Erbgut. Vielleicht ist
diese kollektive Wahrheit verantwortlich für die Ähnlichkeit in allen unseren Geschichten.«
Mit strahlender Miene presste Solomon die Hände zusammen und verneigte sich ehrerbietig
vor dem Jungen.
»Danke«.
Alles schwieg.«
Soweit Peter Solomon, soweit das Verbum significatun, soweit Dan Brown und seine Auffassung
vom zutiefst esoterischen Wesen der Freimaurerei.
Doch was ist nun die im Titel meines Vortrags versprochene Freimaurerei, wie sie wirklich
ist?
Moral und Lebenskunst
Meine Antwort muss zunächst enttäuschen, denn – ich habe es bereits angedeutet – die Freimaurerei
im Singular gibt es nicht.
334
Zwar gibt es bestimmte Grundzüge, die die Freimaurerei als Assoziationstyp insgesamt
definieren und unterscheidbar machen, doch in vielerlei Hinsicht war Freimaurerei immer ein
Raum, der inhaltlich unbestimmt war.
Vor allem waren
• die inhaltliche Ausgestaltung der Rituale,
• die Organisationsformen der freimaurerischen Systeme, insbesondere im Hinblick auf die
unterschiedlichen Dimensionen der Hierarchie und
• die Akzentsetzungen innerhalb des freimaurerischen Wertekanons
von Anfang weitgehend offen.
So bildeten sich beim Weg der Freimaurerei durch die Geschichte drei Grundtypen von Freimaurerei
heraus, die sich zwar mischen können (und sich de facto auch gemischt haben),
aber doch deutlich unterscheidbar sind:
• eine ethisch orientierte Freimaurerei, der es um die Einübung moralischer Standards und
ihre Praktizierung sich selbst und der Gesellschaft gegenüber geht,
• eine esoterisch orientierte Freimaurerei, bei der die Suche nach höheren Erkenntnissen
zum Hauptinhalt geworden ist, und
• eine christlich orientierte Freimaurerei, deren Richtschnur die in den Evangelien enthaltene
Lehre Jesu Christi ist.
In mir haben sie nun einen ausgesprochenen Vertreter einer ethisch orientierten Freimaurerei
vor sich, wie sie in Deutschland in der Großloge der Alten, Freien und Angenommenen
Maurer zu Hause ist, wie sie mir aber auch fest verankert scheint in der langen Tradition des
Eklektischen Freimaurer-Bundes hier in Frankfurt, die ja im Wesentlichen identisch ist mit
der Tradition der Loge »Zur Einigkeit«, bei der wir heute zu Gast sind.
Für mich bedeutet Freimaurerei vor allem Praxis, und zwar Praxis einer Lebenskunst,
die menschliches Miteinander und ethische Lebensorientierung durch Symbole und rituelle
Handlungen in der Gemeinschaft der Loge darstellbar, erlebbar und erlernbar macht.
Freimaurer wirken durch eine schlichte, aber wirksame Methode: Sie versuchen ganz einfach,
den Menschen, so wie er ist, ernst zu nehmen in seiner dreifachen Eigenschaft als einer
sozialen, einer moralischen und einer emotionalen Person, die in jeder dieser Eigenschaften
ganz spezifische Bedürfnisse
hat, und sie bemühen sich in ihren Logen darum, diesen Bedürfnissen
gleichzeitig zu entsprechen, und zwar ganz einfach durch den besonderen,
auf
drei Säulen ruhenden Charakter des Freimaurerbundes: als Gemeinschaft brüderlich verbundener
Menschen; als ethisch-moralisch ausgerichteter Bund, der sich an bleibend gültigen
Werten und Überzeugungen
orientiert, und schließlich, aber nicht zuletzt als symbolischritueller
Werkbund, der sein überliefertes Brauchtum, seine Symbole und seine symbolhaften
Handlungen zur gefühlsmäßigen, erlebnishaften Vertiefung seiner Überzeugungen nutzt.
Dieses dreifache Angebot, von dem die Freimaurer meinen, dass es der Grundsituation
des Menschen
als dem fragenden, dem suchenden Wesen entspricht, scheint durchaus aktuell
zu sein in der heutigen Zeit der gesellschaftlicher Umschichtung, des Wandels vieler
sozialleitender Werte und des Aufkommens zahlreicher neuer Bedrohungen der Menschlichkeit
sowohl in der individuellen
Lebenswirklichkeit
jedes einzelnen Menschen als auch
in gesamtgesellschaftlicher, ja globaler
Dimension.
335
Dan Browns esoterische Freimaurerei mag ein vielversprechender Romanstoff sein, als
Grundlage einer gegenwartstüchtigen und zukunftsfähigen Freimaurerei taugt sie nicht.
Literatur
Dan Brown: Das Verlorene Symbol, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und entschlüsselt
vom Bonner Kreis, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2009.
Albert Pike: Morals and Dogma of the Ancient and Accepted Scottish Rite of Freemasonry,
first published 1871, republished 2008 by Forgotten Books.
Manly P. Hall: The Lost Keys of Freemasonry (ursprünglich 1923), New York 2006.
Christopher L. Hodapp: Deciphering the Lost Symbol. Freemasons, Myths and the Mysteries
of Washington, D.C., Berkeley CA 2010.
Henrik Eberle: Das Verlorene Symbol. Der Schlüssel zu Dan Browns Bestseller, Köln 2010.
Dan Burstein/Arne de Keijzer: Die Wahrheit über Das verlorene Symbol. Dan Browns neuer
Roman entschlüsselt, München 2010.
Kaum eine bürgerliche Vereinigung existiert so lange wie die Freimaurerei und kaum ein
Zusammenschluss ist gleichzeitig derart geheimnisumwoben und mit Mythen unterschiedlichster
Art verbunden. Dass es die Logen gab, war der Öffentlichkeit früh bekannt, bekannter
jedenfalls, als es die weit verbreitete Vorstellung von einer im Verborgenen wirkenden
Geheimgesellschaft vermuten lassen würde. Was aber ihre Mitglieder verband, was den Reiz
der Freimaurerei ausmachte, was es mit ihren Ritualen auf sich hatte, das blieb zumeist im
Dunkeln. Marcus Meyer untersucht in der vorliegenden Studie die gesamte Geschichte der
Bremer Freimaurer von ihren Anfängen im 18. Jahrhundert bis in die Zeit der Reorganisation
nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei fragt er vor allem nach der Bedeutung der freimaurerischen
Bünde für die Genese und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Er nimmt
zugleich in den Blick, mit welchen oft absonderlichen Zuschreibungen die Freimaurer konfrontiert
waren, und analysiert die ebenfalls mitunter unrealistische Selbstwahrnehmung des
Männerbundes. Diese erste kritische Darstellung der Bremer Freimaurerei darf nach dem
großen Erfolg der 2006 im Bremer Landesmuseum für Kunst und Kultur – Focke-Museum
gezeigten Ausstellung »Licht ins Dunkel – die Freimaurer und Bremen« auf großes Interesse
hoffen.
Marcus Meyer
Bruder und Bürger
Freimaurerei und Bürgerlichkeit
in Bremen
360 S., 45 Abb.
ISBN 978-3-8378-1019-6
19,90 _